Ein Land zwischen Panik und Euphorie

„Juden, Beduinen, Christen, Drusen – der Schmerz und die Trauer über den Verlust einer Geisel vereint uns alle.“ (Botschafter Steffen Seibert auf X)

Man kann in diesen Tage nicht durch Jerusalem gehen, ohne an die noch immer verschleppten Geiseln erinnert zu werden. Überall sind Bilder und Plakate angebracht – an Bushaltestellen, an Geschäften, an Straßenlaternen. 101 Menschen lautete die letzte Zahl. In Tel Aviv und anderen Städten dasselbe Bild. Erst am Samstagabend gab es in Tel Aviv erneut eine große Demonstration, der sich Botschafter verschiedener Länder anschlossen. Die Zeit der stillen Diplomatie in den Hinterzimmern der Politik, einst entscheidendes Merkmal von Außenpolitik, scheint auch im Auswärtigen Amt in Berlin vorüber zu sein. In Prag, in Bukarest und auch hier in Tel Aviv zeigen Diplomaten zu verschiedenen Fragen offen Haltung.

Alle Geiseln müssten nach Hause zurückkehren, und der Krieg in Gaza, der Hunderttausenden schreckliches Leid bringe, müsse enden, sagte der Deutsche Botschafter und ehemalige Nachrichtensprecher Steffen Seibert, übrigens in bestem Hebräisch. „Diese beiden Ziele hängen zusammen und wir müssen zusehen, dass sie so schnell wie möglich erreicht werden.“ Dies postete Steffen Seibert auch auf X.

Steffen Seibert auf der Demonstration am letzten Sonnabend in Tel Aviv, auf der Plattform X von ihm gepostet. Die gelbe Schleife am Revers steht in Israel als Symbol für die Solidarität mit den Geiseln. (Quelle: Plattform X)

Auch wenn dieser Blog kein Nachrichten-Kanal werden soll, kann ich dem Thema nicht ausweichen. Wer keine politische Landeskunde aus meiner Froschperspektive haben möchte, sollte nicht weiterlesen. Aber ein Ziel meines Aufenthaltes besteht ja auch darin zu verstehen, was die Menschen hier bewegt, antreibt, rührt. Auch wenn das nur in Maßen gelingen kann. Das ist mir bewusst. Aber nun bin ich hier, und kann nicht anders.

Die Demonstration am Samstagabend (Quelle: Plattform X)

Bei dem Angriff der Terrororganisation Hamas wurden am 7. Oktober 2023 im Süden Israels etwa 1200 Menschen getötet und rund 250 verschleppt. Das sind die bekannten Fakten. Etwa 100 Geiseln befinden sich noch immer im Gazastreifen. Unter ihnen seien auch Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft, unter anderem auch der deutschen, schreibt die Jüdische Allgemeine in Jerusalem. In Israel spricht man vom größten Verbrechen an Juden seit dem Holocaust, der Schoa an sechs Millionen Juden in Europa durch die Nationalsozialisten. Die im Übrigen keine Kommunisten waren, wie Alice Weidel auf X im Gespräch mit Elon Musk mal munter behauptete. Derzeit laufen im Golfstaat Katar Gespräche über eine Waffenruhe und die Freilassung der Geiseln. Die USA haben sich eingeschaltet, und sehen angeblich gute Chancen.

Überall in der Stadt findet man Solidaritätsaufkleber.

Wie ist die Lage in Israel? Offenbar aus dem Trauma, dass sich die Vernichtung des jüdischen Volkes diesmal auf israelischen Boden wiederholen könnte, schlägt Israel jeden auch nur angedeuteten Versuch von Terror gegen sein Land zurück. Auch präventiv. Erst am Sonntag, dem 12 Januar, führte es Luftangriffe im Osten und im Süden des Libanon. Es geht um Stellungen der Hisbollah. Selbst bei Nichtanhängern der Regierung Netanyahu im Land findet das Anerkennung.

„Benjamin Netanyahu hat an Unterstützung immer mehr gewonnen“, berichtet Georg, der als Sicherheitsberater der EU in Ramallah arbeitet, dem Sitz des Palästinensischen Legislativrates und des Büros der palästinensischen Polizeibehörde. Die Bevölkerung sei inzwischen sogar bereit für die Verteidigung des Landes tote Soldaten und den Verlust von Flugzeugen hinzunehmen: im Iran, im Libanon, in Gaza, wo wöchentlich auch israelische Soldaten sterben, aber laut Hamas inzwischen 49.000 palästinensische Opfer zu beklagen seien. Nachprüfbar ist das nicht. Und die derzeitige Paralysierung von Syrien als Gegner bekam die Regierung Netanyahu quasi noch obendrauf. Es gibt Menschen hier, die beobachtet haben wollen, dass die Israelis geradezu euphorisch angesichts ihrer Erfolge sind.

Solidaritätsbekundungen auch an vielen Geschäften.

Erst am Wochenende wurde eine aus dem Jemen geschickte Drohne im Süden Israels abgefangen. Ein Hubschrauber habe die Drohne nahe der Ortschaft Gvulot in der Negev-Wüste abgeschossen, berichtet die „Times of Israel“. Die Huthi-Rebellen im Jemen sind wie die Hamas im Gaza-Streifen und die libanesische Hisbollah-Miliz mit dem Erzfeind Iran verbündet. Die Huthis attackieren regelmäßig Handelsschiffe im Roten Meer. Nach eigenen Angabe aus Solidarität mit der Hamas. Nicht zuletzt wird der Kampf gegen den Terror nach hiesigem Verständnis auch so gedeutet, dass Israel den Kopf hinhält für Europa.

„Israel ist nicht mehr das, was es einmal war“, beobachtet hingegen Kathi, die seit 1966 hier lebt und sich das Land als junge Frau als Lebensmittelpunkt aussuchte. Ihre Tochter und ihre Enkelin wohnen hier. Ihre Familie dagegen in Belgien. Die ehemalige Fotografin lebt in einem Vorort von Jerusalem. Sie findet wie viele linke Israelis die derzeitige national-konservative Regierung schrecklich. Ultraorthodoxe Juden besiedeln inzwischen ganze Städte, wie die Metropole Bnei Brak. Bnei Brak ist eines der Hauptzentren des Tora-Studiums. Dort wählten vier Fünftel der Einwohner ultraorthodoxe oder religiös-zionistische Parteien. Die 200.000 Einwohner-Stadt zählt zu den ärmsten in Israel. Während der Corona-Pandemie gab es hier eine extrem hohe Zahl an Infizierten. Die Stadt wurde von der Polizei abgeriegelt. Armeeeinheiten führten auf freiwilliger Basis Evakuierungen durch. Aber das nur am Rande.

Kathi aus Belgien hat als Fotografin ein Buch über Vögel in Israel veröffentlicht. Eines ihrer Hauptthemen: Kraniche als Pilger auf dem Weg in den Süden. Hunderttausende Kraniche rasten in Israel, wie wir es auch aus Mecklenburg-Vorpommern kennen.

Das Entweder-Oder-Denken habe im gesamten Land zugenommen, berichtet auch Nikodemus Schnabel. Er ist Abt in der Dormitio Abtei, dem Benediktiner Kloster auf dem Zions-Berg, das ich mir als Wohnstätte in Jerusalem ausgesucht habe. Abt Nikodemus lebt seit 2006 in Jerusalem und verfolgt die politische Lage nicht erst seit dem 7. Oktober. Er selbst war einst im Auswärtigen Amt in Berlin tätig. Für ihn sei nicht der 7. Oktober das entscheidende Datum bei der Veränderung der Stimmung im Land, berichtet er, sondern der Antritt dieser national-konservativen Regierung von Benjamin Netanyahu. Seither herrsche offener Hass im Land. „Die Situation ist eine Katastrophe. Wir sind gerade auf einem absoluten Tiefpunkt“, sagt Abt Nikodemus. Es gebe aktuell politisch nichts Gutes zu berichten. Nur Verlierer auf beiden Seiten. Der Abt: „Die Israelis verlieren. Die Palästinenser verlieren. Es ist ein Ozean von Leid. Meine Hoffnung ist, dass es einen Schrecken gibt, der zu einem Nachdenken führt.“

Täglich finden an der Klagemauer in Jerusalem Soldaten-Appelle statt

Amos Oz, der israelische Schriftsteller und Journalist, habe einst gesagt, man müsse den Kompromiss enttabuisieren. Die derzeitige Haltung, dass keine der beiden Seiten auch nur einen Millimeter nachgebe, bringe beide Seite nicht weiter, beobachtet Schnabel: „Fakt ist, wenn man den Extremisten von der Hamas und Co. und dem Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir und Co., folgt, dann gibt es nur eine Lösung. Die jeweilig anderen Seite muss weg. Das ist zynisch.“ Inzwischen leben fast acht Millionen israelische Juden u n d bald acht Millionen Palästinenser in Israel und in den Autonomie-Gebieten. Die Frage sei, wie schafft man es, dass man zusammenkommt.

Der Traum der national-konservativen Siedler, jetzt auch im Gaza-Streifen wieder zu siedeln, den man 2005 unter Ariel Sharon vollständig räumte und der palästinensischen Autonomie-Behörde überließ, wäre jedoch ganz offenbar ein Schritt in die entgegengesetzte Richtung. Hoffnungen auf die derzeitigen Verhandlungen in Katar scheinen da doch eher mit Vorsicht zu genießen sein. Zumal auch auf der Westbank radikalisierte Israelis Palästinensische Dörfer angreifen und dabei wiederum von der israelischen Armee vertrieben werden sollten. Im zerstrittenen Israel gibt es mehr als militärischen Fronten.

Der Autor heute vor dem Jaffa-Tor in Jerusalem.

(K)Ein ganz normaler Tag

Jerusalem küsst und beißt einen täglich. (Sprichwort)

Am Mittag, wenn die Schule in Jerusalem aus ist, füllt sich der Ha-Kurba Square an der historischen Hurva Synagoge in der historischen Altdtadt mit Kindern. Den Ranzen geschultert. Junge Mütter schieben Kinderwagen. Geschäftige Väter halten die Sprösslinge an der einen, das Handy in der anderen Hand. Die sonst allgegenwärtigen alten Männer mit den weißen Bärten und den orthodoxen Schläfenlocken sind in dem Gewimmel kaum noch zu erkennen. Höchstens, dass ein paar steife schwarze Hüte gleich schaukelnden Nachen die Oberfläche auf den Wellen eines Meeres der heiteren Geselligkeit durchpflügen.

Vor der ältesten Synagoge Jerusalems – auch Churva Synagoge genannt

Aber das Bild trügt. Und trügt gleichzeitig nicht. Längst prägen die steifen Hüte über das orthodoxe jüdische Stadtviertel Mea Shearim hinaus das Stadtbild Jerusalems. Auch gerade bei jungen Orthodoxen. Die – scherzhaft oder abfällig genannten – Pinguine. Hoher Hut, weiße lange Strümpfe, langer Bart und Korkenzieher-Schläfenlocken, sind sie verstärkt im Stadtbild präsent. Auch wenn so ein Hut schon mal 160 bis 250 Euro kosten kann. Gebetsfäden schwingen lose aus Jacken, Sweatshirts oder Hemd über Hosen, Jeans und Jogginghosen. Sie sind ebenso ein Zeichen. Wir gehören zusammen.

Auf dem Platz herrscht mittags reges Treiben

Doch der Frieden am Kurba Square ist geborgt. Nur wenige Kilometer weiter leiden und sterben Tausende. Um die 800 israelische Soldaten sind inzwischen im Terrorkrieg der Hamas gefallen, der vor fast eineinhalb Jahren mit der Ermordung von 1200 Israelis und der Entführung von 250 Geiseln begann. Noch immer sind um die 100 hostages in den Händen der Terroristen. Erst in dieser Woche wurden erneut zwei tote Geiseln in Gaza gefunden. Täglich gibt es irgendwo im Land Rakentenalarm. Fast täglich hört man von erschossenen Terroristen. Mehr als 41.000 Menschen starben in Gaza, wo sich die Hamas unter Schulen und Krankenhäusern eingegraben hat.

Der Krieg ist täglicher Begleiter des Lebens in Israel. Er wurde zur Normalität wie der Schulschluss am Mittag vor der Hurva Synagoge. An vielen Geschäften sind Leuchtreklamen zu sehen „Thank Israeli Soldiers“. Reisewarnungen in Deutschland und anderen Ländern dienen in dieser Situation dem Schutz von Besuchern. Verständlich. Doch sie schaden zugleich den Menschen in Städten wie Jerusalem und Bethlehem, die von den Fremden leben.

„Erst Corona, jetzt der Krieg, ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll“, klagt Harout als ich in seinem kleinen Laden im Armenischen Viertel mit ihm spreche. Der Keramik-Laden des Armeniers liegt fast genau auf der Mitte zwischen dem Jaffa Tor und dem Zions Tor. Als Tourist kommt man auf dem Weg zum Davids-Grab zwangsläufig hier vorbei. Hätte Haroud mit seinem Handwerksgeschäft nicht schon 41 Jahre und einige Kriege überlebt, hätte er wohl längst aufgegeben. Aber diesmal ist es anders. Noch nie, so meint er, dauerte ein Krieg so lange. Noch nie blieben die Kunden so lange aus. Niemand kauft seine Teller und Becher, seine Wand-Deko oder die bunten Vasen. „Beste Ware, die Farben ohne Blei. Man kann von den Tellern bedenkenlos essen“, preist er die Ware an. Aber mehr als sie täglich abzustauben bleibt ihn nicht übrig. Die Hotels stehen ebenso leer. Viele Restaurants auch.

Seit 41 Jahren betreibt Haroud seinen armenischen Keramikladen

„Man merkt fast nichts vom Krieg, wenn man durch die Straßen von Jerusalem läuft“ , berichtet Noah Adrian Walczuch aus Regensburg, der hier als Austauschstudent mit 11 anderen Kommilitonen für ein Jahr Theologie und Archäologie studiert. Das heißt, die Studenten verbrachten zunächst ein Semester auf Anweisung des DAAD, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, als Stipendiumgeber in Rom. Sie mussten am 1. Oktober Israel verlassen, als alle Raketen-WarnApps klingelten. Die Studenten in der Dormitio Abtei auf dem Zionsberg in der Innenstadt flohen in den Schutzbunker, verbrachten dort zwei Stunden. Dann raus aus dem Land. Vor Weihnachten kamen sie nach Jerusalem zurück. Froh. „Man merkt vom Krieg nur, dass hier so wenige Touristinnen und Touristen sind. Ich bin sehr dankbar für die Erfahrung, vor Ort zu sein, diesen Konflikt eben durch die eigenen Augen betrachten zu können“, sagt Noah. Darüber wird hier noch zu berichten sein.

Und doch ist der Krieg allgegenwärtig in dieser Stadt. Immer montags, Mittwoch und freitags versammeln sich Mütter und andere Demonstranten an markanten Plätzen, an Verkehrsknotenpunkten oder vor der Knesset in Jerusalem, um für die Befreiung der verbliebenen Geiseln zu demonstrieren. „Allgemeiner Aufruf zur Schicht 101: Mütter bringen die Geiseln nach Hause“, heißt es an diesem Freitag, den 10. Januar, mit Bezug auf die noch 101 vermuteten lebenden Geiseln der Hamas. „Mütter und Familienmitglieder rufen im ganzen Land zu Demonstrationen auf“, erklärt mir Tamar.

„Shift 101“ bei der Sitzblockaden am Tzahal Platz vor dem Jaffa Tor

Die junge Frau betont auf meine Frage, dass dies keine Demonstration gegen Benjamin Netanyahu sei. Aber eine Aufforderung, ja Druck auf die Regierung Netanyahu zu einem sofortigen Deal mit der Hamas, die Geiseln freizulassen. Daniel, ein junger Mann an der Seite von Tamar, sagt deutlich: „Unabhängig von möglichen Meinungsunterschieden und unabhängig von Politik wollen wir sichtbar sein, um unsere Familienmitglieder nach Hause zu bringen. Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Wir werden weitermachen.“ Daniel trägt eine kleine Nummer per Klebestreifen auf seinem T-Shirt „241“. Als ich ihn frage, was das bedeutet, antwortet er , dies sei zum Gedenken an den 241. toten Soldaten. Er trägt täglich die zweiteilige Erkennungsmarke des Toten 241 an einer Kette um den den Hals. Auf der Metall-Marke ist die Personenkennziffer, das Landeszeichen, Blutgruppe und in Israel die Religion eingestanzt. Der Krieg ist der ständige Begleiter von Tamar und Daniel.

Im großen Kreis vor dem „I love Jerusalem“-Symbol mit Blick auf das Jaffa-Tor zur Altstadt sitzen sie schweigend. Die Frauen, die Weiß tragen. Mit weißen Kopftüchern. Sie blockieren den Platz, von dem aus sonst die Erinnerungsfotos der Jerusalem-Touristen entstehen. Am Rande ältere Frauen, die an einem weißen langen Schals stricken, angeblich seit Kriegsbeginn. „Stricken für den Frieden“. Überall wird in den großen Städten Israels inzwischen gestrickt. Im Café, in der U-Bahn, auch gelegentlich auf dem Platz vor der Hurva Synagoge.

Stricken für den Frieden

Unter „Mishmeret 101“ findet man die Bewegung für die Befreiung der Geiseln in den sozialem Medien. In der Knesset wurden erst kürzlich die Türen vor den Müttern verschlossen. Aber vielleicht helfen ja die regelmäßig ineinandergreifenden Maschen der strickenden Frauen, dass die Politik im In- und Ausland zu einer nachhaltigeren Staatsführung findet. Bei der eine Masche in die andere greift. Bis dahin wird es wohl bei der Ermahnung durch die Sache mit der Masche bleiben.

Diese Plakate findet man überall ins der Stadt (Fotos: Autor)

Eigentlich sollte das ein ganz normaler Text über die Schönheit Jerusalems werden. Den werde ich noch nachreichen, wie viele andere. Doch ein ganz normaler Tag in Jerusalem sieht derzeit eben etwas anders aus.

Falafel am Ha-Kurba Square sollte man sich auf jeden Fall für seinen nächsten Israel-Besuch vormerken. Für 7,50 Euro in Jerusalem sogar noch ein Schnäppchen…