Walls are hot right now, but I was into them long before Trump made it cool.” (Der britische Street-Art-Künstler Banksy „Mauern sind im Moment angesagt, aber ich war schon lange auf sie fixiert, bevor Trump sie cool machte.“)

Da ist es also, das Hotel mit dem schlechtesten Ausblick der Welt. Hier an der Mauer in Bethlehem, die an dieser Stelle 8 Meter hoch ist. Und die auf viele Tausende Meter den Blick auf die Berge rundum versperrt. Und auf die Freiheit. Und auf die Welt. Und auf Israel. Und seit dem 7. Oktober ist alles noch einmal schlimmer geworden. Dazu später.
„The Walled Off Hotel“ wurde vom wahrscheinlich bekanntesten unbekannten Künstler der Welt eingerichtet und gestaltet. Banksy, der in Deutschland gerade gefeierte Brite aus Bristol. Bei seiner Einweihung 2017 war das Hotel ein Statement Banksys. 50 Jahre nach dem Sieben-Tage-Krieg. 100 Jahre nach der Balfour-Deklaration, mit der Großbritannien als Mandatsmacht 1917 sein Einverständnis zur Errichtung eines jüdisches Staates gab. „Es ist exakt 100 Jahre her, dass Großbritannien die Kontrolle über Palästina übernommen und damit begonnen hat, die Möbel umzustellen – mit chaotischen Resultaten. (…) Ein guter Zeitpunkt, darüber zu reflektieren, was passiert, wenn das Vereinigte Königreich große politische Entscheidungen trifft, ohne die Konsequenzen zu begreifen“, wird Banksy zitiert.
Das könnte man heute natürlich überall in den Krisengebieten dieser Welt mit wechselnden Mächten zitieren. Vor allem mit den USA – nicht erst seit Donald Trump. Aber zur Stunde ist Trump wieder dabei, sich einzumischen. Und zwar genau hier in der Westbank

Das abgeriegelte Hotel nur vier oder fünf Meter gegenüber der Mauer hat alles, was ein Hotel haben muss. Acht Zimmer und eine Präsidentensuite. Am Eingang einen Stofftier-Schimpansen als Portier-Attrappe, der in Banksys Werken immer wiederkehrt. Das Highlight bei der Hotel-Einweihung war das Zimmer 3, Banksys Room. Hier hat der Künstler über dem Kingsize-Bett eines seiner Graffitis an die Zimmerwand gesprüht. Ein Palästinenser und ein Israeli bei einer Kissenschlacht. Der Nachbau schmückt aktuell nahezu jede der Banksy-Ausstellungen, die derzeit in Europa und der Welt touren. Und es mag dem linksintellektuellem Betrachter einen wohligen Schauer der Solidarität mit dem palästinensischen Volk über den Rücken jagen. Wie aufgeschlossen wir doch sind.

Aber längst ist aus der Kissenschlacht, die nie eine war, einmal mehr blutiger Ernst geworden. Seit dem Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg Israels gegen die Hamas und andere Terrororganisationen – mit Kriegsverbrechen auf beiden Seiten und einem internationalen Haftbefehl gegen Benjamin Netanyahu. Jeder kann das Leid in den Nachrichten verfolgen.
Das Hotel ist seit dem 12. Oktober 2023 geschlossen. Der Ausblick bleibt verbaut, von der Mauer gegenüber, die längst über und über mit Graffitis – auch vom Künstler selbst – besprüht ist. Ein Ausblick auf die Realität der Menschen im Westjordanland. Eingemauert, eingesperrt, und doch ebenso im Heiligen Land lebend wie auf der anderen Seite. Hier in Bethlehem steht die Geburtskirche Christi. Im acht Kilometer entfernten Jerusalem steht seine Grabeskirche. Nicht weit gekommen im jungen Leben, der jüdische Prophet. Und doch wäre Jesus heute ohne Permit, Einreisegenehmigung, nicht mal soweit gekommen.

Hier vor Ort, an der Acht-Meter-Mauer und den Checkpoints läuft dem Betrachter im Westjordanland kein wohliger, sondern ein kalter Schauer über den Rücken. Zumal, wenn man weiß, wie es ist, hinter einer Mauer zu leben, wie als Ostdeutscher… Wie in Zypern, Mexiko zu den USA, oder Nordkorea. Natürlich maße ich mir nicht an, das elende Leben in Nordkorea oder sonstwo zu beurteilen. Aber beklemmend ist es hier auch, selbst wenn man nur Besucher ist.
Mein Fahrer Hasan fährt mich ein ganzes Stück entlang der Mauer. Sightseeingtour für Grummeln im Bauch. Sagen will Hasan nichts über die Situation in Gaza oder hier im Westjordanland. Noch nicht, später schon. Ihn, der sieben Kinder hat, und der mir ihre Fotos auf dem Handy zeigt, beschäftigen in diesen Tagen und Monaten, 486 Tage nach dem Hamas-Angriff und Kriegsbeginn, nicht die Flüchtlingsströme, die derzeit wieder Nord-Gaza erreichen. Ihn und seine Kollegen am Busstop treibt nur eines um: Keine Touristen, kein Geld, nichts zu beißen für die Familie mit den vielen Kindern. So klagt Hasan – auch wenn er mich gerade abgeschleppt hat.

Die gleichen Klagen höre ich auch auf der anderen Seite der Mauer, wenn ich durch Jerusalems Innenstadt gehe und jeden dritten Laden mit schweren Eisentüren verrammelt vorfinde. Auch auf der israelischen Seite klagen die Händler, dass sie seit den besonders harten Corona-Beschränkungen in Israel keine Einnahmen mehr haben. Die Pilger bleiben weg, die Touristen erst recht. Mit Reisewarnungen belegt. Auf beiden Seiten die selben Sorgen. Und doch kommen beide Seiten nicht zueinander. Irgendjemand – habe vergessen, wer es war – sagte mir in den letzten Wochen, Kriege in Israel seien stets kurz gewesen, danach konnte sich die Wirtschaft wieder erholen. Netanyahu galt als Mann der Wirtschaft. Gerade deshalb verstehen hier viele nicht, warum das Töten anhält. Warum Netanyahu das Land leiden lässt.
Ich bin am späten Vormittag in Jerusalem aufgebrochen und habe mir den Bus 231 nach Bethlehem gesucht, um die Geburtskirche zu besuchen. Und um mit den Leuten zu reden. Die Fahrt über die 8 Kilometer dauert nur 25 Minuten. Doch es ist eine Fahrt in eine andere Welt, in die arabische Welt. Hasan steht wie viele andere Taxifahrer am Bus. Obwohl man die 1,7 Kilometer zu Geburtskirche hinauf locker laufen kann, gebe ich ihm ein paar Schekel, damit er mit mir eine Stadtrundfahrt macht. Und wie auf Bestellung hält er schließlich auch vor einem Haus und in der Innenstadt, ein Stück hinter der Geburtskirche. „Come my friend, I show you my Family.“ Die Kinder sind in der Schule, aber plötzlich finde ich mich von Nachbarn, alten Männern und und ein paar Jugendlichen umringt. Plötzlich bin ich mittendrin.
Kaum jemand hat noch Arbeit, klagen sie hier. Der Tourismus war eine Quelle. Aber Israel hat nach dem 7. Oktober auch alle Arbeits-Visa eingezogen. 200.000 Menschen verloren auf diese Weise ihren Job, recherchiere ich später. Man könne sich nicht mehr im eigenen Land bewegen, klagt ein anderer. Und er meint damit nicht den Weg über die Grüne Linie zwischen dem Westjordanland und Israel mit der 759 Kilometer langen Mauer. Nein, auch zwischen den Orten. 1400 Kilometer war der eiserne Vorhang in Deutschland. Aber die DDR hatte 108.000 Quadratkilometer, die Westbank 6000, kaum mehr als ein Zehntel.
Auf der Westbank gibt es inzwischen 900 Checkpoints. „Wir können nicht mal mehr unsere Onkel und Tanten besuchen“, schimpft ein junger Mann. Das Westjordanland ist knapp größer als der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte rund um Neubrandenburg. Besuche über die Mauer nach Israel, die nach der zweiten Intifada seit 2005 um das ganze Westjordanland gezogen wurde, sind kaum noch möglich. Dort hatte man früher Freunde. „Es gibt inzwischen junge Palästinenser, die waren noch nie in Israel, und umgekehrt“, grummelt ein Älterer. „Wie sollen wir je wieder zusammenleben.“ Woran erinnert mich das als Ostdeutscher?

Drei Millionen Palästinenser wohnen im Westjordanland. 500.000 israelische Siedler haben sich inzwischen völkerrechtswidrig hier breit gemacht. Und nach dem 7. Oktober nahmen auch deren Angriffe immer mehr zu. 1400 Übergriffe habe es 2024 gegeben, recherchiere ich. 26.000 Olivenbäume wurden abgebrannt. 8700 Wohnungen von Siedlern entstanden neu.
Ja, es gibt auch hier im Norden, u.a. in Dschenin, wo ein großes Flüchtlingscamp ist, Angriffe von Terroristen der Hamas oder des Islamischen Tschihad. Anlass für Israel im rein völkerrechtlich palästinensisch verwalteten Gebiet, Einsätze zu fliegen und mit Waffen einzugreifen. Das schwächt die palästinensische Polizei im Ansehen. In der Politik spricht man inzwischen offen über eine Gazafikation der Westbank. Eine Zusage Netanyahus an die Rechtsextremisten in seiner Regierung im Gegenzug zu Waffenruhe in Gaza? Hasan versteht nichts von Politik. Er weiß nicht, was er dazu sagen soll, und lacht ein wenig verlegen. „My friend, this is not Gaza.“
In politischen Kreisen in Jerusalem spricht man offen darüber, dass die Reise Netanyahus zu Donald Trump in diesen Tagen, mit einer Zusage des US-Präsidenten für eine weitere Besetzung des Westjordanlandes enden könnte. Das Ende irgendeiner Zwei-Staaten-Lösung. Aber ist das zu weit hergeholt? In Jerusalem werden bereits die Kippas mit dem Trump-Foto verkauft…

Als ich auf der Fahrt zurück in den Bus 231 steige, um nach Jerualem zu kommen, halten wir am Checkpoint auf einer Autobahn. Alle müssen aussteigen. Alle, vor allem Frauen, müssen ihre Papiere zeigen. Ein Mann wird zurück geschickt, Ich werde gründlich kontrolliert, Pass, Visa, die neue ETA-Genehmigung. Das dauert nur 20 Minuten. Aber 20 Minuten ein Scheiß-Gefühl ist auch genug.

Der Autor in Behtlehem
(Fotos: Autor)