„Know yourself, an you will know the Universe.“ (Erkenne Dich selbst, und Du wirst das Universum kennen – bei Marta im Guesthouse)

Als ich an diesem Morgen in Villa de Ancora aufbreche, liegt Spanien vor mir. 10 Kilometer später wartet direkt an der Flussmündung des Miño in Carminha mitten in der Pampa ein Wassertaxi auf Pilger. Nur am Rande: „Pilger“ leitet sich vom lateinischen Wort „peregrinus“ ab, was so viel wie „Fremder“ bedeutet.
Also Wassertaxi ist jetzt ein großer Begriff für ein kleines Boot mit Außenborder und zwei Bänken, die schnell gefüllt sind. Natürlich heißt die Spanierin, die dort die Pilger anquatscht, Carmen. Sie erzählt in Deutsch, dass sie in Berlin gewohnt und während der Pandemie in einem Testzentrum an der Ostsee in Stralsund gearbeitet habe. Na, da fühlt man sich doch gleich viel sicherer. Der kleine Nachen, der uns dann übersetzt, wird allerdings von einem portugiesischen Kapitän gesteuert. Am spanischen Ufer gibt es nicht einmal einen Steg. Ran, runterhüpfen und weg. Da fühlt man sich doch glatt ins Land geschmuggelt.

Außer mir ist noch ein Amerikaner im Boot, und zwei Asiatinnen, deren Nationalität schwer herauszubekommen ist, weil es nicht zu einem Gespräch kommt. Gleich nach dem Ausstieg am spanischen Ufer fällt eine von beiden in eine antizipierte Ohnmacht, winkt dem bereits in den Morgennebel ablegenden Boot schreiend und wild gestikulierend hinterher und läuft wie um ihr Leben. Sie hat ihr Handy im Boot liegengelassen. Wow. Komisch, sonst ist das doch ganz anders. Alle Migranten verlieren ihren Pass, aber keiner sein Handy…
Schon da deutet sich an, auf der spanischen Seite ist erst mal Schluss mit lustig. Nachdem der Pilgerschmuggler die Migranten ohne Vorsprache bei der spanischen Einwanderungsbehörde abgeladen hat, und im zweiten Anlauf verschwindet, stehen wir quasi blind und ohne Plan erneut in der Pampa. Diesmal allerdings in der spanischen. Woran einen das wohl erinnert? Na gut, es hat nur sechs Euro gekostet, nicht sechstausend. Nun nur noch einmal links um die Ecke auf den nächsten Holzweg… Und dann Kilometer lang nichts. Niente. Nada. Rien.

Das Beach Feeling aus Portugal wurde leider nicht mit übergesetzt. Kilometerlang kein Strandkiosk. In den kleinen Dörfern nicht mal ein geöffneter Sao Josè. Stimmt kann ja nicht, muss ja hier San José heißen. Irgendwo in einer Kleinstadt marschiert dann plötzlich eine große Dudelsackkapelle auf. Das ging ja schnell von Portugal über Spanien nach Schottland. Aber offenbar wird hier nur für ein Dudelsack-Festival geübt.
Sogar die Zeit ist in Spanien anders. Wer um 8:50 Uhr – wie ich – bei Caminha ins Boot über den Miño steigt, kommt nach 10 Minuten Fahrt um 10 Uhr in Spanien an.
Wow, das erste Wunder am Camino Portugués de la Costa. Die einen sagen so, die anderen sagen so. Spanien liegt zwar auf dem Null-Meridian, aber am 16. März 1940 änderte Spaniens Führer Francisco Franco die Zeitzone auf MEZ, um sein Land an den Horizont seines Freundes Adolf und Hitlerdeutschland anzupassen. Nach dem Krieg blieb Franco bis in die 1970er Jahre an der Macht. Nur mal zur Geschichte: Franco blieb bis 20. November 1975, als er starb, an der Macht. Da waren die anderen beiden Kumpels schon 30 Jahre tot… Die Uhren wurden nie wieder zurückgestellt. Die Spanier haben das halt bis heute nicht geändert. Man weiß ja nie, was kommt.
Während meiner beiden früheren Pilgerreisen verbrachte ich viel Zeit mit anderen Wanderern. Wir sprachen über das Leben und seine Routen, die für jeden irgendwie anders sind, auch wenn wir im Grunde den gleichen Weg gehen. Und doch verbindet uns alle eines: die Suche.
Als ich allerdings inmitten in der Natur auf dem Küstenweg war, kein Mensch weit und breit zu sehen, umgeben vom Ozean, die Meeresbriese auf meiner Haut spürte, stand die Zeit still.
„Mit dem Jakobsweg ist es wie mit allem im Leben. Es ist der Glaube, der die Faszination ausübt. Nicht die Tatsachen. Der Glaube an die Erlösung ist bereits die halbe Erlösung. Tatsache ist allerdings, dass der Jakobsweg obendrein landschaftlich sehr schön gelegen ist“, lässt Karsten Dusse in „Achtsam Morden am Rande der Welt“ den Psychotherapeuten Joschka Breitner sagen. Ein sehr empfehlenswertes Buch, so wie die gesamte Reihe. Also bin ich jetzt endlich auf der Reise ins eigene Ich? Oh, da muss man sich vorsehen. Man möchte ja gar nicht alles über sich selbst wissen, oder? Ich sage nur Fremdbild und Eigenbild.

Als ich am Abend in Porto Mougás endlich in meiner Herberge einfalle, total erschöpft nach 34 Kilometern ohne jede Rast und Raststätte, kommt mir auch noch die Wirtin weinend entgegen. Am Tag war ihr Hund gestorben. Ich trauere angemessen und frage mich: War das der Tag des einsamen Weges des Hundes? Sie hat mir seinen Namen gesagt. Ich habe ihn vergessen. Ich Dussel. Heute kommt aber auch alles zusammen. Ich bewegte mich jedenfalls nicht mehr, legte mich auf eine Liege auf dem schönen Grundstück. Und war nur noch für einen Salat bereit.
Was tut man nach solchen einsamen Pilgertagen? Leute anquatschen, Leute anquatschen, Leute anquatschen. Maria und Julia aus Moskau erzählten mir am nächsten (frühen) Morgen ihre Geschichte, wie sie über verschiedene Flughäfen nach Portugal gelangten. Viele Länder bieten keine Direktflüge nach Moskau mehr an. Sie tun mir leid. Wahrscheinlich können sie nichts dafür. Endlich in Lissabon angekommen, wurden sie peinlichst vom Flughafen-Polizisten befragt, welche Etappen sie gehen wollen, wie lang der Weg ist, wie lang sie jeden Tag gehen wollen, wo sie schlafen, und und und… Wer kann das auf dem Jakobsweg schon vorhersagen? Und warum?

Ich treffe Sofia aus Mexiko, die hier mit ihren Eltern, Alex und Anna, sowie ihre Tante Rosy einen Familienurlaub zusammen wandert. Sofia hat als Ärztin in Kassel gearbeitet. Sie hat dort alle Prüfungen gemacht. Es hat ihr gefallen. Auch in Kassel. Wunder oh Wunder. Jetzt ist sie aber irgendwie in Spanien gelandet. Ihr Freund hat für Deutschland keine Arbeitserlaubnis erhalten. Wie gesagt, jetzt ist sie Ärztin in Spanien. Warum?

Emma aus Schweden wandert mit ihren Sohn Julio und zwei Freundinnen. Julio wollte den Weg unbedingt machen, obwohl er erst zehn Jahre alt ist, im September wird er elf. Früh regt sich, wer ein Peregrino werden will. Emma erzählt mir, dass sie vom zentralen Weg auf den Küstenweg gewechselt ist, weil sie die aktuellen Waldbrände in Portugals Norden meiden will. Feuer? Warum? Was ist los in dieser Welt? Ein ganzes Stück gehen wir zusammen, bis der Wanderschüler eine Pause braucht. Dann heißt es wieder und diesmal in Spanisch Buen Camino. Wir sehen uns später.

Und am Nachmittag treffe ich auf Marta und ihre Casa NANKURUNAISA. „Vergiss niemals, wer du bist. Lebe heute und morgen. Vergiss nie zu lachen, wie schwer dein Tag auch war. Am nächsten Tag wird de Sonne für dich scheinen. Alles wird gut.“
Danke Marta. Buen Camino.








