Zum Glück gibt es in der Kunst keine Regeln! (Nathan Sawaya, Brick-Künstler und Lego-Enthusiast, Los Angeles)

„Geschrieben steht: ›Im Anfang war das Wort!‹
Hier stock‘ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen…
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh‘ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“
Ja, schon der alte Meister Goethe wusste, dass unsere Welt mit Worten oder Geist schwerlich zu meistern ist. Bei Nathan Sawaya, Lego-Künstler aus Los Angeles, hört sich das etwas anders an: „Denke daran: Alles beginnt mit einem Stein.“
Nun gut, das gilt auch für Straßenschlachten studentischer Proteste. Aber mit nicht so überzeugendem Resultat. Auf 1100 Quadratmetern mitten im Herzen Neuköllns, im Cank, einem alten Kaufhaus an der Ecke Karl Marx-Straße/Anzengruber, ist Nathan Sawayas faszinierende Welt der LEGO®-Kunst seit heute (Dienstag, 8. Oktober 2024) zu sehen. Da sind Interpretationen berühmter Kunstwerke wie Edward Munchs „Der Schrei“, Michelangelos „David“, Van Goghs „Sternennacht“ und Da Vincis „Mona Lisa“ neben einem sechs Meter langen Tyrannosaurus Rex-Skelett, überdimensionierten Schachfiguren sowie einer multimedialen Sammlung von Lego-Fotografien des preisgekrönten Fotografen Dean West.

„Einige der bekanntesten Werke der Kunstgeschichte werden als skurrile Lego-Kreationen neu interpretiert“, urteilte BBC über die Ausstellung „The Art of Brick“ in London, die inzwischen in 100 Städten und 24 Ländern zu sehen war. „Es verspricht eine tolle Zeit für die ganze Familie“, so die Einschätzung von „ELLE“. Aber wie kommt man darauf, aus Lego Kunst zu machen? Ist das nicht eher etwas für Kinder? Und sind das nicht die kleinen Ziegel (Brick), bei denen immer Steinchen fehlen, wenn man sie mal wieder herauskamt? Diese Noppen-Dinger, die vor allem eine Kunst beherrschen, Mamas und Papas Geldbeutel in schöner Regelmäßigkeit zu plündern? Kann das wirklich meisterlich sein?
„Als Anwalt merkte ich schnell, dass ich lieber auf dem Boden sitze und Skulpturen schaffe, als in einem Sitzungssaal zu sitzen und Verträge auszuhandeln. Meine eigenen persönlichen Konflikte und Ängste, gepaart mit dem tiefen Wunsch nach allgemeinem Glück, ebneten mir den Weg, hauptberuflich als Künstler zu arbeiten“, unternimmt Ex-Wirtschaftsanwalt Nathan Sawaya einen Selbst-Erklärungsversuch.

Sawaya begann seine künstlerische Laufbahn vor 20 Jahren. Er beschäftigte sich seit seiner Kindheit mit Lego-Bausätzen und begann wieder, sie zu kaufen, um nach der Arbeit in einer erfolgreichen Wirtschaftskanzlei Stress abzubauen. Er arbeitete am Tag als Anwalt und dann, sechs Stunden nachts, bastelte er mit Lego. Irgendwann stand sein Beschluss fest, die Anwaltskanzlei zu verlassen und Vollzeitkünstler zu werden, wobei er ausschließlich Legosteine als Medium nutzt. Seitdem schafft Nathan Sawaya Kunstwerke für „The Art of the Brick“, die erste große Museumsausstellung mit Legosteinen weltweit. Der Lego-Künstler „benutzt die Steine gern, weil man diese sehr klaren Linien erhält. Man erhält diese scharfen Ecken, diese rechten Winkel, all diese kleinen Quadrate und Rechtecke, wenn man sich das Werk aus der Nähe ansieht und dann einen Schritt davon entfernt, und all diese Ecken verschmelzen zu Kurven, und das ist irgendwie die Magie der Verwendung von Legosteinen“, zitiert ihn Grace Ferry vom Code Blue-Magazin.



Der 51-Jährige kauft alle seine Steine direkt von der Lego-Company in Dänemark. Sie werden aus Europa geliefert. Allerdings fing alles etwas holprig an. Sein erster Kontakt mit der dänischen Lego-Gruppe war ein Unterlassungsschreiben, als er gerade begonnen hatte, seine Arbeiten im Internet zu veröffentlichen. Es ging um den geschützten Begriff LEGO®. Das ist inzwischen geklärt. Firma und Künstler profitieren von seiner Arbeit. Die Wogen haben sich geglättet. Sein Lagerbestand bestehe normalerweise aus 10 Millionen Teilen, die nach Farbe und Form sortiert seien, erzählt der Künstler. Auch als Redner und Autor ist er im Westen der USA bekannt. Zuletzt tingelte Sawaya durch die Shows von Letterman bis Colbert.
Ein Besuch der Berliner Ausstellung lohnt sich auf alle Fälle. Schon allein die Angaben zu den Lego-Kunstwerken und der Zahl der verwendeten Steine machen einen Rundgang durch die verschiedenen Themenwelten zu einem spannenden Erlebnis. Zu den Totenköpfen im Titelbild dieses Blogs plaudert Sawaya aus: „Ich habe die Totenköpfe geschaffen, um eine Gegenüberstellung eines Kinderspielzeugs und die mit dem menschlichen Schädel verbundenen Themen zu untersuchen. Daher auch die leuchtenden Farben. Die Fertigstellung der Totenköpfe dauerte über drei Wochen. Es waren gruselige Wochen…“

Und es gibt noch einen Grund, nach Neukölln zu fahren: Anscheinend als Erster überhaupt, so die Veranstalter, etablierte der 51-jährige Lego-Fan die neue Form der Kunst aus den kleinen Spielzeugsteinchen. Seine zweidimensionalen Mosaike, etwa von Andy Warhol oder Jimi Hendrix, kommen der Pop-Art recht nahe, erscheinen weniger wie Lego denn als verwaschene, gedruckte Formen. „Der Schrei“ von Edward Munch – dreidimensional wie eine Skulptur – sieht so lustig aus, dass man sich fragen darf, ob ein heutiger Munch nicht gleich in die Spielzeugkiste statt zum Pinsel gegriffen hätte. Kunst oder Lego? Lego-Kunst!

