Die Documenta des Nordens – faszinierende Kunst, wo sonst nur Kühe zwischen den Deichen stehen

„Als wir die NordArt ins Leben riefen, glaubten wir einfach daran, dass Kunst Menschen zusammenbringen kann – nicht nur Künstler und Publikum, sondern auch Nationen, Philosophen und Weltanschauungen.“ (Wolfgang Gramm, Künstler und Chefkurator der NordArt in Büdelsdorf in Schleswig-Holstein)

Pinocchios Armee, LIU Ruowang, China

Der überlebensgroße, wohl gut sechs Meter hohe Pinocchio wurde in diesem Jahr in die Halle geholt. 2022 war die Installation des chinesischen Künstlers LIU Ruowang auf der Carlshütte in Büdelsdorf der Hingucker auf der NordArt. Das kann man dem Kunstwerk guten Gewissens nachsagen, ohne die anderen 200 Künstler zu beleidigen, deren Malereien, Installationen, Fotografien, Skulpturen jedes für sich ebenfalls einzigartig sind. Aber LIU Ruowangs Figurenspiel überragt nicht nur viele andere Werke, sondern war bereits damals hochpolitisch – weil umgeben von einer 36-köpfigen Schar von Passanten, gleichsam der chinesischen Terrakotta-Armee. Den Pinocchio in der Mitte umkreisten ewig ahnungslose Zeitgenossen, die seine Lügen ungerührt oder achtlos, teils auch interessiert aber kritiklos hinnahmen.

Die Lügenfigur des chinesischen Künstlers auf der NordArt 2025 steht inzwischen inmitten einer Pinocchio Armee, in der ebendiese Zeitgenossen ihre eigenen Lügen mit ihm im Chor verbreiten. Was für eine Metapher, was für ein Bild voller Symbolik, das sicherlich nicht nur im fernen China die heiklen Verhältnisse der modernen Gesellschaft widerspiegelt.

Von einer Europareise brachte LIU Ruawang für seine Tochter eine Pinocchiofigur einst nach China mit. Seither kreisten die Worte „Puppe“ und „Lüge“ quälend in seinem Kopf, beschrieb er, was ihn 2019 zu der Figurengruppe inspirierte. Wer ist der Puppenspieler? Können Menschen der Manipulation durch die Marionette widerstehen? Die NordArt 2025 gibt jedem seine Antwort darauf.

Seit nunmehr 25 Jahren existiert die einzigartige Kunstschau in Büdelsdorf bei Rendsburg schon. Und auch wenn es ihr Ruf vielleicht noch nicht bis zu jedem Zeitungsleser in Schwerin, Berlin oder gar München geschafft hat, ist sie doch die Mega-Ausstellung des Nordens. Man kann natürlich zur „documenta“ nach Kassel fahren oder auf der „Biennale“ in Venedig flanieren, um sich an zeitgenössischer Kunst zu berauschen. Oder man fährt nach Büdelsdorf. „Vergessen Sie die documenta“, sagt eine der Damen, die mit mir in Hamburg in den Zug nach Rendsburg steigen. „Sie werden schon sehen! Kassel hat viel zur viele Skandale inzwischen. Büdelsdorf hat mindestens genauso viele internationale Künstler, aber ohne den ganzen Klamauk.“ Frauke Hegenkamp, so heißt die Dame, wie sich später herausstellt, fährt mit ihren Freundinnen bereits das dritte Mal in diesem Jahr zur Carlshütte.

„Die NordArt zählt zu den größten internationalen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Europa“, urteilte schon vor Jahren das Portal „feuilletonscout“. Also los. Mich erwartet eine Stadt mit rund 10.000 Einwohnern und einer ehemaligen Eisengießerei – die Carlshütte. Sie war das erste Industrieunternehmen der  Herzogtümer Schleswig und Holstein. 1827 öffnete sie ihre Tore, 1997 schloss sie sie wieder. Übrig geblieben ist ein einmaliges Industriedenkmal mit Hallenschiffen, Wagenremise und einem mit 80.000 Quadratmetern mehr als großzügigen Park. Genug Platz also, um jedes Jahr im Sommer internationale zeitgenössische Künstler anzuziehen, die dort Bilder, Fotografien, Videos, Skulpturen und Installationen ausstellen.

Die Carlshütte, wo einst Eisen geschmolzen wurde, ist heute ein Schmelztiegel ganz anderer Art: Auf 100.000 Quadratmeter Fläche versammeln sich 200 Künstler aus 50 Nationen und 1000 Kunstwerke – und das alles 121 Tage lang. Vom 6. Juni bis 5. Oktober, gibt es Kunst satt zu sehen.

Seit 2018 knackt die NordArt Jahr für Jahr die 100.000-Besucher-Marke. Asien mit China und der Mongolei ist ein etablierter Schwerpunkt. Dieses Jahr gibt es einen neuen, spannenden Impuls: Erstmals wird Kunst aus Japan präsentiert – ein Highlight mit frischen, spannenden Ideen. Eine eigene Ausstellungshalle erhält dieses Jahr zudem Polen mit einem Sonderprojekt.

Hauptsponsor ist die ACO-Gruppe mit dem Unternehmer Hans-Julius Ahlmann. Künstler Wolfgang Gramm ist NordArt-Gründer und Geschäftsführer der Schau. Ahlmanns Familie gehörte eins die Carlshütte und er stellt die Hallen zur Verfügung. Es gibt eine Public Private Partnership, an der die beiden Städte Büdelsdorf von Rendsburg beteiligt sind. Den größten Teil des Budgets bekommen die Ausstellungsmacher Wolfgang Gramm und Inga Aru (Interview) über den Eintritt herein.

Walking Man (Der Wanderer), SU Xinping, China

„Als wir die NordArt ins Leben riefen, glaubten wir einfach daran, dass Kunst Menschen zusammenbringen kann – nicht nur Künstler und Publikum, sondern auch Nationen, Philosophen und Weltanschauungen“, sagt Wolfgang Gramm, Künstler und Chefkurator. Japan ist in diesem Jahr das Fokusland, und das Konzept des Dô – des Weges – steht dabei im Mittelpunkt. Chefkurator Gramm: „Dô lehrt, dass das Leben nicht das Ziel ist, sondern eine ständige Übung – das Lernen, das Tun und die gemeinsame Erfahrung. In der Kunst wie im Leben ist der Weg selbst der Sinn. Auch das diesjährige Programm zelebriert diese gemeinsame Reise über Grenzen und Generationen hinweg.“

Im China-Projekt ist der „Walking Man“ von Su Xinping zu sehen. Mit ihren klaren Konturen, kraftvollen Schritten und dem entschlossenen Ausdruck wird die Skulptur zu einem Sinnbild und einer Allegorie für die Dynamik der überschnellen Entwicklung im heutigen China. Der in der Mongolei geborene Su Xinping sucht quasi nach dem geistigen Halt in Zeiten des Wandels.

War and Peace (Krieg und Frieden) – Dubios ist die Welt, Wieslaw Smetek
Hinten: One Dollar, Wieslaw Smetek

Wieslaw Smeteks „Jaguar“ mit weißen Ledersitzen und Mozart im Autolautsprecher kommt als todbringender Panzer daher. Und Georg Washington auf einer Dollarnote erschrickt sich über den heutigen Zustand der Welt. Der Künstler aus dem Fokusland Polen, der insbesondere durch seine Karikaturen bekannt ist, sagt dazu: „Kriege hat es immer gegeben. Zu glauben, dass eine Welt ohne Kriege möglich ist, wäre eine Illusion. Als Grafikdesigner habe ich viele verschiedene Cover gestaltet, aber erst in den letzten Jahren habe ich in meinem Archiv entdeckt, wie oft ich mich in der Vergangenheit mit dem Thema Krieg und Frieden beschäftig habe. Für das aktuelle Projekt habe ich mein Auto geopfert, und mit meinen alten Titelmotiven kombiniert. Ich möchte damit zum Nachdenken darüber anregen, wie dünn die Grenze zwischen unserem komfortablem Leben und dem Krieg ist.“

Die weiße Taube, Wieslaw Smetek, Polen

Alle 1000 Kunstwerke der 209 Künstler der diesjährigen NordArt zu beschreiben, das würde selbst die geduldigsten Leser der oft zu langen Beiträge dieses Blogs auf eine harte Probe stellen. Deshalb sei zum Schluss nur noch verraten, dass vor Jahren auch einmal ein Künstler mit dem Namen Ai Weiwei, nicht nur nicht ausgestellt hat, sondern zu den abgelehnten Künstlern der Nord Art zählte. Aber das ist lange her, und niemand aus dem Team der Ausstellungsmacher mag die Geschichte wirklich bestätigen. Also Schwamm drüber. Und wer wirklich noch Lust auf weitere Informationen hat, mag mein Interview mit Inga Aru im Anschluss lesen.

Dinge, die fliegen wie Schiffen, Anna Myga Kaste, Deutschland
Your Body (mitte), XIANG Jing, China
The End, XIANG Jin, China
Fotos: Autor

INTERVIEW

Kuratorin Inga Aru:
„Der Norden bietet mehr als Kühe zwischen den Deichen“

Foto: Jörg Wohlfromm

Inga, Sie sind Senior Kuratorin der NordArt, verraten Sie uns, wie kam es vor 26 Jahren zu der Kunstausstellung im doch eher ländlichen Büdelsdorf in Schleswig-Holstein?

Inga Aru:  Kurz gefasst ist es die Geschichte der Freundschaft eines kunstbegeisterten Unternehmers und eines Künstlers mit Organisationstalent. Hans-Julius Ahlmann, Gastgeber im Kunstwerk Carlshütte und Gesellschafter der ACO Gruppe, und Wolfgang Gramm, Künstler und Chefkurator der NordArt, wollten Anfang der 1990er Jahre ihre Heimat lebenswerter machen. Heraus entwickelte sich eine Kunstausstellung, die der Stadt einen besonderen Anziehungspunkt gibt. Das fing klein an, mit Kunst im Betrieb, und heute ist es eine der größten internationalen Kunstausstellungen in Europa. Hans-Julius Ahlmann und seine Frau, Johanna Ahlmann, mein Mann, Wolfgang Gramm, und ich hatten von Beginn an ein internationales Format im Sinn.

Würden Sie den Begriff „Documenta des Nordens“ akzeptieren?

Das hat einmal ein Journalist geprägt, und ich finde es nicht schlecht. Aber wir sind anders als die Biennale in Venedig oder die Documenta in Kassel. Qualität und Inhalt stehen auch bei uns an oberster Stelle. Das Konzept der NordArt ist aber als Gesamtkunstwerk zu sehen, ein dynamisches Zusammenspiel den Kunstwerken aus aller Welt und der Kulisse der historischen Eisengießerei Carlshütte.

Im vergangenen Jahr feierten Sie ihr 25-jähriges Bestehen mit einer Retrospektive vergangener Preisträger, was ist in diesem das Hauptthema?

Wir haben jedes Jahr einen Länderfokus. Das ist in diesem Jahr Japan und das Konzept des Dô – des Weges. Dô lehrt, dass das Leben nicht das Ziel ist. Es ist die ständige Übung – das Lernen, das Tun, die gemeinsame Erfahrung. Dazu kommen einige Sonderprojekte, wie z.B. von Künstlern aus Polen, aus der Mongolei und ein Gast aus Israel. Ein besonderer Fokus in den letzten 10 Jahre hat auch chinesische zeitgenössische Kunst in der NordArt.

Sie haben jährlich etwa 3000 Bewerbungen für die NordArt, machen Sie dafür Vorgaben?

Die Künstler sind völlig frei. Unsere Jury sucht aus den Einreichungen jene aus, die uns für ein Gesamtkonzept inspirieren. Gesamt präsentieren wir jährlich 200 ausgewählte Künstler.

Haben Sie auch schon einmal berühmte Künstler abgelehnt?

Eigentlich nicht, aber manchmal passt es eben nicht. Hier geht es jedoch nicht um einen olympischen Wettbewerb, und darum, wer zuerst ins Ziel kommt. Es kommt einzig darauf an, dass der Künstler sein Handwerk beherrscht und, dass sein Werk etwas bewegen kann.

Sie haben diese Pinocchio-Installation des chinesischen Künstlers LIU Ruowang neu sortiert und in die Halle geholt, wie politisch darf die NordArt sein?

Politik sollte man nie ausschließen. Aber es ist nicht die erste Funktion von Kunst, sich der Politik zu widmen. Das ist nicht die Prämisse, unter der wir die Werke aussuchen. Kunst ist aber auch keine Illustration. Sie ist viel mehr als nur die Spiegelung einer Situation oder sollte es zumindest sein. 

Wenn Sie jetzt Lesern oder Besuchern außerhalb Schleswig-Holsteins Lust auf die NordArt in Büdelsdorf machen sollten, wie würden Sie das tun?

Wir haben hier ein faszinierende Kunstoase. Hier kannst du träumen. Die Ausstellung ist einfach gut. Der Norden bietet mehr als Kühe zwischen den Deichen. Hier zeigen wir, worauf Kunst Antworten sucht, wie z.B. Klimazerstörung, Umwelt, Krieg, aber nicht als Endzeitszenario, sondern als Sinnbild unser aller Hoffnung auf eine bessere Welt.

Inga, Danke für das Gespräch!

Fotos ohne Triggerwarnung – Word Press Fotos im Altonaer Museum

Es ist eine Illusion, dass Fotos mit der Kamera gemacht werden… sie werden mit dem Auge, dem Herz und dem Kopf gemacht.“ (Henri Cartier-Bresson)

Blick in die Ausstellung im Altonaer Museum in Hamburg mit 42 Gewinnern des World Press Photo Award (Foto: Autor)

Jeder Zeitungsleser kennt sie. Für jeden, der mit offenen Augen durch unsere Welt geht, sind sie Zeitdokumente. Viele werden sich an diese Fotos erinnern: Das Mädchen im Vietnamkrieg, das 1973 nackt und schreiend vor Napalm-Bomben flieht. Der buddhistische Mönch, der sich auf der Straße in Saigon selbst verbrennt. Die afghanische junge und hübsche Frau, die keine Nase mehr im Gesicht trägt, nur noch ein verheiltes Loch. Bibi Alsha, 18 Jahre alt, floh in ihrer Heimatstadt Kabul vor der Gewalt ihres Mannes, fotografiert 2011 von Judy Bieber.

Bilder, die oft mehr  sagen als viele Worte. Hier gibt es keine Fälschungen. Hier gibt es keine KI-initiierten Fotos, keinen Papst in Daunen-Jacke. Hier gibt es nur die nackte Wahrheit. Und auch wieder nicht, aber dazu kommen wir später noch. Es sind alles Fotos dokumentarischen oder fotojournalistischen Ursprungs, wie die Direktorin des Altonaer Museums, Anja Dauschek, zur Eröffnung der Präsentation der World Press Photos 2025 deutlich machte, ohne es extra betonen zu müssen. Es geht um die weltbesten Reportage-Fotos, ab heute zu sehen in Hamburg-Altona.

Seit 1955 zeichnet die World Press Photo Foundation jedes Jahr die besten internationalen Pressefotografien des Vorjahres mit dem World Press Photo Award aus. Die prämierten Fotografien aus allen Regionen der Welt, die in diesem Jahr unter 59.320 Einsendungen von 3.778 Fotografinnen und Fotografen aus 141 Ländern ausgewählt und in den Kategorien Einzelbild, Story und Langzeitprojekt ausgezeichnet wurden, sind in einer Wanderausstellung zu sehen, die in mehr als 80 Städten in fast 50 Ländern Station macht. In diesem Jahr ist die Ausstellung an einer der ersten Stationen vom 7. Mai bis zum 2. Juni zum vierten Mal im Altonaer Museum zu sehen.

World Press Foto Rückblende (Foto: Autor)

Auch im 70. Jahr seines Bestehens reflektieren die Ergebnisse des größten und renommiertesten Wettbewerbs dieser Art ein breites Spektrum gegenwärtiger globaler Ereignisse und Herausforderungen und zeigen engagierten Fotojournalismus und dokumentarische Fotografien bester Art – Art im Sinne von Kunst. “Die Finalisten zeigen die Themen, mit denen wir uns auf dieser Welt beschäftigen“, sagt Martin Seeberger von der Stiftung Historische Museen Hamburg. Es geht der World Press Photo Foundation darum, über diese Präsentation zum Dialog zu weltweiten Themen beizutragen. Diese sind nicht immer ohne Gefahr zu fotografieren. Diese benötigten jedoch fast immer in unserer heutigen Welt gebräuchliche Triggerwarnungen. Denn sie zeigen die ungeschönte Wahrheit. Und die ist manchmal hässlich.

Da ist eine Gruppe chinesischer Migranten, fotografiert von John Moor, Getty Images, die sich in regenkalter Nacht nach der Überquerung der Grenze von Mexico zur USA an einem kleinen Feuer aufwärmen. Eine Migrationsbewegung von Chinesen von der die wenigsten von uns je gehört haben dürften. Da ist der neunjährige Mahmoud Ajjour, der bei einem israelischen Angriff in Gaza- Stadt beide Arme verlor. Das Sieger-Foto des World Press Awards von Samar Abu Elouf für die New York Times, fotografiert am 28. Juni 2024 in Dohar, Katar. Da ist aber auch jenes Foto von Jerome Brouillet für die Agentur AFP, das den Surfer Gabriel Medina, während der Olympischen Spiele in Paris zeigt, als dieser kerzengerade nach oben mit seinem Brett an der Seite aus einer großen Welle in Teahupo‘o, Tahiti, steigt. “Es ist eine Illusion, dass Fotos mit der Kamera gemacht werden… sie werden mit dem Auge, dem Herz und dem Kopf gemacht“, sagte der berühmte Henri Cartie-Bresson einst. Der Betrachter dieser Foto-Episoden wird ihm recht geben.

Die Fotografin Alina Kardash aus Tomsk, die die Auseinandersetzungen mit ihrer Familie über den Überfall Putins auf die Ukraine fotodokumentarisch verarbeitet hat (Foto:Autor)


Unter den ausgezeichneten Langzeitprojekten ist auch die für den stern entstandene Reportage der in Hamburg lebenden russischstämmigen Fotografin Aliona Kardash, die bei einem Besuch in ihrer ehemaligen Heimatstadt Tomsk die mentalen Auswirkungen des russischen Angriffskrieges auf ihre eigene Familie eingefangen hat. Und seit nunmehr zwei Jahren diese Auseinandersetzungen in ihrer Familie bei ihren Besuchen im sibirischen Tomsk im Foto festzuhalten versucht. „Ich habe meine eigenen Geschichte über den Krieg gemacht“, sagt Aliona Kardash bei der Präsentation in Hamburg. „Zuhause riecht es nach Rauch“, so der Titel der Dokumentation, die eine Familie im Streit über Putins verbrecherischen Krieg in der Ukraine zeigt. Eine doppeldeutige Anspielung auf den Geruch der Schornsteine ihrer Heimatstadt (wie es mancher Ostdeutsche noch kennen wird), und dem Geruch des Krieges. In Russland will sie diese Fotos nicht zeigen, um nicht Repressalien ausgesetzt zu werden. 

Die Jury musste sich bei ihrer Auswahl aber auch damit auseinandersetzen, dass sich für die Auszeichnung ausgewählte Fotos eines wie stets anonymisierten Fotografen von den Auseinandersetzungen in Georgien als Arbeiten eines russischen Fotoreporters für die Nachrichtenagentur TASS herausstellten. Zweifellos Propagandafotos. Propagandafotos in der World Press Photos 2025? Sind Arbeiten anders zu bewerten, wenn man den Namen des Fotografen kennt? Die Ausstellung in Hamburg zeigt es.

Fotograf: Samar Abu Elouf für The New York Time
Das Foto zeigt den neunjährigen Mahmoud Ajjour, der bei einem israelischen Angriff in Gaza -Stadt beide Arme verlor. Die Fotografin Samar Abu Elouf, die im Dezember 2023 aus dem Gazastreifen evakuiert wurde, lebt jetzt in demselben Apartmentkomplex in Doha (Katar) wie Mahmoud. Dort hat sie die wenigen Schwerverletzten aus dem Gazastreifen dokumentiert, die es wie Mahmoud zur medizinischen Versorgung nach draußen geschafft haben. Das Foto entstand in Doha am 28. Juni 2024.

Fotograf: Marijn Fidder for Republik, Real 21
Bodybuilder Tamale Safalu trainiert vor seinem Haus. Kampala, Uganda, 25. Januar 2024. Obwohl Tamale Safalu nach einem schrecklichen Motorradunfall im Jahr 2020 sein Bein verlor, blieb er dem Bodybuilding treu und wurde zum ersten behinderten Sportler in Uganda, der gegen körperlich gesunde Athleten antritt. Seine Stärke und Entschlossenheit im Angesicht der Widrigkeiten stellt Klischeevorstellungen in Frage und inspiriert Menschen aus allen Lebensbereichen. „Indem ich als Bodybuilder auf der Bühne stehe, möchte ich andere Menschen mit Behinderungen ermutigen, ihre eigenen Talente zu erkennen und sich niemals unterkriegen zu lassen“, sagt Tamale.

Fotograf: Jerome Brouillet für Agence France-Presse 
Der Brasilianer Gabriel Medina bricht im fünften Durchgang der dritten Runde im Surfen der Männer bei den Olympischen Spielen 2024 triumphierend aus einer großen Welle aus. Teahupo’o, Tahiti, Französisch-Polynesien, 29. Juli 2024.
Medina erzielte in diesem Durchgang eine nahezu perfekte 9,9 und holte Bronze, während er die Goldmedaille an den Franzosen Kauli Vaast abgab. Dieses Foto fand weite Verbreitung und erhielt allein auf Medinas Instagram mehr als 9,5 Millionen Likes.

Fotograf: John Moore für Getty Images
Chinesische Migranten wärmen sich bei kaltem Regen auf, nachdem sie die Grenze zwischen den USA und Mexiko überquert haben. Campo, Kalifornien, 7. März 2024.
Die unerlaubte Einwanderung aus China in die USA hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen, was auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen ist, darunter Chinas angeschlagene Wirtschaft und finanzielle Verluste nach der strikten COVID-Politik. Darüber hinaus werden die Menschen durch Videoanleitungen auf chinesischen Social-Media-Plattformen beeinflusst, die zeigen, wie man über die Grenze kommt. Das Foto, das zugleich weltfremd und intim ist, zeigt die komplexe Realität der Migration an der Grenze, die im öffentlichen Diskurs in den USA oft pauschalisiert und politisiert wird.

Kunst – oder doch nur Lego?

Zum Glück gibt es in der Kunst keine Regeln! (Nathan Sawaya, Brick-Künstler und Lego-Enthusiast, Los Angeles)

Totenköpfe: „Es waren gruselige Wochen…“, 12.444 Steine

„Geschrieben steht: ›Im Anfang war das Wort!‹
Hier stock‘ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen…
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh‘ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“
Ja, schon der alte Meister Goethe wusste, dass unsere Welt mit Worten oder Geist schwerlich zu meistern ist. Bei Nathan Sawaya, Lego-Künstler aus Los Angeles, hört sich das etwas anders an: „Denke daran: Alles beginnt mit einem Stein.“

Nun gut, das gilt auch für Straßenschlachten studentischer Proteste. Aber mit nicht so überzeugendem Resultat. Auf 1100 Quadratmetern mitten im Herzen Neuköllns, im Cank, einem alten Kaufhaus an der Ecke Karl Marx-Straße/Anzengruber, ist Nathan Sawayas faszinierende Welt der LEGO®-Kunst seit heute (Dienstag, 8. Oktober 2024) zu sehen. Da sind Interpretationen berühmter Kunstwerke wie Edward Munchs „Der Schrei“, Michelangelos „David“, Van Goghs „Sternennacht“ und Da Vincis „Mona Lisa“ neben einem sechs Meter langen Tyrannosaurus Rex-Skelett, überdimensionierten Schachfiguren sowie einer multimedialen Sammlung von Lego-Fotografien des preisgekrönten Fotografen Dean West.

Nathan Sawaya bei der Vernissage von Exhibition Hub und Fever

Einige der bekanntesten Werke der Kunstgeschichte werden als skurrile Lego-Kreationen neu interpretiert“, urteilte BBC über die Ausstellung „The Art of Brick“ in London, die inzwischen in 100 Städten und 24 Ländern zu sehen war. „Es verspricht eine tolle Zeit für die ganze Familie“, so die Einschätzung von „ELLE“. Aber wie kommt man darauf, aus Lego Kunst zu machen? Ist das nicht eher etwas für Kinder? Und sind das nicht die kleinen Ziegel (Brick), bei denen immer Steinchen fehlen, wenn man sie mal wieder herauskamt? Diese Noppen-Dinger, die vor allem eine Kunst beherrschen, Mamas und Papas Geldbeutel in schöner Regelmäßigkeit zu plündern? Kann das wirklich meisterlich sein?

„Als Anwalt merkte ich schnell, dass ich lieber auf dem Boden sitze und Skulpturen schaffe, als in einem Sitzungssaal zu sitzen und Verträge auszuhandeln. Meine eigenen persönlichen Konflikte und Ängste, gepaart mit dem tiefen Wunsch nach allgemeinem Glück, ebneten mir den Weg, hauptberuflich als Künstler zu arbeiten“, unternimmt Ex-Wirtschaftsanwalt Nathan Sawaya einen Selbst-Erklärungsversuch.

„Gestalte, was du siehst. Erschaffe, was du fühlst. Erschaffe, was du noch nie gesehen hast. Erschaffe einfach.“ (Nathan Sawaya)

Sawaya begann seine künstlerische Laufbahn vor 20 Jahren. Er beschäftigte sich seit seiner Kindheit mit Lego-Bausätzen und begann wieder, sie zu kaufen, um nach der Arbeit in einer erfolgreichen Wirtschaftskanzlei Stress abzubauen. Er arbeitete am Tag als Anwalt und dann, sechs Stunden nachts, bastelte er mit Lego. Irgendwann stand sein Beschluss fest, die Anwaltskanzlei zu verlassen und Vollzeitkünstler zu werden, wobei er ausschließlich Legosteine als Medium nutzt. Seitdem schafft Nathan Sawaya Kunstwerke für „The Art of the Brick“, die erste große Museumsausstellung mit Legosteinen weltweit. Der Lego-Künstler „benutzt die Steine gern, weil man diese sehr klaren Linien erhält. Man erhält diese scharfen Ecken, diese rechten Winkel, all diese kleinen Quadrate und Rechtecke, wenn man sich das Werk aus der Nähe ansieht und dann einen Schritt davon entfernt, und all diese Ecken verschmelzen zu Kurven, und das ist irgendwie die Magie der Verwendung von Legosteinen“, zitiert ihn Grace Ferry vom Code Blue-Magazin. 

Der 51-Jährige kauft alle seine Steine direkt von der Lego-Company in Dänemark. Sie werden aus Europa geliefert. Allerdings fing alles etwas holprig an. Sein erster Kontakt mit der dänischen Lego-Gruppe war ein Unterlassungsschreiben, als er gerade begonnen hatte, seine Arbeiten im Internet zu veröffentlichen. Es ging um den geschützten Begriff LEGO®. Das ist inzwischen geklärt. Firma und Künstler profitieren von seiner Arbeit. Die Wogen haben sich geglättet. Sein Lagerbestand bestehe normalerweise aus 10 Millionen Teilen, die nach Farbe und Form sortiert seien, erzählt der Künstler. Auch als Redner und Autor ist er im Westen der USA bekannt. Zuletzt tingelte Sawaya durch die Shows von Letterman bis Colbert.

Ein Besuch der Berliner Ausstellung lohnt sich auf alle Fälle. Schon allein die Angaben zu den Lego-Kunstwerken und der Zahl der verwendeten Steine machen einen Rundgang durch die verschiedenen Themenwelten zu einem spannenden Erlebnis. Zu den Totenköpfen im Titelbild dieses Blogs plaudert Sawaya aus: „Ich habe die Totenköpfe geschaffen, um eine Gegenüberstellung eines Kinderspielzeugs und die mit dem menschlichen Schädel verbundenen Themen zu untersuchen. Daher auch die leuchtenden Farben. Die Fertigstellung der Totenköpfe dauerte über drei Wochen. Es waren gruselige Wochen…“

Der Schrei

Und es gibt noch einen Grund, nach Neukölln zu fahren: Anscheinend als Erster überhaupt, so die Veranstalter, etablierte der 51-jährige Lego-Fan die neue Form der Kunst aus den kleinen Spielzeugsteinchen. Seine zweidimensionalen Mosaike, etwa von Andy Warhol oder Jimi Hendrix, kommen der Pop-Art recht nahe, erscheinen weniger wie Lego denn als verwaschene, gedruckte Formen. „Der Schrei“ von Edward Munch – dreidimensional wie eine Skulptur – sieht so lustig aus, dass man sich fragen darf, ob ein heutiger Munch nicht gleich in die Spielzeugkiste statt zum Pinsel gegriffen hätte. Kunst oder Lego? Lego-Kunst!

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