„Warum verhaften sie Menschen, wenn sie die Bücher meinen?“ (Imad Muna, Buchhändler im arabischen Viertel in Jerusalem)

Ahmad ist wieder zurück. Er durfte den Buchladen im arabischen Viertel Jerualems, in der Salah Ad-din Street, 20 Tage nicht betreten. Vor drei Wochen gab es hier eine Razzia der israelischen Polizei. Hier und gegenüber im zweiten Bookshop der Familie Muna. In der nahen American Colony, wo die Familie einen dritten Buchladen betreibt, da blieben die Verkäufer und die Käufer unbehelligt. Die Razzia ist derzeit Stadtgespräch in Teilen Jerusalems. Schließlich fand sie unter den Augen der Öffentlichkeit statt.
Ein paar Meter entfernt steht der Justizpalast. Ihm gegenüber das schwer gesicherte Amtsgericht, der Disrict Court. Zum Ritz, zum Leonardo Hotel, National oder zum Victoria Hotel fahren die Reisebusse hier am arabischen Educational Bookshop direkt vorbei. Wie gesagt, unter den Augen der Öffentlichkeit. Selbst der „Der Spiegel“ hatte vor wenigen Tagen darüber berichtet. Der deutsche Botschafter in Tel Aviv, Steffen Seibert – zur Erinnerung einst Regierungssprecher von Angela Merkel -, und der Chef der Ständigen Vertretung im palästinensischen Ramallah, Oliver Owza, empörten sich auf X von Elon Musk. Mhm…
Die beschlagnahmten Bücher sind inzwischen zurück. Nichts erinnert mehr an die brutale Razzia. Außer das, was Ahmad und sein Onkel Mahmoud erzählen, denen drei Wochen verboten war, ins Geschäft zu gehen. Ich habe Ahmad vor ein paar Jahren kennen gelernt. Er hat in England studiert, ist zurückgekehrt in den Schoß der Familie, um hier zu leben Der Bookshop ist international bekannt. Da kann ein junger Mann mit Sprachkenntnissen nicht falsch sein, berichtet mir Ahmads Vater Imad, als ich ihn vor ein paar Tagen besuchte und den ersten Artikel über die Razzia verfasste. Heute aktualisiere ich ihn nur.

2018 sah Ahmad allerdings noch ein bisschen anders aus. Heute hat er eine ganz schöne Mähne. Das aktuelle Foto findet man ebenfalls hier.

Doch beginnen wir von vorn, es ist ein unglaubliche Geschichte, die mir Ahmad und sein Vater Imad erzählen. Imad und seine Frau Nurha waren in den Tagen Anfang Februar in Großbritannien und für die israelischen Polizei nicht fassbar. An einem Sonntagnachmittag, es war der 9. Februar, präsentierten israelische Polizisten Ahmed Durchsuchungsbeschlüsse für die beiden Buchläden. „Bilder und Videos, von den Überwachungskameras aufgezeichnet und von der Familie veröffentlicht, zeigen, was passiert. Die Sicherheitskräfte verriegeln die Türen von innen. Sie lassen sich von einer Bilderkennungs-App die Buchtitel übersetzen, packten ein, was ihnen suspekt erschien. Wahllos grüne Bucher, rote Bücher, arabische Schriften, englische Schriften“, so berichtete es mir Ahmed heute. „Als Grund nannten sie, dass sie aufrührerische Schriften suchten, die die Hamas unterstützten.“

Die Polizisten packen ein, was sie in die Hände bekommen. Oder besser gesagt, was in Müllsäcke passt. Sie reißen Bücher aus den Regalen. Alles liegt auf den Boden verknickt und zerknickt. Nichts kann sie aufhalten. Als einer der Bewaffneten das Buch von George Orwell „1984“ herauszieht, sagt er auf Hebräisch „Ach interessant, wollen wir einmal sehen, was ihr über 1948 verkauft.“ Der Polizist dachte offenbar an die Staatsgründung Israels. Vater Imad meint lakonisch, dass der Polizist wohl nur Hebräisch konnte. Er habe von hinten begonnen zu lesen…
Joachim Lenz, der evangelische Probst von Jerusalem, ist entsetzt. „Das geht gar nicht“, sagt er, als wir uns die Tage über die Razzia unterhalten.

Bei „1984“ gibt keinen Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. Auch die englischsprachige Ausgabe der Tageszeitung „Haaretz“ wird konfisziert. Die Zeitung ist relativ konservativ. So wie die „Welt“ in Deutschland. Kein Grund zur Beschlagnahme. Aber in Englisch für die Polizisten offenbar nicht lesbar, obwohl hier fast jeder englisch spricht. Ein Verdacht reicht.
300 Bücher hätten die Polizisten mitgenommen, berichtet Buchhändler Ahmad Muna. Anklage wurde nicht erhoben. Das Gericht entsprach auch der Forderung der Polizei nicht, die Buchhändler für acht Tage in Untersuchungshaft zu lassen. Zwei Tage blieben sie in Haft, unter mittelalterlichen Bedingungen. „Mit neun anderen Gefangenen zusammen, keine Dusche, kein Strom, kein Licht. Ein Betonklotz als Bett. Darauf eine fünf Millimeter dicke Isomatte. Keine abgeschlossene Toilette. Kein Toilettenpapier“, berichtet mir Ahmed. Drei weitere Tage hatten der Onkel und der Neffe Hausarrest. Weitere 20 Tage durften sie die Geschäfte nicht betreten. Bis gestern. Für Ahmad unvorstellbar. Da hat er in England studiert, um hier zu landen?
Obwohl jüdische Israelis und Palästinenser eine Geschichte teilen, haben sie unterschiedliche Sprachen dafür. Was in Israel „Unabhängigkeitskrieg“ genannt wird, heißt bei den Palästinensern „Nakba“, „Katastrophe“. Beide Seiten verstehen sich kaum mehr. Die Munas verkaufen Bücher, die versuchen, beide Blickwinkel zu erklären.

Was bleibt? Ein Malbuch „From the River to the Sea“ ist unter den beschlagnahmten Büchern. Ein einzelnes Exemplar, das Imad Muna zur Begutachtung für den Verkauf zugesandt bekommen hat. Das wird als Aufruf zur Zerstörung Israels gewertet und wurde einbehalten. Weil es einem Schlachtruf der Hamas entspricht. Weitere sieben Bücher bleiben beschlagnahmt. Auch ein Buch des deutschen Professors, Peter R. Neumann, „Hamas“. Der Titel genügte. Der Untertitel in Deutsch war für die Polizisten nicht lesbar. „Grundlagen und Perspektiven eines zerstörerischen Systems.“ Es handelt von der Gefährlichkeit der Terrororganisation. Alle anderen Bücher wurden zurückgegeben.
Imad Muna ist sich sicher, dass es gar nicht um die Bücher ging. „Warum verhaften sie Menschen, wenn sie die Bücher meinen?“ Das fragt er. Für Imad gibt es eine Erklärung, warum dieser Überfall passierte. Vor wenigen Wochen wurde in Ostjerusalem, also in der Altstadt, ein Buchladen ausgehoben, in dem Bücher über Hitler gefunden wurden. „Vielleicht machen jetzt die Razzien die Runde“, vermutet er. Wahrscheinlicher scheint jedoch, was er so nicht in die Welt setzen will, dass es das Ansehen und das internationale Publikum seines Ladens, die Veranstaltungen und die gutbesuchten Lesungen sind, die den Israelis in die Nase stechen. Ein offizielle Erklärung gibt es – wie bei vielen Handlungen auf beide Seiten übrigens in diesen Tagen – nichts. Auf dem Durchsuchungsbeschluss stand etwas von Gefahrenabwehr.

Ein ganz normaler Tag in Jerusalem, an dessen Ende einmal mehr viele Fragezeichen als Antworten stehen. „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten“, schrieb einst Dietrich Bonhoeffer. Ahmad, wir sehen uns wieder.
Epilog: Durch den Krieg von 1948 teilte sich Jerusalem in West und Ost, in Jüdisch und Arabisch. Im Jahr 1967 besetzte Israel den Osten, den bis dahin Jordanien besetzt hielt. Im Jahr 1980 annektierte es das Gebiet und erklärte seine Hauptstadt für unteilbar. 1984 erklärte Yassir Arafat ebenfalls Jerusalem als Hauptstadt Palästinas. Viele Palästinenser streben weiter nach einem eigenen Staat, mit Ostjerusalem als ihrer Hauptstadt. Es gibt kaum einen Ort auf der Welt, um den so heftig gerungen wird wie um diesen. Doch während der Status der Stadt selbst nach dem Abkommen von Oslo 1993 offiziell unklar bleibt, wird auch der Osten de facto immer jüdischer. Palästinensische Kulturorte verschwinden.

PS: Die Polizei durchsuchte heute, am 11. März 2025, erneut die bekannte Buchhandlung in Ostjerusalem, und verhaftete diesmal den palästinensische Besitzer Imad, mit dem ich Mitte Februar gesprochen hatte, nachdem am 9. Februar sein Sohn Ahmad und sein Bruder Mahmoud kurzzeitig festgenommen wurden. Der Vorfall löste einen internationalen Aufschrei aus. Imad war mit seiner Frau – wie oben geschildert – zu der Zeit in England.
Gegenüber „The Times of Israel“ bestätigte Mahmoud Muna, Miteigentümer des Educational Bookshop, heute, die Polizei habe seinen älteren Bruder Imad mitgenommen. Er fügt hinzu, die Polizei habe ihnen keinen gerichtlichen Durchsuchungsbefehl vorgelegt.











