Das Hotel mit dem schlechtesten Ausblick der Welt -Westjordanland

Walls are hot right now, but I was into them long before Trump made it cool.” (Der britische Street-Art-Künstler Banksy „Mauern sind im Moment angesagt, aber ich war schon lange auf sie fixiert, bevor Trump sie cool machte.“)

Da ist es also, das Hotel mit dem schlechtesten Ausblick der Welt. Hier an der Mauer in Bethlehem, die an dieser Stelle 8 Meter hoch ist. Und die auf viele Tausende Meter den Blick auf die Berge rundum versperrt. Und auf die Freiheit. Und auf die Welt. Und auf Israel. Und seit dem 7. Oktober ist alles noch einmal schlimmer geworden. Dazu später.

„The Walled Off Hotel“ wurde vom wahrscheinlich bekanntesten unbekannten Künstler der Welt eingerichtet und gestaltet. Banksy, der in Deutschland gerade gefeierte Brite aus Bristol. Bei seiner Einweihung 2017 war das Hotel ein Statement Banksys. 50 Jahre nach dem Sieben-Tage-Krieg. 100 Jahre nach der Balfour-Deklaration, mit der Großbritannien als Mandatsmacht 1917 sein Einverständnis zur Errichtung eines jüdisches Staates gab. „Es ist exakt 100 Jahre her, dass Großbritannien die Kontrolle über Palästina übernommen und damit begonnen hat, die Möbel umzustellen – mit chaotischen Resultaten. (…) Ein guter Zeitpunkt, darüber zu reflektieren, was passiert, wenn das Vereinigte Königreich große politische Entscheidungen trifft, ohne die Konsequenzen zu begreifen“, wird Banksy zitiert.

Das könnte man heute natürlich überall in den Krisengebieten dieser Welt mit wechselnden Mächten zitieren. Vor allem mit den USA – nicht erst seit Donald Trump. Aber zur Stunde ist Trump wieder dabei, sich einzumischen. Und zwar genau hier in der Westbank

Das eingemauerte Hotel (Walled off Hotel) ist eine Anspielung auf die Luxus-Hotelkette Waldorf Astoria. 10 Kilometer entfernt im Stadtkern Jerusalems ist ein Waldorf Astoria-Hotel eine der teuersten Adressen.

Das abgeriegelte Hotel nur vier oder fünf Meter gegenüber der Mauer hat alles, was ein Hotel haben muss. Acht Zimmer und eine Präsidentensuite. Am Eingang einen Stofftier-Schimpansen als Portier-Attrappe, der in Banksys Werken immer wiederkehrt. Das Highlight bei der Hotel-Einweihung war das Zimmer 3, Banksys Room. Hier hat der Künstler über dem Kingsize-Bett eines seiner Graffitis an die Zimmerwand gesprüht. Ein Palästinenser und ein Israeli bei einer Kissenschlacht. Der Nachbau schmückt aktuell nahezu jede der Banksy-Ausstellungen, die derzeit in Europa und der Welt touren. Und es mag dem linksintellektuellem Betrachter einen wohligen Schauer der Solidarität mit dem palästinensischen Volk über den Rücken jagen. Wie aufgeschlossen wir doch sind.

In einer Banksy-Schau in Hamburg, anderer Beitrag, selber Blog

Aber längst ist aus der Kissenschlacht, die nie eine war, einmal mehr blutiger Ernst geworden. Seit dem Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg Israels gegen die Hamas und andere Terrororganisationen – mit Kriegsverbrechen auf beiden Seiten und einem internationalen Haftbefehl gegen Benjamin Netanyahu. Jeder kann das Leid in den Nachrichten verfolgen.

Das Hotel ist seit dem 12. Oktober 2023 geschlossen. Der Ausblick bleibt verbaut, von der Mauer gegenüber, die längst über und über mit Graffitis – auch vom Künstler selbst – besprüht ist. Ein Ausblick auf die Realität der Menschen im Westjordanland. Eingemauert, eingesperrt, und doch ebenso im Heiligen Land lebend wie auf der anderen Seite. Hier in Bethlehem steht die Geburtskirche Christi. Im acht Kilometer entfernten Jerusalem steht seine Grabeskirche. Nicht weit gekommen im jungen Leben, der jüdische Prophet. Und doch wäre Jesus heute ohne Permit, Einreisegenehmigung, nicht mal soweit gekommen.

Rund um das Hotel finden sich Banksys Graffitis – ob von ihm oder nicht

Hier vor Ort, an der Acht-Meter-Mauer und den Checkpoints läuft dem Betrachter im Westjordanland kein wohliger, sondern ein kalter Schauer über den Rücken. Zumal, wenn man weiß, wie es ist, hinter einer Mauer zu leben, wie als Ostdeutscher… Wie in Zypern, Mexiko zu den USA, oder Nordkorea. Natürlich maße ich mir nicht an, das elende Leben in Nordkorea oder sonstwo zu beurteilen. Aber beklemmend ist es hier auch, selbst wenn man nur Besucher ist.

Mein Fahrer Hasan fährt mich ein ganzes Stück entlang der Mauer. Sightseeingtour für Grummeln im Bauch. Sagen will Hasan nichts über die Situation in Gaza oder hier im Westjordanland. Noch nicht, später schon. Ihn, der sieben Kinder hat, und der mir ihre Fotos auf dem Handy zeigt, beschäftigen in diesen Tagen und Monaten, 486 Tage nach dem Hamas-Angriff und Kriegsbeginn, nicht die Flüchtlingsströme, die derzeit wieder Nord-Gaza erreichen. Ihn und seine Kollegen am Busstop treibt nur eines um: Keine Touristen, kein Geld, nichts zu beißen für die Familie mit den vielen Kindern. So klagt Hasan – auch wenn er mich gerade abgeschleppt hat.

Acht Meter hohe Mauern an der Grenze im Westjordanland

Die gleichen Klagen höre ich auch auf der anderen Seite der Mauer, wenn ich durch Jerusalems Innenstadt gehe und jeden dritten Laden mit schweren Eisentüren verrammelt vorfinde. Auch auf der israelischen Seite klagen die Händler, dass sie seit den besonders harten Corona-Beschränkungen in Israel keine Einnahmen mehr haben. Die Pilger bleiben weg, die Touristen erst recht. Mit Reisewarnungen belegt. Auf beiden Seiten die selben Sorgen. Und doch kommen beide Seiten nicht zueinander. Irgendjemand – habe vergessen, wer es war – sagte mir in den letzten Wochen, Kriege in Israel seien stets kurz gewesen, danach konnte sich die Wirtschaft wieder erholen. Netanyahu galt als Mann der Wirtschaft. Gerade deshalb verstehen hier viele nicht, warum das Töten anhält. Warum Netanyahu das Land leiden lässt.

Ich bin am späten Vormittag in Jerusalem aufgebrochen und habe mir den Bus 231 nach Bethlehem gesucht, um die Geburtskirche zu besuchen. Und um mit den Leuten zu reden. Die Fahrt über die 8 Kilometer dauert nur 25 Minuten. Doch es ist eine Fahrt in eine andere Welt, in die arabische Welt. Hasan steht wie viele andere Taxifahrer am Bus. Obwohl man die 1,7 Kilometer zu Geburtskirche hinauf locker laufen kann, gebe ich ihm ein paar Schekel, damit er mit mir eine Stadtrundfahrt macht. Und wie auf Bestellung hält er schließlich auch vor einem Haus und in der Innenstadt, ein Stück hinter der Geburtskirche. „Come my friend, I show you my Family.“ Die Kinder sind in der Schule, aber plötzlich finde ich mich von Nachbarn, alten Männern und und ein paar Jugendlichen umringt. Plötzlich bin ich mittendrin.

Kaum jemand hat noch Arbeit, klagen sie hier. Der Tourismus war eine Quelle. Aber Israel hat nach dem 7. Oktober auch alle Arbeits-Visa eingezogen. 200.000 Menschen verloren auf diese Weise ihren Job, recherchiere ich später. Man könne sich nicht mehr im eigenen Land bewegen, klagt ein anderer. Und er meint damit nicht den Weg über die Grüne Linie zwischen dem Westjordanland und Israel mit der 759 Kilometer langen Mauer. Nein, auch zwischen den Orten. 1400 Kilometer war der eiserne Vorhang in Deutschland. Aber die DDR hatte 108.000 Quadratkilometer, die Westbank 6000, kaum mehr als ein Zehntel.

Auf der Westbank gibt es inzwischen 900 Checkpoints. „Wir können nicht mal mehr unsere Onkel und Tanten besuchen“, schimpft ein junger Mann. Das Westjordanland ist knapp größer als der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte rund um Neubrandenburg. Besuche über die Mauer nach Israel, die nach der zweiten Intifada seit 2005 um das ganze Westjordanland gezogen wurde, sind kaum noch möglich. Dort hatte man früher Freunde. „Es gibt inzwischen junge Palästinenser, die waren noch nie in Israel, und umgekehrt“, grummelt ein Älterer. „Wie sollen wir je wieder zusammenleben.“ Woran erinnert mich das als Ostdeutscher?

Die Mauer von der israelischen Seite aus gesehen.

Drei Millionen Palästinenser wohnen im Westjordanland. 500.000 israelische Siedler haben sich inzwischen völkerrechtswidrig hier breit gemacht. Und nach dem 7. Oktober nahmen auch deren Angriffe immer mehr zu. 1400 Übergriffe habe es 2024 gegeben, recherchiere ich. 26.000 Olivenbäume wurden abgebrannt. 8700 Wohnungen von Siedlern entstanden neu.

Ja, es gibt auch hier im Norden, u.a. in Dschenin, wo ein großes Flüchtlingscamp ist, Angriffe von Terroristen der Hamas oder des Islamischen Tschihad. Anlass für Israel im rein völkerrechtlich palästinensisch verwalteten Gebiet, Einsätze zu fliegen und mit Waffen einzugreifen. Das schwächt die palästinensische Polizei im Ansehen. In der Politik spricht man inzwischen offen über eine Gazafikation der Westbank. Eine Zusage Netanyahus an die Rechtsextremisten in seiner Regierung im Gegenzug zu Waffenruhe in Gaza? Hasan versteht nichts von Politik. Er weiß nicht, was er dazu sagen soll, und lacht ein wenig verlegen. „My friend, this is not Gaza.“

In politischen Kreisen in Jerusalem spricht man offen darüber, dass die Reise Netanyahus zu Donald Trump in diesen Tagen, mit einer Zusage des US-Präsidenten für eine weitere Besetzung des Westjordanlandes enden könnte. Das Ende irgendeiner Zwei-Staaten-Lösung. Aber ist das zu weit hergeholt? In Jerusalem werden bereits die Kippas mit dem Trump-Foto verkauft…

Man trägt die Kippa in Jerusalem neuerdings t(r)ump rechts , auch wenn er hier links liegt

Als ich auf der Fahrt zurück in den Bus 231 steige, um nach Jerualem zu kommen, halten wir am Checkpoint auf einer Autobahn. Alle müssen aussteigen. Alle, vor allem Frauen, müssen ihre Papiere zeigen. Ein Mann wird zurück geschickt, Ich werde gründlich kontrolliert, Pass, Visa, die neue ETA-Genehmigung. Das dauert nur 20 Minuten. Aber 20 Minuten ein Scheiß-Gefühl ist auch genug.

Der Autor in Behtlehem

(Fotos: Autor)

„Alle Soldaten sind in meinem Alter. „

„Ich bin eine Deutsche, der man nicht ansieht, dass sie schon mal Krieg erlebt hat…“ (Martha Heider aus Ludwigslust)

Martha Heider im Beit Uri in Afula

Afula ist soetwas wie eine Nichtstadt, sagt mir Mishel in Jerusalem. „Was willst du in Afula? Da fährt man durch, wenn man nach Tiberias möchte, und gut.“ Dabei ist die Oberstadt sehr schön, finde ich, als ich ankomme. In den Bergen und mit schönen Häusern. Hier liegt auch das Beit Uri, ein Mini-Kibbuz, ein kleines Dorf, in dem Menschen mit Benachteiligungen betreut werden, auch von Freiwilligen aus Deutschland. Aber dazu kommen wir noch. Ich will es gleich vorwegschicken und neuen Fragen vorbeugen, die Flüchtlingsströme in Nord-Gaza und der Geisel-Austausch gehen nicht an diesem Blog vorbei. Mein Besuch im Westjordanland füllt den nächsten Teil

Im Reiseführer steht, Afula sei bekannt für seine Falafel. Nun gut, es muss halt immer was im Reiseführer stehen. Warum sollte man sonst in Afula Halt machen. Mein Freund Uwe Seppmann vom Beth Emmaus in Loiz bei Sternberg, der nicht nur ein christliches Gästehaus führt, sondern auch Hebräisch-Kurse gibt, hat über ein paar Ecken Martha Heider aus Ludwigslust für einen Freiwilligendienst in Israel begeistert. Nun zugegeben, Afula ist kaum größer als Ludwigslust. Und Menschen mit Beeinträchtigung kann man in den Lewitz-Werkstätten auch helfen. Und doch scheint Afula für Martha entscheidend anders.

Afula – knapp 20.000 Einwohner liegt die Stadt inmitten von Grün nördlich von Tel Aviv

„Es sind die Menschen, die mich hierher ziehen. Es ist alles wie eine große Familie. Hier ist es total normal, dass man zu seinem Glauben steht“, erzählt Martha. Als sie vor zwei Jahren in ihrer Klasse am Goethe-Gymnasium in Ludwigslust ihren Mitschülern von ihren Plänen erzählte, wurde sie nur gefragt: „Bist du jüdisch, oder was?“ Damals in der 11. hatte Martha bei Uwe Seppmann angefangen, Hebräisch zu lernen. Die Eltern sind befreundet. Hebräisch fiel ihr leicht. „Und eines Morgens bin ich aufgewacht, und wusste, ich muss da hin.“ Uwe Seppmann hat schon andere junge Leute von Israel begeistert, u.a. auch die Enkelin von Pastor Uwe Holmer, der 1990 Erich Honecker und seine Frau Margot bei sich aufnahm, und viele mehr. Ich würde mich ja auch gerne dazu zählen, lieber, Uwe, aber ich bin nicht mehr jung. So what.

„Junge Leute zieht es in den letzten Jahren verstärkt nach Israel in einen freiwilligen Dienst“, erzählt mir Uwe. „Als Vorbereitungshilfe biete ich Einführungskurse mit Sprachlehrgängen an. Organisiert wird das in der Regel von kirchlichen oder freikirchlichen Organisationen. Martha ist kurz vor dem Gaza-Krieg nach Israel geflogen. Wurde dann aber zurückgerufen. Doch persönliche Beziehungen lassen sich nicht durch staatliche Verordnungen auseinanderreißen.“ Uwe war selbst in den 70er Jahren lange in Israel. Er betreute u.a. behinderte Überlebende des Holocausts. Einem Anschlag in Nablus auf einen Bus der Aktion Sühnezeichen entging er nur knapp. Seine Liebe zu Israel tat dies keinen Abbruch.

Martha in ihrem Job im Beit Uri in Afula bei der Betreuung

Martha Heider kam mit anderen Freiwilligen aus Köln, München, Bonn, Fulda, Dresden am 23. August 2023 nach Israel. Es war ihr Traum, bevor sie ein Studium für Kinder- und Jugendtherapie in Nordhausen beginnen will. „Ich wollte weg aus Deutschland“, erzählt sie. „Nach der Schule in Ludwigslust einfach weg, die Welt anschauen.“ Erst dachte sie an Südamerika, auch Südafrika hätte sie sich vorstellen können. Aber dann kam eben die Sache mit dem Hebräisch. „Ich wollte das weiter machen.“

Doch nach sechs Wochen änderte sich alles. Für Martha. Für ihre Freundin Marie aus Fulda, die in Jerusalem in einem Kloster als Freiwillige die Öffentlichkeitsarbeit betreut. Und für viele andere aus ihrer Organisation „Internationaler Jugendfreiwilligendienst“ . Sie trafen sich bei einem Besuch in Jerusalem am 7. Oktober als die Hamas im Süden ein Musikfestival und auch den Kibbuz Nir Oz überfiel. Am 12. Oktober wurden sie evakuiert. Aufregende Tage. Die Eltern telefonierten sich die Finger wund, um einen Flug zu bekommen. Die Lufthansa war komplett ausgebucht. Aber schließlich schafften es doch alle 23 Freiwillige in einem Flugzeug zurückzukommen. Zu ihren Einsatzorten durften sie damals nicht mehr zurück. Es gab nur noch eine Reaktion nach dem Massaker im Süden: Zurück nach Deutschland – und das so schnell wie möglich.

Aus der Werkstatt der Bewohner mit besonderer Beeinträchtigung

Seitdem mochte Martha Jerusalem nicht mehr. „Wir mussten dort fünf Tage ausharren. Keiner wusste, was kommt. Ich fand es sehr dramatisch und wollte nicht gehen. Es war nicht leicht.“ Doch zu Hause in Ludwigslust wurde ihre Stimmung nicht besser. Martha war schlecht gelaunt. Sie blies Trübsal. Bis schließlich ihr Vater sie nach Weihnachten 2023 fragte, ob sie nicht zurückkehren wolle. „Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Mit der Organisation ging das natürlich offiziell nicht mehr. Da gab es ja die Reisewarnungen der Regierung. Aber mein Vater fragte mich, ob ich schonmal überlegt habe, als Tourist zurück zu kehren. Da wusste ich, was ich zu tun habe“, schildert Martha diese Situation. „Ich würde immer wieder zurückkommen“, sagt sie mir, wohl wissend, dass sie Ende März nach Deutschland für ihr Studium zurückkehrt.

Es ist Freitagvormittag Ende Januar 2025 im Beit Uri. Die Vorbereitungen für den Sabbat laufen. Im Café von Beit Uri in Afula wird um zehn Uhr morgens ein Geburtstag gefeiert. Martha soll auf dem Klavier spielen, eines der Instrumente, die sie beherrscht. Langsam treffen die Gäste in dem kleinen Café des Behindertendorfes ein. Neun Häuser gibt es hier, in denen 120 bis 130 Residents wohnen, also schlicht Bewohner. Martha arbeitet in einem der Häuser, betreut die Menschen dort, macht Musik mit ihnen. Andere töpfern, gärtnern, weben oder pflegen Tiere. „Sie macht einen harten Job“, sagt Ruth aus dem benachbarten Sabra House, in dem man sich der Erinnerung an den Holocaust und den Überlebenden widmet. Ruth muss es wissen, sie ist dreimal so alt wie Martha, die hier im letzten Mai erst ihren 19. Geburtstag feierte.

Geburtstagsfeier für Asaf, neben ihm seiner Mutter Henia

In „Beit Uri“ wird an diesem Freitag vor dem Sabbat Asaf, der Sohn von Henia Elior, gefeiert. Heute bleibt der Krieg mal außen vor. Asaf wohnt bereits 24 Jahre in „Uris Haus“. Die Einrichtung für Menschen, die eine besondere Hilfe benötigen, wurde in den 30er Jahren von der Tschechin Devora Schick gegründet. Sie floh damals mit ihrem behinderten Sohn Uri nach Palästina, um ihn vor der Gewalt der Nazis zu bewahren. Solche Geschichten begegnen einem hier auf Schritt und Tritt. Nachdem ihr Sohn gestorben war, widmete Devora Schick ihr Leben der Pflege und der Versorgung von Kindern mit Behinderung. Nun trägt dieses Haus den Namen ihres Sohnes. Sie selbst lebte bis zu ihrem Tod 2002 hier.

Geburtstag im Beit Uri

Es ist eine fröhliche Geburtstagsfeier für Asaf. Viele Gäste kommen. Die Israelis sind feierfreudige Menschen. Ihr Glaube hält viele Feiertage für sie bereit. Vielleicht ist es auch der Krieg, der ihnen den Wert des Lebens bewusst macht. Martha erzählt mir in den Stunden unseres Treffens von den Tagen im letzten Oktober, als die WarnApps Wellen von Angriffen aus dem Iran ankündigten. Heute wissen wir, dass die meisten der 200 ballistischen. Raketen abgefangen wurden. Damals saß Martha stundenlang im Bunker. „Alle Soldaten und Soldatinnen sind in meinem Alter“, sagt sie mehr zu sich als zu mir. „Das kann sich in Deutschland niemand vorstellen, dass Eltern hier auf diese Weise loslassen müssen.“ Inzwischen ist von knapp 800 israelischen Toten die Rede. „Ich bin eine Deutsche, der man zu Hause nicht ansieht, dass sie schon mal Krieg erlebt hat…“, sagt Martha Heider aus Ludwigslust.

Martha am Klavier

In Israel feiert man das neue Jahr niemals mit Feuerwerk. Zu sehr sitzt den Menschen der Geschosslärm im Bewusstsein. „Jede Generation hier hat einen Krieg erlebt“, resümiert die 19-Jährige aus Deutschland, erstaunlich reif, bevor sie sich an diesem Sabbat als Freiwillige aus Deutschland ans Klavier setzt, und ihren Residents und deren Gästen Lieder zum Geburtstag vorspielt.

Ein Autor auf einer Geburtstagsfeier in Israel (Fotos: Autor)

„Ich habe noch niemanden gehört, der einem wirklichen Friedensbeginn traut.“

„Es herrscht überall Misstrauen: Angst vor neuem Terror, Angst vor weiterem Krieg. Sowohl auf der israelischen als auch auf der palästinensischen Seite fühlen Menschen sich von der ganzen Welt verraten und verkauft:“ (Joachim Lenz, Evangelischer Propst von Jerusalem)

Joachim Lenz, Evangelischer Propst von Jerusalem

Am Sitz der evangelischen Kirche in der Altstadt von Jerusalem treffen das muslimische Viertel, das christliche Viertel, das jüdische und auch das armenische Viertel punktgenau aufeinander. In der Muristan Road. Rein völkerrechtlich untersteht Ost-Jerusalem, also die Altstadt, der Autonomiebehörde in Ramallah. So sieht es zumindest aus, obwohl 1993 bei den Osloer Verträgen diese Frage offen blieb. 1980 wurde Jerusalem von der israelischen Knesset als untrennbare Hauptstadt Israels erklärt. Die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO rief 1988 den Staat Palästina aus und erklärte Jerusalem zu dessen Hauptstadt. Es ist also kompliziert. Wie alles hier. Wir werden das in diesem Blog nicht klären können.

Fakt ist, die Muristan Road liegt sozusagen im Brennpunkt des Geschehens, umso mehr seit dem 7. Oktober 2023, als Hamas-Terroristen Israel überfielen. Seitdem tobt der Krieg – und auch in der ungewöhnlich breiten Straße vor der Probstei hat sich einiges verändert. Hier treffe ich den Propst von Jerusalem, Joachim Lenz, und will mit ihm über die aktuelle Situation, den Waffenstillstand und seine Kirche in dem Konflikt sprechen.

Nebenan steht die Erlöserkirche, die in den letzten Jahren vor der Jahrhundertwende, 1893–1898, auf dem Grundriss der Kreuzfahrerkirche S. Maria Latina errichtet wurde. Der preußische Kronprinz Friedrich III hat nach einer Fahrt zur Eröffnung des Suezkanals den Kirchenbau angestoßen. Ja, hier in Jerusalem geht nichts ohne Geschichte und Geschichten. Das Grundstück rund um die Muristan Road, früher Kronprinz-Friedrich-Wilhelm-Straße, ist noch heute im Besitz des lutherischen Weltbundes. Preußen-Adler an Durchgängen und Kirche zeugen davon. Die Grabeskirche ist nur wenige Schritte entfernt.

Ich habe überlegt, ob ich das Gespräch mit Joachim Lenz irgendwie kürzen oder in einen geschlossenen Text journalistisch umwandeln sollte. Ich habe es dann jedoch gelassen. Ihr könnt ja aus den Antworten auswählen.

Die Erlöserkirche in der Muristan wenige Meter von der Grabeskirche

Herr Lenz, die Welt und auch viele Deutsche blicken mit Hoffnung auf die aktuelle Waffenruhe zwischen Hamas und Israel, wie beurteilen Sie die Situation?
In unserer Gemeinde hoffen wir, dass wir bald wieder Besuch aus dem Ausland bekommen. Die Lufthansa will ab 1. Februar wieder fliegen. Das ist für jeden unten auf der Straße vor unserem Büro existenziell. Seit Corona verkaufen die Händler hier nichts mehr; sie wissen nicht, wie sie ihre Familien durchbringen können. Also herrscht erstmal vorsichtige Erleichterung und Hoffnung in den Straßen. 

Ist das der Beginn eines Friedens, wie nachhaltig ist das Abkommen?
Ich habe noch niemanden gehört, der einem wirklichen Friedensbeginn jetzt traut. Alle sind sehr skeptisch, ob der Waffenstillstand hält. Es erscheint den Menschen hier sehr, sehr wackelig. Jüdische Freunde sagen mir, dass der Geiseldeal furchtbar sei: Da würden palästinensische Massenmörder aus den Gefängnissen freigepresst, die später bestimmt wieder als Terroristen aktiv werden würden. Palästinensische Christinnen sagen mir wiederum, dass der Deal an der Gewalt israelischer Siedler im Westjordanland gar nichts ändere. Israel hat nach wie vor eine Regierung in Israel, an der rechtsextremistische Kräfte beteiligt sind, die palästinensische Autorität agiert auch oft schwierig; wie es zu einem verlässlichen Frieden in gerechten Strukturen kommen könnte, dazu habe ich noch keine Idee gehört.

Das erklärte Ziel der Regierung Netanyahu lautet, die Hamas vollständig zu vernichten. Also, wie viel Zeit geben Sie dem Abkommen von Katar?
Der israelische Verteidigungsminister Joav Galant forderte im letzten Herbst in einem offenen Brief seinen Ministerpräsidenten auf, ihm doch bitte erreichbare Kriegsziele darzulegen. Er ist eine Woche später gefeuert worden. Die Hamas hat jetzt mehr Mitglieder im Gazastreifen als zuvor, lese ich in israelischen Zeitungen: Die israelischen Streitkräfte sagen, sie hätten 20.000 Hamas-Terroristen getötet; offenbar hat die Hamas aber während des Krieges noch mehr Kämpfer neu rekrutiert. Waffenlager wurden zerstört, aber Angst und Hass sind beiderseits noch gewachsen. Die Idee Netanyahus ist nicht aufgegangen, ist von beiden Seiten zu hören. 

Im Innenhof der Probstei

Was soll nun werden?
Das weiß hier niemand, fürchte ich. Es herrscht überall Misstrauen: Angst vor neuem Terror, Angst vor weiterem Krieg. Sowohl auf der israelischen als auch auf der palästinensischen Seite fühlen Menschen sich von der ganzen Welt verraten und verkauft – auch wenn das doch gar nicht stimmt. Hoffentlich findet die Staatengemeinschaft Wege zu Lösungen, hoffentlich auch mit den arabischen Nachbarstaaten. 

Es gibt ja die Idee der Zwei-Staaten-Lösung, kann das funktionieren?
Für die Lösung spricht zuerst einmal, dass es keine erkennbaren Alternativen gibt. Niemand hat mir erklären können, wie eine Ein-Staaten-Lösung aussehen soll. Wenn alle arabischstämmigen Menschen im Heiligen Land israelische Bürgerrechte bekämen, gäbe es bald keinen jüdischen Staat mehr, sagt die Demografie. Es braucht neue Ideen! Dass mit jüdischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet Fakten geschaffen werden, ist leider so. Dennoch: Wenn nicht beide Seiten eigenständig und sicher sind, gibt es keinen Frieden. Das wenige Vertrauen auf beiden Seiten ist mit dem 7. Oktober und dem Krieg zu Klump gehauen worden. Vorher war etwa die Hälfte der Israelis für eine gut ausgehandelte Zwei-Staaten-Lösung, das ist vorbei. Umgekehrt bekommt die terroristische Hamas viel Zustimmung auf der palästinensischen Seite.

Also keine Hoffnung auf Frieden im Heiligen Land?
Letzte Woche hat Bundeskanzler Olaf Scholz in Paris mit Emmanuel Macron die Unterzeichnung der Élysée-Verträge von 1963 gefeiert. Zwischen Deutschland und Frankreich herrschte Jahrhunderte lang Krieg. Es brauchte zwei Generationen für einen Frieden, aber der steht nun fest, aus Hass wurde Freundschaft. Wir haben uns als evangelische Gemeinde auf die Fahnen geschrieben, daran zu erinnern, dass unsere Hoffnung guten Grund hat. Wir lassen den Friedensstern von Bethlehem in der Kirche dauerhaft leuchten. Unsere Kirche heißt Erlöserkirche: der Erlöser lebt, also sind Erlösung, Frieden und Hoffnung möglich.

Was hat sich für Sie an einem Brennpunkt in Jerusalem, wo alle Konfliktparteien aufeinander treffen, seit dem 7. Oktober 2023 geändert?
Wir hatten vor dem 7. Oktober zum Beispiel die Idee, hier in der Muristan Road auf der Straße mit den verschiedenen Religionen und Kulturen den Geburtstag unserer Kirche gemeinsam zu feiern. Es war schwierig vorstellbar, aber ist jetzt völlig undenkbar, muslimische und jüdische Nachbarn hier an einen Tisch zu bekommen. Wir Christenmenschen sind in gutem Kontakt mit Menschen in beiden Gesellschaften, der palästinensischen und der israelischen. Das zu pflegen ist unsere Aufgabe. Wir beten auch für beide. Aber auch uns fehlen gute, konkrete Ideen für die Zukunft.

Wenn Sie Jemandem in Deutschland den hiesigen Konflikt beschreiben sollten, wie würden Sie das in wenigen Worten tun?
Das ist kaum möglich. Es gibt hier das Sprichwort: Wer zwei Wochen hier ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre da ist, möchte lieber gar nichts mehr sagen. Wir sollten uns mit Bewertungen sehr zurückhalten. Wir sind nicht die Opfer, wir leben an der Seite der Opfer beider Seiten.

Was sagen Sie zur Stimmung in Deutschland, auch zur propalästinensichen Stimmung?
Ich bin Jahrgang 1961. Ich habe schon als Jugendlicher verstanden, dass es den Holocaust mit seinen entsetzlichen Folgen nie wieder geben darf. Für mich ist daher eminent wichtig, dass mein Heimatland und meine Kirche gegen Antisemitismus klare Kante zeigen. Ich verstehe aber auch die Verzweiflung der Palästinenserinnen und Palästinenser, die sich nach Frieden und Freiheit sehnen. Hier zu vermitteln haben Deutschland und auch die Kirchen über Jahrzehnte hin versucht. Wie soll das nach dem 7. Oktober noch möglich sein? Es ist gut, dass wir zu beiden Seiten die Kontakte aufrechterhalten, dass wir beide Seiten bei ihren berechtigten Anliegen unterstützen – auch wenn das sehr mühsam und manchmal unmöglich ist.

Es gibt gelegentlich Kritik, dass die Kirche nicht klar Stellung bezieht, warum drücken Sie sich?
Wir drücken uns nicht, wir stehen ein für Frieden. Die EKD bekennt sich klar zum Selbstverteidigungsrecht Israels. Wir nehmen gleichzeitig wahr und ernst, was uns unsere palästinensische lutherische Partnerkirche über Leid und Unrecht berichtet. Von manchen wurde uns vorgeworfen, wir seien einseitig Pro-Israel, von anderen, wir seien ein Hort des Antisemitismus. Beides ist falsch. Wir positionieren uns, nur eben nicht für eine Partei, sondern für Frieden in Gerechtigkeit. Der muss den Menschen generell gelten.

Gibt es in Gaza Kriegsverbrechen?
Es gibt keinen Krieg ohne Kriegsverbrechen, fürchte ich.

Gibt es in diesem Krieg in Gaza Kriegsverbrechen?
Ich bin kein Richter, ich kann und will da keine Urteile fällen. Es hat so schrecklich viel Schreckliches gegeben! Ich lese, dass Amnesty International entsprechende Vorwürfe untersucht und minutiös belegt hat. Ich habe Berichte vom Terror des 7. Oktober gelesen, da sind mir – ganz ohne Horrorfotos oder -videos – die Tränen gekommen. Es sind unfassbar furchtbare Dinge geschehen. 47.000 Kriegstote im Gazastreifen, 1.200 Terrortote an einem einzigen Tag: beides ist für mich unvorstellbar. Außerdem gibt es unzählige körperlich und seelisch Traumatisierte. Niemand kommt da mit unschuldigen Händen heraus.

Es gibt die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, es gibt gerade vor Ostern den Wunsch vieler Pilger nach Jerusalem zu kommen, was können Sie raten?
Wir verweisen auf die Empfehlungen des Auswärtigen Amtes, die können das einschätzen. In Jerusalem sind wir die ganze Zeit über relativ sicher gewesen. Ich hoffe sehr, dass die Reisewarnungen aufgehoben werden. Jerusalem braucht Pilgerinnen und Pilger. Wir sind als evangelische Gemeinde klein geworden. Wir hatten im Frühjahr oft mit 200 oder 300 Menschen Gottesdienst gefeiert – jetzt sind wir 20 oder 25. Unser subjektives Empfinden ist, dass wir sicher sind. In Jerusalem war es nicht wie an der libanesischen Grenze oder am Gaza-Streifen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

In der Erlöserkirche leuchtet Tag und nach der Stern von Bethlehem, auch Friedensstern, bei uns bekannt als Herrnhuter Stern