Zwischenruf: Bücherrazzia im arabischere Viertel

„Warum verhaften sie Menschen, wenn sie die Bücher meinen?“ (Imad Muna, Buchhändler im arabischen Viertel in Jerusalem)

Imad Muna, Ahmas Vater, Buchhändler

Ahmad ist wieder zurück. Er durfte den Buchladen im arabischen Viertel Jerualems, in der Salah Ad-din Street, 20 Tage nicht betreten. Vor drei Wochen gab es hier eine Razzia der israelischen Polizei. Hier und gegenüber im zweiten Bookshop der Familie Muna. In der nahen American Colony, wo die Familie einen dritten Buchladen betreibt, da blieben die Verkäufer und die Käufer unbehelligt. Die Razzia ist derzeit Stadtgespräch in Teilen Jerusalems. Schließlich fand sie unter den Augen der Öffentlichkeit statt.

Ein paar Meter entfernt steht der Justizpalast. Ihm gegenüber das schwer gesicherte Amtsgericht, der Disrict Court. Zum Ritz, zum Leonardo Hotel, National oder zum Victoria Hotel fahren die Reisebusse hier am arabischen Educational Bookshop direkt vorbei. Wie gesagt, unter den Augen der Öffentlichkeit. Selbst der „Der Spiegel“ hatte vor wenigen Tagen darüber berichtet. Der deutsche Botschafter in Tel Aviv, Steffen Seibert – zur Erinnerung einst Regierungssprecher von Angela Merkel -, und der Chef der Ständigen Vertretung im palästinensischen Ramallah, Oliver Owza, empörten sich auf X von Elon Musk. Mhm…

Die beschlagnahmten Bücher sind inzwischen zurück. Nichts erinnert mehr an die brutale Razzia. Außer das, was Ahmad und sein Onkel Mahmoud erzählen, denen drei Wochen verboten war, ins Geschäft zu gehen. Ich habe Ahmad vor ein paar Jahren kennen gelernt. Er hat in England studiert, ist zurückgekehrt in den Schoß der Familie, um hier zu leben Der Bookshop ist international bekannt. Da kann ein junger Mann mit Sprachkenntnissen nicht falsch sein, berichtet mir Ahmads Vater Imad, als ich ihn vor ein paar Tagen besuchte und den ersten Artikel über die Razzia verfasste. Heute aktualisiere ich ihn nur.

Ahmad, als wir uns 2018 kennenlernten

2018 sah Ahmad allerdings noch ein bisschen anders aus. Heute hat er eine ganz schöne Mähne. Das aktuelle Foto findet man ebenfalls hier.

Ahmad heute

Doch beginnen wir von vorn, es ist ein unglaubliche Geschichte, die mir Ahmad und sein Vater Imad erzählen. Imad und seine Frau Nurha waren in den Tagen Anfang Februar in Großbritannien und für die israelischen Polizei nicht fassbar. An einem Sonntagnachmittag, es war der 9. Februar, präsentierten israelische Polizisten Ahmed Durchsuchungsbeschlüsse für die beiden Buchläden. „Bilder und Videos, von den Überwachungskameras aufgezeichnet und von der Familie veröffentlicht, zeigen, was passiert. Die Sicherheitskräfte verriegeln die Türen von innen. Sie lassen sich von einer Bilderkennungs-App die Buchtitel übersetzen, packten ein, was ihnen suspekt erschien. Wahllos grüne Bucher, rote Bücher, arabische Schriften, englische Schriften“, so berichtete es mir Ahmed heute. „Als Grund nannten sie, dass sie aufrührerische Schriften suchten, die die Hamas unterstützten.“

Buchladen und Café in der Salah Ad-din Street

Die Polizisten packen ein, was sie in die Hände bekommen. Oder besser gesagt, was in Müllsäcke passt. Sie reißen Bücher aus den Regalen. Alles liegt auf den Boden verknickt und zerknickt. Nichts kann sie aufhalten. Als einer der Bewaffneten das Buch von George Orwell „1984“ herauszieht, sagt er auf Hebräisch „Ach interessant, wollen wir einmal sehen, was ihr über 1948 verkauft.“ Der Polizist dachte offenbar an die Staatsgründung Israels. Vater Imad meint lakonisch, dass der Polizist wohl nur Hebräisch konnte. Er habe von hinten begonnen zu lesen…

Joachim Lenz, der evangelische Probst von Jerusalem, ist entsetzt. „Das geht gar nicht“, sagt er, als wir uns die Tage über die Razzia unterhalten.

Ein Blick in die Bücherregale des Bookshops…

Bei „1984“ gibt keinen Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. Auch die englischsprachige Ausgabe der Tageszeitung „Haaretz“ wird konfisziert. Die Zeitung ist relativ konservativ. So wie die „Welt“ in Deutschland. Kein Grund zur Beschlagnahme. Aber in Englisch für die Polizisten offenbar nicht lesbar, obwohl hier fast jeder englisch spricht. Ein Verdacht reicht.

300 Bücher hätten die Polizisten mitgenommen, berichtet Buchhändler Ahmad Muna. Anklage wurde nicht erhoben. Das Gericht entsprach auch der Forderung der Polizei nicht, die Buchhändler für acht Tage in Untersuchungshaft zu lassen. Zwei Tage blieben sie in Haft, unter mittelalterlichen Bedingungen. „Mit neun anderen Gefangenen zusammen, keine Dusche, kein Strom, kein Licht. Ein Betonklotz als Bett. Darauf eine fünf Millimeter dicke Isomatte. Keine abgeschlossene Toilette. Kein Toilettenpapier“, berichtet mir Ahmed. Drei weitere Tage hatten der Onkel und der Neffe Hausarrest. Weitere 20 Tage durften sie die Geschäfte nicht betreten. Bis gestern. Für Ahmad unvorstellbar. Da hat er in England studiert, um hier zu landen?

Obwohl jüdische Israelis und Palästinenser eine Geschichte teilen, haben sie unterschiedliche Sprachen dafür. Was in Israel „Unabhängigkeitskrieg“ genannt wird, heißt bei den Palästinensern „Nakba“, „Katastrophe“. Beide Seiten verstehen sich kaum mehr. Die Munas verkaufen Bücher, die versuchen, beide Blickwinkel zu erklären.

Im Bücherregal der Buchhandlung

Was bleibt? Ein Malbuch „From the River to the Sea“ ist unter den beschlagnahmten Büchern. Ein einzelnes Exemplar, das Imad Muna zur Begutachtung für den Verkauf zugesandt bekommen hat. Das wird als Aufruf zur Zerstörung Israels gewertet und wurde einbehalten. Weil es einem Schlachtruf der Hamas entspricht. Weitere sieben Bücher bleiben beschlagnahmt. Auch ein Buch des deutschen Professors, Peter R. Neumann, „Hamas“. Der Titel genügte. Der Untertitel in Deutsch war für die Polizisten nicht lesbar. „Grundlagen und Perspektiven eines zerstörerischen Systems.“ Es handelt von der Gefährlichkeit der Terrororganisation. Alle anderen Bücher wurden zurückgegeben.

Imad Muna ist sich sicher, dass es gar nicht um die Bücher ging. „Warum verhaften sie Menschen, wenn sie die Bücher meinen?“ Das fragt er. Für Imad gibt es eine Erklärung, warum dieser Überfall passierte. Vor wenigen Wochen wurde in Ostjerusalem, also in der Altstadt, ein Buchladen ausgehoben, in dem Bücher über Hitler gefunden wurden. „Vielleicht machen jetzt die Razzien die Runde“, vermutet er. Wahrscheinlicher scheint jedoch, was er so nicht in die Welt setzen will, dass es das Ansehen und das internationale Publikum seines Ladens, die Veranstaltungen und die gutbesuchten Lesungen sind, die den Israelis in die Nase stechen. Ein offizielle Erklärung gibt es – wie bei vielen Handlungen auf beide Seiten übrigens in diesen Tagen – nichts. Auf dem Durchsuchungsbeschluss stand etwas von Gefahrenabwehr.

Imad verkauft wieder Bücher als sei nichts geschehen…

Ein ganz normaler Tag in Jerusalem, an dessen Ende einmal mehr viele Fragezeichen als Antworten stehen. „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten“, schrieb einst Dietrich Bonhoeffer. Ahmad, wir sehen uns wieder.

Epilog: Durch den Krieg von 1948 teilte sich Jerusalem in West und Ost, in Jüdisch und Arabisch. Im Jahr 1967 besetzte Israel den Osten, den bis dahin Jordanien besetzt hielt. Im Jahr 1980 annektierte es das Gebiet und erklärte seine Hauptstadt für unteilbar. 1984 erklärte Yassir Arafat ebenfalls Jerusalem als Hauptstadt Palästinas. Viele Palästinenser streben weiter nach einem eigenen Staat, mit Ostjerusalem als ihrer Hauptstadt. Es gibt kaum einen Ort auf der Welt, um den so heftig gerungen wird wie um diesen. Doch während der Status der Stadt selbst nach dem Abkommen von Oslo 1993 offiziell unklar bleibt, wird auch der Osten de facto immer jüdischer. Palästinensische Kulturorte verschwinden.

Einer der Buchläden der Familie Muna in der Salah Ad-din Street

PS: Die Polizei durchsuchte heute, am 11. März 2025, erneut die bekannte Buchhandlung in Ostjerusalem, und verhaftete diesmal den palästinensische Besitzer Imad, mit dem ich Mitte Februar gesprochen hatte, nachdem am 9. Februar sein Sohn Ahmad und sein Bruder Mahmoud kurzzeitig festgenommen wurden. Der Vorfall löste einen internationalen Aufschrei aus. Imad war mit seiner Frau – wie oben geschildert – zu der Zeit in England.

Gegenüber „The Times of Israel“ bestätigte Mahmoud Muna, Miteigentümer des Educational Bookshop, heute, die Polizei habe seinen älteren Bruder Imad mitgenommen. Er fügt hinzu, die Polizei habe ihnen keinen gerichtlichen Durchsuchungsbefehl vorgelegt.

Das Tor der Tränen

„Das Leben ist ein Privileg – lebt es bedeutungsvoll!“ (Mordechai Amujal, gefallener Soldat in Israel)

Jerusalems berühmtestes Tor ist wohl das Jaffa-Tor. Das behaupte ich jetzt mal ganz kühn – mit meinen Erfahrungen von einem Monat in dieser Stadt. Wahrscheinlich wird sich Merle, die ich hier kennengelernt habe, und die aus meiner Heimat kommt, totlachen über meine Forschheit. Und auch Joachim Lenz, der Probst von Jerusalem, wird einmal mehr weise den Kopf schütteln und sagen: „Wer zwei Wochen hier ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre da ist, möchte lieber gar nichts mehr sagen.“ Aber nun bin ich hier, und schreibe mir meine Erlebnisse von der Seele. Urteilt huldvoll.

Das Jaffa-Tor führt von der Neustadt – auch Weststadt – in das christliche und armenische Viertel sowie in die gesamte Altstadt. Es stammt aus dem 6. Jahrhundert (n. Chr. – das ist hier wichtig, weil es gibt auch viele Bauwerke v. Chr.). Der Weg durch das Tor beschreibt eine 90°-Kurve, wodurch Angreifer daran gehindert werden sollten, schnell durch das Tor zu brechen – ein Knicktor. Und es gibt eine berühmte Legende, wie zu allem hier – wir sind in Jerusalem. Für den Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. im damaligen Osmanischen Reich zur Einweihung der Erlöserkirche 1898 sei neben dem Tor ein kleines Stück der Stadtmauer abgerissen worden, damit olle Wilhelm zu Pferde in die Stadt einziehen konnte, wie ein Eroberer. Nach muslimischer Tradition. Stimmt nicht. Wie gesagt, das ist eine Legende. Sultan Abdüllhamid II. ließ die Mauer einreißen, um dem beginnenden Autoverkehr und großen Fuhrwerken Einlass in die Altstadt zu gewähren.

Heute ist das alte Stadttor mit Stickern vollgeklebt. Mit Stickern von Fotos und Lebenssprüchen gefallener Soldaten, wie man sie hier überall vorfindet – an Bushaltestellen, Laternenmasten, Stromkästen, Türen… Merle spricht vom Stickermuseum. Für mich ist es eher ein Tor der Tränen. Junge Gesichter, lachende Männer und Mädchen mit viel zu frühen Sterbedaten.

Sticker toter Soldaten am Jaffa Tor

Einer von ihnen ist Mordechai Amujal. Er fiel im Oktober 2024 im Südlibanon. Merle Hofer hat auf ihrem Portal „Israelnetz“ über ihn geschrieben. Mordechai wurde 42 Jahre. Er hatte sein Ingenieur-Studium einst mit Auszeichnung bestanden, bat aber seine Frau, das niemandem zu verraten. Er hat sechs Kinder. Seine Frau heißt Rina, sein Vater Aaron. Dieser sagte bei der Beerdigung auf dem Herzl-Berg in Jersualem, fünf Minuten vom Holocaust Museum Yad Vaschem entfernt: „Für mich und deine Mutter war es ein Geschenk, dass wir dich großziehen durften.“ Und: „Rina, wir werden dich niemals allein lassen. Wir werden immer für dich und die Kinder da sein.“

Mordechai Amujal, gefallen am 23. Oktober 2024 im Süd-Libanon

Eigentlich hätte Mordechai nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden können, wie gesagt, er hat sechs Kinder. Aber er hatte sich freiwillig gemeldet. Er trat seinen Dienst in der Carmeli-Brigade, im Bataillon 22, an, als der Krieg im Norden gegen die Hisbollah losging. „Nicht etwa aus Abenteuerlust oder weil du Langeweile hattest. Auch nicht, weil du diesen blutigen Krieg gutheißt. Sondern weil du Verantwortung übernehmen wolltest. Und weil du verstanden hast, dass es bei diesem Krieg um die Existenz deines Landes, deines Volkes und deiner Familie geht“, schreibt Merle Hofer auf Israelnetz.

Und sie notiert in ihrem sehr persönlichen Artikel, den ihr hier lesen könnt, auch: „Als dein Vater, dein Bruder und dein Sohn Nadav – mit seiner hellen kindlichen Stimme und mit seinen zwölf Jahren noch nicht einmal religionsmündig – gemeinsam das Kaddisch, das Totengebet, sprachen, da blieb wohl kein Auge trocken.“ 250 Tage war Mordechai im Einsatz, nicht mal ein Jahr. Sein Lebensmotto hat seine Familie auf den Sticker drucken lassen, der jetzt hundert- wenn nicht tausendfach in Israel präsent ist. „Das Leben ist ein Privileg – lebt es bedeutungsvoll!“

Screenshot von der Spendenplattform für Mordechais Familie mit seiner Frau Rina und den Kindern Shira (13), Nadav (12), Ayana (10), Tamar (8), Dror (6) und Talia (4)

Ein anderer Sticker am Jaffa Tor zeigt das Foto von Uriah Bayer. Ein fröhlicher junger Mann mit deutscher Staatsbürgerschaft, Sohn einer deutschen christlichen Familie. Kurz vor Weihnachten starb er nach schweren Verletzungen in Gaza. Der Oberstabsfeldwebel war bei Kämpfen im Gazastreifen am Kopf verwundet worden. Mehrere Medien berichteten über eine „bemerkenswerte Geschichte“ eines „aufrechten und freundlichen“ jungen Mannes. Israels Staatspräsident Jitzchak „Bougie“ Herzog nahm gelegentlich bei offiziellen Empfängen den Einsatz eines deutschen Staatsbürgers als Beleg für den gerechten Einsatz der israelischen Armee im Gaza Steifen. Was für eine Unverfrorenheit.

Uriahs Großeltern und Eltern waren 1972 nach Israel gekommen und hatten 1984 im nordisraelischen Ma’alot das Pflegeheim „Beit Eliezer“ für Holocaust-Überlebende gegründet. Es wird heute vom Vater des toten Soldaten geleitet. Mit der Gründung wollte die Familie Sühne für die Verbrechen der Nazis tun, verlautete von Bekannten der Familie. Seine Schwester Odelia sagte der israelischen Zeitung „Yedioth Acharonoth“ vor vier Jahren über das von deutschen Christen betriebene Altenheim in der nordisraelischen Stadt: „Mein Großvater erinnerte sich sehr gut daran, wie in Nazideutschland unschuldige Juden misshandelt wurden. Sein Traum war, etwas wieder gutzumachen, dem jüdischen Volk zu helfen.“

Uriah und seine Familie haben keine israelische Staatsbürgerschaft. Der 20-Jährige hatte keine Verpflichtung zum Wehrdienst und meldete sich als deutscher Israeli freiwillig zur Armee. „Der Herr ist mein Licht“, steht auf seinem Sticker in Deutsch. Und: „Vergiss nicht zu lächeln!“

Bekannt geworden ist auch die Geschichte des 21-jährigen Ivri Dickstein. Einen Sticker von ihm konnte ich bislang noch nicht entdecken. Sein von ihm zum Sabbat in Auftrag gegebener Blumenstrauß erreichte seine Frau, als sie von seiner Beerdigung zurückkam. Auch das ist Israel in diesen Tagen.

Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer von den Grünen hat im Zusammenhang mit den Kriegsverbrechen von Slobodan Milošević im Kosovo im Mai 1999 gesagt: „Um den Frieden zu erreichen, würde ich sogar dem Teufel die Hand schütteln.“ Das war noch Politik. Das waren noch Politiker.

Den Toten helfen keine gewonnen Kriege.

P.S. Als ich diesen Text im Kopf formte, hatte die Hamas noch nicht das Abkommen über die Geiselfreilassungen gebrochen. Jetzt finde ich ihn um so nötiger.

„Ich habe noch niemanden gehört, der einem wirklichen Friedensbeginn traut.“

„Es herrscht überall Misstrauen: Angst vor neuem Terror, Angst vor weiterem Krieg. Sowohl auf der israelischen als auch auf der palästinensischen Seite fühlen Menschen sich von der ganzen Welt verraten und verkauft:“ (Joachim Lenz, Evangelischer Propst von Jerusalem)

Joachim Lenz, Evangelischer Propst von Jerusalem

Am Sitz der evangelischen Kirche in der Altstadt von Jerusalem treffen das muslimische Viertel, das christliche Viertel, das jüdische und auch das armenische Viertel punktgenau aufeinander. In der Muristan Road. Rein völkerrechtlich untersteht Ost-Jerusalem, also die Altstadt, der Autonomiebehörde in Ramallah. So sieht es zumindest aus, obwohl 1993 bei den Osloer Verträgen diese Frage offen blieb. 1980 wurde Jerusalem von der israelischen Knesset als untrennbare Hauptstadt Israels erklärt. Die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO rief 1988 den Staat Palästina aus und erklärte Jerusalem zu dessen Hauptstadt. Es ist also kompliziert. Wie alles hier. Wir werden das in diesem Blog nicht klären können.

Fakt ist, die Muristan Road liegt sozusagen im Brennpunkt des Geschehens, umso mehr seit dem 7. Oktober 2023, als Hamas-Terroristen Israel überfielen. Seitdem tobt der Krieg – und auch in der ungewöhnlich breiten Straße vor der Probstei hat sich einiges verändert. Hier treffe ich den Propst von Jerusalem, Joachim Lenz, und will mit ihm über die aktuelle Situation, den Waffenstillstand und seine Kirche in dem Konflikt sprechen.

Nebenan steht die Erlöserkirche, die in den letzten Jahren vor der Jahrhundertwende, 1893–1898, auf dem Grundriss der Kreuzfahrerkirche S. Maria Latina errichtet wurde. Der preußische Kronprinz Friedrich III hat nach einer Fahrt zur Eröffnung des Suezkanals den Kirchenbau angestoßen. Ja, hier in Jerusalem geht nichts ohne Geschichte und Geschichten. Das Grundstück rund um die Muristan Road, früher Kronprinz-Friedrich-Wilhelm-Straße, ist noch heute im Besitz des lutherischen Weltbundes. Preußen-Adler an Durchgängen und Kirche zeugen davon. Die Grabeskirche ist nur wenige Schritte entfernt.

Ich habe überlegt, ob ich das Gespräch mit Joachim Lenz irgendwie kürzen oder in einen geschlossenen Text journalistisch umwandeln sollte. Ich habe es dann jedoch gelassen. Ihr könnt ja aus den Antworten auswählen.

Die Erlöserkirche in der Muristan wenige Meter von der Grabeskirche

Herr Lenz, die Welt und auch viele Deutsche blicken mit Hoffnung auf die aktuelle Waffenruhe zwischen Hamas und Israel, wie beurteilen Sie die Situation?
In unserer Gemeinde hoffen wir, dass wir bald wieder Besuch aus dem Ausland bekommen. Die Lufthansa will ab 1. Februar wieder fliegen. Das ist für jeden unten auf der Straße vor unserem Büro existenziell. Seit Corona verkaufen die Händler hier nichts mehr; sie wissen nicht, wie sie ihre Familien durchbringen können. Also herrscht erstmal vorsichtige Erleichterung und Hoffnung in den Straßen. 

Ist das der Beginn eines Friedens, wie nachhaltig ist das Abkommen?
Ich habe noch niemanden gehört, der einem wirklichen Friedensbeginn jetzt traut. Alle sind sehr skeptisch, ob der Waffenstillstand hält. Es erscheint den Menschen hier sehr, sehr wackelig. Jüdische Freunde sagen mir, dass der Geiseldeal furchtbar sei: Da würden palästinensische Massenmörder aus den Gefängnissen freigepresst, die später bestimmt wieder als Terroristen aktiv werden würden. Palästinensische Christinnen sagen mir wiederum, dass der Deal an der Gewalt israelischer Siedler im Westjordanland gar nichts ändere. Israel hat nach wie vor eine Regierung in Israel, an der rechtsextremistische Kräfte beteiligt sind, die palästinensische Autorität agiert auch oft schwierig; wie es zu einem verlässlichen Frieden in gerechten Strukturen kommen könnte, dazu habe ich noch keine Idee gehört.

Das erklärte Ziel der Regierung Netanyahu lautet, die Hamas vollständig zu vernichten. Also, wie viel Zeit geben Sie dem Abkommen von Katar?
Der israelische Verteidigungsminister Joav Galant forderte im letzten Herbst in einem offenen Brief seinen Ministerpräsidenten auf, ihm doch bitte erreichbare Kriegsziele darzulegen. Er ist eine Woche später gefeuert worden. Die Hamas hat jetzt mehr Mitglieder im Gazastreifen als zuvor, lese ich in israelischen Zeitungen: Die israelischen Streitkräfte sagen, sie hätten 20.000 Hamas-Terroristen getötet; offenbar hat die Hamas aber während des Krieges noch mehr Kämpfer neu rekrutiert. Waffenlager wurden zerstört, aber Angst und Hass sind beiderseits noch gewachsen. Die Idee Netanyahus ist nicht aufgegangen, ist von beiden Seiten zu hören. 

Im Innenhof der Probstei

Was soll nun werden?
Das weiß hier niemand, fürchte ich. Es herrscht überall Misstrauen: Angst vor neuem Terror, Angst vor weiterem Krieg. Sowohl auf der israelischen als auch auf der palästinensischen Seite fühlen Menschen sich von der ganzen Welt verraten und verkauft – auch wenn das doch gar nicht stimmt. Hoffentlich findet die Staatengemeinschaft Wege zu Lösungen, hoffentlich auch mit den arabischen Nachbarstaaten. 

Es gibt ja die Idee der Zwei-Staaten-Lösung, kann das funktionieren?
Für die Lösung spricht zuerst einmal, dass es keine erkennbaren Alternativen gibt. Niemand hat mir erklären können, wie eine Ein-Staaten-Lösung aussehen soll. Wenn alle arabischstämmigen Menschen im Heiligen Land israelische Bürgerrechte bekämen, gäbe es bald keinen jüdischen Staat mehr, sagt die Demografie. Es braucht neue Ideen! Dass mit jüdischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet Fakten geschaffen werden, ist leider so. Dennoch: Wenn nicht beide Seiten eigenständig und sicher sind, gibt es keinen Frieden. Das wenige Vertrauen auf beiden Seiten ist mit dem 7. Oktober und dem Krieg zu Klump gehauen worden. Vorher war etwa die Hälfte der Israelis für eine gut ausgehandelte Zwei-Staaten-Lösung, das ist vorbei. Umgekehrt bekommt die terroristische Hamas viel Zustimmung auf der palästinensischen Seite.

Also keine Hoffnung auf Frieden im Heiligen Land?
Letzte Woche hat Bundeskanzler Olaf Scholz in Paris mit Emmanuel Macron die Unterzeichnung der Élysée-Verträge von 1963 gefeiert. Zwischen Deutschland und Frankreich herrschte Jahrhunderte lang Krieg. Es brauchte zwei Generationen für einen Frieden, aber der steht nun fest, aus Hass wurde Freundschaft. Wir haben uns als evangelische Gemeinde auf die Fahnen geschrieben, daran zu erinnern, dass unsere Hoffnung guten Grund hat. Wir lassen den Friedensstern von Bethlehem in der Kirche dauerhaft leuchten. Unsere Kirche heißt Erlöserkirche: der Erlöser lebt, also sind Erlösung, Frieden und Hoffnung möglich.

Was hat sich für Sie an einem Brennpunkt in Jerusalem, wo alle Konfliktparteien aufeinander treffen, seit dem 7. Oktober 2023 geändert?
Wir hatten vor dem 7. Oktober zum Beispiel die Idee, hier in der Muristan Road auf der Straße mit den verschiedenen Religionen und Kulturen den Geburtstag unserer Kirche gemeinsam zu feiern. Es war schwierig vorstellbar, aber ist jetzt völlig undenkbar, muslimische und jüdische Nachbarn hier an einen Tisch zu bekommen. Wir Christenmenschen sind in gutem Kontakt mit Menschen in beiden Gesellschaften, der palästinensischen und der israelischen. Das zu pflegen ist unsere Aufgabe. Wir beten auch für beide. Aber auch uns fehlen gute, konkrete Ideen für die Zukunft.

Wenn Sie Jemandem in Deutschland den hiesigen Konflikt beschreiben sollten, wie würden Sie das in wenigen Worten tun?
Das ist kaum möglich. Es gibt hier das Sprichwort: Wer zwei Wochen hier ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre da ist, möchte lieber gar nichts mehr sagen. Wir sollten uns mit Bewertungen sehr zurückhalten. Wir sind nicht die Opfer, wir leben an der Seite der Opfer beider Seiten.

Was sagen Sie zur Stimmung in Deutschland, auch zur propalästinensichen Stimmung?
Ich bin Jahrgang 1961. Ich habe schon als Jugendlicher verstanden, dass es den Holocaust mit seinen entsetzlichen Folgen nie wieder geben darf. Für mich ist daher eminent wichtig, dass mein Heimatland und meine Kirche gegen Antisemitismus klare Kante zeigen. Ich verstehe aber auch die Verzweiflung der Palästinenserinnen und Palästinenser, die sich nach Frieden und Freiheit sehnen. Hier zu vermitteln haben Deutschland und auch die Kirchen über Jahrzehnte hin versucht. Wie soll das nach dem 7. Oktober noch möglich sein? Es ist gut, dass wir zu beiden Seiten die Kontakte aufrechterhalten, dass wir beide Seiten bei ihren berechtigten Anliegen unterstützen – auch wenn das sehr mühsam und manchmal unmöglich ist.

Es gibt gelegentlich Kritik, dass die Kirche nicht klar Stellung bezieht, warum drücken Sie sich?
Wir drücken uns nicht, wir stehen ein für Frieden. Die EKD bekennt sich klar zum Selbstverteidigungsrecht Israels. Wir nehmen gleichzeitig wahr und ernst, was uns unsere palästinensische lutherische Partnerkirche über Leid und Unrecht berichtet. Von manchen wurde uns vorgeworfen, wir seien einseitig Pro-Israel, von anderen, wir seien ein Hort des Antisemitismus. Beides ist falsch. Wir positionieren uns, nur eben nicht für eine Partei, sondern für Frieden in Gerechtigkeit. Der muss den Menschen generell gelten.

Gibt es in Gaza Kriegsverbrechen?
Es gibt keinen Krieg ohne Kriegsverbrechen, fürchte ich.

Gibt es in diesem Krieg in Gaza Kriegsverbrechen?
Ich bin kein Richter, ich kann und will da keine Urteile fällen. Es hat so schrecklich viel Schreckliches gegeben! Ich lese, dass Amnesty International entsprechende Vorwürfe untersucht und minutiös belegt hat. Ich habe Berichte vom Terror des 7. Oktober gelesen, da sind mir – ganz ohne Horrorfotos oder -videos – die Tränen gekommen. Es sind unfassbar furchtbare Dinge geschehen. 47.000 Kriegstote im Gazastreifen, 1.200 Terrortote an einem einzigen Tag: beides ist für mich unvorstellbar. Außerdem gibt es unzählige körperlich und seelisch Traumatisierte. Niemand kommt da mit unschuldigen Händen heraus.

Es gibt die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, es gibt gerade vor Ostern den Wunsch vieler Pilger nach Jerusalem zu kommen, was können Sie raten?
Wir verweisen auf die Empfehlungen des Auswärtigen Amtes, die können das einschätzen. In Jerusalem sind wir die ganze Zeit über relativ sicher gewesen. Ich hoffe sehr, dass die Reisewarnungen aufgehoben werden. Jerusalem braucht Pilgerinnen und Pilger. Wir sind als evangelische Gemeinde klein geworden. Wir hatten im Frühjahr oft mit 200 oder 300 Menschen Gottesdienst gefeiert – jetzt sind wir 20 oder 25. Unser subjektives Empfinden ist, dass wir sicher sind. In Jerusalem war es nicht wie an der libanesischen Grenze oder am Gaza-Streifen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

In der Erlöserkirche leuchtet Tag und nach der Stern von Bethlehem, auch Friedensstern, bei uns bekannt als Herrnhuter Stern