Die Reise nach Jerusalem

„Die Kirche ist nur ein in den Orient versetztes Europa.“ (Gabriele Tergit)

Am Jaffator zur Altstadt

Ich habe es getan. Zugegeben, in den letzten Tagen wuchsen auch bei mir die Zweifel. Nein, ich halte Israel, oder besser gesagt Jerusalem und Tel Aviv, Haifa und Tiberias am See Genezareth nicht für unsicherer oder gefährdeter als vor zwei Jahren als wir das letzte Mal über ein sehr krisenbehaftetes Osterfest in Jerusalem zu Gast sein durften. Auch nicht gefährlicher als Einkaufsstraßen oder Busbahnhöfe in Peru. Aber ja, die fragenden Augen, das Kopfschütteln und diese „Warum machst du das“-Gesichter vieler Freunde haben mich gefordert. Und das hat sicherlich auch meinen Engsten meine Entscheidung noch schwerer gemacht. Fast noch schlimmer dieser „Du schaffst das schon“-Satz. Meist habe ich herumgeblödelt „Ein Mann muss tun, was er sagt.“. Macho-Gehabe.

Bereits im August letzten Jahres sollte es losgehen. Aber damals wurde jeden Tag mit einem Gegenschlag des Irans gerechnet, nach dem israelischen Luftangriff auf das iranische Konsulat in Damaskus im April 2024. Und der erste Jahrestag des 7. Oktobers mit dem Terror der Hamas standen bevor. Also habe ich meine bereits gemietete Wohnung in Tel Aviv gekündigt und die Reise verschoben. In dieser Zeit bot mir der Abt der Dormitio Abtei auf dem Zionsberg in Jerusalem, Nikodemus Schnabel, das Gartenhäuschen des Benediktinerklosters an, um dort einen Unterschlupf für eine Zeit zu finden.

Die Dormitio Abtei von Gegenüber der Altstadt

Eine Zeit, die mir Aufschluss bringen soll, wie es tatsächlich steht mit diesem Israel, das den Krieg in Gaza immer weiter treibt. Diesem Israel, das von seinen Nachbarn immer wieder angegriffen wird und hart zurückschlägt. Diesem Israel, dessen Existenzrecht in Pro-Palästina-Demonstrationen immer wieder mit der militant-islamistischen. Hamas-Losung „From the river to the sea“ bedroht wird. Inzwischen in Deutschland verboten, weil für die einen klar antisemitisch für die Vertreibung der Juden zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer. Für die anderen ein Aufruf für gleiche Rechte von Israelis und Palästinensern.

Ich fürchte nach allem, was ich in den letzten Monaten gelesen, gehört und beobachtet habe, wird auch dieser Blog keinen Aufschluss geben, „wie die Menschen in Israel ticken“. Aber vielleicht gelingt es, einen Eindruck von Menschen in einem Land zu gewinnen, deren Staatsgründer von David Ben-Gurion bis zum heutigen Ministerpräsidenten Benjamin Nethanyahu von der historischen Ur-Angst getrieben wurden und werden, dass das jüdische Volk vernichtet werden könnte. Verstärkt durch die Schoa, den Holocaust, den nationalsozialistischen Völkermord. Deshalb sind viele Deutsche oft zu einer differenzierten Betrachtung des Krieges im Nahen Osten nicht fähig. Ich bin überzeugt, wenn man sich auf eine Seite schlägt, hat man bereits verloren.

Die israelische historische Sicht besagt jedenfalls ganz offenbar, dass Israel so stark sein muss, dass die arabischen Nachbarn es nicht vernichten können. Dafür nehmen viele Staatsbürger auch die Gefährdung der Demokratie durch die Regierung Netanyahu hin. Israel ist in sich zerrissen.

Ankunft am Sonntagabend am Jaffa-Tor

Also ich am Sonntagmorgen in Berlin in den Flieger nach Tel Aviv steige, sitzt die Angst vor dem Terror bereits in der Boing 737. Auf dem Flughafen in Schönefeld fährt nach der Landung des Flugzeuges, das um 9 Uhr vom Ben-Gurion-Airport eintrifft, ein Panzerfahrzeug auf, Polizisten sperren den Platz um das Flugzeug weiträumig ab. Alle Sicherheitskontrollen sind verdoppelt und verdreifacht. Beim Einchecken am Terminal 1 finden Befragungen der Fluggäste durch den israelischen Sicherheitsdienst statt. Kofferkontrolle, normale Sicherheitsschleuse für alle Reisenden – und noch einmal dieselbe Prozedur am Gate. Selbst das kleinste Spray für das Handy-Display, das nicht einmal im Gedächtnis des Besitzers mehr vorkommt, wird entdeckt.

Und doch ist die Maschine bis zum letzten Platz besetzt. Man hört Hebräisch, man hört Russisch, man hört Französisch und ein klein wenig Deutsch. Als kleine Entschädigung hält der Küstenstreifen am Mittelmeer den imposanten Anblick der 4,4-Millionen-Metropole Tel Aviv mit ihren vielen Hochhausvierteln parat – fast die Hälfte der Einwohner des gesamten Landes. Israel prosperierte in den letzten 60 Jahren wie wohl kaum ein anderes Land. Und noch angenehmer sind die 15 Grad Celsius, nach den Glättewarnungen in der deutschen Heimat.

Dann Jerusalem. Die Altstadt ist rings von hohen Mauern umgeben. Mit der Tram von der Central Station der hochmodernen Bahnlinie von Rakkevet Israel – 30 Minuten vom Airport – zum Jaffa-Tor. Niemand kennt hier im alten Zentrum der Welt das Alter seiner Wohnung. Vielleicht ist sie 2000 Jahre alt, vielleicht 400, schreibt Gabriele Tergit in ihrem Buch „Im Schnellzug nach Haifa“, herausgegeben erst im letzten Jahr von Nicole Henneberg. Und so begegnet die Stadt auch dem Fremden. Nur schmale Gassen, kaum Straßen für Autos, zwischen den Häusern Treppen, Schicht auf Schicht Gestein und Gemäuer. Aber leer zu diesen Kriegszeiten der Reisewarnungen. Es herrschen die Schläfenlocken.

In der Innenstadt am Davids Grab

Im Häusergewirr, nur 15 Minuten vom Jaffa-Tor entfernt, ist auch die Dormitio Abtei zu finden. Das heißt, zu finden ist sie eben nicht. Am Ziel der schlängelnden Gassen das Davids-Grab auf dem Berg Zion, die angebliche Grabstätte des biblischen Königs, der vor etwa 3000 Jahren über das von ihm errichtete Großreich herrschte – eine wichtige Heilige Stätte des Judentums sowie des Islams. Als der Schreiber dieser Zeilen dort jedoch nach dem Eingang des katholischen Benediktinerklosters fragt, gibt man vor, keine Dormitio Abtei zu kennen. Deren meterhohe Mauern sind jedoch von den Mauern des Tomb of King David nur drei Meter über die Gasse entfernt. Auf der anderen Straßenseite. Willkommen in Jerusalem. In der Stadt des Judentums und des Islams, in der die Christen höchstens zwei Prozent ausmachen. „Die Kirche ist nur ein in den Orient versetztes Europa“, schreibt Tergit in den 1930er Jahren.

Die Kirche in der Dormitio Abtei

In der Bastei bereiten sich die Mönche – 10 Stück an der Zahl – auf das zweite, Weihnachtsfest der westeuropäischen Christen am 6. Januar vor, die „Erscheinung des Herrn“, besser bekannt unter „Heilige drei Könige“, als die drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar über Jerusalem nach Bethlehem kamen, um den neugeborenen König Jesus zu suchen. Und in die Vorbereitung dieses Festes platzt der heidnische Autor in ein katholisches Kloster, um dort zwar nicht zu erscheinen, aber ein Gartenhaus zu beziehen. Eingeladen mitzufeiern und die Abendmesse mit zu begehen, wird ein kleiner Schritt in die alte Welt zu einem großen Ereignis.

Das Gartenhaus

12 Studenten aus Deutschland, den USA und der Ukraine sind für ein Jahr in der Dormitio zu Gast, um ein Auslandsjahr in der Heiligen Stadt zu verbringen. Nach dem Abendmahl mit den Mönchen ganz im Schweigen folgt eine emotionale Debatte im winzigen Studentenclub im Studienhaus, wo ich mich kurz sehen lasse und vorstelle. Natürlich geht es um die Situation in Israel, historische Vergleiche und die Westbank hinter hohen Zäunen. Als ich nach meinem Alter gefragt werde, kann ich nicht schummeln. Mit meinem Geburtsjahr zumindest das Rechentalent der jungen Studenten etwas herauszufordern, reagiert Lucas aus Tübingen wie aus der Pistole geschossen: „Dann hast du ja noch den Mauerfall miterlebt.“ Ja, sogar den Mauerbau. Man höre und staune. Dieser wird von den jungen Leuten auf „irgendwann 1964“ geschätzt…

Vielleicht ist in der Dormitio Abtei in Jerusalem an dem Abend ja doch jemand von biblischen Alter erschienen.

Fotos: Autor

Die Tür zur Geschichte der Welt

„Wie gerne wäre ich dort gewesen, in diesen vierzig Tagen zwischen Ostern und Himmelfahrt…“ (Pfarrer Jaap de Vreugd zur Apostelgeschichte 1,6-8)

Um es gleich vorweg zu sagen, ich habe den Flug heute nach Tel Aviv gecancelt, wie es so schön heißt. Also verschoben. Dabei heißt die israelische Fluggesellschaft, die noch als einzige Gesellschaft flog, und die ich demzufolge gebucht hatte, El Al. „Nach oben, zu Gott“ (El). Also hätte eigentlich nichts passieren können… So oder so. Aber zu oft heißt es eigentlich.
Dabei habe ich mich ein Jahr lang intensiv auf Israel vorbereitet. Habe Hebräisch kennengelernt, ohne Hebräisch zu können. Habe auf diesen Wegen spannende Menschen kennengelernt (Danke Uwe). Und meine Grenzen. Wie heißt es doch so schön? Wenn eine Tür zu geht, geht eine andere auf. Oder gerne heißt es auch, aus jeder Krise erwächst auch eine Chance. Also ich persönlich habe keine Krise am Ende meines Berufslebens durchgemacht, eher hörte ich danach davon. Zurück zu Tür, die sich da – Zauber, Zauber – natürlich nicht öffnete. Von wegen. Die muss man schon selbst aufstoßen.
So habe ich mir vor einem Jahr gesagt: Welche Tür hast du noch nicht geöffnet. Und da fiel mir nur das Jaffa-Tor in Jerusalem ein. Siehe Foto. In Jerusalem findest du die Geschichte der Welt. Einst der Mittelpunkt unserer Zivilisation. Und unserer Krisen. Und heute… Dasselbe. Aber Jerusalem ist auch ein Bergstädtchen in Judäa. Stadt der Auferstehung und Zentrum des Aberglaubens. Und ganz weit weg vom zivilisierten, weltoffenen Tel Aviv. Also, wenn schon Israel, dann Tel Aviv mit seinen Stränden und seinen Klubs, dachte ich mir. Ich mietete mir eine Wohnung in der Ben Yehuda Street. Ich ließ mir Visitenkarten für mein nächstes Leben drucken. Ich knüpfte Kontakte. Und ich wusste, dass Israel auch das Land von Moses ist, der aus der Wüste kam, und mit Wasser taufte, aber von einem sprach, der mit Feuer komme. Am 7. Oktober kam es so. Terror und Krieg. Und ich mit einer Wohnung in Tel Aviv stand ziemlich dumm da. Da half es auch nicht, dass mein Vermieter Roy – der König – hieß.
Herta Müller beschreibt den Hamas-Terror und die Ursachen Krieges übrigens ziemlich exakt und weit weg vom 7. Oktober und den Sterndeutungen deutscher Studentenbewegungen. Bei allem Netanjahu-Irrsinn. (Danke einer guten Freundin für denText.)
Flug gebucht, Wohnung gemietet, Geist vorbereitet, Zeit vorhanden und nun? Da kam Abt Nikodemus mit einem verlockendem Angebot. Auf dem Zionsberg in Jerusalem stehe ein Gartenhäuschen frei. In der Abtei Dormitio gleich neben Abendmahlsaal in der Davidstadt beim Grab König Davids. Als treuer Katholik erwähnte er natürlich die historischen Verlockungen nicht. Er schrieb aber schon davon, dass Journalisten eher zum flüchtigen Tel Aviv neigen, als zum beladenem Jerusalem. Das weckte einen Stachel in mir. Gibt es etwas in Jerusalem, das keine erzählenswerte Geschichte hat? Einen Menschen, ein Haus, einen Stein? Also Jerusalem.
Also Jerusalem? Ich hatte inzwischen eine Verabredung mit Miriam, einer Journalistenkollegin, am 4. September um 16 Uhr an der Jerusalemer Straßenbahnhaltestelle HaDavidka. Klingt irgendwie, wie nach dem Krieg um Vier. Nun habe ich es abgesagt. Tut mir leid, Miriam.
Es gab auch Stimmen von Bekannten in Tel Aviv, wie von Anita (Danke), und Jerusalem, die mich warnten. Und das gab letztlich den Ausschlag. Wie soll ich in Not reagieren, wenn ich Hilfe brauche, und doch die Situation selbst verursacht habe? Nun kann ich auf die 40 Tage zwischen Ostern und Himmelfahrt hoffen. Hilfe den Beladenen, die sie wirklich benötigen, Matthäus.
Wir sehen uns alle im Januar.