Ich schenke Dir diesen Anhänger mit der Jakobsmuschel, dem Symbol des Pilgers und dem Emblem des Jakobswegs. Ihre Linien stehen für die vielen Wege aus aller Welt, die sich in einer Richtung vereinen: dem Inneren Weg. (Augusto)

Also, ich gebe es ja zu: Die Unterkünfte auf meinem Weg sind alle vorgeplant, bezahlt und haben so gar nichts Spontanes. Ich hatte in meinem Leben genug Herbergen. Internat in der EOS, Kaserne, Studentenheim – das macht zehn Prozent meiner gesamten Lebensnächte aus. Und für diese Prozentzahl muss ich noch mindestens 20 Jahre leben und schlafen! Aber ohne Abenteuer sind auch die geplanten, und mitunter teuren Unterkünfte nicht.
Gestern zum Beispiel in San Miguel de Oia kam mir mein gebuchtes Zimmer mit Bad etwas komisch vor. Ich hatte mit eigenem Bad reserviert. Muss nicht, aber ist schön. Aber da standen nicht nur eine Reihe von Kosmetik-Artikeln, Frauen-Needs, sondern auch eine elektrische Zahnbürste. Zweifelsfrei, das Haus und das Zimmer waren Spitze. Aber eine elektrische Zahnbürste für den Gast? Und diese ganze Creme?
Also fragte ich Marta, die Vermieterin (Foto im letzten Text): „Marta, das ist wirklich m e i n Bad?“ Und sie; „Ja, Max, Deins.“ Pause. „Und meins.“ Hm, darauf bist du nicht vorbereitet. Da beginnt sofort das Kopfkino. Aber es war auch nicht schlimm. Die Zahnbürste haben wir uns jedenfalls nicht geteilt. Es wurde ein netter Abend mit Schwimmen im Atlantik. Marta schickte mich zum Strand. Bis dahin hatte ich noch nicht im Atlantik gebadet. Saukalt. Wahrscheinlich roch ich nach 20 Kilometern komisch. Und außerdem war der Strand genau gegenüber des Hauses. Marta erzählte mir, dass sie vier Jahre in Beijing gelebt hat. Ihren Salat konnte ich natürlich auch nicht ablehnen, wenn wir uns schon das Bad teilten. Außerdem war er köstlich. Und sie erklärte mir, dass man sich in Spanien bei Abschied zweimal auf die Wangen küsst, nicht wie in Frankreich dreimal. Zu Deutschland und Küssen hab ich nix gesagt.
Einen Tag später bin ich Redondela angekommen. Dort begrüßte mich Augusto, der Enkel der ersten Apothekerin in der Stadt, und Urenkel der Namensgebern einer Straße der Stadt. Er zeigte mir nicht nur voller Stolz die Wohnung seiner Oma, in der ich nun eine Nacht verbringen sollte – mit eigenem Bad und ohne Oma. Er hatte sogar schon Tage zuvor die Kräuter meines Gefallens abgefragt, mit denen er mir – ganz in der Tradition des Hauses – einen Fußbad Kräuter Beutel vorbereiten würde, wenn ich meine Füße dann unter den Tisch der alten Apothekerin stellte.

Dazu legte mir Augusto eine Camino-Muschel-Kette aufs Bett und einen Brief. Den zitiere ich mal hier:
„Lieber Max-Stefan,
Herzlich willkommen in La Casa de la Abuela Boticaria / Das Haus der Apotheker-Oma. Ich hoffe, dass du einen außergewöhnlichen Aufenthalt in diesem Haus hast – das nun dein Zuhause ist – und in diesem kleinen und charmanten Ort namens Redondela.
Mein Ziel ist es, dass du dich im Haus meiner Großmutter wohlfühlst. Daher bitte ich dich im Voraus: Wenn du irgendein Problem bemerkst – ob groß oder klein – sag mir bitte Bescheid, damit ich es lösen und sicherstellen kann, dass du dich wirklich wie zu Haus fühlst.
Auf dieser Etappe deines persönlichen Weges möchte ich dir ein wenig Kontext mitgeben der dir hilft, diesen Ort besser zu verstehen, an dem du gerade wohnst.
Über mich
Hallo! Ich heiße José Augusto Ventín Sánchez. Ich wurde 1984 in Madrid geboren, als Sohn einer lebensfrohen Madrilenin und eines weisen Galiciers. Ich bin Vater von zwei Kindern, die in Kolumbien geboren wurden, und fühle mich als Bruder all jener unruhigen Geister, die diesen Planeten durchwandern.
Ich habe an der Universität Complutense in Madrid studiert, wo ich viel über die Komplexität menschlicher Beziehungen gelernt habe. Ich habe geforscht und alternative Medien geschaffen – immer angetrieben von dem, was uns herausfordert und wachsen lässt.
2012 bin ich nach Kolumbien gezogen – ein Land, das mir Liebe, tiefe Erkenntnisse und die Erfahrung geschenkt hat, Kinder in den Bergen großzuziehen. Dort habe ich gelernt, dass man die Vielfalt und Komplexität des Lebens mit Demut annehmen muss.
2024 hat das Leben eine unerwartete Wendung genommen und mich zurück nach Galicien geführt, ins magische Land meiner Wurzeln. Hier in Redondela kehre ich zurück zu den Düften und Landschaften meiner Kindheit: dem nassen Stein, dem tiefen Grün der Wälder und der sanften Brise im Parque de la Alameda de Castelao. In diesem Haus meiner Großmutter, in dem ich so viel erlebt und gefühlt habe, beginnt nun ein neues Kapitel.

La Casa de la Abuela Boticaria
Dieses Gebäude gehörte meiner Großmutter Gemma Pereira Otero. Sie war eine kämpferische Frau mit festen moralischen Überzeugungen. Sie war eine Mutter, die auch die Rolle des Vaters übernahm, und eine engagierte Fachfrau in ihrer Gemeinschaft. Sie war tatsächlich die erste Apothekerin von Redondela. Ihre Generation war eine Generation starker Menschen. Es waren Kinder des spanischen Bürgerkriegs, die in der Widrigkeit eine Schule der Überwindung sahen. Meine Großmutter nutzte ihre Apotheke, um politischen Gefangenen während der Diktatur zu helfen und machte sie so zu einem Ort der Verbindung zwischen der Stadt, dem Dorf und den ländlichen Gebieten rund um Redondola. Sie war eine Apothkerin der alten Schule – eine, die noch eigene Rezepturen entwickelte und herstellte, bevor die Industrialisierung der Medikamente den ursprünglichen Geist der Apotheken verdrängte.

Bevor dieses Gebäude existierte, stand hier ein altes Haus, in dem meine Urgroßmutter Ernestina Otero (die Mutter von Gemma) lebte. Tatsächlich trägt heute eine Straße in Redondela ihren Namen. Sie war Leiterin der Lehrerausbildungsschule, Präsidentin des Provinzialrats für Grundschulbildung in Pontevedra, und unterzeichnete im Jahr 1933 das Manifest der galicischen Intellektuellen zugunsten des Autonomiestatuts.
Später entschied sich meine Großmutter Gemma, das alte Haus abzureißen und dieses Gebäude zu errichten, wobei sie die alten Holzbalken wiederverwendete, um den Boden der Wohnung zu gestalten. Der Boden, auf dem du heute stehst, ist also über 100 Jahre alt.
Die Kräutertüte, die ich dir für deine Füße dagelassen habe, ist ein Rezept meiner Großmutter Gemma. Ich schenke dir diese Kräutertüte als Zeichen der Fürsorge. Die Mischung besteht 100 Prozent aus natürlichen Kräutern. Mein Ziel ist es, all ihre natürlichen Rezepturen wieder zu entdecken, damit jeder Reisende die Casa de la Abuela Boticaria besucht, um sich wohlzufühlen, auszuruhen und neue Kraft für seinen Weg zu schöpfen. Dies ist meine Hommage an Gemma Pereira Otero, der Apothekerin des Ortes, und an die bedingungslose Liebe, die Großmütter ihren Enkeln schenken…

Lieber Max, ich wünsche dir, dass dein Aufenthalt hier dir Frieden auf deinem Weg bringt.
Fühl dich frei, dich mit anderen Reisenden zu verbinden, die heute gemeinsam mit dir dieses Zuhause teilen. Dieses Haus ist ein Ort der Begegnung für all jene Seelen, die auf der Suche nach spirituellem Wachstum sind. Gleichzeitig lade ich dich ein, die Ruhe der Kontemplation als Form des Miteinanders zu genießen.
Ich schenke dir diesen Anhänger mit der Jakobsmuschel, dem Symbol des Pilgers und Emblem des Jakobswegs, Ihre Linien stehen für die vielen Wege aus aller Welt, die sich in einer Richtung vereinen: dem inneren Weg. Sie zu tragen, ist ein Zeichen der Zugehörigkeit – aber auch eine Möglichkeit, Türen zu öffnen, Gastfreundschaft zu erfahren und dich daran zu erinnern, dass du Teil einer großen Gemeinschaft von Pilgern bist, die ein gemeinsames Ziel verbindet: die Selbsterkenntnis.
Mit herzlichen. Grüßen,
Augusto“
Liebe Marta, lieber Augusto, Eure Herbergen waren so unterschiedlich, wie es nicht anders sein könnte, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Und jede war ein prägendes Erlebnis, das mir in Erinnerung bleiben wird, auf welchen Weg ich auch immer gehe. Ich danke euch und allen anderen Gastgebern auf dem Jakobsweg, die für die Pilger da sind.
Buen Camino.
Hier noch ein paar Fotos meines Weges Heute 8. Etappe, 211 Kilometer

Pontesampeio















