Fels des Anstoßes – eine Geschichte ohne Happy End

„Die Mauer ist zwar sehr heilig, aber der heiligste Ort für die Juden ist der Ort darüber, wo sich der Tempel befand.“ (Arlene Kushner, Autorin Israel Heute)

Zum Tempelberg hinauf geht es über eine Himmelsleiter. Schon gut, das ist doch etwas übertrieben. Aber dort am Westwall, der Klagemauer, zu der man nur durch streng bewachte Eingänge mit Taschenkontrolle kommt, ist auch ein kleiner Seiteneingang – nicht weniger streng kontrolliert. Er führt hinauf auf den Berg. The Rock. Diese mittelalterliche überdachte Treppe ist der einzige Zugang für Nichtmuslime zum Felsendom. Außerdem gibt es acht weitere Eingänge für Muslime. Bevor wieder einige darauf hinweisen, es seien elf, wie in Wiki steht, ja, aber nur neun sind aktuell geöffnet.

Und es herrschen strenge Regeln. Ein Ausweisdokument muss vorgelegt werden. Bei Zutritt muss eine Sicherheitskontrolle passiert werden. Neben gefährlichen Gegenständen sind auch nichtmuslimische religiöse Gegenstände auf dem Tempelberg verboten. Schultern und Knie müssen bedeckt sein. Nichtmuslime dürfen den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee nicht betreten. Besuchszeiten für den Tempelberg: Sonntag bis Donnerstag derzeit 7 – 11 Uhr.

Der Felsendom vom Turm der Erlöserkirche fotografiert

Hat noch jemand Lust das alles zu beachten? Ich habe es für euch gemacht, Leute. Also, wir halten fest, für spätere Absätze, Tallit (jüdisches Hemd mit diesen heraushängenden Fäden) und Saddit (jüdisches Gebetsbuch) – verboten. Bis 2018 war auch die Kippa untersagt… Es war einmal.

Vor mir liegt der heiligste Ort der Juden. Schon Adam, den ersten Menschen, habe Gott aus der roten Erde dieses Berges geformt – so steht es im Talmud, der jüdischen spätantiken Schriftensammlung zur Auslegung der Thora. Manche glauben, hier oben befände sich der „Schöpfungsstein“, der Nabel der Welt. Hab allerdings keinen Feigenbaum gefunden. Ja, es war kein Apfel, Eva. Es war eine Feige, oder Traube… Von wegen Apple-Computer. König David legte auf dem Berg den Grundstein und König Salomon ließ im Jahre 957 vor der Zeitrechnung – vor! – den ersten Tempel errichten. So berichtet es die Bibel.

Anfang des 6. Jahrhundert vor Beginn der Zeitrechnung eroberten die Babylonier Jerusalem und zerstörten das Bauwerk. Doch bereits 50 Jahre danach begannen die Juden ihren zweiten Tempel zu bauen – der bis zur Zerstörung durch die Römer im Jahre 70 nach der Zeitrechnung auf dem Berg stand. Manche orthodoxe Rabbiner glauben, dass die Bundeslade und die Tafeln der Zehn Gebote auf dem Gelände des Tempelberges vergraben liegen. Immer mal wieder wurde danach gegraben. Nicht nachmachen! Verboten! Hat auch nie jemand etwas gefunden. Bis heute beten Juden in die Richtung, wo einst der Tempel stand.

Aber das Leben ist eben ungerecht. Ausgerechnet hier, an dem Ort, an dem der Tempel der Juden stand, bauten die Muslime zwei ihrer wichtigsten Moscheen: den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee. Nicht als Provokation gegenüber den Juden, sondern aus praktischen Gründen. Als die Muslime 600 Jahre nach Zerstörung des jüdischen Tempels ihre Heiligtümer hier errichteten, war der Tempelberg noch immer mit Schutt bedeckt. Ein freier Platz zum Bauen innerhalb der Jerusalemer Altstadt. Prima.

Und jetzt genau auf dem Tempelberg

Für dieses Bergplateau verwenden Muslime nicht den Namen Tempelberg – sondern sprechen vom „Edlen Heiligtum“, Haram Al-Sharif. Die 17. Sure des Korans erzählt die zentrale Geschichte, die den Berg und den Islam miteinander verbindet. Es ist die „Nachtreise“ des Propheten Mohammed. „Der Prophet Mohammed kam nach Jerusalem. Er kam von Mekka und flog über den Berg. Er ritt auf einem Pferd.“ Das berichtet der Koran.

Dieses fliegende Zauberpferd namens Buraq stieß sich mit seinem Huf auf einem Felsen ab und stieg mit Mohammed in den Himmel auf. Dort traf sich Mohammed mit seinen Vorgängern: Abraham, Moses und Jesus. Sie werden im Islam als Propheten geschätzt.

Über dem Felsen, der bis heute den Fußabdruck des Zauberpferdes tragen soll, errichteten die Muslime erst ein Zelt. Ende des 7. Jahrhunderts dann eine Kuppel. Es ist der Felsendom. Das markante Wahrzeichen mit der goldenen Kuppel. Muslime auf der ganzen Welt hängen Darstellungen des Felsendoms in ihre Wohnungen. Dabei ist, laut Mohammed, das graue langgestreckte Gebäude nebenan, sogar noch heiliger. Die Al-Aqsa-Moschee, sagt er, sei die zweitälteste Moschee, und die drittwichtigste Moschee des Islam.

Zur Al-Aqsa-Moschee geht es tüchtig bergauf

Da haben wir den Salat. Eine Story, die bestens geeignet ist, für einen nicht zu schlichtenden Streit. Die Mehrzahl der Juden meiden allerdings das Allerheiligste, auch weil mancher Rabbiner sagt, die Juden heutzutage seien unrein, um das Allerheiligste zu betreten. Es sind die Nationalreligiösen oder auch die Ultraorthodoxen, vor allem Siedler, die immer wieder auf dem Tempelberg provozieren. Dann ist die Spannung in der Luft förmlich zu greifen. Gerade während des Ramadan, wie diesen Tagen.

Das Beschriebene lässt nicht auf sich warten. Eine Gruppe sehr religiös anmutender Männer in Tallit, mit Kippa und Gebetsbuch und Frauen, noch fanatischer wirkend, werden von Soldaten auf den Tempelberg begleitet. Sie stolzieren möglichst nahe an der Al-Aqsa-Moschee vorbei, lesen in ihrem Gebetsbüchern und klopfen sich immer wieder auf die Schulter. Ob die Soldaten ihre Provokationen respektieren oder dulden, ist nicht auszumachen. Verboten ist der Tempelberg für Juden jedenfalls nicht. „Alleine, dass wir schon hier sind, ist Teil der Bauarbeiten. Es geht schon los. Bevor du ein Gebäude baust, musst du dir das Gelände anschauen. Du musst drum herumlaufen. Wenn du um etwas herumläufst, sagst du, dass es dir gehört“, sagt einer aus der Gruppe. Und das gilt für viele Orte in Jerusalem. Das ist aber einer anderen Geschichte vorbehalten.

Von Soldaten begleitete jüdische Ultraorthodoxe direkt am muslimischen Heiligtum der Al-Aqsa-Moschee

Aviel Schneider, der Chefredakteur von Israel Heute, erzählte mir kürzlich, dass sein arabischer Taxifahrer, den er seit Jahren mit vielen Fahrten betraut, und mit dem er bei diesen Gelegenheiten bei einem Kaffee ins Gespräch kommt, vehement bestreitet, dass dort oben jemals ein jüdischer Tempel gestanden habe. „Dann bleibt er eben bei seiner Meinung, und ich bleibe bei meiner Meinung.“ Aviel hebt die Schultern.

In seiner Zeitung fordern hingegen Autoren, dass der Tempelberg allen zugänglich sein müsse. In einem Kommentar schreibt Arlen Kushner: „Die Westmauer in der Jerusalemer Altstadt ist ein Überbleibsel des Tempels und wird manchmal als die heiligste Stätte des jüdischen Volkes bezeichnet. Dies ist ein Irrtum. Die Mauer ist zwar sehr heilig, aber der heiligste Ort für die Juden ist der Ort darüber, wo sich der Tempel befand.“

Im Felsendom, den kein Nicht-Muslim betreten darf, steht auf einem Spruchband unter der Kuppel in feinem Mosaik Allahs Wort: „Ihr Leute der Schrift! Treibt es in eurer Religion nicht zu weit und sagt gegen Allah nichts aus, als die Wahrheit! Christus Jesus, der Sohn der Maria, ist nur der Gesandte Allahs und sein Wort, das er der Maria entboten hat, und Geist von ihm. Darum glaubt an Allah und seine Gesandten und sagt nicht von Allah, dass er in einem drei sei! Hört auf so etwas zu sagen! Das ist besser für euch. Allah ist nur ein einziger Allah. Gepriesen sei er! Er ist darüber erhaben ein Kind zu haben. … 172 Christus wird es nicht verschmähen, ein bloßer Diener Allahs zu sein, …“ (Sure 4,171-172)

Das kann ich nur zitieren. Ich war nicht im Dom. Ich war in buddhistischen Tempeln Asiens, in Hindu Tempeln Indiens, in thailändischen Wats, im Petersdom in Rom und in der Grabeskirche in Jerusalem – wie Millionen andere. Ich war im Bahá’i -Tempel in Haifa und habe bei der Göttin Kali in Dakshinkali bei Kathmandu Blutopfer erlebt. Hier musste ich einem heiseren Bellen „Only Muslims“ weichen.

Punkt elf Uhr schließen sich die Tore am Felsendom. Die Gruppe der Siedler ist noch nicht wieder am Ausgang eingetroffen. Die Geschichte geht weiter…

Der Autor auf dem Tempelberg

(Fotos: Autor)

Ein früher Vogel beim Tel Aviv-Marathon

„Dieses Jahr laufen wir schweren Herzens für diejenigen, die noch immer in Gefangenschaft sind, und in Gedenken an unsere gefallenen Helden.“ (Ron Huldai, Bürgermeister von Tel Aviv-Jaffa)

Wer mich ein wenig kennt, der weiß, dass ich seit über 30 Jahren Marathon laufe. Ein Lauf am Morgen ist mir der liebste Stadtrundgang. Da ist es doch klar wie Kloßbrühe, dass auch der Tel Aviv Marathon gestern, am 28. Februar, auf meiner Löffelliste für Israel stand. Zumal er im letzten Jahr wegen des Krieges ausfiel. Mein Lauffreund Rolli fragte mich gestern nach dem Halbmarathon – ich gebe zu, ich habe mich inzwischen auf die 21, 1 Kilometer zurückgezogen, ja das Alter… Also Roland fragte mich am Telefon gestern, ob denn solche Laufveranstaltungen mit 45.000 Teilnehmern überhaupt derzeit in Israel gingen.

Ja, na klar. Der Alltag in Israel geht weiter. Diese Erkenntnis gehört auch dazu. Der Krieg ist in den Köpfen aller Tag für Tag gegenwärtig. Aber deswegen verkriechen sich die Menschen hier nicht. Es ist eher ein trotziges „Seht her, ihr kriegt uns nicht unter“. Und glaubt mir, die Sicherheitsarchitektur dieses Landes gibt es her. Alle paar Meter Polizei oder Militär.

Also, wer sich nicht für den Marathoni Koslik interessiert, der kann hier aufhören. Aber es sind ohnehin nur ein paar Gedanken, ich beschreibe nicht jeden Meter. Fotos sagen manchmal mehr als Worte.

Noch nie habe ich einen Marathon oder Halbmarathon so früh begonnen wie in Tel Aviv. 6:10 Uhr lautete meine Startzeit, als ich das Starterkit am Mittwoch in einem Einkaufszentrum in Tel Aviv abhole. 6 Uhr, das ist 5 Uhr in Deutschland!!! Damit hatte ich nicht gerechnet. Der frühe Vogel fängt den Wurm, ist offenbar nicht nur ein deutsches Sprichwort. Eigentlich ist es ein englisches: The early bird… Jetzt bin ich gespannt, was mein Hebräisch-Lehrer Uwe noch herausholt. Garantiert ist das ein jüdisches Sprichwort, hi, hi, hi

Dazu sei aber angemerkt, dass der Halbmarathon, noch vor dem Marathon und den 10 Kilometer-, 5 Kilometer- und 3 Kilometer-Läufen des Freitags startet. 45.000 Läufer wollen gemanagt sein. Und außerdem wird es mittags hier am Mittelmeer schon richtig warm – 19 bis 20 Grad sind da drin. Außerdem, wer den Alltag hier kennt, weiß auch, dass am Sabbat sozusagen alles bis mittags gegessen sein muss. Ab 16 Uhr sind dann wirklich die Geschäfte und Märkte im Land geschlossen. Kein Flug, kein Zug, kein Einkauf bis am Sonntagmorgen. Wer sonntags von Ben Gurion abfliegt, darf schon freitags einchecken, damit die Ruhe am Sabbat nicht gestört wird. Aber das nur nebenbei.

Da aber so ein Marathon zudem überall die halbe Stadt lahmlegt, hatte ich mir schon im Vorhinein ein kleines Zimmerchen in einem Hostel in der Nähe des Startes über Booking.com gemietet. Ein Spot Hostel wie sich herausstellte. Das Zimmerchen war wirklich klein. Vier Quadratmeter. Fotos kann man ganz unten im Blog sehen. Ich glaube, das war das Hostel mit den meisten Türen auf Booking. Ein Meter Tür, 80 Zentimeter Bett in der Breite, zwei Meter zwanzig in der Länge, fertig ist das Spot Hostel-Zimmer. Sehr gemütlich, man kann sich im Zimmer nicht verlaufen. Und sogar ein Flachbildschirm passte noch ans Fußende. Für eine Nacht TopSpot…

Allerdings waren es dann doch noch drei Kilometer bis zum Start, die ich mit dem aufgeweckten Niederländer Josef marschierte und einigen anderen Läufern aus dem Spot. Erstmals gab es bei diesem 16. Tel Aviv Marathon auch einen kostenfreien 3 Kilometer-Lauf für die Soldaten, verwundete Soldaten und behinderte Veteranen nach 16 Monaten Kampf. Angeblich nahmen Tausende teil. Der Bürgermeister von Tel Aviv-Jaffa, Ron Huldai, sagte dazu laut „Aurora Israel“: „Israels größtes Sportereignis ist viel mehr als nur ein Rennen. Es steht für Widerstandsfähigkeit, Einheit und Entschlossenheit. Dieses Jahr laufen wir schweren Herzens für diejenigen, die noch immer in Gefangenschaft sind, und im Gedenken an unsere gefallenen Helden.“
Auf gehts, 21,1 Kilometer:

Tel Aviv schläft noch, als wir gegen 5 Uhr aufbrechen

Der Stolz auf das Mutterland läuft mit am frühen Morgen
„Bring them Home now“, ist derzeit überall im Land zu lesen. Fotos von Geiseln der Hamas in Gaza wurden auch beim Lauf getragen

Die gelbe Schleife als Symbol für den Kampf um die Geiseln. 59 sind es noch, wie viele davon leben ist offen

Ein Stück der Strecke am Meer entlang

Soldaten an der Strecke waren nicht nur mit Gewehren zu sehen

Siegerfreude und…
Siegerstolz bei allen – auch wenn der Kenianer Felix Kimutai in 2:12:13 (Weltrekord Männer 2:00:35) den Lauf gewann

Klein aber fein – mein Zimmer im Spot Hostel

Der Künstler im Spiegel… 😉

Am Start am Freitagmorgen, die Sonne geht auf, der Marathon kommt.

(Alle Fotos: Autor)

Ein Land zwischen Panik und Euphorie

„Juden, Beduinen, Christen, Drusen – der Schmerz und die Trauer über den Verlust einer Geisel vereint uns alle.“ (Botschafter Steffen Seibert auf X)

Man kann in diesen Tage nicht durch Jerusalem gehen, ohne an die noch immer verschleppten Geiseln erinnert zu werden. Überall sind Bilder und Plakate angebracht – an Bushaltestellen, an Geschäften, an Straßenlaternen. 101 Menschen lautete die letzte Zahl. In Tel Aviv und anderen Städten dasselbe Bild. Erst am Samstagabend gab es in Tel Aviv erneut eine große Demonstration, der sich Botschafter verschiedener Länder anschlossen. Die Zeit der stillen Diplomatie in den Hinterzimmern der Politik, einst entscheidendes Merkmal von Außenpolitik, scheint auch im Auswärtigen Amt in Berlin vorüber zu sein. In Prag, in Bukarest und auch hier in Tel Aviv zeigen Diplomaten zu verschiedenen Fragen offen Haltung.

Alle Geiseln müssten nach Hause zurückkehren, und der Krieg in Gaza, der Hunderttausenden schreckliches Leid bringe, müsse enden, sagte der Deutsche Botschafter und ehemalige Nachrichtensprecher Steffen Seibert, übrigens in bestem Hebräisch. „Diese beiden Ziele hängen zusammen und wir müssen zusehen, dass sie so schnell wie möglich erreicht werden.“ Dies postete Steffen Seibert auch auf X.

Steffen Seibert auf der Demonstration am letzten Sonnabend in Tel Aviv, auf der Plattform X von ihm gepostet. Die gelbe Schleife am Revers steht in Israel als Symbol für die Solidarität mit den Geiseln. (Quelle: Plattform X)

Auch wenn dieser Blog kein Nachrichten-Kanal werden soll, kann ich dem Thema nicht ausweichen. Wer keine politische Landeskunde aus meiner Froschperspektive haben möchte, sollte nicht weiterlesen. Aber ein Ziel meines Aufenthaltes besteht ja auch darin zu verstehen, was die Menschen hier bewegt, antreibt, rührt. Auch wenn das nur in Maßen gelingen kann. Das ist mir bewusst. Aber nun bin ich hier, und kann nicht anders.

Die Demonstration am Samstagabend (Quelle: Plattform X)

Bei dem Angriff der Terrororganisation Hamas wurden am 7. Oktober 2023 im Süden Israels etwa 1200 Menschen getötet und rund 250 verschleppt. Das sind die bekannten Fakten. Etwa 100 Geiseln befinden sich noch immer im Gazastreifen. Unter ihnen seien auch Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft, unter anderem auch der deutschen, schreibt die Jüdische Allgemeine in Jerusalem. In Israel spricht man vom größten Verbrechen an Juden seit dem Holocaust, der Schoa an sechs Millionen Juden in Europa durch die Nationalsozialisten. Die im Übrigen keine Kommunisten waren, wie Alice Weidel auf X im Gespräch mit Elon Musk mal munter behauptete. Derzeit laufen im Golfstaat Katar Gespräche über eine Waffenruhe und die Freilassung der Geiseln. Die USA haben sich eingeschaltet, und sehen angeblich gute Chancen.

Überall in der Stadt findet man Solidaritätsaufkleber.

Wie ist die Lage in Israel? Offenbar aus dem Trauma, dass sich die Vernichtung des jüdischen Volkes diesmal auf israelischen Boden wiederholen könnte, schlägt Israel jeden auch nur angedeuteten Versuch von Terror gegen sein Land zurück. Auch präventiv. Erst am Sonntag, dem 12 Januar, führte es Luftangriffe im Osten und im Süden des Libanon. Es geht um Stellungen der Hisbollah. Selbst bei Nichtanhängern der Regierung Netanyahu im Land findet das Anerkennung.

„Benjamin Netanyahu hat an Unterstützung immer mehr gewonnen“, berichtet Georg, der als Sicherheitsberater der EU in Ramallah arbeitet, dem Sitz des Palästinensischen Legislativrates und des Büros der palästinensischen Polizeibehörde. Die Bevölkerung sei inzwischen sogar bereit für die Verteidigung des Landes tote Soldaten und den Verlust von Flugzeugen hinzunehmen: im Iran, im Libanon, in Gaza, wo wöchentlich auch israelische Soldaten sterben, aber laut Hamas inzwischen 49.000 palästinensische Opfer zu beklagen seien. Nachprüfbar ist das nicht. Und die derzeitige Paralysierung von Syrien als Gegner bekam die Regierung Netanyahu quasi noch obendrauf. Es gibt Menschen hier, die beobachtet haben wollen, dass die Israelis geradezu euphorisch angesichts ihrer Erfolge sind.

Solidaritätsbekundungen auch an vielen Geschäften.

Erst am Wochenende wurde eine aus dem Jemen geschickte Drohne im Süden Israels abgefangen. Ein Hubschrauber habe die Drohne nahe der Ortschaft Gvulot in der Negev-Wüste abgeschossen, berichtet die „Times of Israel“. Die Huthi-Rebellen im Jemen sind wie die Hamas im Gaza-Streifen und die libanesische Hisbollah-Miliz mit dem Erzfeind Iran verbündet. Die Huthis attackieren regelmäßig Handelsschiffe im Roten Meer. Nach eigenen Angabe aus Solidarität mit der Hamas. Nicht zuletzt wird der Kampf gegen den Terror nach hiesigem Verständnis auch so gedeutet, dass Israel den Kopf hinhält für Europa.

„Israel ist nicht mehr das, was es einmal war“, beobachtet hingegen Kathi, die seit 1966 hier lebt und sich das Land als junge Frau als Lebensmittelpunkt aussuchte. Ihre Tochter und ihre Enkelin wohnen hier. Ihre Familie dagegen in Belgien. Die ehemalige Fotografin lebt in einem Vorort von Jerusalem. Sie findet wie viele linke Israelis die derzeitige national-konservative Regierung schrecklich. Ultraorthodoxe Juden besiedeln inzwischen ganze Städte, wie die Metropole Bnei Brak. Bnei Brak ist eines der Hauptzentren des Tora-Studiums. Dort wählten vier Fünftel der Einwohner ultraorthodoxe oder religiös-zionistische Parteien. Die 200.000 Einwohner-Stadt zählt zu den ärmsten in Israel. Während der Corona-Pandemie gab es hier eine extrem hohe Zahl an Infizierten. Die Stadt wurde von der Polizei abgeriegelt. Armeeeinheiten führten auf freiwilliger Basis Evakuierungen durch. Aber das nur am Rande.

Kathi aus Belgien hat als Fotografin ein Buch über Vögel in Israel veröffentlicht. Eines ihrer Hauptthemen: Kraniche als Pilger auf dem Weg in den Süden. Hunderttausende Kraniche rasten in Israel, wie wir es auch aus Mecklenburg-Vorpommern kennen.

Das Entweder-Oder-Denken habe im gesamten Land zugenommen, berichtet auch Nikodemus Schnabel. Er ist Abt in der Dormitio Abtei, dem Benediktiner Kloster auf dem Zions-Berg, das ich mir als Wohnstätte in Jerusalem ausgesucht habe. Abt Nikodemus lebt seit 2006 in Jerusalem und verfolgt die politische Lage nicht erst seit dem 7. Oktober. Er selbst war einst im Auswärtigen Amt in Berlin tätig. Für ihn sei nicht der 7. Oktober das entscheidende Datum bei der Veränderung der Stimmung im Land, berichtet er, sondern der Antritt dieser national-konservativen Regierung von Benjamin Netanyahu. Seither herrsche offener Hass im Land. „Die Situation ist eine Katastrophe. Wir sind gerade auf einem absoluten Tiefpunkt“, sagt Abt Nikodemus. Es gebe aktuell politisch nichts Gutes zu berichten. Nur Verlierer auf beiden Seiten. Der Abt: „Die Israelis verlieren. Die Palästinenser verlieren. Es ist ein Ozean von Leid. Meine Hoffnung ist, dass es einen Schrecken gibt, der zu einem Nachdenken führt.“

Täglich finden an der Klagemauer in Jerusalem Soldaten-Appelle statt

Amos Oz, der israelische Schriftsteller und Journalist, habe einst gesagt, man müsse den Kompromiss enttabuisieren. Die derzeitige Haltung, dass keine der beiden Seiten auch nur einen Millimeter nachgebe, bringe beide Seite nicht weiter, beobachtet Schnabel: „Fakt ist, wenn man den Extremisten von der Hamas und Co. und dem Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir und Co., folgt, dann gibt es nur eine Lösung. Die jeweilig anderen Seite muss weg. Das ist zynisch.“ Inzwischen leben fast acht Millionen israelische Juden u n d bald acht Millionen Palästinenser in Israel und in den Autonomie-Gebieten. Die Frage sei, wie schafft man es, dass man zusammenkommt.

Der Traum der national-konservativen Siedler, jetzt auch im Gaza-Streifen wieder zu siedeln, den man 2005 unter Ariel Sharon vollständig räumte und der palästinensischen Autonomie-Behörde überließ, wäre jedoch ganz offenbar ein Schritt in die entgegengesetzte Richtung. Hoffnungen auf die derzeitigen Verhandlungen in Katar scheinen da doch eher mit Vorsicht zu genießen sein. Zumal auch auf der Westbank radikalisierte Israelis Palästinensische Dörfer angreifen und dabei wiederum von der israelischen Armee vertrieben werden sollten. Im zerstrittenen Israel gibt es mehr als militärischen Fronten.

Der Autor heute vor dem Jaffa-Tor in Jerusalem.