„Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Wenn ein Bild einfach nur schön ist – ist es dann auch Kunst? Wenn ein farbiges Feuerwerk auf Leinen überdimensioniert mal locker 3000 Quadratmeter misst, ist das dann ein Gemälde oder lediglich eine unglaubliche Fleißarbeit? Wenn eine Ausstellungshalle für ein Kunstwerk völlig umgebaut werden muss, sodass der Besucher direkt vom Eingang quasi in das Bild hineinfällt, ist das dann noch ein Kunstraum? Oder ist es erst dann ein Kunstraum, ausgefüllt mit purer Lebendigkeit? Das mag der Besucher selbst entscheiden, denn dieses Farbenwunder ist ein Muss.
In Hamburg ist seit Donnerstag (5. Juni) ein Kunst Werk zu sehen, das seinen Namen verdient. Nur ein einziges Bild füllt die Deichtorhallen. Diese werden so quasi zu einem Kunstraum der Kommunikation zwischen Bild und Architektur. Ein Kunst Raum im besten Sinne des Wortes. Katharina Grosse stellt in der Hansestadt aus. Die wohl derzeit angesagteste Konzeptkünstlerin der Malerei in Deutschland ist aktuell auch in Stuttgart zu sehen, und ab 19. Juni auf der wichtigsten Kunstmesse der Welt, auf der Art Basel. Und dazwischen und darüber hinaus präsentieren die Deichtorhallen in Hamburg eines ihrer Hauptwerke – das „Wunderbild“.
Eine Installation, die dem Besucher erlaubt, durch das Werk hindurch zu gehen, unter gut 700 Lampen und von großen Fenstern durchscheinend gemacht, so dass die Stoffbahnen je nach Tageszeit mal dicht wie aus Farben gewebt, mal transparent wie Diapositive wirken. Katharina Grosses Markenzeichen ist die Sprühpistole, kompressorgetrieben natürlich. Wer könnte sonst auch 3000 Quadratmeter Stoff besprühen ohne mit einer Sehnenscheidenentzündung in die heiligen Farbgründe der Gegenwartskunst einzugehen? Angefangen hat Grosse allerdings klein: mit dem Pinsel. Aber der war ihr wohl zu pinselig.

„Das „Wunderbild‘ ist mit Abstand Katharina Grosses größtes portables Gemälde. Es gibt weltweit nur wenige Institutionen, die überhaupt die räumlichen Möglichkeiten haben, es zu zeigen. Deshalb freuen wir uns sehr, diese spektakuläre Installation diesen Sommer in den Deichtorhallen einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen“, freut sich Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen Hamburg. Luckow spricht bei der Eröffnung sogar von „Glücksgefühlen“ und einem „wunderbaren Werk“, das wir hier mal um übertriebener Werbung willen so stehen lassen.
Die Installation wurde von Grosse ursprünglich für den Messepalast der Nationalgalerie Prag erarbeitet. Sie besteht aus zwei bis zu 60 Meter langen und deckenhohen Bahnen, die beidseitig betrachtet werden können. Für die Deichtorhallen erweiterte das Kunstkollektiv Grosse/Schneider das Werk durch eine eigens für die Ausstellung produzierte Soundinstallation von Stefan Schneider. Diese ertönt in 20-minütigen Abständen jeweils für zehn Sekunden. Eine tonale Begleitung, die zweifellos ein überraschendes Gimmick darstellt, auf das die Künstlerin bei der Präsentation der Ausstellung am Mittwochabend, 4. Juni, deutlich stolz war. Notwendig für die Betrachtung der Leinwände ist sie hingegen nicht. Aber Kunst ist ja ohnehin das Unerwartete, das uns im besten Sinne, nach Pablo Picasso, den Staub des Alltags von der Seele wäscht. Also mithören und nicht erschrecken – und den Staub von der Seele rieseln lassen…

Katharina Grosse und Dirk Luckow während der Präsentation des Bildes am Mittwoch: „Glücksgefühle“
(Fotos: Autor)
„Als Kind habe ich immer ein Spiel mit mir gespielt: Ich musste morgens, bevor ich aufstand, mit einem unsichtbaren Pinsel alle Schatten an der Wand, auf der Fensterbank oder der Lampe weg malen. Ich war wie besessen davon. Die Welt zu betrachten ist für mich schon immer damit verbunden gewesen, gleichzeitig etwas in ihr, mit ihr oder auf ihr zu tun“, plaudert Katharina Grosse. „Wenn wir davon ausgehen, dass Bilder die Welt verändern, dann muss ich auch etwas damit machen“, unternimmt sie einen Erklärungsversuch ihres Werkes. „Ich male Bilder nicht von oben herab, sondern aus dem, wie ich lebe.“

Und in Hamburg hängt bei weitem nicht ihr größtes – im Sinne von umfangreiches – Werk. Die Installation „Shifting the Stars“ (Die Verschiebung der Sterne) im Centre Pompidou Metz in Lothringen. umfasst etwa 8000 Quadratmeter bemalten Stoff, der von der Decke der Grande Nef hängt. Dieser Stoff nimmt die Form einer großen, fließenden Draperie an, deren Farben und Energie sogar auf den Vorhof des Museums in Frankreich strömen.
Zweifellos ist in Hamburg ein Bild entstanden, das sich völlig von dem unterscheidet, welches im Messepalast in Prag zu sehen war. Die dortige Industriearchitektur einer großen, teils dunklen Werkhalle, zeigt ein völlig anderes Bild, als in der lichtdurchfluteten Halle in Hamburg. Die Korrespondenz zwischen Bild und Architektur macht für Grosse das Wesen des neu entstandenen Bildes aus. Eine neue Installation, für die in Hamburg nicht nur der Eingangsbereich der Deichtorhallen umgestaltet, nein sogar völlig zurückgebaut wurde. Auch in der Halle selbst stehen keine Wände, keine Türen, nur das Bild. Das lässt den Besucher, die Besucherin mit ihren Emotionen alleine oder lockt sie ins Gespräch mit den Mitbesuchern. Die Künstlerin: „Durch moderne KI werden Bilder durchorganisiert. Hier erlebt man ein Bild, das überrascht, immer wieder überrascht, so dass man darüber reden möchte.“ Man sieht keinen Anfang und kein Ende. Das unterscheidet ein Bild von der Zeit oder von einer Sinfonie. Man kann beliebig anfangen und beliebig enden.
Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung ist eine bunte Erdarbeit im hinteren Teil der Halle – eine neue, speziell für die Ausstellung in Hamburg entwickelte Arbeit. Dafür verwandelt Grosse den Ausstellungsraum in eine farbgewaltige Hügellandschaft, in der die Erde und der Hallenboden zur Leinwand werden und so einen spannungsvollen Kontrast zu den großflächigen, hängenden Stoffbahnen des „Wunderbildes“ schaffen. Die Malerei erstreckt sich nahezu über die gesamte Bodenfläche und setzt sich nahtlos auf organischen Erdhügeln fort, die in sich zu leuchten scheinen.

Ein noch nie gezeigter Dokumentarfilm der Regisseurin Claudia Müller begleitet Katharina Grosse bei ihrer Arbeit in ihrem Atelier in Brandenburg und gewährt Einblicke in den Entstehungsprozess ihrer Studio Paintings sowie die mentale und körperliche Dimension, die hinter ihnen steckt. Seit mehr als 25 Jahren ist Katharina Grosse, geboren 1961 in Freiburg, in der Kunstwelt präsent. Internationale Beachtung erhielt sie vor allem wegen ihrer überwältigenden Malerei-Installationen, die u.a. im MoMA in New York, im Museum of Fine Arts in Boston, im Hamburger Bahnhof in Berlin oder im Centre Pompidou in Metz zu sehen waren. Im wenigen Tagen bespielt Katharina Grosse den Messeplatz der Art Basel und zeigt ihr bisher größtes Werk im öffentlichen Raum. Sie gilt als eine der bestbezahlten deutschen, abstrakten Künstlerinnen der Gegenwart mit internationalem Ruf. Ein gemaltes Bild von ihr kann mal locker 300.000 Euro kosten. Grosse ist Professorin für Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Zuvor unterrichtete sie zehn Jahre an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
„Wunderbild“ ist seit dem 5. Juni bis 14.September in der Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen Hamburg zu sehen.
Kurator: Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen Hamburg









