Lieberman, der Gossenmaler

Ich schaffe keine Wunder, ich verwende einfach und vergeude viel Farbe… (Claude Monet, Datum unbekannt)

Max Liebermann, „Selbsbildnis“, 1934 ©Tate

Mal ehrlich, denken wir an den Impressionismus, denken wir an Frankreich. Genauer gesagt an Paris. Irgendwann zwischen 1860 und 1910. Oder so. Wir denken an die Ecole des Beaux-Arts. Wir sagen Claude Monet, Auguste Renoir, Pissaro, Manet, Degas. Wir sehen Bilder unter freiem Himmel (Pleinair), Farben, Farben, Farben und einen lockeren Pinselstrich. „Irgendwann war das Schwarz alle, dann malten wir blau“, habe ich mal irgendwo gelesen. Oder habe ich das nur geträumt?

Die Farbe ist der Hauptdarsteller. Dazu etwas französisches Laissez-Faire – fertig ist der Impressionismus. In diese schöne Stimmung platzt just der deutsche Kritiker und Realist Adolf von Menzel (1815 – 1905), und meckert spitz: „Der Impressionismus ist die Kunst der Faulheit.“ Na, ist doch typisch Deutsch, oder? Unser Vorurteil ist bedient. Wenn der Impressionismus halt nicht so schön wäre. „Ich träume ein Gemälde, dann male ich meinen Traum“, wird der Post-Impressionist Vincent von Gogh zitiert. Nun ja, nicht alle seine Träume waren schön.

Und jetzt kommt das Museum Barberini in Potsdam daher und will mit seiner neuesten Ausstellung beweisen, dass der Impressionismus genauso zu Deutschland gehört wie zu Frankreich. Die Namen habe wir irgendwie alle schon mal gehört: Lesser Ury, berühmt für seine Berliner Straßenszenen bei Regen, Fritz von Uhde, Sabine Lepsius…. Und natürlich Max Slevogt, Lovis Corinth und Max Liebermann. Der Impressionismus hat auch ein deutsches Gesicht.

Während der Vorbesichtigung der Ausstellung „Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“, geöffnet bis 7. Juni. ©Autor

Liebermann war der Kopf der Berliner Secession und Wegbereiter der Moderne in Deutschland. Er war aber auch verrufen als „Arme-Leute-Maler“ und wurde am deutschen Kaiserhof gern als „Gossenmaler“ geschmäht. Dazu kommen wir noch.

„Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“ zeigt seit Freitag (28. Februar) bis Anfang Juni in Potsdam mit über 110 Werken aus mehr als 60 internationalen Sammlungen eindrucksvoll die Entwicklung des Impressionismus in Deutschland. Eine der bislang umfangreichsten Ausstellungen dieser Art. Die letzte Liebermann-Schau fand 2004 in Hamburg statt.

Die Ausstellung würdigt Max Liebermann nicht nur als zentralen Künstler, sondern auch als Sammler, Ausstellungsmacher und Mentor. Als Präsident der Berliner Secession war Liebermann im erzkonservativen Kaiserreich, Wilhelm I. hatte sich 1871 im Spiegelsaal des Schlosses Versailles zum ersten deutschen Kaiser ausrufen lassen, eine Stimme für Internationalität und künstlerische Erneuerung. Dünnes Eis am Kaiserhof.

Barberini-Direktorin und Kuratorin Ortrud Westheider ©Autor
Im Hintergrund Liebermanns Bild „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“ (1881/81), Städelmuseum Frankfurt am Main
. Eines der Bilder, die Liebermann den Ruf als Arme-Leute-Maler einbrachten. ©Städelsches Museums-Verein e.V.

Liebermann war bald nach Kriegsende, 1873, nach Paris gegangen. Die Stadt befand sich noch im Wiederaufbau. Der Maler entdeckte – wie vor ihm die französischen Impressionisten – die Freilichtmalerei. Wiederholt stellte er danach im Pariser Salon aus, etwa 1882 sein Gemälde „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“.

Für die Organisation des deutschen Pavillons auf der Pariser Weltausstellung wurde er 1889 in die Société des Beaux-Arts aufgenommen. Und das, obwohl Kaiser Wilhelm I. den deutschen Künstlern die Teilname an der Weltausstellung 1889 untersagt hatte.

Für den inoffiziellen deutschen Beitrag auf der Weltausstellung wählte er naturalistische oder unter freiem Himmel gemalte Szenen deutscher Künstler wie etwa Fritz von Uhde und Wilhelm Trübner aus, die mit der offiziellen Kunst des Kaiserreichs brachen. Unter den sechs eigenen Werken waren dem französischen Publikum nur „Die Netzflickerinnen“ neu. Alfred Lichtwark erwarb es danach für die Sammlung der Hamburger Kunsthalle. Nach Liebermanns Vorstoß sollte die kaiserliche Kunstpolitik noch weitere fünfzehn Jahre lang die Außenwirkung bestimmen, berichtet Ortrud Westheider, Direktorin im Barberini und Kuratorin der Ausstellung. Und doch war ein Anfang gemacht.

„Judengasse in Amsterdam“, 1909, Privatsammlung BRENNET GmbH, ©Autor
Für schlichte Straßenszenen wählte Liebermann ambitioniert große Leinwände, die nach dem Regelwerk der Akademie der Historienmalerei vorbehalten blieben sollten, was dem Künstler den Ruf als Gossenmaler einbrachte

Im Gegenteil zum französischen Impressionismus, der oft den schönen Augenblick in der Landschaft gefangen hielt, malten die deutschen Impressionisten Familienszenen, Straßenszenen oder auch Theaterbilder. Besonders die in Potsdam ebenfalls zu sehenden „Waisenkinder in Lübeck“ (1884), „Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus“ (1881/82) oder die „Judengasse in Amsterdam“ (1909) brachten Liebermann seinen Ruf als „Arme-Leute-Maler“ oder eben als „Gossenmaler“ ein.

Malerkollegen wie Lesser Uri, Sabine Lepsius oder Max Slevogt widmeten sich Kinderbildern – eine Mode im aufstrebenden Bürgertum, die eigenen Kinder porträtieren zu lassen-, dem Theater oder auch Haus und Garten.

„Doppelportrait der Geschwister Cornelia (geb. 1921) und Charlotte Hahn (geb. 1926)“, Sabine Lepsius, ©Photo: Jens Ziehe
Kinderbilder beflügelten im aufstrebenden Bürgertum zu jener Zeit den Geist der Reformpädagogik, die den Religionsunterricht und Militarismus kritisierte

Am 15. April 1901 bat Liebermann den Journalisten Théodore Duret, ein begüterter Republikaner, der den Cognac-Handel seines Vaters in Europa vertrat, um Unterstützung für eine große Impressionisten-Ausstellung in Berlin. Er fragte nach der Möglichkeit, ein Gemälde von Manet aus Durets Sammlung auszuleihen, und bat ihn, ein weiteres Bild des Malers aus französischem Privatbesitz zu vermitteln. Der Ton war freundschaftlich und vertraut. Wiederum ging es um dasselbe Anliegen: dem Impressionismus zum Durchbruch zu verhelfen. Duret wurde wie bereits bei den französischen Impressionisten um Monet und Manet ein journalistischer Wegbegleiter des deutschen Impressionismus, u.a. mit seinem 1909 erschienenem Buch „Die Impressionisten“ im Verlag von Bruno Cassirer.

Ab 1915 widmete sich Liebermann überwiegend seiner Villa am Wannsee, heute Erinnerungs- und Gedenkstätte, und dem selbstangelegten Garten dort. Vom wachsenden Antisemitismus in Deutschland verbittert, fand der Künstler hier seit den 1920er Jahren seinen Rückzugsraum.

„Kinderstube“, 1889, Fritz von Uhde ©bpk/Hamburger Kunsthalle

Der Maler starb zwei Jahre nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die der modernen Malerei in Deutschland ein abruptes Ende setzten. Seine Witwe Martha Liebermann beging 1943 wenige Tage vor der geplanten Deportation nach Theresienstadt Suizid. Tochter Käthe und Enkelin Maria waren bereits 1938 in die USA geflohen. Liebermanns Sammlung französischer Impressionisten ist heute international verstreut, während seine Villa am Wannsee als bedeutendes kulturelles Vermächtnis und politisches Mahnmal erhalten bleibt.

„Das Champagnerlied“, 1902, Max Slevogt ©bpk / Staatsgalerie Stuttgart
Die Theatristik beschäftige die deutschen Impressionisten stark. Es ist überliefert, dass der portugiesische Bariton Francisco d‘Andrade den „Don Giovanni“ in der Mozart-Oper 1902 im Theater des Westens in seiner Arie so feurig interpretierte, dass das Orchester ihm folgte und der Dirigent den Taktstock wutentbrannt ins Orchester warf.

Wenn Bilder ihre Geschichte erzählen

Konfisziert, verkauft, zurückgeholt: Zum 100. Todestag ehrt die Alte Nationalgalerie in Berlin den Künstler Lovis Corinth. Neben dem umfangreichen Bestand seiner Bilder wird auch die kleinere Sammlung an Werken seiner Ehefrau Charlotte Berend-Corinth präsentiert.

Kurator Dieter Scholz führt duch die Ausstellung „Im Visier“ auf der Museumsinsel in Berlin, die vom 17. Juni bis 28.September zu sehen ist. (Fotos: Autor)

Stellt euch vor, ihr könnt ein Bild nicht nur anschauen, und darüber rätseln, was der Maler wohl gemeint haben dürfte, sondern das Bild erzählt euch seine Geschichte. Ja, das könnt ihr demnächst in meiner Fotoausstellung über Israel erleben, falls es zu der kommt, und für die ich Texte aus meinem Blog eingesprochen habe. Aber darum geht es hier nicht. Und was sind Fotos aus dem Alltag in Israel heute, gegen den weltbekannten Impressionisten Lovis Corinth? Er lebte bis 1925, seine Gemälde und Zeichnungen erzählen aber weit über die Lebenszeit ihres Schöpfers hinaus Geschichten. Auch gruselige.

Geschichten, wie sie der Nazi-Kommission für „Entartete Kunst“ entkommen sind. Geschichten, warum sie nicht der Nazi-Kommission entkommen sind. Geschichten, wie sie dennoch von den Nazis zur Gewinnung von Devisen in alle Welt verkauft wurden. Geschichten, wie sie konfisziert und auf der Münchner NS-Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ 1937 zur Abschreckung gezeigt, und zwei Jahre später der Nationalgalerie in Berlin wieder zurückgegeben wurden. Und schließlich Geschichten wie Ost und West, Ost- und West-Berlin, Ost- und West-Deutschland nach 1945 um das Corinth-Erbe wetteiferten, und wer diesen Wettbewerbe gewann. Das alles ist seit heute, Freitag, den 18. Juli, in der Alten Nationalgalerie in Berlin zu erfahren.

Zum 100. Todestag von Lovis Corinth beleuchtet das Museum das Schicksal der Werke des deutschen Künstlers und seiner Frau, der Malerin Charlotte Berend-Corinth. Im Fokus stehen die unterschiedlichen Provenienzen – Herkunfts-Geschichten – der Bilder. Die eigenen Bestände der Nationalgalerie werden ergänzt durch Reproduktionen von Gemälden, die aufgrund der nationalsozialistischen Aktion „Entartete Kunst“ in andere Museen gelangten, aber, wie der Provienenzforscher Dr. Sven Haase erläutert, zielgerichtet nicht für die Ausstellung ausgeliehen wurden, sowie schwarz-weiß Fotos in Originalgroße verschollener bzw. von den Nazis verbrannter Werke.

Lovis Corinth gilt neben Max Liebermann und Max Slevogt als der wichtigste Vertreter des deutschen Impressionismus. Wer Näheres aus der Biografie des bei Königsberg geborenen Kürschnersohns erfahren möchte, lese bei Wikipedia nach, solange es noch nicht von der KI entmündigt wurde. Kurator Dieter Scholz bezeichnet Corinth als „einen der ganze großen Künstler Berlins“, wo dieser von 1901 bis zu seinem Lebensende wirkte.

Der Maler sah sich selbst ausdrücklich als Vertreter einer „deutschen“ Kunst. Der Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreichs hatte ihn in seinem nationalen Zugehörigkeitsgefühl nachhaltig erschüttert. Am 10. November 1918 notierte er: „So ist der Hohenzollernstaat mit Stumpf und Stiel einstweilen ausgerottet. Ich fühle mich als Preuße und kaiserlicher Deutscher.“ Corinth starb wie gesagt 1925 und sollte den Nationalsozialismus und dessen Umgang mit seinem Werk nicht mehr erleben. Putzig ist, wie noch zu berichten sein wird, dass gerade in der noch jungen DDR um das Erbe des bekennenden Monarchisten gerungen wurde. Zum Teil wurden zig andere Werke der Nationalgalerie verkauft, um einen einzelnen Corinth erwerben zu können. Dazu kommen wir noch.

Gleich zu Beginn der Ausstellung sind vier Bilder zu sehen, die nicht beschlagnahmt wurden. Aber auch drei Bilder werden gezeigt, die 1937 von der Nazi-Kommission als „Entartete Kunst“ stigmatisiert, in München 1937 gezeigt, und 1939 zurückgegeben wurden. So, wie das „Trojanische Pferd“.

Das Trojanische Pferd
1924, Öl auf Leinwand, A II 488
1926 würdigte die Nationalgalerie den verstorbenen Künstler in einer großen Gedächtnisausstellung und zeigte auch dieses Alterswerk um das berühmte Motiv aus Homers Ilias. Im Anschluss schenkten es seine Witwe Charlotte Berend und ihre Kinder Wilhelmine und Thomas der Sammlung. Nach der Beschlagnahmung 1937 war das Gemälde auf der Propagandaschau „Entartete Kunst“ in München zu sehen. 1939 erhielt es die Nationalgalerie zurück, der Grund dafür ist unklar. Von den drei Werken, die der Nationalgalerie noch während der NS-Herrschaft zurückgegeben wurden, war es das jüngste und gehörte wie der größte Teil der insgesamt 359 beschlagnahmten Werke Corinths zur besonders verfemten Schaffensphase nach 1911.

„Wir haben keine wirkliche Erklärung für das Agieren der Kommission für Entartete Kunst“, erläutert Mit-Kurator und Provinienzforscher Dr. Sven Haase. „Es kann sein, dass die Künstler nicht bekannt genug waren für die nationalsozialistische Beschlagnahme. Es kann sein, dass Museumsmitarbeiter sie einfach weggestellt, verschwinden lassen haben. Es kann sein, dass sie dem Streit zwischen Reichspropagandaministerium und dem Reichserziehungsministerium zum Opfer fielen.“ Das erstere wollte „Entartete Kunst“ aus der Öffentlichkeit verbannen. Das zweite wollte „Entartete Kunst“ zum Zwecke der Diffamierung vorzeigen.

Der Begriff „entartet“ war nicht eindeutig definiert. Er konnte angewendet werden, wenn Kunstwerke nicht naturalistisch oder heroisch-idealisierend waren, aber auch, wenn sie von Kunstschaffenden stammten, die linkspolitische Überzeugungen teilten oder jüdischer Herkunft waren. Gerade bei Corinth und seiner Ehefrau wird die Willkür des Vorgehens deutlich. Der Erlass des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels verlangte, die im deutschen Reichs-, Länder- und Kommunalbesitz befindlichen Werke deutscher Verfallskunst seit 1910 auf dem Gebiete der Malerei und der Bildhauerei zum Zwecke einer Ausstellung auszuwählen und sicherzustellen.“

Nichtbeschlagnahmt wurde „Donna Gravida“ auf dem Corinth seine hochschwangere Frau, früherer Schülerin und Maler-Kollegin porträtierte. „Das wird ein großartiges Bild“, soll er zu seiner Frau gesagt haben.

Donna Gravida
1909, Öl auf Leinwand, A II 143
Es war die erste Erwerbung eines
Gemäldes des Künstlers durch die Nationalgalerie. Verkäufer war Carl Nicolai, der seine Kunsthandlung bis 1945 betrieb und auch Corinth vertrat. Später, für die Provenienz dieses Bildes nicht relevant, spielte Nicolai eine problematische Rolle: Der Galerist handelte nach 1933 auch mit Werken aus ehemals jüdischem Eigentum und war für das „Führermuseum Linz“ tätig, dem Museumsprojekt der Nationalsozialisten, das sich nicht zuletzt aus geraubten Kunstgütern speiste.

51 Bilder sind in der Berliner Ausstellung zu sehen. „Wir wollen die Werke zeigen und ihre Geschichten erzählen“, sagt Kurator Dieter Scholz. Zu den beschlagnahmten Gemälden und später gewinnbringend von den Nazis verkauft zählt auch das „Selbstbildnis mit Strohhut“. Heute im Museum Bern zu sehen – und in Berlin als Reproduktion gehängt.

Selbstbildnis mit Strohhut
1923, Öl auf Leinwand, ehemals A II 409, heute Kunstmuseum Bern [Reproduktion]
Im März 1924 erreichte die Nationalgalerie ein Brief von Lovis Corinth, in dem er den Restbetrag von 500 $ für sein Selbstbildnis vom 21. Juli 1923 einforderte. Im August 1923 waren bereits 1.000 $ an ihn gezahlt worden, laut einer Quittung im Zentralarchiv. Auf der Rückseite ist die Zahl 6.000.000.000 notiert, womöglich der Betrag in Mark im Inflationsjahr 1923, was auch die Zahlung in Dollar erklärt. Im Inventar ist zu lesen: „Erworben im Tausch“, an anderer Stelle: „mit der Galerie Stern, Düsseldorf“. Doch war es nicht wirklich ein „Tausch“. 1923/24 hatte die Nationalgalerie acht Gemälde und zwei Skulpturen an die Galerie verkauft, um so das Geld für das Selbstbildnis aufzubringen.

Neun Corinth-Gemälde der Nationalgalerie sind nach dem Ende des Nationalsozialismus nicht mehr zurückgekehrt. Darunter befinden sich zwei noch vor 1900 entstandene Werke, die seit 1945 als verschollen gelten. Sie werden im zweiten Raum der Ausstellung schwarz-weiß in Originalgröße wiedergegeben. In Farbe reproduziert sind dagegen diejenigen Bilder, die sich heute in anderen Sammlungen befinden.

Die 1937 erfolgten Beschlagnahmungen fanden in mehreren Stufen statt. Am 7. Juli wurden zunächst Werke für die Ausstellung „Entartete Kunst“ zusammengetragen, die am 19. Juli in München eröffnete. In ihr war Corinth mit sieben Gemälden vertreten, darunter drei aus der Nationalgalerie (Ecce Homo, Das Trojanische Pferd, Kind im Bett). Zur Begründung führte Adolf Ziegler, Präsident der NS-Reichskammer der bildenden Künste, in seiner Eröffnungsrede an, dass Corinth „nach seinem zweiten Schlaganfall nur noch krankhafte und unverständliche Schmierereien hervorbrachte.“ Doch die zunehmend expressive Malweise in den Bildern Corinths war schon vor seinem Schlaganfall 1911 angelegt gewesen.

Bei der zweiten und dritten Beschlagnahme ging es um die systematische Verfolgung der Kunst der Moderne in über 100 öffentlichen Kunstsammlungen. Am 12., 13. und 16. August sowie am 30. Oktober 1937 wurden die restlichen Bestände der Nationalgalerie durchsucht. Insgesamt fielen über 500 Werke des Museums den Beschlagnahmungen zum Opfer.

Etwa 5.000 als „unverwertbar“ geltende Werke wurden am 20. März 1939 in der Berliner Hauptfeuerwache verbrannt. Von dem als „international verwertbar“ eingestuften Teil kamen 125 Spitzenstücke am 30. Juni 1939 in der Galerie Fischer in Luzern zur Versteigerung. Von Lovis Corinth wurden dort 15 Gemälde angeboten, darunter 6 aus der Nationalgalerie. Der Erlös der Auktion blieb jedoch weit hinter den Erwartungen zurück. Mit dem Ziel, dem NS-Staat keinen allzu hohen Gewinn zufließen zu lassen, hatten die Bietenden sich abgesprochen.

Frau mit Rosenhut
1912, Öl auf Leinwand, A II 1033
Die Nationalgalerie in Ost-Berlin erwarb das Bild 1952 bei dem West-Berliner Kunsthändler Herbert Klewer. Es ist unbekannt, wie er zu dem Bild kam. 1932 befand es sich wahrscheinlich im Eigentum der Berlinerin Anna Stoessel-Hamburger. Ihr jüdischer Hintergrund machte sie nach 1933 zur Verfolgten des NS-Regimes, 1942 nahm sie sich kurz vor der drohenden Deportation das Leben. Ihre ältere Tochter wurde in Auschwitz ermordet. Der jüngeren Tochter gelang die Emigration. Sie strebte nach dem Krieg erfolgreich ein Wiedergutmachungsverfahren an, jedoch war das Gemälde nicht Gegenstand des Verfahrens. Ob ihre Mutter es auch nach 1933 besaß, ist bisher ungeklärt. Die Provenienz wird weiter untersucht.
1952 ANGEKAUFT durch die Nationalgalerie in Ost-Berlin im Kunsthandel von Herbert Klewer, West-Berlin
Wegen des Verdachts auf NS-verfolgungsbedingten Entzug hat das Museum das Werk bei der Datenbank Lost Art gemeldet.

Nach 1945 und der Aufspaltung auch der Nationalgalerie in „Ost“ und „West“ befanden sich die Corinth-Bestände sämtlich in West-Berlin. In Ost-Berlin unternahm man erhebliche Anstrengungen, um diese Lücke zu schließen und erwarb mehrere Bilder des Malers im Kunsthandel. Für die dafür nötigen Devisen wurden sogar andere Kunstwerke aus der Sammlung verkauft, u.a. Allein 11 Kunstwerke für den „Geblendeten Simson“.

Warum die DDR so großes Interesse an einem Künstler hatte, der zwar einerseits als ein Hauptvertreter des Impressionismus in Deutschland gilt, sich selbst aber bis zu seinem Tod vor 100 Jahren als „Monarchist“ betrachtete – dazu bedarf es noch weiterer Forschung. Ebenso wie zur Herkunft einiger Bilder, die zu DDR-Zeiten erworben wurden.

Ob es sich bei einem Gemälde wie der lieblich lächelnden „Frau mit Rosenhut“, die die Nationalgalerie in Ost-Berlin 1952 von einer West-Berliner Galerie gekauft hat, um NS-Raubkunst handelt, wird derzeit untersucht. Seine letzte Eigentümerin war wahrscheinlich eine jüdische Berlinerin, die sich vor ihrer Deportation 1942 das Leben nahm. Die Spur des Bildes hatte sich da aber bereits verloren. Keine Seltenheit im Fall von Lovis Corinth, der zahlreiche jüdische Sammler hatte.

Charlotte Berend-Corinth emigrierte 1931 als Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie nach Italien und schließlich 1939 aus der Schweiz in die USA nach New York, wo der gemeinsame Sohn Thomas bereits lebte. 1967 starb sie mit 86 Jahren in New York City. Noch im selben Jahr wurden ihre Werke in der Ostberliner Nationalgalerie gezeigt; sie hatte an der Konzeption der Ausstellung noch mitgewirkt, die durch ihren Tod zur Gedächtnisausstellung wurde.

Nach der Wende wurden die Bestände der Nationalgalerie Ost und der Nationalgalerie West wieder zusammengeführt.

Eine lustige Geschichte zum Schluss. Das Bild „Der Friseur“ bekam die Nationalgalerie 2013 von „Wella“ geschenkt. Der Zusammenhang von Vorbesitzer und Inhalt liegt nahe.

Der Friseur
1915, Öl auf Leinwand, NG 27/13
Charlotte Berend-Corinth wird für eine Abendgesellschaft frisiert, was Corinth zu einer „Augenblicksstudie“ inspirierte. Zur Geschichte des Bildes gibt es bisher nur wenige Anhaltspunkte: Bis 1945 befand es sich wohl im Schlesischen Museum der Bildenden Künste in Breslau, tauchte dann im Nationalmuseum in Warschau auf. 1958 war es in München ausgestellt und eventuell im Besitz des Kunsthändlers Wolfgang Gurlitt. Unklar bleibt, wie es während des Kalten Krieges den Weg dorthin fand. Über den Kunstmarkt erwarb 1966 die Familie Ströher, Inhaber von Wella, einer Firma für Haarpflegeprodukte, den Friseur. Die Provenienz des Werkes wird weiter untersucht.
2013 GESCHENKT von Wella, Zweigniederlassung der Procter & Gamble Service GmbH