Die Tür zur Geschichte der Welt

„Wie gerne wäre ich dort gewesen, in diesen vierzig Tagen zwischen Ostern und Himmelfahrt…“ (Pfarrer Jaap de Vreugd zur Apostelgeschichte 1,6-8)

Um es gleich vorweg zu sagen, ich habe den Flug heute nach Tel Aviv gecancelt, wie es so schön heißt. Also verschoben. Dabei heißt die israelische Fluggesellschaft, die noch als einzige Gesellschaft flog, und die ich demzufolge gebucht hatte, El Al. „Nach oben, zu Gott“ (El). Also hätte eigentlich nichts passieren können… So oder so. Aber zu oft heißt es eigentlich.
Dabei habe ich mich ein Jahr lang intensiv auf Israel vorbereitet. Habe Hebräisch kennengelernt, ohne Hebräisch zu können. Habe auf diesen Wegen spannende Menschen kennengelernt (Danke Uwe). Und meine Grenzen. Wie heißt es doch so schön? Wenn eine Tür zu geht, geht eine andere auf. Oder gerne heißt es auch, aus jeder Krise erwächst auch eine Chance. Also ich persönlich habe keine Krise am Ende meines Berufslebens durchgemacht, eher hörte ich danach davon. Zurück zu Tür, die sich da – Zauber, Zauber – natürlich nicht öffnete. Von wegen. Die muss man schon selbst aufstoßen.
So habe ich mir vor einem Jahr gesagt: Welche Tür hast du noch nicht geöffnet. Und da fiel mir nur das Jaffa-Tor in Jerusalem ein. Siehe Foto. In Jerusalem findest du die Geschichte der Welt. Einst der Mittelpunkt unserer Zivilisation. Und unserer Krisen. Und heute… Dasselbe. Aber Jerusalem ist auch ein Bergstädtchen in Judäa. Stadt der Auferstehung und Zentrum des Aberglaubens. Und ganz weit weg vom zivilisierten, weltoffenen Tel Aviv. Also, wenn schon Israel, dann Tel Aviv mit seinen Stränden und seinen Klubs, dachte ich mir. Ich mietete mir eine Wohnung in der Ben Yehuda Street. Ich ließ mir Visitenkarten für mein nächstes Leben drucken. Ich knüpfte Kontakte. Und ich wusste, dass Israel auch das Land von Moses ist, der aus der Wüste kam, und mit Wasser taufte, aber von einem sprach, der mit Feuer komme. Am 7. Oktober kam es so. Terror und Krieg. Und ich mit einer Wohnung in Tel Aviv stand ziemlich dumm da. Da half es auch nicht, dass mein Vermieter Roy – der König – hieß.
Herta Müller beschreibt den Hamas-Terror und die Ursachen Krieges übrigens ziemlich exakt und weit weg vom 7. Oktober und den Sterndeutungen deutscher Studentenbewegungen. Bei allem Netanjahu-Irrsinn. (Danke einer guten Freundin für denText.)
Flug gebucht, Wohnung gemietet, Geist vorbereitet, Zeit vorhanden und nun? Da kam Abt Nikodemus mit einem verlockendem Angebot. Auf dem Zionsberg in Jerusalem stehe ein Gartenhäuschen frei. In der Abtei Dormitio gleich neben Abendmahlsaal in der Davidstadt beim Grab König Davids. Als treuer Katholik erwähnte er natürlich die historischen Verlockungen nicht. Er schrieb aber schon davon, dass Journalisten eher zum flüchtigen Tel Aviv neigen, als zum beladenem Jerusalem. Das weckte einen Stachel in mir. Gibt es etwas in Jerusalem, das keine erzählenswerte Geschichte hat? Einen Menschen, ein Haus, einen Stein? Also Jerusalem.
Also Jerusalem? Ich hatte inzwischen eine Verabredung mit Miriam, einer Journalistenkollegin, am 4. September um 16 Uhr an der Jerusalemer Straßenbahnhaltestelle HaDavidka. Klingt irgendwie, wie nach dem Krieg um Vier. Nun habe ich es abgesagt. Tut mir leid, Miriam.
Es gab auch Stimmen von Bekannten in Tel Aviv, wie von Anita (Danke), und Jerusalem, die mich warnten. Und das gab letztlich den Ausschlag. Wie soll ich in Not reagieren, wenn ich Hilfe brauche, und doch die Situation selbst verursacht habe? Nun kann ich auf die 40 Tage zwischen Ostern und Himmelfahrt hoffen. Hilfe den Beladenen, die sie wirklich benötigen, Matthäus.
Wir sehen uns alle im Januar.