Das Tor der Tränen

„Das Leben ist ein Privileg – lebt es bedeutungsvoll!“ (Mordechai Amujal, gefallener Soldat in Israel)

Jerusalems berühmtestes Tor ist wohl das Jaffa-Tor. Das behaupte ich jetzt mal ganz kühn – mit meinen Erfahrungen von einem Monat in dieser Stadt. Wahrscheinlich wird sich Merle, die ich hier kennengelernt habe, und die aus meiner Heimat kommt, totlachen über meine Forschheit. Und auch Joachim Lenz, der Probst von Jerusalem, wird einmal mehr weise den Kopf schütteln und sagen: „Wer zwei Wochen hier ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre da ist, möchte lieber gar nichts mehr sagen.“ Aber nun bin ich hier, und schreibe mir meine Erlebnisse von der Seele. Urteilt huldvoll.

Das Jaffa-Tor führt von der Neustadt – auch Weststadt – in das christliche und armenische Viertel sowie in die gesamte Altstadt. Es stammt aus dem 6. Jahrhundert (n. Chr. – das ist hier wichtig, weil es gibt auch viele Bauwerke v. Chr.). Der Weg durch das Tor beschreibt eine 90°-Kurve, wodurch Angreifer daran gehindert werden sollten, schnell durch das Tor zu brechen – ein Knicktor. Und es gibt eine berühmte Legende, wie zu allem hier – wir sind in Jerusalem. Für den Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. im damaligen Osmanischen Reich zur Einweihung der Erlöserkirche 1898 sei neben dem Tor ein kleines Stück der Stadtmauer abgerissen worden, damit olle Wilhelm zu Pferde in die Stadt einziehen konnte, wie ein Eroberer. Nach muslimischer Tradition. Stimmt nicht. Wie gesagt, das ist eine Legende. Sultan Abdüllhamid II. ließ die Mauer einreißen, um dem beginnenden Autoverkehr und großen Fuhrwerken Einlass in die Altstadt zu gewähren.

Heute ist das alte Stadttor mit Stickern vollgeklebt. Mit Stickern von Fotos und Lebenssprüchen gefallener Soldaten, wie man sie hier überall vorfindet – an Bushaltestellen, Laternenmasten, Stromkästen, Türen… Merle spricht vom Stickermuseum. Für mich ist es eher ein Tor der Tränen. Junge Gesichter, lachende Männer und Mädchen mit viel zu frühen Sterbedaten.

Sticker toter Soldaten am Jaffa Tor

Einer von ihnen ist Mordechai Amujal. Er fiel im Oktober 2024 im Südlibanon. Merle Hofer hat auf ihrem Portal „Israelnetz“ über ihn geschrieben. Mordechai wurde 42 Jahre. Er hatte sein Ingenieur-Studium einst mit Auszeichnung bestanden, bat aber seine Frau, das niemandem zu verraten. Er hat sechs Kinder. Seine Frau heißt Rina, sein Vater Aaron. Dieser sagte bei der Beerdigung auf dem Herzl-Berg in Jersualem, fünf Minuten vom Holocaust Museum Yad Vaschem entfernt: „Für mich und deine Mutter war es ein Geschenk, dass wir dich großziehen durften.“ Und: „Rina, wir werden dich niemals allein lassen. Wir werden immer für dich und die Kinder da sein.“

Mordechai Amujal, gefallen am 23. Oktober 2024 im Süd-Libanon

Eigentlich hätte Mordechai nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden können, wie gesagt, er hat sechs Kinder. Aber er hatte sich freiwillig gemeldet. Er trat seinen Dienst in der Carmeli-Brigade, im Bataillon 22, an, als der Krieg im Norden gegen die Hisbollah losging. „Nicht etwa aus Abenteuerlust oder weil du Langeweile hattest. Auch nicht, weil du diesen blutigen Krieg gutheißt. Sondern weil du Verantwortung übernehmen wolltest. Und weil du verstanden hast, dass es bei diesem Krieg um die Existenz deines Landes, deines Volkes und deiner Familie geht“, schreibt Merle Hofer auf Israelnetz.

Und sie notiert in ihrem sehr persönlichen Artikel, den ihr hier lesen könnt, auch: „Als dein Vater, dein Bruder und dein Sohn Nadav – mit seiner hellen kindlichen Stimme und mit seinen zwölf Jahren noch nicht einmal religionsmündig – gemeinsam das Kaddisch, das Totengebet, sprachen, da blieb wohl kein Auge trocken.“ 250 Tage war Mordechai im Einsatz, nicht mal ein Jahr. Sein Lebensmotto hat seine Familie auf den Sticker drucken lassen, der jetzt hundert- wenn nicht tausendfach in Israel präsent ist. „Das Leben ist ein Privileg – lebt es bedeutungsvoll!“

Screenshot von der Spendenplattform für Mordechais Familie mit seiner Frau Rina und den Kindern Shira (13), Nadav (12), Ayana (10), Tamar (8), Dror (6) und Talia (4)

Ein anderer Sticker am Jaffa Tor zeigt das Foto von Uriah Bayer. Ein fröhlicher junger Mann mit deutscher Staatsbürgerschaft, Sohn einer deutschen christlichen Familie. Kurz vor Weihnachten starb er nach schweren Verletzungen in Gaza. Der Oberstabsfeldwebel war bei Kämpfen im Gazastreifen am Kopf verwundet worden. Mehrere Medien berichteten über eine „bemerkenswerte Geschichte“ eines „aufrechten und freundlichen“ jungen Mannes. Israels Staatspräsident Jitzchak „Bougie“ Herzog nahm gelegentlich bei offiziellen Empfängen den Einsatz eines deutschen Staatsbürgers als Beleg für den gerechten Einsatz der israelischen Armee im Gaza Steifen. Was für eine Unverfrorenheit.

Uriahs Großeltern und Eltern waren 1972 nach Israel gekommen und hatten 1984 im nordisraelischen Ma’alot das Pflegeheim „Beit Eliezer“ für Holocaust-Überlebende gegründet. Es wird heute vom Vater des toten Soldaten geleitet. Mit der Gründung wollte die Familie Sühne für die Verbrechen der Nazis tun, verlautete von Bekannten der Familie. Seine Schwester Odelia sagte der israelischen Zeitung „Yedioth Acharonoth“ vor vier Jahren über das von deutschen Christen betriebene Altenheim in der nordisraelischen Stadt: „Mein Großvater erinnerte sich sehr gut daran, wie in Nazideutschland unschuldige Juden misshandelt wurden. Sein Traum war, etwas wieder gutzumachen, dem jüdischen Volk zu helfen.“

Uriah und seine Familie haben keine israelische Staatsbürgerschaft. Der 20-Jährige hatte keine Verpflichtung zum Wehrdienst und meldete sich als deutscher Israeli freiwillig zur Armee. „Der Herr ist mein Licht“, steht auf seinem Sticker in Deutsch. Und: „Vergiss nicht zu lächeln!“

Bekannt geworden ist auch die Geschichte des 21-jährigen Ivri Dickstein. Einen Sticker von ihm konnte ich bislang noch nicht entdecken. Sein von ihm zum Sabbat in Auftrag gegebener Blumenstrauß erreichte seine Frau, als sie von seiner Beerdigung zurückkam. Auch das ist Israel in diesen Tagen.

Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer von den Grünen hat im Zusammenhang mit den Kriegsverbrechen von Slobodan Milošević im Kosovo im Mai 1999 gesagt: „Um den Frieden zu erreichen, würde ich sogar dem Teufel die Hand schütteln.“ Das war noch Politik. Das waren noch Politiker.

Den Toten helfen keine gewonnen Kriege.

P.S. Als ich diesen Text im Kopf formte, hatte die Hamas noch nicht das Abkommen über die Geiselfreilassungen gebrochen. Jetzt finde ich ihn um so nötiger.

Zwischenruf: Geiselfreilassung

„Er ist 57, aber er sieht zehn Jahre älter aus. Er sieht aus wie ein Skelett.“ (Mutter einer der am Sonnabend freigelassenen Geiseln)

Es ist kalt in diesen Tagen in Jerusalem. Es ist kalt in Israel. Meteorologisch ist es halt Winter. Normal. Morgens fünf Grad Celsius. Politisch herrscht seit dem Oktober 2023 Permafrost. Das Bild in Ostjerusalem – u.a. die gesamte Altstadt – hat sich nocheinmal verschärft. Permanent werden arabische Jugendliche von israelischen Soldaten nach Waffen durchsucht. Die Stadt rüstet sich für den Ramadan ab Ende Februar. Ausschreitungen werden befürchtet.

In diese Situation hinein gingen gestern die Bilder der Freilassung der nächsten drei Geiseln durch das gesamte Land – und um die Welt. Die Bewohner vom Kibbuz Be‘eri hatten sich mit einem Fest auf die Befreiung der drei Männer vorbereitet, von denen zwei aus dem Kibbuz am Gazastreifen stammen. Sie wohnen seit 490 Tagen in einer Hotelanlage am toten Meer, umgesiedelt nachdem bei dem Massaker in ihrem Dorf 132 Menschen von der Hamas umgebracht wurden. 125 Häuser wurden zerstört. Die Terroristen verschleppten 32 Menschen aus der Dorfgemeinschaft.

Sie haben einen Traktor mit Plakaten der Entführten vor das Hotel gestellt. Sogar ihre Kühe wurden umgesiedelt. Hier ans tote Meer, wo kein Grashalm wächst. Sie haben auf ihre Familienmitglieder 490 Tage gewartet und gehofft. Ein Kibbuz ist wie eine Familie. Doch dann das Unerwartete.

Als gestern die Live-Bilder aus der Stadt Deir Al-Ballah im Gazastreifen die Geiseln zeigen, mischt sich in die unbändige Freude der Kibbuzniks ein riesengroßer Schock. Die drei Männer – Or Levy, Eli Sharabi und Ohad Ben Ami – scheinen nach 491 Tagen in Gaza völlig ausgemergelt und so schwach, dass sie sich kaum auf ihren Beinen halten können. Die Mutter von Ben Ami, sagt laut The Times of Israel entsetzt: „He looks terrible. He is 57, but he looks ten years older. It is so sad for me to see him like this. He looked like a skeleton.” Er sieht wie ein Skelett aus.

So berichtet die israelische Zeitung Ha’aretz über dem Empfang, den die Kibbuz-Bewohner den Geiseln aus ihrem Dorf machen wollten, und was sie dann sahen….

Die Männer sind wie bei jedem Austausch auf einer Bühne zu sehen. Zwei haben hellbraune Jogginganzüge an. Auf der Brust tragen sie Aufkleber, die sie selbst als Geiseln zeigen. Sie sind umringt von vermummten Terroristen mit Maschinengewehren im Anschlag, die die Fäuste ballen. Hinter ihnen auf einem Banner der Satz auf Arabisch, Hebräisch und Englisch: „Wir sind die Flut. Wir sind der Tag danach“, in Anspielung auf die Diskussionen, vor allem in Israel und den USA, um die Macht in Gaza am Tag nach dem Krieg. Die Terroristen feiern auch diesen Tag als „totalen Sieg“, so steht es auf den Plakaten. Die Geiseln müssen erklären, dass sie gut behandelt wurden. Man kann sich selbst ein Urteil bilden. Auf (Sensations-)Bilder von Al Jazeera verzichtet der Blogschreiber.

Zum Zeitpunkt der Geiselübergabe, wie immer begleitet vom Roten Kreuz, weiß Eli Sharabi, der ebenfalls aus Be’eri stammt, noch nicht, dass seine Frau Lianne und die Töchter Noiya, 16, und Yahel, 13, am 7. Oktober von Terroristen in ihrem Haus ermordet wurden. Gestern fand keine Feier der ehemaligen Dorf-Bewohner von Be‘eri mehr statt.

Im Gegenzug ließ Israel 183 Palästinenser frei, die in israelischen Gefängnissen festgehalten wurden. Zum Teil Terroristen. Auch sie geschunden. Übergeben in aller Stille. Auch für sie gab es diesmal auf palästinensischer Seite keine Feier, kein Feuerwerk, keinen Siegesrausch, zumindest ist in englischsprachigen Zeitungen in Israel nichts davon zu lesen.

Es ist kalt in Israel in diesen Tagen. Die Verletzungen scheinen zu wachsen, statt zu schrumpfen. Niemand weiß, wie es nach dem Waffenstillstand weitergehen wird.

(PS: Der Beitrag entstand aus aktuellem Anlass. Das Titelfoto stammt aus dem Jahr 2022, wird aber umgehend durch ein aktuelles ersetzt.)

Zwischenstopp im Heiligen Land – Walz in Israel

„Ziehe den Hut vor niemandem, außer in der Kirche und am Tisch. Trage immer deine Kluft. Verlasse deinen Ort immer so, dass der Nächste willkommen ist.“ (Grundregeln der Gesellen)

Philippe Saner und Ragnar Merlin Kessler über den Dächern von Jerusalem

Viele Wege führen nach Rom. So sagt zumindest ein Sprichwort. Und da geht es lediglich um den Stellvertreter Gottes. Aber wie viele Wege mag es geben, um nach Jerusalem zu kommen? Man kann den Kreuzfahrern folgen. Und damit sind nicht die Schiffe gemeint. Ich kenne inzwischen zwei Möglichkeiten. In vier Stunden gelangt man vom BER – ja das ist keine Legende, den gibt es – zum Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv. Und nochmal eine halbe Stunde dauert es mit einem super modernen Schnellzug – kein ICE der Deutschen Bahn – bis nach Jerusalem. Sagen wir fünf Stunden bis Jerusalem. Man kann aber auch 50 Tage damit verbringen. So wie die Zimmergesellen Philippe Saner aus der Schweiz und Ragnar Merlin Kessler aus dem deutschen Hameln. Ohne CO2-Fußabdruck eines Vier-Stunden-Fluges. Wow.

Philippe und Ragnar sind am 1. Dezember in Stuttgart aufgebrochen und am 20. Januar in Jerusalem angekommen. Die beiden Gesellen sind auf der Walz. Nun höre ich schon meinen Freund und besten Wirtschafts-Journalisten Torsten raunen, jetzt ist er ganz durchgedreht auf seinem Israel Trip. Auf der Walz in Israel, wo gibt’s denn so etwas? Dachte ich bis vor wenigen Tagen auch, bevor ich den beiden hier auf dem Zionsberg begegnet bin. Aber jetzt weiß ich, dass die 22-jährigen nicht nur die Welt sehen, andere Kulturen kennen lernen und ihr Handwerk vervollkommnen wollen, was das Ziel der Gesellen-Wanderschaft ist. Nein, sie haben sich vorgenommen, bis nach Nepal weiter zu wandern, zu trampen, oder ganz in Ausnahmen auch mal einen Flug zu nehmen. Wenn man so gar nicht mehr weiterkommt. Zum Beispiel, wenn man auf einer Insel strandet. Dazu gleich.

Also auf der Walz in Israel. Angekommen dank eines freundlichen Abtes, Nikodemus Schnabel, in der Dormitio, und dort ein kleines Stück Arbeit gefunden. Bevor es weitergeht. Vereinbart haben sie nämlich mit weiteren vier Gesellen, sich am 22. März in Kathmandu bei Mac Donalds zu treffen. Ja, die Jungs sind eben 22 Jahre alt. Was sonst, halt Mac Donalds. Aber der Grund ist ein anderer und relativ einleuchtend. In Kathmandu gibt es Tempel und Watts, also Klöster, zuhauf, aber nur einen einzigen Mac Donalds. Macht Sinn. Was man da auch immer essen kann. „18 Uhr, am 22. März, plus, minus eine Woche“, erzählt Ragnar. Klingt in meiner Welt wie der Brave Soldat Schwejk: Nach dem Krieg um Vier.

Stolz auf das Zimmerwerk im Klostergarten in Jerusalem, Philippe (r.) und Ragnar

Um es vorweg zu schicken, Philippe und Ragnar behaupten – glaubhaft – keine Handys zu besitzen. Handys, Laptops und ähnlicher Internetzauber sind den Wandergesellen verboten. Die Tradition kommt schließlich aus dem Mittelalter. Und da war es schlecht mit Funkmasten. Da gab es mehr so Galgen. Sie fragen sich durch, gehen in Bibliotheken, um mal eine E-Mail zu schreiben, oder borgen sich ein Handy, wenn sie nicht mehr weiterkommen oder eine Bleibe suchen. Ragnar hatte einmal von Abt Nikodemus gehört, und sich dann auf der Walz in Ägypten ein Handy geborgt, sagt er, und Nikodemus angeschrieben. Der antwortete prompt und nun sind sie hier. Kann ich in meinem Gartenhaus hier in der Dormitio ähnlich bestätigen. Eine Mail. Eine freundliche Einladung. Und nun bin auch ich hier. Die beiden verdienen sich ihren Unterhalt mit Zimmerarbeiten im Kloster. Bei mir sind es eher die Geschichten aus und um das Kloster. Geld lässt sich allerdings bei den Kirchenzeitungen nicht verdienen. Aber das ist ein anderes Therma.

Apropos Handy: Ich gebe zu, ich habe zwei. Und mir erklärt jetzt ein 22-Jähriger, dass man auch ohne Handy locker auskommen könne, man muss es nur wollen. Aha, verkehrte Welt. „Es ist sehr entspannt“, erzählt Philippe auf dem Dach des Studienhauses der Dormitio Abtei, wo wir über West-Jerusalem blicken, „man ist nicht ständig im Gespräch mit Leuten, die 1000 Kilometer entfernt sind. Mein Umfeld ist Ragnar und die vier Menschen, die wir in Kathmandu treffen. Das geht auch ohne Handy.“ Logisch? Logisch!

Großer Vorteil: „Wir schreiben wieder Postkarten. Wenn die bei meiner Freundin ankommt, dann steht darauf: War in Israel. Alles gutgegangen.“ Kommt wahrscheinlich nach drei Wochen an. Und die beiden sind längst in Indien. Sich aufzuregen lohnt sich dann auch nicht mehr. „Vor dem Nahen Osten haben alle Angst“, berichtete Ragnar aus Hameln aus Familiengesprächen vor der Walz. „Aber jetzt sind wir hier, und es ist alles anders, als alle denken. Der Schweizer Philippe erzählt, dass seine Freundin in Norwegen ihm schon die Hölle heiß gemacht habe, und deren Mutter erst… „Die Frage war nur, gehen wir hier im Land schnell weiter, oder bleiben wir ein paar Tage.“ Sie blieben. Der Arbeit wegen. Und der Stadt wegen – Klagemauer, Felsendom, Davids Thomb, Grabeskirche… In Bethlehem waren sie auch, nur acht Kilometer mit dem Bus.

Sie bleiben und bauen den Mönchen in der Dormitio Abtei im Garten einen schönen Verschlag für irgendwelche hässlichen Stromkästen. Sogar ein Kreuz haben sie hineingewerkelt. Worauf sie stolz sind. Und offenbar sind die Mönche höchst zufrieden, zumal das Material auch irgendwie von heimischen Handwerkern liegengeblieben war.

Aber dann wollen die beiden auch weiter. In ganzer Kluft, Hut, Weste und Zimmermannshose. Ihr großes Gepäck haben sie bereit in der Türkei zurückgesandt, berichtet Philippe. Zuviel, nicht notwendig, störend. „Wie müssen auch sehen, wie wir vorankommen.“ Am nächsten Tag wollen sie über die Allenby-/King Hussein-Brücke weiter nach Jordanien. Das ist der derzeit einzige Grenzübergang für Autos und Fußgänger vom Westjordanland nach Jordanien.

Ragnar: „Nach der Walz mache ich meinen Meister. Vorher war ich mir nicht sicher, aber jetzt, ja.“

Philippe und Ragnar wollen einen Bus am Damaskustor in Jerusalem nehmen. Ein arabischer Busbahnhof. Da muss man sehen, wie man mitkommt. Aber Bedenken haben sie nicht. Im Gegenteil, Ragnars Pass ist zwar fast abgelaufen. Aber er hat einen neuen in Ankara beantragt, und die Botschaft in der Türkei hat ihm zugesagt, die neuen Papiere an die Botschaft in Amman zu senden. Schaun mer mal, sagt der Bayer.

Aber wer der Route folgt, die die beiden beschreiben, kann kaum Zweifel haben, dass sie ihren Weg gehen: Deutschland. Österreich. Ungarn. Rumänien. Bulgarien. Serbien. Bosnien. Montenegro. Albanien. Kosovo. Nordmazedonien. Griechenland. Türkei. Zypern. Ägypten. Israel. Ja, jetzt kommt die Stelle mit dem Flugzeug. Nach Zypern sind sie ja noch mit einer Fähre gekommen. Aber dann war Schluss auf der Insel. Irgendwie rundum Mittelmeer. Für ein paar Euro mussten sie schließlich doch einen Flug nach Ägypten buchen. War nicht so gedacht, aber ging nicht anders.

„Für Fahrt und Unterkunft haben wir keine, oder kaum Kosten“, erzählt Philippe. Und so wird es weitergehen. Auf der Walz aus Israel. Zu dessen Konflikten zucken sie nur die Schultern. Sie sind nur ein paar Tage hier, dann Jordanien, Saudi Arabien, irgendwie Dubai, wer weiß…

Rasierapparat und Nähzeug, das Reisegepäck des Gesellen

„Ziehe den Hut vor niemandem, außer in der Kirche und am Tisch. Trage immer deine Kluft. Und verlasse deinen Ort immer so, das der Nächste willkommen ist.“ Das sind drei Grundregeln der Gesellen auf der Walz. Kommt gut weiter, Philippe und Ragnar, schön euch getroffen zu haben. Hier ist Israel. Wenn ich künftig den australischen Country Song „Waltzing Matilda“ höre, schlage ich einen Nagel für euch ein. Wo auch immer.