Israel außer Rand und Band – und alles wegen Esther

„Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein…“ (Biblischer Vers, Prediger 10.8)

Triggerwarnung: Gewalt, Rauschmittel, schlechte Ausdrücke, Religion

Wer in diesen Tagen in Jerusalem, Tel Aviv oder anderen Orten in Israel unterwegs ist, wird…, ach was, muss sich fragen: Hä, wo bin ich hier gelandet? Bei der Fastnacht in Stuttgart, beim Karneval in Köln, beim Fasching im Kindergarten? Sorry, ich bin bekanntermaßen weder besonders bibelfest, noch tauge ich als Jeck für die richtigen Begrifflichkeiten dieser Verkleidungsorgie in Deutschland.

Jedenfalls feiert auch halb Israel so eine Art Karneval in diesen Tagen. Nur hier heißt es Purim. Und da ist Verkleidung Pflicht. Einlassordung zur Purim-Party in Tel Aviv am Strand: „Cabaret Tel Aviv – Bitte kleiden sie sich entsprechend“ Oder an anderer Stelle: „Kostüm erforderlich“. Mhm. Und es wird getrunken, ach was gesoff… Aber unsere jüdischen Mitbürger machen das alles natürlich nicht freiwillig. Sie sind ja nicht jeck. Nein, es ist alles wegen Esther. Esther, die Schöne ist schuld.

Die schöne Esther oder Maria Callas – das ist hier die Frage

Das steht schon so im Alten Testament. Und was im Buch der Bücher steht, ist Gesetz. Und auch wenn man sonst hier kaum Alkohol trinkt, wenn ein König 480 Jahre vor Christi sagt, alle sollen trinken und essen so viel sie können – frei gedeutet-, dann muss man dem auch noch 2500 Jahre später folgen – und sich das Zeug reinwürgen. Logo, oder? Zumal der babylonische Lehrer Rabba anweist: Man soll so lange trinken, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen „Verflucht sei Haman“ (Schuft) und „Gelobt sei Mordechai“ (positiver Held). Na dann L‘Chaim.

Womit wir beim Thema sind: Das spaßige Fest hat einen ernsten Hintergrund. Gefeiert wird eigentlich, wie Juden in biblischer Zeit mit List und Tücke einem Pogrom, Völkermord, entgingen. Kleiner gehts nun mal nicht in der jüdischen Welt.

Am Vorabend wird auf allen Plätzen, in Synagogen und Familien das Buch Esther laut vorgelesen

Die Geschichte einmal einfach erzählt: Die junge Jüdin Esther lebt in der persischen Stadt Susa. Vor vielen Jahren wurde ihre Familie aus Jerusalem verschleppt. Esther wurde von ihrem Cousin Mordechai, nennen wir ihn hier mal Modchi, großgezogen. Er ist ein Diener des Königs von Persien. Eines schönen Tages sucht König Ahasverus eine neue Königin. Er wird seine Gründe gehabt haben, von Streitsucht geht die Rede. Bei ihr, n a t ü r l i c h nicht bei ihm. Seine Diener schleppen die schönsten Frauen zu ihm – also auch die schöne Esther. Von allen wählt der König Esther als Königin aus. Modchi empfiehlt ihr, sie solle lieber nicht verraten, dass sie eine Jüdin ist. Wer weiß, wer weiß… Da ist ja immer was.

Nun kommt des Königs Großwesir Haman ins Spiel. Ein hochnäsiger Mann, der verlangt, dass sich alle vor ihm verbeugen sollen. Aber Modchi, der widerborstige Jude, weigert sich. Das macht Haman so wütend, dass er ihn töten will. Außerdem erfährt Haman da erst, dass Modchi ein Jude ist. Da überlegt er sich, dass er doch mal fix alle Juden im Land töten könnte. Er sagt zum König: „Die Juden sind gefährlich. Du musst sie loswerden!“ Der König antwortet was ein König immer antwortet: „Mach, was du für richtig hältst.“ Dann erlaubt er ihm, ein Gesetz zu machen. Der König lost den Vernichtungstag aus. Es ist am 13. Tag des Monats Adar. Das hebräische Wort „Pur“ ist die Übersetzung für „Los“. Purim ist auch persischen Ursprungs, so etwa wie „ein Los ziehen“.

Esther weiß nichts von dem Gesetz. Darum schickt Modchi ihr eine Kopie davon und lässt ihr sagen: „Sprich mit dem König.“ Esther antwortet: „Wer ohne Einladung zum König geht, wird getötet.“ Wir alle kennen ja den Spruch: Gehe nie zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst. Und der König hatte Esther seit 30 Tagen nicht mehr eingeladen! Nun sprach sie aber mutig: „Aber ich werde gehen. Wenn er mir sein Zepter entgegenstreckt, bleibe ich am Leben. Wenn nicht, sterbe ich.“ Also, sie meinte schon das Zepter.

Esther fastet, macht sich zuckersüß und geht in den Innenhof vom Königspalast. Der König sieht sie. Dann streckt er ihr sein Zepter entgegen. Er fragt: „Was kann ich für dich tun, Esther?“ Sie antwortet gerissen: „Ich möchte dich und Haman zu einem Festessen einladen.“ Es folgt ein Essen und noch ein Essen, und… endlich fragt der König erneut: „Was kann ich denn nun für dich tun, was verlangst du, und sei es das halbe Königreich?“ Esther antwortet: „Ich bin Jüdin. Ich habe mich bislang verstellt und verkleidet. Aber nun will jemand mein Volk töten. Wenn du mich liebst, dann bitte rette uns!“ „Wer will euch ermorden“, will der König nun neugierig geworden wissen. Sie sagt: „Dieser böse Großwesir Haman!“ Da wird König Ahasverus so zornig, dass er Haman sofort töten lässt.

Nach dem unglücklichen Hinscheiden Hamans setzt der König nun Modchi als Großwesir über alle Fürsten ein, gibt ihm Hamans Palast und das Recht, ein neues Gesetz zu machen. Dieses Modchi-Gesetz erlaubt es den Juden, sich zu verteidigen, wenn sie angegriffen werden. Und am 13. Tag des Monats Adar besiegen die Juden ihre Feinde. Und am 14. feiern sie das. Und der König, der selbst gerne Wein trinkt, befiehlt zu essen und zu trinken und zu feiern, was das Zeug hält.

Beim Purimfest in Tel Aviv an der alten Eisenbahnstation

Von da an feiern die Juden diesen Sieg jedes Jahr. Und seit 2500 Jahren feiern sie, dass sie sich verteidigen dürfen, wenn sie denn angegriffen werden. Wie gesagt, nichts geschieht in Israel ohne religiösen (Hinter)Grund. Auch wenn Gott in der Geschichte von Esther mal nicht vorkommt.

Das ist die Story ohne Triggerwarnung. Aber da in der Bibel selten etwas unblutig ausgeht, sollte ein kleines bisschen mehr aus dem Originaltext, den ich hier mal verlinke, erzählt werden. Haman hatte bereits einen fünfzig Ellen hohen Pfahl zum Erhängen von Modchi aufstellen lassen. Er wollte es halt gut sichtbar hoch oben haben. Dort ließ der König nicht nur Haman selbst erhängen, sondern auch fix seine zehn Söhne. Und da das neue Gesetz von Modchi auch noch erlaubte, alle Gegner der Juden, die sich im persischen Großreich an ihrer Vernichtung beteiligen wollten, gemeinsam mit Haman umzubringen, starben mit ihm und seinen Söhnen viele, viele Perser. Kurz gesagt, am Ende sind alle Feinde tot. Die Juden sind im Großreich geachtet und glücklich. Und das Purimfest wird als jährliches Freudenfest gefeiert, das an Esthers Tat vor 2500 Jahren erinnert. L‘Chaim.

Aber jetzt kommen die Deutungen. Von zwölf zu Tode verurteilten Nazis wurden nach dem Urteil des Nürnberger Militärgerichtshofs wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit u.a. an sechs Millionen Juden im Oktober 1946 genau zehn aufgehängt. Herrmann Göring nahm am Vorabend ein Zyankalikapsel. Martin Bormann wurde in Abwesenheit zum Tod durch den Strang verurteilt. Julius Streicher, NSDAP-Gauleiter und Herausgeber des Hetzblattes „Der Stürmer“ verabschiedete sich bei seiner Hinrichtung am 16. Oktober 1946 mit den Worten „Heil Hitler! Das ist das Purimfest 1946.“

Einen ganz aktuellen Bezug zur kleinen Schoa am 7. Oktober 2023 stellte eine Bibelrunde letzten Mittwoch beim wöchentlichen Freundeskreis bei Christa Behr in Malha her. Mit über 1100 Toten fand 2023 der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust statt. Dazu der Kommentar im Hauskreis: „Aber wer eine Grube macht, der wird selbst hineinfallen, und wer den Zaun zerreißt, den wird eine Schlange stechen“, heißt es im Alten Testament. „Wer versucht, einen Felsbrocken auf andere hinunterzurollen, wird von ihm zerquetscht“, fügte Luther in seiner Bibel später hinzu. Auch so lässt sich das aktuelle Handeln Israels natürlich religiös erklären, ohne es hier gutzuheißen.

Und nicht zuletzt ist in israelischen Zeitungen in diesen Tagen ein Wortspiel von „Haman“ zu „Hamas“ immer wiedermal zu lesen. Juden feiern mit dem Purimfest eben auch die Vernichtung Hamans, des persischen Großwesirs, der den Juden an den Kragen wollte. Im Laufe der Jahrhunderte wurde Purim ein Fest des Sieges über allen Antisemitismus. Die Ausgelassenheit und die Verkleidungen werden als „lange Nase“ gedeutet, die das jüdische Volk seinen Hassern und allen vergeblichen Vernichtungsversuchen macht. Und außerdem hatte sich Esther ja auch ewig verkleidet und verstellt – und kam mit ihrem Jüdischsein erst ziemlich spät heraus.

Die gesamte Stadt ist verkleidet

Aber zurück zum Purimfest: Bereits am Vorabend des eigentlichen Tages wird in Synagogen und Stadthallen das Buch Esther in ganzer Länge gemeinsam gelesen oder aufgeführt. Es ist die eigentliche, religiöse Hauptsache an Purim. Wenn dabei der Name „Haman“ fällt, machen alle möglichst viel Krach, um den Namen auszulöschen.

In den vergangenen Jahren waren die Feiern immer wieder von der angespannten Sicherheitslage überschattet. 1996 kamen um Purim innerhalb von acht Tagen 63 israelische Zivilisten in vier Anschlägen ums Leben. Ein Jahr danach kostete das Selbstmordattentat auf das Café „Apropos“ in Tel Aviv drei Frauen an Purim das Leben. Im letzten Jahr fiel das Fest wegen des Krieges ganz aus.

In Schuschan, dem heutigen Susa, feierten die Juden erst am 15. Adar, also einen Tag später, weil sie sich einen Tag länger gegen ihre Feinde wehren durften. Es waren halt ein paar mehr Feinde umzubringen. Deshalb wird bis heute in Israel in den Städten, die bereits zur Zeit Josuas eine Mauer hatten, wie Jerusalem, erst mit „Schuschan-Purim“ am 14. und 15. März gefeiert. In anderen Jahren variieren die Tage im jüdischen Kalender.

Am berühmten Carmel-Markt in Tel Aviv

Eine wichtige Sitte zum Purimfest ist das Versenden von Geschenken, besonders an die Armen (Ester 9,22). Gemeinnützige Hilfsorganisationen wissen die Purimzeit natürlich in besonderer Weise für ihre Zwecke zu nutzen. Schulklassen in Israel sind damit beschäftigt, Geschenkteller mit Süßigkeiten für Soldaten vorzubereiten.

An keinem jüdischen Fest dürfen bestimmte charakteristische Speisen fehlen. An Purim sind es besonders die „Hamantaschen“ oder „Hamansohren“, kleine, dreieckige Gebäckstücke, die mit Süßem gefüllt sind. Über die Anweisung des babylonischen Lehrers Rabba, dass ein Mann aus Freude über die Errettung des jüdischen Volkes am Purimfest so viel Wein zu trinken habe, bis er Gut und Böse nicht mehr unterscheiden kann, wird bis heute diskutiert. Es gibt allerdings orthodoxe Juden, die dieses rabbinische Gebot ernst nehmen. Womit wir wieder beim Trinken wären.

Wolf Biermann hat mal ein Trinklied geschrieben – es gibt ja nicht viele Trinklieder von Wolf Biermann – aber es gibt ein Trinklied von ihm und da gibt es eine Strophe genau darüber. Das geht so: „Es trinken die Juden aus Tradition, ein bisschen zu wenig, ich weiß auch warum.“ Da weiß Wolf Biermann übrigens mehr als ich. Aber sowas soll ja vorkommen. Das zu ergründen, also warum die jüdischen Mitbürger relativ wenig trinken, bleibt einem anderen Text vorbehalten.

L‘Chaim – Auf das Leben!

Der Löwe – das Wappentier von Jeruslaem
Auch Indianer sind am Wegesrand zu sehen
Geschenke gehören natürlich zu Purim dazu

Der Autor – ein Glückspilz

(Alle Fotos: Autor)

Zwischenruf: Bücherrazzia im arabischere Viertel

„Warum verhaften sie Menschen, wenn sie die Bücher meinen?“ (Imad Muna, Buchhändler im arabischen Viertel in Jerusalem)

Imad Muna, Ahmas Vater, Buchhändler

Ahmad ist wieder zurück. Er durfte den Buchladen im arabischen Viertel Jerualems, in der Salah Ad-din Street, 20 Tage nicht betreten. Vor drei Wochen gab es hier eine Razzia der israelischen Polizei. Hier und gegenüber im zweiten Bookshop der Familie Muna. In der nahen American Colony, wo die Familie einen dritten Buchladen betreibt, da blieben die Verkäufer und die Käufer unbehelligt. Die Razzia ist derzeit Stadtgespräch in Teilen Jerusalems. Schließlich fand sie unter den Augen der Öffentlichkeit statt.

Ein paar Meter entfernt steht der Justizpalast. Ihm gegenüber das schwer gesicherte Amtsgericht, der Disrict Court. Zum Ritz, zum Leonardo Hotel, National oder zum Victoria Hotel fahren die Reisebusse hier am arabischen Educational Bookshop direkt vorbei. Wie gesagt, unter den Augen der Öffentlichkeit. Selbst der „Der Spiegel“ hatte vor wenigen Tagen darüber berichtet. Der deutsche Botschafter in Tel Aviv, Steffen Seibert – zur Erinnerung einst Regierungssprecher von Angela Merkel -, und der Chef der Ständigen Vertretung im palästinensischen Ramallah, Oliver Owza, empörten sich auf X von Elon Musk. Mhm…

Die beschlagnahmten Bücher sind inzwischen zurück. Nichts erinnert mehr an die brutale Razzia. Außer das, was Ahmad und sein Onkel Mahmoud erzählen, denen drei Wochen verboten war, ins Geschäft zu gehen. Ich habe Ahmad vor ein paar Jahren kennen gelernt. Er hat in England studiert, ist zurückgekehrt in den Schoß der Familie, um hier zu leben Der Bookshop ist international bekannt. Da kann ein junger Mann mit Sprachkenntnissen nicht falsch sein, berichtet mir Ahmads Vater Imad, als ich ihn vor ein paar Tagen besuchte und den ersten Artikel über die Razzia verfasste. Heute aktualisiere ich ihn nur.

Ahmad, als wir uns 2018 kennenlernten

2018 sah Ahmad allerdings noch ein bisschen anders aus. Heute hat er eine ganz schöne Mähne. Das aktuelle Foto findet man ebenfalls hier.

Ahmad heute

Doch beginnen wir von vorn, es ist ein unglaubliche Geschichte, die mir Ahmad und sein Vater Imad erzählen. Imad und seine Frau Nurha waren in den Tagen Anfang Februar in Großbritannien und für die israelischen Polizei nicht fassbar. An einem Sonntagnachmittag, es war der 9. Februar, präsentierten israelische Polizisten Ahmed Durchsuchungsbeschlüsse für die beiden Buchläden. „Bilder und Videos, von den Überwachungskameras aufgezeichnet und von der Familie veröffentlicht, zeigen, was passiert. Die Sicherheitskräfte verriegeln die Türen von innen. Sie lassen sich von einer Bilderkennungs-App die Buchtitel übersetzen, packten ein, was ihnen suspekt erschien. Wahllos grüne Bucher, rote Bücher, arabische Schriften, englische Schriften“, so berichtete es mir Ahmed heute. „Als Grund nannten sie, dass sie aufrührerische Schriften suchten, die die Hamas unterstützten.“

Buchladen und Café in der Salah Ad-din Street

Die Polizisten packen ein, was sie in die Hände bekommen. Oder besser gesagt, was in Müllsäcke passt. Sie reißen Bücher aus den Regalen. Alles liegt auf den Boden verknickt und zerknickt. Nichts kann sie aufhalten. Als einer der Bewaffneten das Buch von George Orwell „1984“ herauszieht, sagt er auf Hebräisch „Ach interessant, wollen wir einmal sehen, was ihr über 1948 verkauft.“ Der Polizist dachte offenbar an die Staatsgründung Israels. Vater Imad meint lakonisch, dass der Polizist wohl nur Hebräisch konnte. Er habe von hinten begonnen zu lesen…

Joachim Lenz, der evangelische Probst von Jerusalem, ist entsetzt. „Das geht gar nicht“, sagt er, als wir uns die Tage über die Razzia unterhalten.

Ein Blick in die Bücherregale des Bookshops…

Bei „1984“ gibt keinen Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. Auch die englischsprachige Ausgabe der Tageszeitung „Haaretz“ wird konfisziert. Die Zeitung ist relativ konservativ. So wie die „Welt“ in Deutschland. Kein Grund zur Beschlagnahme. Aber in Englisch für die Polizisten offenbar nicht lesbar, obwohl hier fast jeder englisch spricht. Ein Verdacht reicht.

300 Bücher hätten die Polizisten mitgenommen, berichtet Buchhändler Ahmad Muna. Anklage wurde nicht erhoben. Das Gericht entsprach auch der Forderung der Polizei nicht, die Buchhändler für acht Tage in Untersuchungshaft zu lassen. Zwei Tage blieben sie in Haft, unter mittelalterlichen Bedingungen. „Mit neun anderen Gefangenen zusammen, keine Dusche, kein Strom, kein Licht. Ein Betonklotz als Bett. Darauf eine fünf Millimeter dicke Isomatte. Keine abgeschlossene Toilette. Kein Toilettenpapier“, berichtet mir Ahmed. Drei weitere Tage hatten der Onkel und der Neffe Hausarrest. Weitere 20 Tage durften sie die Geschäfte nicht betreten. Bis gestern. Für Ahmad unvorstellbar. Da hat er in England studiert, um hier zu landen?

Obwohl jüdische Israelis und Palästinenser eine Geschichte teilen, haben sie unterschiedliche Sprachen dafür. Was in Israel „Unabhängigkeitskrieg“ genannt wird, heißt bei den Palästinensern „Nakba“, „Katastrophe“. Beide Seiten verstehen sich kaum mehr. Die Munas verkaufen Bücher, die versuchen, beide Blickwinkel zu erklären.

Im Bücherregal der Buchhandlung

Was bleibt? Ein Malbuch „From the River to the Sea“ ist unter den beschlagnahmten Büchern. Ein einzelnes Exemplar, das Imad Muna zur Begutachtung für den Verkauf zugesandt bekommen hat. Das wird als Aufruf zur Zerstörung Israels gewertet und wurde einbehalten. Weil es einem Schlachtruf der Hamas entspricht. Weitere sieben Bücher bleiben beschlagnahmt. Auch ein Buch des deutschen Professors, Peter R. Neumann, „Hamas“. Der Titel genügte. Der Untertitel in Deutsch war für die Polizisten nicht lesbar. „Grundlagen und Perspektiven eines zerstörerischen Systems.“ Es handelt von der Gefährlichkeit der Terrororganisation. Alle anderen Bücher wurden zurückgegeben.

Imad Muna ist sich sicher, dass es gar nicht um die Bücher ging. „Warum verhaften sie Menschen, wenn sie die Bücher meinen?“ Das fragt er. Für Imad gibt es eine Erklärung, warum dieser Überfall passierte. Vor wenigen Wochen wurde in Ostjerusalem, also in der Altstadt, ein Buchladen ausgehoben, in dem Bücher über Hitler gefunden wurden. „Vielleicht machen jetzt die Razzien die Runde“, vermutet er. Wahrscheinlicher scheint jedoch, was er so nicht in die Welt setzen will, dass es das Ansehen und das internationale Publikum seines Ladens, die Veranstaltungen und die gutbesuchten Lesungen sind, die den Israelis in die Nase stechen. Ein offizielle Erklärung gibt es – wie bei vielen Handlungen auf beide Seiten übrigens in diesen Tagen – nichts. Auf dem Durchsuchungsbeschluss stand etwas von Gefahrenabwehr.

Imad verkauft wieder Bücher als sei nichts geschehen…

Ein ganz normaler Tag in Jerusalem, an dessen Ende einmal mehr viele Fragezeichen als Antworten stehen. „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten“, schrieb einst Dietrich Bonhoeffer. Ahmad, wir sehen uns wieder.

Epilog: Durch den Krieg von 1948 teilte sich Jerusalem in West und Ost, in Jüdisch und Arabisch. Im Jahr 1967 besetzte Israel den Osten, den bis dahin Jordanien besetzt hielt. Im Jahr 1980 annektierte es das Gebiet und erklärte seine Hauptstadt für unteilbar. 1984 erklärte Yassir Arafat ebenfalls Jerusalem als Hauptstadt Palästinas. Viele Palästinenser streben weiter nach einem eigenen Staat, mit Ostjerusalem als ihrer Hauptstadt. Es gibt kaum einen Ort auf der Welt, um den so heftig gerungen wird wie um diesen. Doch während der Status der Stadt selbst nach dem Abkommen von Oslo 1993 offiziell unklar bleibt, wird auch der Osten de facto immer jüdischer. Palästinensische Kulturorte verschwinden.

Einer der Buchläden der Familie Muna in der Salah Ad-din Street

PS: Die Polizei durchsuchte heute, am 11. März 2025, erneut die bekannte Buchhandlung in Ostjerusalem, und verhaftete diesmal den palästinensische Besitzer Imad, mit dem ich Mitte Februar gesprochen hatte, nachdem am 9. Februar sein Sohn Ahmad und sein Bruder Mahmoud kurzzeitig festgenommen wurden. Der Vorfall löste einen internationalen Aufschrei aus. Imad war mit seiner Frau – wie oben geschildert – zu der Zeit in England.

Gegenüber „The Times of Israel“ bestätigte Mahmoud Muna, Miteigentümer des Educational Bookshop, heute, die Polizei habe seinen älteren Bruder Imad mitgenommen. Er fügt hinzu, die Polizei habe ihnen keinen gerichtlichen Durchsuchungsbefehl vorgelegt.

Das Tor der Tränen

„Das Leben ist ein Privileg – lebt es bedeutungsvoll!“ (Mordechai Amujal, gefallener Soldat in Israel)

Jerusalems berühmtestes Tor ist wohl das Jaffa-Tor. Das behaupte ich jetzt mal ganz kühn – mit meinen Erfahrungen von einem Monat in dieser Stadt. Wahrscheinlich wird sich Merle, die ich hier kennengelernt habe, und die aus meiner Heimat kommt, totlachen über meine Forschheit. Und auch Joachim Lenz, der Probst von Jerusalem, wird einmal mehr weise den Kopf schütteln und sagen: „Wer zwei Wochen hier ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre da ist, möchte lieber gar nichts mehr sagen.“ Aber nun bin ich hier, und schreibe mir meine Erlebnisse von der Seele. Urteilt huldvoll.

Das Jaffa-Tor führt von der Neustadt – auch Weststadt – in das christliche und armenische Viertel sowie in die gesamte Altstadt. Es stammt aus dem 6. Jahrhundert (n. Chr. – das ist hier wichtig, weil es gibt auch viele Bauwerke v. Chr.). Der Weg durch das Tor beschreibt eine 90°-Kurve, wodurch Angreifer daran gehindert werden sollten, schnell durch das Tor zu brechen – ein Knicktor. Und es gibt eine berühmte Legende, wie zu allem hier – wir sind in Jerusalem. Für den Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. im damaligen Osmanischen Reich zur Einweihung der Erlöserkirche 1898 sei neben dem Tor ein kleines Stück der Stadtmauer abgerissen worden, damit olle Wilhelm zu Pferde in die Stadt einziehen konnte, wie ein Eroberer. Nach muslimischer Tradition. Stimmt nicht. Wie gesagt, das ist eine Legende. Sultan Abdüllhamid II. ließ die Mauer einreißen, um dem beginnenden Autoverkehr und großen Fuhrwerken Einlass in die Altstadt zu gewähren.

Heute ist das alte Stadttor mit Stickern vollgeklebt. Mit Stickern von Fotos und Lebenssprüchen gefallener Soldaten, wie man sie hier überall vorfindet – an Bushaltestellen, Laternenmasten, Stromkästen, Türen… Merle spricht vom Stickermuseum. Für mich ist es eher ein Tor der Tränen. Junge Gesichter, lachende Männer und Mädchen mit viel zu frühen Sterbedaten.

Sticker toter Soldaten am Jaffa Tor

Einer von ihnen ist Mordechai Amujal. Er fiel im Oktober 2024 im Südlibanon. Merle Hofer hat auf ihrem Portal „Israelnetz“ über ihn geschrieben. Mordechai wurde 42 Jahre. Er hatte sein Ingenieur-Studium einst mit Auszeichnung bestanden, bat aber seine Frau, das niemandem zu verraten. Er hat sechs Kinder. Seine Frau heißt Rina, sein Vater Aaron. Dieser sagte bei der Beerdigung auf dem Herzl-Berg in Jersualem, fünf Minuten vom Holocaust Museum Yad Vaschem entfernt: „Für mich und deine Mutter war es ein Geschenk, dass wir dich großziehen durften.“ Und: „Rina, wir werden dich niemals allein lassen. Wir werden immer für dich und die Kinder da sein.“

Mordechai Amujal, gefallen am 23. Oktober 2024 im Süd-Libanon

Eigentlich hätte Mordechai nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden können, wie gesagt, er hat sechs Kinder. Aber er hatte sich freiwillig gemeldet. Er trat seinen Dienst in der Carmeli-Brigade, im Bataillon 22, an, als der Krieg im Norden gegen die Hisbollah losging. „Nicht etwa aus Abenteuerlust oder weil du Langeweile hattest. Auch nicht, weil du diesen blutigen Krieg gutheißt. Sondern weil du Verantwortung übernehmen wolltest. Und weil du verstanden hast, dass es bei diesem Krieg um die Existenz deines Landes, deines Volkes und deiner Familie geht“, schreibt Merle Hofer auf Israelnetz.

Und sie notiert in ihrem sehr persönlichen Artikel, den ihr hier lesen könnt, auch: „Als dein Vater, dein Bruder und dein Sohn Nadav – mit seiner hellen kindlichen Stimme und mit seinen zwölf Jahren noch nicht einmal religionsmündig – gemeinsam das Kaddisch, das Totengebet, sprachen, da blieb wohl kein Auge trocken.“ 250 Tage war Mordechai im Einsatz, nicht mal ein Jahr. Sein Lebensmotto hat seine Familie auf den Sticker drucken lassen, der jetzt hundert- wenn nicht tausendfach in Israel präsent ist. „Das Leben ist ein Privileg – lebt es bedeutungsvoll!“

Screenshot von der Spendenplattform für Mordechais Familie mit seiner Frau Rina und den Kindern Shira (13), Nadav (12), Ayana (10), Tamar (8), Dror (6) und Talia (4)

Ein anderer Sticker am Jaffa Tor zeigt das Foto von Uriah Bayer. Ein fröhlicher junger Mann mit deutscher Staatsbürgerschaft, Sohn einer deutschen christlichen Familie. Kurz vor Weihnachten starb er nach schweren Verletzungen in Gaza. Der Oberstabsfeldwebel war bei Kämpfen im Gazastreifen am Kopf verwundet worden. Mehrere Medien berichteten über eine „bemerkenswerte Geschichte“ eines „aufrechten und freundlichen“ jungen Mannes. Israels Staatspräsident Jitzchak „Bougie“ Herzog nahm gelegentlich bei offiziellen Empfängen den Einsatz eines deutschen Staatsbürgers als Beleg für den gerechten Einsatz der israelischen Armee im Gaza Steifen. Was für eine Unverfrorenheit.

Uriahs Großeltern und Eltern waren 1972 nach Israel gekommen und hatten 1984 im nordisraelischen Ma’alot das Pflegeheim „Beit Eliezer“ für Holocaust-Überlebende gegründet. Es wird heute vom Vater des toten Soldaten geleitet. Mit der Gründung wollte die Familie Sühne für die Verbrechen der Nazis tun, verlautete von Bekannten der Familie. Seine Schwester Odelia sagte der israelischen Zeitung „Yedioth Acharonoth“ vor vier Jahren über das von deutschen Christen betriebene Altenheim in der nordisraelischen Stadt: „Mein Großvater erinnerte sich sehr gut daran, wie in Nazideutschland unschuldige Juden misshandelt wurden. Sein Traum war, etwas wieder gutzumachen, dem jüdischen Volk zu helfen.“

Uriah und seine Familie haben keine israelische Staatsbürgerschaft. Der 20-Jährige hatte keine Verpflichtung zum Wehrdienst und meldete sich als deutscher Israeli freiwillig zur Armee. „Der Herr ist mein Licht“, steht auf seinem Sticker in Deutsch. Und: „Vergiss nicht zu lächeln!“

Bekannt geworden ist auch die Geschichte des 21-jährigen Ivri Dickstein. Einen Sticker von ihm konnte ich bislang noch nicht entdecken. Sein von ihm zum Sabbat in Auftrag gegebener Blumenstrauß erreichte seine Frau, als sie von seiner Beerdigung zurückkam. Auch das ist Israel in diesen Tagen.

Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer von den Grünen hat im Zusammenhang mit den Kriegsverbrechen von Slobodan Milošević im Kosovo im Mai 1999 gesagt: „Um den Frieden zu erreichen, würde ich sogar dem Teufel die Hand schütteln.“ Das war noch Politik. Das waren noch Politiker.

Den Toten helfen keine gewonnen Kriege.

P.S. Als ich diesen Text im Kopf formte, hatte die Hamas noch nicht das Abkommen über die Geiselfreilassungen gebrochen. Jetzt finde ich ihn um so nötiger.