„Die Mauer ist zwar sehr heilig, aber der heiligste Ort für die Juden ist der Ort darüber, wo sich der Tempel befand.“ (Arlene Kushner, Autorin Israel Heute)

Zum Tempelberg hinauf geht es über eine Himmelsleiter. Schon gut, das ist doch etwas übertrieben. Aber dort am Westwall, der Klagemauer, zu der man nur durch streng bewachte Eingänge mit Taschenkontrolle kommt, ist auch ein kleiner Seiteneingang – nicht weniger streng kontrolliert. Er führt hinauf auf den Berg. The Rock. Diese mittelalterliche überdachte Treppe ist der einzige Zugang für Nichtmuslime zum Felsendom. Außerdem gibt es acht weitere Eingänge für Muslime. Bevor wieder einige darauf hinweisen, es seien elf, wie in Wiki steht, ja, aber nur neun sind aktuell geöffnet.
Und es herrschen strenge Regeln. Ein Ausweisdokument muss vorgelegt werden. Bei Zutritt muss eine Sicherheitskontrolle passiert werden. Neben gefährlichen Gegenständen sind auch nichtmuslimische religiöse Gegenstände auf dem Tempelberg verboten. Schultern und Knie müssen bedeckt sein. Nichtmuslime dürfen den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee nicht betreten. Besuchszeiten für den Tempelberg: Sonntag bis Donnerstag derzeit 7 – 11 Uhr.

Hat noch jemand Lust das alles zu beachten? Ich habe es für euch gemacht, Leute. Also, wir halten fest, für spätere Absätze, Tallit (jüdisches Hemd mit diesen heraushängenden Fäden) und Saddit (jüdisches Gebetsbuch) – verboten. Bis 2018 war auch die Kippa untersagt… Es war einmal.
Vor mir liegt der heiligste Ort der Juden. Schon Adam, den ersten Menschen, habe Gott aus der roten Erde dieses Berges geformt – so steht es im Talmud, der jüdischen spätantiken Schriftensammlung zur Auslegung der Thora. Manche glauben, hier oben befände sich der „Schöpfungsstein“, der Nabel der Welt. Hab allerdings keinen Feigenbaum gefunden. Ja, es war kein Apfel, Eva. Es war eine Feige, oder Traube… Von wegen Apple-Computer. König David legte auf dem Berg den Grundstein und König Salomon ließ im Jahre 957 vor der Zeitrechnung – vor! – den ersten Tempel errichten. So berichtet es die Bibel.
Anfang des 6. Jahrhundert vor Beginn der Zeitrechnung eroberten die Babylonier Jerusalem und zerstörten das Bauwerk. Doch bereits 50 Jahre danach begannen die Juden ihren zweiten Tempel zu bauen – der bis zur Zerstörung durch die Römer im Jahre 70 nach der Zeitrechnung auf dem Berg stand. Manche orthodoxe Rabbiner glauben, dass die Bundeslade und die Tafeln der Zehn Gebote auf dem Gelände des Tempelberges vergraben liegen. Immer mal wieder wurde danach gegraben. Nicht nachmachen! Verboten! Hat auch nie jemand etwas gefunden. Bis heute beten Juden in die Richtung, wo einst der Tempel stand.
Aber das Leben ist eben ungerecht. Ausgerechnet hier, an dem Ort, an dem der Tempel der Juden stand, bauten die Muslime zwei ihrer wichtigsten Moscheen: den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee. Nicht als Provokation gegenüber den Juden, sondern aus praktischen Gründen. Als die Muslime 600 Jahre nach Zerstörung des jüdischen Tempels ihre Heiligtümer hier errichteten, war der Tempelberg noch immer mit Schutt bedeckt. Ein freier Platz zum Bauen innerhalb der Jerusalemer Altstadt. Prima.

Für dieses Bergplateau verwenden Muslime nicht den Namen Tempelberg – sondern sprechen vom „Edlen Heiligtum“, Haram Al-Sharif. Die 17. Sure des Korans erzählt die zentrale Geschichte, die den Berg und den Islam miteinander verbindet. Es ist die „Nachtreise“ des Propheten Mohammed. „Der Prophet Mohammed kam nach Jerusalem. Er kam von Mekka und flog über den Berg. Er ritt auf einem Pferd.“ Das berichtet der Koran.
Dieses fliegende Zauberpferd namens Buraq stieß sich mit seinem Huf auf einem Felsen ab und stieg mit Mohammed in den Himmel auf. Dort traf sich Mohammed mit seinen Vorgängern: Abraham, Moses und Jesus. Sie werden im Islam als Propheten geschätzt.
Über dem Felsen, der bis heute den Fußabdruck des Zauberpferdes tragen soll, errichteten die Muslime erst ein Zelt. Ende des 7. Jahrhunderts dann eine Kuppel. Es ist der Felsendom. Das markante Wahrzeichen mit der goldenen Kuppel. Muslime auf der ganzen Welt hängen Darstellungen des Felsendoms in ihre Wohnungen. Dabei ist, laut Mohammed, das graue langgestreckte Gebäude nebenan, sogar noch heiliger. Die Al-Aqsa-Moschee, sagt er, sei die zweitälteste Moschee, und die drittwichtigste Moschee des Islam.

Da haben wir den Salat. Eine Story, die bestens geeignet ist, für einen nicht zu schlichtenden Streit. Die Mehrzahl der Juden meiden allerdings das Allerheiligste, auch weil mancher Rabbiner sagt, die Juden heutzutage seien unrein, um das Allerheiligste zu betreten. Es sind die Nationalreligiösen oder auch die Ultraorthodoxen, vor allem Siedler, die immer wieder auf dem Tempelberg provozieren. Dann ist die Spannung in der Luft förmlich zu greifen. Gerade während des Ramadan, wie diesen Tagen.
Das Beschriebene lässt nicht auf sich warten. Eine Gruppe sehr religiös anmutender Männer in Tallit, mit Kippa und Gebetsbuch und Frauen, noch fanatischer wirkend, werden von Soldaten auf den Tempelberg begleitet. Sie stolzieren möglichst nahe an der Al-Aqsa-Moschee vorbei, lesen in ihrem Gebetsbüchern und klopfen sich immer wieder auf die Schulter. Ob die Soldaten ihre Provokationen respektieren oder dulden, ist nicht auszumachen. Verboten ist der Tempelberg für Juden jedenfalls nicht. „Alleine, dass wir schon hier sind, ist Teil der Bauarbeiten. Es geht schon los. Bevor du ein Gebäude baust, musst du dir das Gelände anschauen. Du musst drum herumlaufen. Wenn du um etwas herumläufst, sagst du, dass es dir gehört“, sagt einer aus der Gruppe. Und das gilt für viele Orte in Jerusalem. Das ist aber einer anderen Geschichte vorbehalten.

Aviel Schneider, der Chefredakteur von Israel Heute, erzählte mir kürzlich, dass sein arabischer Taxifahrer, den er seit Jahren mit vielen Fahrten betraut, und mit dem er bei diesen Gelegenheiten bei einem Kaffee ins Gespräch kommt, vehement bestreitet, dass dort oben jemals ein jüdischer Tempel gestanden habe. „Dann bleibt er eben bei seiner Meinung, und ich bleibe bei meiner Meinung.“ Aviel hebt die Schultern.
In seiner Zeitung fordern hingegen Autoren, dass der Tempelberg allen zugänglich sein müsse. In einem Kommentar schreibt Arlen Kushner: „Die Westmauer in der Jerusalemer Altstadt ist ein Überbleibsel des Tempels und wird manchmal als die heiligste Stätte des jüdischen Volkes bezeichnet. Dies ist ein Irrtum. Die Mauer ist zwar sehr heilig, aber der heiligste Ort für die Juden ist der Ort darüber, wo sich der Tempel befand.“









Im Felsendom, den kein Nicht-Muslim betreten darf, steht auf einem Spruchband unter der Kuppel in feinem Mosaik Allahs Wort: „Ihr Leute der Schrift! Treibt es in eurer Religion nicht zu weit und sagt gegen Allah nichts aus, als die Wahrheit! Christus Jesus, der Sohn der Maria, ist nur der Gesandte Allahs und sein Wort, das er der Maria entboten hat, und Geist von ihm. Darum glaubt an Allah und seine Gesandten und sagt nicht von Allah, dass er in einem drei sei! Hört auf so etwas zu sagen! Das ist besser für euch. Allah ist nur ein einziger Allah. Gepriesen sei er! Er ist darüber erhaben ein Kind zu haben. … 172 Christus wird es nicht verschmähen, ein bloßer Diener Allahs zu sein, …“ (Sure 4,171-172)
Das kann ich nur zitieren. Ich war nicht im Dom. Ich war in buddhistischen Tempeln Asiens, in Hindu Tempeln Indiens, in thailändischen Wats, im Petersdom in Rom und in der Grabeskirche in Jerusalem – wie Millionen andere. Ich war im Bahá’i -Tempel in Haifa und habe bei der Göttin Kali in Dakshinkali bei Kathmandu Blutopfer erlebt. Hier musste ich einem heiseren Bellen „Only Muslims“ weichen.
Punkt elf Uhr schließen sich die Tore am Felsendom. Die Gruppe der Siedler ist noch nicht wieder am Ausgang eingetroffen. Die Geschichte geht weiter…

Der Autor auf dem Tempelberg
(Fotos: Autor)























