Zu Hause im Klostergarten

פרידה עם דמעות. (Abschied mit einer Träne im Knopfloch)

Dichtes Pflanzengewirr – und im Hintergrund ein kleines Gartenhaus

Es gibt Orte auf der Welt, von denen behauptet wird, dass man bei ihnen zweimal weine. Einmal bei der Ankunft, und einmal beim Abschied. Ich würde Jerusalem Unrecht tun, wenn ich behauptete, dass ich bei meiner Ankunft am 5. Januar weinte. Nein. Aber der Anfang hier ist mir nicht leicht gefallen. Nun jedoch davor zu stehen, morgen wieder abzureisen, das fällt mir wirklich schwer. Es ist so unglaublich. Erst dachte ich, das halte ich niemals ein viertel Jahr aus. So anders als Tel Aviv. So verstaubt. So historisch. So biblisch. Aber wow? Ein viertel Jahr in Jerusalem. Welch‘ ein Erlebnis. Heute habe ich, ich gebe es zu, eine Träne im Knopfloch – und vielleicht auch eine in den Augenwinkeln.

Ich habe mir hier eine Kippa gekauft. Ja, jetzt werden viele zu Hause denken, klar, der Opportunist, ein Leben vom Halstuch direkt zur Kippa. Wenn du hier die Klagemauer besuchst, oder eine Synagoge oder die ewige Flamme in Yad Vashem, wenn man heilige Stätten in Tiberias, in Haifa oder Nazareth betritt, dann braucht man so ein Ding. Diese bereitgehaltenen Besucher-Kippas sind so gar nicht meins. Du nimmst sie aus einer Kippa-Kiste, in der schon Tausende vor dir herumgegrabbelt haben, und denkst sofort an Läuse. Eine Kippa ist in Isrel nicht teuer. Vielleicht kostet ja eine mit dem Bild von Donald Trump oben drauf etwas mehr.

Es gibt Trump-Fans hier, ja so einige. Das nur dazu, dass ich die Menschen hier auch nach drei Monaten noch lange nicht verstehe. Ich bin ja hier hergekommen, um Israel zu verstehen. Jetzt verstehe ich viele Gründe für das Handeln der Israelis. Das heißt nicht, dass ich es stets gutheiße. Aber ich glaube zu wissen, warum manches so ist, wie es ist. Dazu kommen wir noch.

Verrückte gibt es eben überall auf den Welt – das Gute: Ich habe niemand eine solche Kippa tragen sehen.

Wer zwei Wochen in Israel ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre hier ist, möchte gar nichts mehr sagen, lautet ein Sprichwort in Israel. Der Probst von Jerusalem, Joachim Lenz, hatte es mir am Anfang mit auf dem Weg gegeben. Er ist so etwas wie ein Israelbegleiter für mich geworden. Das Sprichwort trifft es. Es stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht. Ich habe hier so viele Menschen getroffen, die so offen waren. Die mir ihre Geschichte und ihre Geschichten erzählt haben, ohne dass wir uns schon Jahren kannten. Das alles konnte ich natürlich nicht in diesen Blog gießen. Ich habe viele dieser neuen Bekanntschaften meinem Hebräisch-Lehrer und inzwischen vielleicht auch Freund Uwe Seppmann zu verdanken. Alle Menschen, die Du hier kennst, konnte ich nicht besuchen, Uwe… Aber Danke, Du hast mir die Tür zu Israel geöffnet. Nur noch Hineingehen musste ich selbst.

Ich habe in diesem Blog viel ausgebreitet – aber wie gesagt lange nicht über alles geschrieben. Ich habe nicht über das relativ neue „Book of Names“ in Yad Vashem geschrieben, in dem alle Besucher des Mahnmals nachblättern, ob der Name ihrer Familie in ihm auftaucht. Sechs Millionen Tote! Tausende Schneiders, Rosenbaums, Löwentals… Kein Koslik. Aber Kosiks. Ich habe meinen Freund Udo begleitet, der als Generalsekretär der Kultusministerkonferenz einen Staatsbesuch vorbereitete. Wir waren im Bildungsministerium. Ich war in der große Synagoge in Jerusalem zu Purim. Ich habe das widerrechtlich besetzte Al-Ram in der Westbank besucht und war in Jericho. Ja, ich habe hier sogar eine Sauna gefunden. Jerusalem kann im Winter auch kalt sein. Und ich habe mein Handy x-mal ultraorthodoxen Juden gegeben, die zwar kein Telefon hatten, aber offenbar eine Nummer um anzurufen.

Wem gehört die Stadt? Die Frage stellt sich bei diesem Foto von der Jaffa Street an der City Hall in Jerusalem nicht!

Ich habe auch nicht über den Kibbuz Be’eri geschrieben. Einer der bekannteren Kibuzze des Hamas-Terros. Er soll bis 2027 wieder aufgebaut werden. Mit deutscher Hilfe. Solange leben die Bewohner in einer künstliche hochgezogenen Wohnanlage des Kibbuz Chazerim in der Wüste Negev, wie in einem Raumschiff. Ist das gut? Fünf Jahre weg von der eignen Scholle. Was passiert da mit den Menschen? Kann man sie nicht verstehen, wenn sie wütend sind. Dass ihre Söhne und Töchter, ihre Armee und manchmal auch ihre Rabbis gnadenlos sind?

Erst vor wenigen Tagen traf ich den Chefredakteur von „Israel heute“. Aviel Schneider lebt seit 1978 in Jerusalem. Sein Vater Ludwig Schneider wurde als Sohn jüdischer Eltern geboren, die den Holocaust überlebten, weil sie von einer Küsterfamilie in Quedlinburg versteckt wurden. Die Familie floh nach dem Krieg ins Rheinland. Später, wie gesagt, Jerusalem und das Magazin „Israel heute“. Geschichte kann so nahe sein.

Aviel, Israel ist so klein und persönlich, dass sich eigentlich alle hier duzen, lebt in der Nähe von Jerusalem. Als am 7. Oktober die Hamas den Süden überfiel, standen seine drei Söhne am nächsten Morgen vor der Tür, holten ihre Waffen und fuhren in den Krieg. „Das Militär war nicht vorbereitet. Das werfe ich Bibi vor. Wir haben alles gekauft. Ausrüstung, Westen, Helme, Drohnen…“, berichtet Aviel, der aber sonst ein Netanjahu-Wähler zu sein scheint. „Als der Krieg kam, habe ich meine linken Ausfassungen in die Schublade gesteckt und diese verschlossen“, sagt er mit Blick auf die PLO, die heute die Fatach ist, mit Blick auf die Hamas, mit Blick auf die Palästinenser. Ich glaube nicht, dass Aviel viele linke Auffassungen hatte. Aber so wie er reagieren viele Menschen hier.

Das Leben geht weiter, auch wenn die Waffe immer dabei ist.

Seine Tochter und sein Schwiegersohn haben im Oktober 2023 geheiratet. Die Hochzeit durfte wegen des Krieges nicht so riesig sein, wie geplant. Aber als die Söhne dafür für 12 Stunden aus dem Krieg nach Hause kamen, haben sie gefragt: Seid ihr meschugge? Ihr streitet euch über links, rechts, Nethanjahu „Ja“, Nentanjahu „Nein“, und wir kriechen durch die unterirdischen Gänge in Gaza und räuchern die Hamas aus? „Sie retten Israel, nicht unsere Diskussionen“ sagt Aviel Schneider. „Ich bin stolz auf die Jungen.“

Aviel Schneider sagt auch: „Israel hat noch nie einen Krieg begonnen. Wir haben uns immer nur verteidigt.“ So ist das Recht seit der Geschichte Esther 480 Jahre vor Christi. Für Aviel ist klar, die Geschichte des Landes ist im Alten Testament geschrieben. Politik und Religion sind in Israel eins. Und als ich in zweifelnd frage, ob das eine gute Idee ist, fragt er: „Wenn eure Soldaten bald in der Ukraine in den Krieg ziehen, wofür tun sie das? Unsere Soldaten kämpfen für Israel. Das Leben in Israel macht Sinn. Du weißt, wofür du kämpft.“ In den letzten Tagen nahmen die nächtliche Bombenalarme wieder zu. Diesmal kommen die Raketen aus dem Libanon.

Man muss Aviels Postion nicht teilen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die im Westjordanland Hilfe leisten. Ich habe mit Palästinensern gesprochen, die um ihre Häuser fürchten. Aber man sollte solche Meinung kennen, um vielleicht doch ein bisschen zu wissen, wie die Menschen hier ticken. Und ich habe viele Aviel Schneiders gehört… Und ich habe ein Konzert mit Effi Netzer – ein bisschen wie Heino oder Roy Black – erlebt, bei dem der gesamte Saal im Jerusalem Theater tobte als er sang „Schalom Al Israel“ – Friede, Friede, Friede sei mit Israel. Was er sonst noch bei stehendem Applaus sang, kann man auf einem Foto hier sehen.

Effi Netzers Geburtstagsshow im Jerusalem Theater – der Saal stand Kopf .

Ist es wirklich ein gute Idee nach Israel zu gehen? Ist es wirklich eine gute Idee jetzt hierher zu fahren? Das muss jeder für sich entscheiden. Niemand kann so einfach mit dem Finger schnipsen – und sagen Ja. Für mich war es eine gute Entscheidung. Ich habe so viele Menschen kennen gelernt, und viel Dinge getan, die mir in meinem etwas älteren Leben so nicht über den Weg gelaufen wären. Ich habe in einem Gartenhaus eines Klosters gewohnt. Großartig. Internet manchmal. Braucht man bei Gott ja auch nicht. Warmes Wasser, später ja. Strom war auch schon mal Glückssache. Aber es war wirklich ein tolles Gartenhaus. So viel Grün rundum. Und soviel Geschichte direkt am Abendmal-Saal und an Davids Grab, dem vermeintlichen zumindest.

Ich bin nicht christlich geworden, tut mir leid Uwe. Ich bin ein Mensch, der sich die Welt anschaut, um zu einer Weltanschauung zu kommen, die sich ganz sicher von der unterscheidet, die mir in der Schule mitgegeben wurde. Vorallem steht da Toleranz und Akzeptanz. Was vielen heute so schwer fällt. Auch in Israel. Ich war im Bah‘ai Tempel, wo geschrieben steht „Du sollst keine andere Religion hassen.“ Und ich habe für eine Kirchenzeitung darüber geschrieben, wie auch die Christen von rechtsradikalen Siedlern langsam aus Jerusalem vertrieben werden. Dafür fand ich hier keinen Platz mehr. Vielleicht reiche ich den Artikel im Blog nach. Sei 2014 gibt es hier eine „Gesetz über das Eigentum von Abwesenden“. Das gibt den Siedlern das Recht all das zu tun, was sie tun. Und ich habe arabische Frauen getroffen, die genauso auf Jerusalem als ihre Hauptstadt schauen, wie jüdische Israelis.

Beliebter Aussichtspunkt auf dem Ölberg mit Blick auf den Felsendom – Lyla bat um ein Foto

Die Tora, die heilige Schrift der Juden, weist den Menschen hier den Weg. Es kommt auf den Weg an, nicht auf das Ziel. So ist das Leben. Der Weg ist voller Herausforderungen, wie man heute so schön sagt. Es kommt auf die Reise an, nicht auf ihr Ende. Das kennen wir ja ohnehin. Und das kommt ja auch von ganz alleine.

Danke euch allen da draußen, dass ihr meinen Blog gelesen habt. Es war grandios zu sehen, dass doch ein paar Leute am anderen Ende der Leitung sind. Danke! Wenn ich zurückkehre nach old Germany – hi, hi old Germany, und das in Jerusalem – dann ist dieser Blog natürlich nicht zu Ende. Es gilt noch über ein wenig Kunst zu berichten, wie über Yoko One in der Nationalgalerie ab 11. April in Berlin. Und es wird auch einen neuen Jakobsweg-Blog geben. Das Leben geht weiter. Und was für eines. Es bleibt spannend. Bleibt dran und habt eine gute Zeit, wo immer ihr auch seid.

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Epilog: Ihr wollt wissen, warum die Israelis so sind, wie sie sind? Die Charta, der Grundsatz aller Israelis lautet „Masada wird nie wieder fallen.“ So lautet der Schwur der Elitesoldaten seit der Gründung Israels. Masada ist ein rotes Felsenmassiv in der Judäischen Wüste am Toten Meer, wo sich vor 2000 Jahren die letzten Juden in Israel vor den Römern verschanzten. Als die schließlich die letzte Mauer nach langer Belagerung stürmten, hatten sich alle Bewohner bereits selbst mit dem Schwert gerichtet. Kinder, Frauen, Männer, Alte.
Am 7. Oktober 2023 ist Masada erneut gefallen.

Die Freddy Lemon-Bar auf dem Mehane Yehuda Markt in Jerusalem. Meine Lieblingsbar. Bier allerdings 10 Euro…

Fels des Anstoßes – eine Geschichte ohne Happy End

„Die Mauer ist zwar sehr heilig, aber der heiligste Ort für die Juden ist der Ort darüber, wo sich der Tempel befand.“ (Arlene Kushner, Autorin Israel Heute)

Zum Tempelberg hinauf geht es über eine Himmelsleiter. Schon gut, das ist doch etwas übertrieben. Aber dort am Westwall, der Klagemauer, zu der man nur durch streng bewachte Eingänge mit Taschenkontrolle kommt, ist auch ein kleiner Seiteneingang – nicht weniger streng kontrolliert. Er führt hinauf auf den Berg. The Rock. Diese mittelalterliche überdachte Treppe ist der einzige Zugang für Nichtmuslime zum Felsendom. Außerdem gibt es acht weitere Eingänge für Muslime. Bevor wieder einige darauf hinweisen, es seien elf, wie in Wiki steht, ja, aber nur neun sind aktuell geöffnet.

Und es herrschen strenge Regeln. Ein Ausweisdokument muss vorgelegt werden. Bei Zutritt muss eine Sicherheitskontrolle passiert werden. Neben gefährlichen Gegenständen sind auch nichtmuslimische religiöse Gegenstände auf dem Tempelberg verboten. Schultern und Knie müssen bedeckt sein. Nichtmuslime dürfen den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee nicht betreten. Besuchszeiten für den Tempelberg: Sonntag bis Donnerstag derzeit 7 – 11 Uhr.

Der Felsendom vom Turm der Erlöserkirche fotografiert

Hat noch jemand Lust das alles zu beachten? Ich habe es für euch gemacht, Leute. Also, wir halten fest, für spätere Absätze, Tallit (jüdisches Hemd mit diesen heraushängenden Fäden) und Saddit (jüdisches Gebetsbuch) – verboten. Bis 2018 war auch die Kippa untersagt… Es war einmal.

Vor mir liegt der heiligste Ort der Juden. Schon Adam, den ersten Menschen, habe Gott aus der roten Erde dieses Berges geformt – so steht es im Talmud, der jüdischen spätantiken Schriftensammlung zur Auslegung der Thora. Manche glauben, hier oben befände sich der „Schöpfungsstein“, der Nabel der Welt. Hab allerdings keinen Feigenbaum gefunden. Ja, es war kein Apfel, Eva. Es war eine Feige, oder Traube… Von wegen Apple-Computer. König David legte auf dem Berg den Grundstein und König Salomon ließ im Jahre 957 vor der Zeitrechnung – vor! – den ersten Tempel errichten. So berichtet es die Bibel.

Anfang des 6. Jahrhundert vor Beginn der Zeitrechnung eroberten die Babylonier Jerusalem und zerstörten das Bauwerk. Doch bereits 50 Jahre danach begannen die Juden ihren zweiten Tempel zu bauen – der bis zur Zerstörung durch die Römer im Jahre 70 nach der Zeitrechnung auf dem Berg stand. Manche orthodoxe Rabbiner glauben, dass die Bundeslade und die Tafeln der Zehn Gebote auf dem Gelände des Tempelberges vergraben liegen. Immer mal wieder wurde danach gegraben. Nicht nachmachen! Verboten! Hat auch nie jemand etwas gefunden. Bis heute beten Juden in die Richtung, wo einst der Tempel stand.

Aber das Leben ist eben ungerecht. Ausgerechnet hier, an dem Ort, an dem der Tempel der Juden stand, bauten die Muslime zwei ihrer wichtigsten Moscheen: den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee. Nicht als Provokation gegenüber den Juden, sondern aus praktischen Gründen. Als die Muslime 600 Jahre nach Zerstörung des jüdischen Tempels ihre Heiligtümer hier errichteten, war der Tempelberg noch immer mit Schutt bedeckt. Ein freier Platz zum Bauen innerhalb der Jerusalemer Altstadt. Prima.

Und jetzt genau auf dem Tempelberg

Für dieses Bergplateau verwenden Muslime nicht den Namen Tempelberg – sondern sprechen vom „Edlen Heiligtum“, Haram Al-Sharif. Die 17. Sure des Korans erzählt die zentrale Geschichte, die den Berg und den Islam miteinander verbindet. Es ist die „Nachtreise“ des Propheten Mohammed. „Der Prophet Mohammed kam nach Jerusalem. Er kam von Mekka und flog über den Berg. Er ritt auf einem Pferd.“ Das berichtet der Koran.

Dieses fliegende Zauberpferd namens Buraq stieß sich mit seinem Huf auf einem Felsen ab und stieg mit Mohammed in den Himmel auf. Dort traf sich Mohammed mit seinen Vorgängern: Abraham, Moses und Jesus. Sie werden im Islam als Propheten geschätzt.

Über dem Felsen, der bis heute den Fußabdruck des Zauberpferdes tragen soll, errichteten die Muslime erst ein Zelt. Ende des 7. Jahrhunderts dann eine Kuppel. Es ist der Felsendom. Das markante Wahrzeichen mit der goldenen Kuppel. Muslime auf der ganzen Welt hängen Darstellungen des Felsendoms in ihre Wohnungen. Dabei ist, laut Mohammed, das graue langgestreckte Gebäude nebenan, sogar noch heiliger. Die Al-Aqsa-Moschee, sagt er, sei die zweitälteste Moschee, und die drittwichtigste Moschee des Islam.

Zur Al-Aqsa-Moschee geht es tüchtig bergauf

Da haben wir den Salat. Eine Story, die bestens geeignet ist, für einen nicht zu schlichtenden Streit. Die Mehrzahl der Juden meiden allerdings das Allerheiligste, auch weil mancher Rabbiner sagt, die Juden heutzutage seien unrein, um das Allerheiligste zu betreten. Es sind die Nationalreligiösen oder auch die Ultraorthodoxen, vor allem Siedler, die immer wieder auf dem Tempelberg provozieren. Dann ist die Spannung in der Luft förmlich zu greifen. Gerade während des Ramadan, wie diesen Tagen.

Das Beschriebene lässt nicht auf sich warten. Eine Gruppe sehr religiös anmutender Männer in Tallit, mit Kippa und Gebetsbuch und Frauen, noch fanatischer wirkend, werden von Soldaten auf den Tempelberg begleitet. Sie stolzieren möglichst nahe an der Al-Aqsa-Moschee vorbei, lesen in ihrem Gebetsbüchern und klopfen sich immer wieder auf die Schulter. Ob die Soldaten ihre Provokationen respektieren oder dulden, ist nicht auszumachen. Verboten ist der Tempelberg für Juden jedenfalls nicht. „Alleine, dass wir schon hier sind, ist Teil der Bauarbeiten. Es geht schon los. Bevor du ein Gebäude baust, musst du dir das Gelände anschauen. Du musst drum herumlaufen. Wenn du um etwas herumläufst, sagst du, dass es dir gehört“, sagt einer aus der Gruppe. Und das gilt für viele Orte in Jerusalem. Das ist aber einer anderen Geschichte vorbehalten.

Von Soldaten begleitete jüdische Ultraorthodoxe direkt am muslimischen Heiligtum der Al-Aqsa-Moschee

Aviel Schneider, der Chefredakteur von Israel Heute, erzählte mir kürzlich, dass sein arabischer Taxifahrer, den er seit Jahren mit vielen Fahrten betraut, und mit dem er bei diesen Gelegenheiten bei einem Kaffee ins Gespräch kommt, vehement bestreitet, dass dort oben jemals ein jüdischer Tempel gestanden habe. „Dann bleibt er eben bei seiner Meinung, und ich bleibe bei meiner Meinung.“ Aviel hebt die Schultern.

In seiner Zeitung fordern hingegen Autoren, dass der Tempelberg allen zugänglich sein müsse. In einem Kommentar schreibt Arlen Kushner: „Die Westmauer in der Jerusalemer Altstadt ist ein Überbleibsel des Tempels und wird manchmal als die heiligste Stätte des jüdischen Volkes bezeichnet. Dies ist ein Irrtum. Die Mauer ist zwar sehr heilig, aber der heiligste Ort für die Juden ist der Ort darüber, wo sich der Tempel befand.“

Im Felsendom, den kein Nicht-Muslim betreten darf, steht auf einem Spruchband unter der Kuppel in feinem Mosaik Allahs Wort: „Ihr Leute der Schrift! Treibt es in eurer Religion nicht zu weit und sagt gegen Allah nichts aus, als die Wahrheit! Christus Jesus, der Sohn der Maria, ist nur der Gesandte Allahs und sein Wort, das er der Maria entboten hat, und Geist von ihm. Darum glaubt an Allah und seine Gesandten und sagt nicht von Allah, dass er in einem drei sei! Hört auf so etwas zu sagen! Das ist besser für euch. Allah ist nur ein einziger Allah. Gepriesen sei er! Er ist darüber erhaben ein Kind zu haben. … 172 Christus wird es nicht verschmähen, ein bloßer Diener Allahs zu sein, …“ (Sure 4,171-172)

Das kann ich nur zitieren. Ich war nicht im Dom. Ich war in buddhistischen Tempeln Asiens, in Hindu Tempeln Indiens, in thailändischen Wats, im Petersdom in Rom und in der Grabeskirche in Jerusalem – wie Millionen andere. Ich war im Bahá’i -Tempel in Haifa und habe bei der Göttin Kali in Dakshinkali bei Kathmandu Blutopfer erlebt. Hier musste ich einem heiseren Bellen „Only Muslims“ weichen.

Punkt elf Uhr schließen sich die Tore am Felsendom. Die Gruppe der Siedler ist noch nicht wieder am Ausgang eingetroffen. Die Geschichte geht weiter…

Der Autor auf dem Tempelberg

(Fotos: Autor)

Israel außer Rand und Band – und alles wegen Esther

„Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein…“ (Biblischer Vers, Prediger 10.8)

Triggerwarnung: Gewalt, Rauschmittel, schlechte Ausdrücke, Religion

Wer in diesen Tagen in Jerusalem, Tel Aviv oder anderen Orten in Israel unterwegs ist, wird…, ach was, muss sich fragen: Hä, wo bin ich hier gelandet? Bei der Fastnacht in Stuttgart, beim Karneval in Köln, beim Fasching im Kindergarten? Sorry, ich bin bekanntermaßen weder besonders bibelfest, noch tauge ich als Jeck für die richtigen Begrifflichkeiten dieser Verkleidungsorgie in Deutschland.

Jedenfalls feiert auch halb Israel so eine Art Karneval in diesen Tagen. Nur hier heißt es Purim. Und da ist Verkleidung Pflicht. Einlassordung zur Purim-Party in Tel Aviv am Strand: „Cabaret Tel Aviv – Bitte kleiden sie sich entsprechend“ Oder an anderer Stelle: „Kostüm erforderlich“. Mhm. Und es wird getrunken, ach was gesoff… Aber unsere jüdischen Mitbürger machen das alles natürlich nicht freiwillig. Sie sind ja nicht jeck. Nein, es ist alles wegen Esther. Esther, die Schöne ist schuld.

Die schöne Esther oder Maria Callas – das ist hier die Frage

Das steht schon so im Alten Testament. Und was im Buch der Bücher steht, ist Gesetz. Und auch wenn man sonst hier kaum Alkohol trinkt, wenn ein König 480 Jahre vor Christi sagt, alle sollen trinken und essen so viel sie können – frei gedeutet-, dann muss man dem auch noch 2500 Jahre später folgen – und sich das Zeug reinwürgen. Logo, oder? Zumal der babylonische Lehrer Rabba anweist: Man soll so lange trinken, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen „Verflucht sei Haman“ (Schuft) und „Gelobt sei Mordechai“ (positiver Held). Na dann L‘Chaim.

Womit wir beim Thema sind: Das spaßige Fest hat einen ernsten Hintergrund. Gefeiert wird eigentlich, wie Juden in biblischer Zeit mit List und Tücke einem Pogrom, Völkermord, entgingen. Kleiner gehts nun mal nicht in der jüdischen Welt.

Am Vorabend wird auf allen Plätzen, in Synagogen und Familien das Buch Esther laut vorgelesen

Die Geschichte einmal einfach erzählt: Die junge Jüdin Esther lebt in der persischen Stadt Susa. Vor vielen Jahren wurde ihre Familie aus Jerusalem verschleppt. Esther wurde von ihrem Cousin Mordechai, nennen wir ihn hier mal Modchi, großgezogen. Er ist ein Diener des Königs von Persien. Eines schönen Tages sucht König Ahasverus eine neue Königin. Er wird seine Gründe gehabt haben, von Streitsucht geht die Rede. Bei ihr, n a t ü r l i c h nicht bei ihm. Seine Diener schleppen die schönsten Frauen zu ihm – also auch die schöne Esther. Von allen wählt der König Esther als Königin aus. Modchi empfiehlt ihr, sie solle lieber nicht verraten, dass sie eine Jüdin ist. Wer weiß, wer weiß… Da ist ja immer was.

Nun kommt des Königs Großwesir Haman ins Spiel. Ein hochnäsiger Mann, der verlangt, dass sich alle vor ihm verbeugen sollen. Aber Modchi, der widerborstige Jude, weigert sich. Das macht Haman so wütend, dass er ihn töten will. Außerdem erfährt Haman da erst, dass Modchi ein Jude ist. Da überlegt er sich, dass er doch mal fix alle Juden im Land töten könnte. Er sagt zum König: „Die Juden sind gefährlich. Du musst sie loswerden!“ Der König antwortet was ein König immer antwortet: „Mach, was du für richtig hältst.“ Dann erlaubt er ihm, ein Gesetz zu machen. Der König lost den Vernichtungstag aus. Es ist am 13. Tag des Monats Adar. Das hebräische Wort „Pur“ ist die Übersetzung für „Los“. Purim ist auch persischen Ursprungs, so etwa wie „ein Los ziehen“.

Esther weiß nichts von dem Gesetz. Darum schickt Modchi ihr eine Kopie davon und lässt ihr sagen: „Sprich mit dem König.“ Esther antwortet: „Wer ohne Einladung zum König geht, wird getötet.“ Wir alle kennen ja den Spruch: Gehe nie zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst. Und der König hatte Esther seit 30 Tagen nicht mehr eingeladen! Nun sprach sie aber mutig: „Aber ich werde gehen. Wenn er mir sein Zepter entgegenstreckt, bleibe ich am Leben. Wenn nicht, sterbe ich.“ Also, sie meinte schon das Zepter.

Esther fastet, macht sich zuckersüß und geht in den Innenhof vom Königspalast. Der König sieht sie. Dann streckt er ihr sein Zepter entgegen. Er fragt: „Was kann ich für dich tun, Esther?“ Sie antwortet gerissen: „Ich möchte dich und Haman zu einem Festessen einladen.“ Es folgt ein Essen und noch ein Essen, und… endlich fragt der König erneut: „Was kann ich denn nun für dich tun, was verlangst du, und sei es das halbe Königreich?“ Esther antwortet: „Ich bin Jüdin. Ich habe mich bislang verstellt und verkleidet. Aber nun will jemand mein Volk töten. Wenn du mich liebst, dann bitte rette uns!“ „Wer will euch ermorden“, will der König nun neugierig geworden wissen. Sie sagt: „Dieser böse Großwesir Haman!“ Da wird König Ahasverus so zornig, dass er Haman sofort töten lässt.

Nach dem unglücklichen Hinscheiden Hamans setzt der König nun Modchi als Großwesir über alle Fürsten ein, gibt ihm Hamans Palast und das Recht, ein neues Gesetz zu machen. Dieses Modchi-Gesetz erlaubt es den Juden, sich zu verteidigen, wenn sie angegriffen werden. Und am 13. Tag des Monats Adar besiegen die Juden ihre Feinde. Und am 14. feiern sie das. Und der König, der selbst gerne Wein trinkt, befiehlt zu essen und zu trinken und zu feiern, was das Zeug hält.

Beim Purimfest in Tel Aviv an der alten Eisenbahnstation

Von da an feiern die Juden diesen Sieg jedes Jahr. Und seit 2500 Jahren feiern sie, dass sie sich verteidigen dürfen, wenn sie denn angegriffen werden. Wie gesagt, nichts geschieht in Israel ohne religiösen (Hinter)Grund. Auch wenn Gott in der Geschichte von Esther mal nicht vorkommt.

Das ist die Story ohne Triggerwarnung. Aber da in der Bibel selten etwas unblutig ausgeht, sollte ein kleines bisschen mehr aus dem Originaltext, den ich hier mal verlinke, erzählt werden. Haman hatte bereits einen fünfzig Ellen hohen Pfahl zum Erhängen von Modchi aufstellen lassen. Er wollte es halt gut sichtbar hoch oben haben. Dort ließ der König nicht nur Haman selbst erhängen, sondern auch fix seine zehn Söhne. Und da das neue Gesetz von Modchi auch noch erlaubte, alle Gegner der Juden, die sich im persischen Großreich an ihrer Vernichtung beteiligen wollten, gemeinsam mit Haman umzubringen, starben mit ihm und seinen Söhnen viele, viele Perser. Kurz gesagt, am Ende sind alle Feinde tot. Die Juden sind im Großreich geachtet und glücklich. Und das Purimfest wird als jährliches Freudenfest gefeiert, das an Esthers Tat vor 2500 Jahren erinnert. L‘Chaim.

Aber jetzt kommen die Deutungen. Von zwölf zu Tode verurteilten Nazis wurden nach dem Urteil des Nürnberger Militärgerichtshofs wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit u.a. an sechs Millionen Juden im Oktober 1946 genau zehn aufgehängt. Herrmann Göring nahm am Vorabend ein Zyankalikapsel. Martin Bormann wurde in Abwesenheit zum Tod durch den Strang verurteilt. Julius Streicher, NSDAP-Gauleiter und Herausgeber des Hetzblattes „Der Stürmer“ verabschiedete sich bei seiner Hinrichtung am 16. Oktober 1946 mit den Worten „Heil Hitler! Das ist das Purimfest 1946.“

Einen ganz aktuellen Bezug zur kleinen Schoa am 7. Oktober 2023 stellte eine Bibelrunde letzten Mittwoch beim wöchentlichen Freundeskreis bei Christa Behr in Malha her. Mit über 1100 Toten fand 2023 der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust statt. Dazu der Kommentar im Hauskreis: „Aber wer eine Grube macht, der wird selbst hineinfallen, und wer den Zaun zerreißt, den wird eine Schlange stechen“, heißt es im Alten Testament. „Wer versucht, einen Felsbrocken auf andere hinunterzurollen, wird von ihm zerquetscht“, fügte Luther in seiner Bibel später hinzu. Auch so lässt sich das aktuelle Handeln Israels natürlich religiös erklären, ohne es hier gutzuheißen.

Und nicht zuletzt ist in israelischen Zeitungen in diesen Tagen ein Wortspiel von „Haman“ zu „Hamas“ immer wiedermal zu lesen. Juden feiern mit dem Purimfest eben auch die Vernichtung Hamans, des persischen Großwesirs, der den Juden an den Kragen wollte. Im Laufe der Jahrhunderte wurde Purim ein Fest des Sieges über allen Antisemitismus. Die Ausgelassenheit und die Verkleidungen werden als „lange Nase“ gedeutet, die das jüdische Volk seinen Hassern und allen vergeblichen Vernichtungsversuchen macht. Und außerdem hatte sich Esther ja auch ewig verkleidet und verstellt – und kam mit ihrem Jüdischsein erst ziemlich spät heraus.

Die gesamte Stadt ist verkleidet

Aber zurück zum Purimfest: Bereits am Vorabend des eigentlichen Tages wird in Synagogen und Stadthallen das Buch Esther in ganzer Länge gemeinsam gelesen oder aufgeführt. Es ist die eigentliche, religiöse Hauptsache an Purim. Wenn dabei der Name „Haman“ fällt, machen alle möglichst viel Krach, um den Namen auszulöschen.

In den vergangenen Jahren waren die Feiern immer wieder von der angespannten Sicherheitslage überschattet. 1996 kamen um Purim innerhalb von acht Tagen 63 israelische Zivilisten in vier Anschlägen ums Leben. Ein Jahr danach kostete das Selbstmordattentat auf das Café „Apropos“ in Tel Aviv drei Frauen an Purim das Leben. Im letzten Jahr fiel das Fest wegen des Krieges ganz aus.

In Schuschan, dem heutigen Susa, feierten die Juden erst am 15. Adar, also einen Tag später, weil sie sich einen Tag länger gegen ihre Feinde wehren durften. Es waren halt ein paar mehr Feinde umzubringen. Deshalb wird bis heute in Israel in den Städten, die bereits zur Zeit Josuas eine Mauer hatten, wie Jerusalem, erst mit „Schuschan-Purim“ am 14. und 15. März gefeiert. In anderen Jahren variieren die Tage im jüdischen Kalender.

Am berühmten Carmel-Markt in Tel Aviv

Eine wichtige Sitte zum Purimfest ist das Versenden von Geschenken, besonders an die Armen (Ester 9,22). Gemeinnützige Hilfsorganisationen wissen die Purimzeit natürlich in besonderer Weise für ihre Zwecke zu nutzen. Schulklassen in Israel sind damit beschäftigt, Geschenkteller mit Süßigkeiten für Soldaten vorzubereiten.

An keinem jüdischen Fest dürfen bestimmte charakteristische Speisen fehlen. An Purim sind es besonders die „Hamantaschen“ oder „Hamansohren“, kleine, dreieckige Gebäckstücke, die mit Süßem gefüllt sind. Über die Anweisung des babylonischen Lehrers Rabba, dass ein Mann aus Freude über die Errettung des jüdischen Volkes am Purimfest so viel Wein zu trinken habe, bis er Gut und Böse nicht mehr unterscheiden kann, wird bis heute diskutiert. Es gibt allerdings orthodoxe Juden, die dieses rabbinische Gebot ernst nehmen. Womit wir wieder beim Trinken wären.

Wolf Biermann hat mal ein Trinklied geschrieben – es gibt ja nicht viele Trinklieder von Wolf Biermann – aber es gibt ein Trinklied von ihm und da gibt es eine Strophe genau darüber. Das geht so: „Es trinken die Juden aus Tradition, ein bisschen zu wenig, ich weiß auch warum.“ Da weiß Wolf Biermann übrigens mehr als ich. Aber sowas soll ja vorkommen. Das zu ergründen, also warum die jüdischen Mitbürger relativ wenig trinken, bleibt einem anderen Text vorbehalten.

L‘Chaim – Auf das Leben!

Der Löwe – das Wappentier von Jeruslaem
Auch Indianer sind am Wegesrand zu sehen
Geschenke gehören natürlich zu Purim dazu

Der Autor – ein Glückspilz

(Alle Fotos: Autor)