Das Spannende am Camino de Santiago ist doch nicht, was wir erleben, sondern wie wir es erleben. Das unterscheidet uns. (eska)

Von Puenta Villerente nach León, 17. Etappe, 15 Kilometer
Es gab einst und gibt heute Pilger, die nicht mehr weiter ziehen können. Strapazen, Krankheiten, Erschöpfung haben allzu sehr an der Substanz genagt. Oft lag zumindest in der Vergangenheit der Tod nicht fern. Für die Erschöpften waren zwei Gnadenportale am Jakobsweg gedacht, eines in León, ein weiteres in Villa Franca del Bierzo. Dort konnten sie Ihren Ablass bekommen, ohne Santiago de Compostela erreicht zu haben. Im übrigen nur nebenbei, gerade der Ablass von Sünden war es, der einst Martin Luther zu einem absoluten Gegner des Jakobsweges machte.
In Leon gehört das Gnadenportal, auch Ablass- oder Vergebungsportal, Puerta del Perdón, zur königlichen Stiftskirche Sankt Isidoro, benannt nach dem heiligen Isidor von Sevilla, dessen Reliquien im Hochaltar ruhen. Das kleine, stets verschlossene Portal fügt sich rechts in die Hauptfassade ein und ist wie der gesamte Bau eine Schöpfung der Romantik. Ein Bär- und ein Löwenkopf fungieren als Türwächter. Etwas erhöht, rechts klebt eine Skulptur von Petrus regelrecht am Stein, links jene von Paulus. Beide tragen Sandalen, was im wahren Leben in León unangebracht wäre – auf Höhen um 840 Meter kann es bitterkalt werden.
Ich habe an der Tür gerüttelt, aber tatsächlich sie ist fest verschlossen. Dafür gibt es hier täglich um 19 Uhr einen Peregrino Gottesdienst für die Pilger. Na, wenigstens beten kann man hier dafür, damit man die restlichen 300 Kilometer auch noch schafft.

Ich treffe heute hier Frank und Corinna, die ein wenig mit dem Auto durch Spanien pilgern. Wir hatten zwar darüber gesprochen, dass auch sie von León nach Compostela fahren wollen, aber dass wir am gleichen Tag hier sind, ist eine Überraschung. Da sieht man mal, nicht alles ist auf meinem Weg nach Santiago geplant. Sie fahren heute Nachmittag weiter, um noch am Abend in Santiago anzukommen. Für mich geht die Strecke noch weitere zwölf Tage unter anderem über den höchsten Gipfel des Camino, wo das Cruz de Ferro steht. Aber dazu später.

León ist natürlich nicht für sein Pilgerportal bekannt, sondern für seine Kathedrale. Sie ist wie ein Schiff aus Stein, auf dem höchsten. Punkt der Altstadt verankert. Ein gotischer Prachtbau, der sich am schönsten im Morgen- und Abendlicht vor dem Himmelblau abhebt. An selber Stelle schlugen die Urgründer der Stadt im Jahre 68 n. Chr. ihr Lager auf. Es waren die Römer der VII. Legion, die mit dem Schutz von Geldtransporten betraut waren und von „Legion“ leitet sich auch der Name Leon ab, behauptet zumindest Andreas Struwe, dessen Reiseführers ich mich hier bediene. In meinem Pilgerführer ist immer von León, der Löwe, die Rede.
Die Kathedrale gilt als die französischste in Spanien, so heißt es. Das Sprichwort von den vielen Köchen, die den Brei verderben, greift hier nicht. Diverse Baumeister schufen im 13. und 14. Jahrhundert ein einheitliches Werk, das ich an den Vorbildern Chartress, Reims und Amiens orientierte. Von wegen, nur das Schweriner Schloss ist nach dem Vorbild von Chambord gebaut.

Die Überraschung folgt im Inneren mit einer Flut von Buntglasfenstern. Unfassbar. Wie gebannt bleibt man am Eingang der Kathedrale stehen, schaut umher, sucht vergleichbares, ist geblendet. 1800 Quadratmeter Buntglasfenster machen den Dom zum Unikat, versetzen den Betrachter in eine Wunderwelt aus Blau, Gelb, Grün und Rot. Die Fenster sind bis zu 12 Meter hoch, die ältesten stammen aus dem 13. Jahrhundert. Wer mag hier wohl Fensterputzer sein? Welche Mittel verwendet man, um das Bleiglas nicht zu beschädigen. Einmal mit „Meister Proper“ oder anderen Putzmännerwaffen drüber?

Apropos putzig. Ein Fantasietier, das mit gespreizten Beinen genüsslich am eigenen Hinterausgang leckt. Ein Betrunkener mit glasigen Blick über einem Weinfass. Ein Mann, der sich in Schräglage einen Krug mit der Linken an den Allerwertesten hält. Das sind Szenen, die man am allerwenigsten in Kirchen erwarten würde, doch in der Kathedrale von León gibt es sie. Genauer: Im spätgotischen Chorgestühl. Da muss man allerdings vorbereitet sein, auf befremdlichen Stoff im heiligen Hafen. Ein Künstlerteam aus Flandern schnitzte das Chorgestühl Ende des 15. Jahrhunderts aus Nussbaumholz. Die Schule dort war offenbar sehr fortschrittlich und die Institution Kirche viel offener, als man es heute für möglich hält. Natürlich finden sich im Chorgestühl auch heilige und biblische Figuren wie König David, aber gleichermaßen profane, satirische, spöttische, teils obszöne Darstellungen. Ein Katalog des Guten und des Bösen. Hoppla, da ist ein Wildschwein das eine Dudelsack spielt. Worauf das wohl eine Anspielung sein soll?

Hoppla, da finde ich doch an anderer Stelle der Stadt einen Blog-Genossen. Oder Block-Genossen? Allein sitzt er dort auf einer Bank, ein älterer Mann mit Hut. Er ist voll konzentriert bei der Arbeit, hat den Blick auf einen Skizzenblock in seinen Händen gesenkt. Das hier ist – in Bronze verewigt – das Jugendstilgenie, Antonie Gaudi, der Architekt der weltberühmten Sagrada Familia und anderer Bauten in Barcelona. Hier in Spaniens Norden hat er drei Werke hinterlassen. Die Sitzbank, auf der wir beide hier mal Platz genommen haben, ich der Blogschreiber, er der Blockzeichner steht gerade gegenüber der Casa Botins auf dem Plaza San Marcelo im Herzen von Leon. Na gut, wir wollen es mal nicht übertreiben. Ich schreibe einen kleinen Blog und wandere durch Spanien. Er schuf ganze Bauwerke und wurde von einer Straßenbahn der Linie 30 in Barcelona überfahren, wegen seiner Kleidung für einen Bettler gehalten und nicht umgehend gerettet. Da bleibe ich lieber ein kleiner, unbekannter Pilger. Unbekannt und unerkannt machen manchmal keinen Unterschied.
(Große Teile entnommen von Andreas Drouve „111 Orte am Jakobsweg…“)
Erkenntnis des Tages: Gutes und Böses liegt oft nahe beieinander.
