Zwischenstopp im Heiligen Land – Walz in Israel

„Ziehe den Hut vor niemandem, außer in der Kirche und am Tisch. Trage immer deine Kluft. Verlasse deinen Ort immer so, dass der Nächste willkommen ist.“ (Grundregeln der Gesellen)

Philippe Saner und Ragnar Merlin Kessler über den Dächern von Jerusalem

Viele Wege führen nach Rom. So sagt zumindest ein Sprichwort. Und da geht es lediglich um den Stellvertreter Gottes. Aber wie viele Wege mag es geben, um nach Jerusalem zu kommen? Man kann den Kreuzfahrern folgen. Und damit sind nicht die Schiffe gemeint. Ich kenne inzwischen zwei Möglichkeiten. In vier Stunden gelangt man vom BER – ja das ist keine Legende, den gibt es – zum Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv. Und nochmal eine halbe Stunde dauert es mit einem super modernen Schnellzug – kein ICE der Deutschen Bahn – bis nach Jerusalem. Sagen wir fünf Stunden bis Jerusalem. Man kann aber auch 50 Tage damit verbringen. So wie die Zimmergesellen Philippe Saner aus der Schweiz und Ragnar Merlin Kessler aus dem deutschen Hameln. Ohne CO2-Fußabdruck eines Vier-Stunden-Fluges. Wow.

Philippe und Ragnar sind am 1. Dezember in Stuttgart aufgebrochen und am 20. Januar in Jerusalem angekommen. Die beiden Gesellen sind auf der Walz. Nun höre ich schon meinen Freund und besten Wirtschafts-Journalisten Torsten raunen, jetzt ist er ganz durchgedreht auf seinem Israel Trip. Auf der Walz in Israel, wo gibt’s denn so etwas? Dachte ich bis vor wenigen Tagen auch, bevor ich den beiden hier auf dem Zionsberg begegnet bin. Aber jetzt weiß ich, dass die 22-jährigen nicht nur die Welt sehen, andere Kulturen kennen lernen und ihr Handwerk vervollkommnen wollen, was das Ziel der Gesellen-Wanderschaft ist. Nein, sie haben sich vorgenommen, bis nach Nepal weiter zu wandern, zu trampen, oder ganz in Ausnahmen auch mal einen Flug zu nehmen. Wenn man so gar nicht mehr weiterkommt. Zum Beispiel, wenn man auf einer Insel strandet. Dazu gleich.

Also auf der Walz in Israel. Angekommen dank eines freundlichen Abtes, Nikodemus Schnabel, in der Dormitio, und dort ein kleines Stück Arbeit gefunden. Bevor es weitergeht. Vereinbart haben sie nämlich mit weiteren vier Gesellen, sich am 22. März in Kathmandu bei Mac Donalds zu treffen. Ja, die Jungs sind eben 22 Jahre alt. Was sonst, halt Mac Donalds. Aber der Grund ist ein anderer und relativ einleuchtend. In Kathmandu gibt es Tempel und Watts, also Klöster, zuhauf, aber nur einen einzigen Mac Donalds. Macht Sinn. Was man da auch immer essen kann. „18 Uhr, am 22. März, plus, minus eine Woche“, erzählt Ragnar. Klingt in meiner Welt wie der Brave Soldat Schwejk: Nach dem Krieg um Vier.

Stolz auf das Zimmerwerk im Klostergarten in Jerusalem, Philippe (r.) und Ragnar

Um es vorweg zu schicken, Philippe und Ragnar behaupten – glaubhaft – keine Handys zu besitzen. Handys, Laptops und ähnlicher Internetzauber sind den Wandergesellen verboten. Die Tradition kommt schließlich aus dem Mittelalter. Und da war es schlecht mit Funkmasten. Da gab es mehr so Galgen. Sie fragen sich durch, gehen in Bibliotheken, um mal eine E-Mail zu schreiben, oder borgen sich ein Handy, wenn sie nicht mehr weiterkommen oder eine Bleibe suchen. Ragnar hatte einmal von Abt Nikodemus gehört, und sich dann auf der Walz in Ägypten ein Handy geborgt, sagt er, und Nikodemus angeschrieben. Der antwortete prompt und nun sind sie hier. Kann ich in meinem Gartenhaus hier in der Dormitio ähnlich bestätigen. Eine Mail. Eine freundliche Einladung. Und nun bin auch ich hier. Die beiden verdienen sich ihren Unterhalt mit Zimmerarbeiten im Kloster. Bei mir sind es eher die Geschichten aus und um das Kloster. Geld lässt sich allerdings bei den Kirchenzeitungen nicht verdienen. Aber das ist ein anderes Therma.

Apropos Handy: Ich gebe zu, ich habe zwei. Und mir erklärt jetzt ein 22-Jähriger, dass man auch ohne Handy locker auskommen könne, man muss es nur wollen. Aha, verkehrte Welt. „Es ist sehr entspannt“, erzählt Philippe auf dem Dach des Studienhauses der Dormitio Abtei, wo wir über West-Jerusalem blicken, „man ist nicht ständig im Gespräch mit Leuten, die 1000 Kilometer entfernt sind. Mein Umfeld ist Ragnar und die vier Menschen, die wir in Kathmandu treffen. Das geht auch ohne Handy.“ Logisch? Logisch!

Großer Vorteil: „Wir schreiben wieder Postkarten. Wenn die bei meiner Freundin ankommt, dann steht darauf: War in Israel. Alles gutgegangen.“ Kommt wahrscheinlich nach drei Wochen an. Und die beiden sind längst in Indien. Sich aufzuregen lohnt sich dann auch nicht mehr. „Vor dem Nahen Osten haben alle Angst“, berichtete Ragnar aus Hameln aus Familiengesprächen vor der Walz. „Aber jetzt sind wir hier, und es ist alles anders, als alle denken. Der Schweizer Philippe erzählt, dass seine Freundin in Norwegen ihm schon die Hölle heiß gemacht habe, und deren Mutter erst… „Die Frage war nur, gehen wir hier im Land schnell weiter, oder bleiben wir ein paar Tage.“ Sie blieben. Der Arbeit wegen. Und der Stadt wegen – Klagemauer, Felsendom, Davids Thomb, Grabeskirche… In Bethlehem waren sie auch, nur acht Kilometer mit dem Bus.

Sie bleiben und bauen den Mönchen in der Dormitio Abtei im Garten einen schönen Verschlag für irgendwelche hässlichen Stromkästen. Sogar ein Kreuz haben sie hineingewerkelt. Worauf sie stolz sind. Und offenbar sind die Mönche höchst zufrieden, zumal das Material auch irgendwie von heimischen Handwerkern liegengeblieben war.

Aber dann wollen die beiden auch weiter. In ganzer Kluft, Hut, Weste und Zimmermannshose. Ihr großes Gepäck haben sie bereit in der Türkei zurückgesandt, berichtet Philippe. Zuviel, nicht notwendig, störend. „Wie müssen auch sehen, wie wir vorankommen.“ Am nächsten Tag wollen sie über die Allenby-/King Hussein-Brücke weiter nach Jordanien. Das ist der derzeit einzige Grenzübergang für Autos und Fußgänger vom Westjordanland nach Jordanien.

Ragnar: „Nach der Walz mache ich meinen Meister. Vorher war ich mir nicht sicher, aber jetzt, ja.“

Philippe und Ragnar wollen einen Bus am Damaskustor in Jerusalem nehmen. Ein arabischer Busbahnhof. Da muss man sehen, wie man mitkommt. Aber Bedenken haben sie nicht. Im Gegenteil, Ragnars Pass ist zwar fast abgelaufen. Aber er hat einen neuen in Ankara beantragt, und die Botschaft in der Türkei hat ihm zugesagt, die neuen Papiere an die Botschaft in Amman zu senden. Schaun mer mal, sagt der Bayer.

Aber wer der Route folgt, die die beiden beschreiben, kann kaum Zweifel haben, dass sie ihren Weg gehen: Deutschland. Österreich. Ungarn. Rumänien. Bulgarien. Serbien. Bosnien. Montenegro. Albanien. Kosovo. Nordmazedonien. Griechenland. Türkei. Zypern. Ägypten. Israel. Ja, jetzt kommt die Stelle mit dem Flugzeug. Nach Zypern sind sie ja noch mit einer Fähre gekommen. Aber dann war Schluss auf der Insel. Irgendwie rundum Mittelmeer. Für ein paar Euro mussten sie schließlich doch einen Flug nach Ägypten buchen. War nicht so gedacht, aber ging nicht anders.

„Für Fahrt und Unterkunft haben wir keine, oder kaum Kosten“, erzählt Philippe. Und so wird es weitergehen. Auf der Walz aus Israel. Zu dessen Konflikten zucken sie nur die Schultern. Sie sind nur ein paar Tage hier, dann Jordanien, Saudi Arabien, irgendwie Dubai, wer weiß…

Rasierapparat und Nähzeug, das Reisegepäck des Gesellen

„Ziehe den Hut vor niemandem, außer in der Kirche und am Tisch. Trage immer deine Kluft. Und verlasse deinen Ort immer so, das der Nächste willkommen ist.“ Das sind drei Grundregeln der Gesellen auf der Walz. Kommt gut weiter, Philippe und Ragnar, schön euch getroffen zu haben. Hier ist Israel. Wenn ich künftig den australischen Country Song „Waltzing Matilda“ höre, schlage ich einen Nagel für euch ein. Wo auch immer.

Das Hotel mit dem schlechtesten Ausblick der Welt -Westjordanland

Walls are hot right now, but I was into them long before Trump made it cool.” (Der britische Street-Art-Künstler Banksy „Mauern sind im Moment angesagt, aber ich war schon lange auf sie fixiert, bevor Trump sie cool machte.“)

Da ist es also, das Hotel mit dem schlechtesten Ausblick der Welt. Hier an der Mauer in Bethlehem, die an dieser Stelle 8 Meter hoch ist. Und die auf viele Tausende Meter den Blick auf die Berge rundum versperrt. Und auf die Freiheit. Und auf die Welt. Und auf Israel. Und seit dem 7. Oktober ist alles noch einmal schlimmer geworden. Dazu später.

„The Walled Off Hotel“ wurde vom wahrscheinlich bekanntesten unbekannten Künstler der Welt eingerichtet und gestaltet. Banksy, der in Deutschland gerade gefeierte Brite aus Bristol. Bei seiner Einweihung 2017 war das Hotel ein Statement Banksys. 50 Jahre nach dem Sieben-Tage-Krieg. 100 Jahre nach der Balfour-Deklaration, mit der Großbritannien als Mandatsmacht 1917 sein Einverständnis zur Errichtung eines jüdisches Staates gab. „Es ist exakt 100 Jahre her, dass Großbritannien die Kontrolle über Palästina übernommen und damit begonnen hat, die Möbel umzustellen – mit chaotischen Resultaten. (…) Ein guter Zeitpunkt, darüber zu reflektieren, was passiert, wenn das Vereinigte Königreich große politische Entscheidungen trifft, ohne die Konsequenzen zu begreifen“, wird Banksy zitiert.

Das könnte man heute natürlich überall in den Krisengebieten dieser Welt mit wechselnden Mächten zitieren. Vor allem mit den USA – nicht erst seit Donald Trump. Aber zur Stunde ist Trump wieder dabei, sich einzumischen. Und zwar genau hier in der Westbank

Das eingemauerte Hotel (Walled off Hotel) ist eine Anspielung auf die Luxus-Hotelkette Waldorf Astoria. 10 Kilometer entfernt im Stadtkern Jerusalems ist ein Waldorf Astoria-Hotel eine der teuersten Adressen.

Das abgeriegelte Hotel nur vier oder fünf Meter gegenüber der Mauer hat alles, was ein Hotel haben muss. Acht Zimmer und eine Präsidentensuite. Am Eingang einen Stofftier-Schimpansen als Portier-Attrappe, der in Banksys Werken immer wiederkehrt. Das Highlight bei der Hotel-Einweihung war das Zimmer 3, Banksys Room. Hier hat der Künstler über dem Kingsize-Bett eines seiner Graffitis an die Zimmerwand gesprüht. Ein Palästinenser und ein Israeli bei einer Kissenschlacht. Der Nachbau schmückt aktuell nahezu jede der Banksy-Ausstellungen, die derzeit in Europa und der Welt touren. Und es mag dem linksintellektuellem Betrachter einen wohligen Schauer der Solidarität mit dem palästinensischen Volk über den Rücken jagen. Wie aufgeschlossen wir doch sind.

In einer Banksy-Schau in Hamburg, anderer Beitrag, selber Blog

Aber längst ist aus der Kissenschlacht, die nie eine war, einmal mehr blutiger Ernst geworden. Seit dem Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg Israels gegen die Hamas und andere Terrororganisationen – mit Kriegsverbrechen auf beiden Seiten und einem internationalen Haftbefehl gegen Benjamin Netanyahu. Jeder kann das Leid in den Nachrichten verfolgen.

Das Hotel ist seit dem 12. Oktober 2023 geschlossen. Der Ausblick bleibt verbaut, von der Mauer gegenüber, die längst über und über mit Graffitis – auch vom Künstler selbst – besprüht ist. Ein Ausblick auf die Realität der Menschen im Westjordanland. Eingemauert, eingesperrt, und doch ebenso im Heiligen Land lebend wie auf der anderen Seite. Hier in Bethlehem steht die Geburtskirche Christi. Im acht Kilometer entfernten Jerusalem steht seine Grabeskirche. Nicht weit gekommen im jungen Leben, der jüdische Prophet. Und doch wäre Jesus heute ohne Permit, Einreisegenehmigung, nicht mal soweit gekommen.

Rund um das Hotel finden sich Banksys Graffitis – ob von ihm oder nicht

Hier vor Ort, an der Acht-Meter-Mauer und den Checkpoints läuft dem Betrachter im Westjordanland kein wohliger, sondern ein kalter Schauer über den Rücken. Zumal, wenn man weiß, wie es ist, hinter einer Mauer zu leben, wie als Ostdeutscher… Wie in Zypern, Mexiko zu den USA, oder Nordkorea. Natürlich maße ich mir nicht an, das elende Leben in Nordkorea oder sonstwo zu beurteilen. Aber beklemmend ist es hier auch, selbst wenn man nur Besucher ist.

Mein Fahrer Hasan fährt mich ein ganzes Stück entlang der Mauer. Sightseeingtour für Grummeln im Bauch. Sagen will Hasan nichts über die Situation in Gaza oder hier im Westjordanland. Noch nicht, später schon. Ihn, der sieben Kinder hat, und der mir ihre Fotos auf dem Handy zeigt, beschäftigen in diesen Tagen und Monaten, 486 Tage nach dem Hamas-Angriff und Kriegsbeginn, nicht die Flüchtlingsströme, die derzeit wieder Nord-Gaza erreichen. Ihn und seine Kollegen am Busstop treibt nur eines um: Keine Touristen, kein Geld, nichts zu beißen für die Familie mit den vielen Kindern. So klagt Hasan – auch wenn er mich gerade abgeschleppt hat.

Acht Meter hohe Mauern an der Grenze im Westjordanland

Die gleichen Klagen höre ich auch auf der anderen Seite der Mauer, wenn ich durch Jerusalems Innenstadt gehe und jeden dritten Laden mit schweren Eisentüren verrammelt vorfinde. Auch auf der israelischen Seite klagen die Händler, dass sie seit den besonders harten Corona-Beschränkungen in Israel keine Einnahmen mehr haben. Die Pilger bleiben weg, die Touristen erst recht. Mit Reisewarnungen belegt. Auf beiden Seiten die selben Sorgen. Und doch kommen beide Seiten nicht zueinander. Irgendjemand – habe vergessen, wer es war – sagte mir in den letzten Wochen, Kriege in Israel seien stets kurz gewesen, danach konnte sich die Wirtschaft wieder erholen. Netanyahu galt als Mann der Wirtschaft. Gerade deshalb verstehen hier viele nicht, warum das Töten anhält. Warum Netanyahu das Land leiden lässt.

Ich bin am späten Vormittag in Jerusalem aufgebrochen und habe mir den Bus 231 nach Bethlehem gesucht, um die Geburtskirche zu besuchen. Und um mit den Leuten zu reden. Die Fahrt über die 8 Kilometer dauert nur 25 Minuten. Doch es ist eine Fahrt in eine andere Welt, in die arabische Welt. Hasan steht wie viele andere Taxifahrer am Bus. Obwohl man die 1,7 Kilometer zu Geburtskirche hinauf locker laufen kann, gebe ich ihm ein paar Schekel, damit er mit mir eine Stadtrundfahrt macht. Und wie auf Bestellung hält er schließlich auch vor einem Haus und in der Innenstadt, ein Stück hinter der Geburtskirche. „Come my friend, I show you my Family.“ Die Kinder sind in der Schule, aber plötzlich finde ich mich von Nachbarn, alten Männern und und ein paar Jugendlichen umringt. Plötzlich bin ich mittendrin.

Kaum jemand hat noch Arbeit, klagen sie hier. Der Tourismus war eine Quelle. Aber Israel hat nach dem 7. Oktober auch alle Arbeits-Visa eingezogen. 200.000 Menschen verloren auf diese Weise ihren Job, recherchiere ich später. Man könne sich nicht mehr im eigenen Land bewegen, klagt ein anderer. Und er meint damit nicht den Weg über die Grüne Linie zwischen dem Westjordanland und Israel mit der 759 Kilometer langen Mauer. Nein, auch zwischen den Orten. 1400 Kilometer war der eiserne Vorhang in Deutschland. Aber die DDR hatte 108.000 Quadratkilometer, die Westbank 6000, kaum mehr als ein Zehntel.

Auf der Westbank gibt es inzwischen 900 Checkpoints. „Wir können nicht mal mehr unsere Onkel und Tanten besuchen“, schimpft ein junger Mann. Das Westjordanland ist knapp größer als der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte rund um Neubrandenburg. Besuche über die Mauer nach Israel, die nach der zweiten Intifada seit 2005 um das ganze Westjordanland gezogen wurde, sind kaum noch möglich. Dort hatte man früher Freunde. „Es gibt inzwischen junge Palästinenser, die waren noch nie in Israel, und umgekehrt“, grummelt ein Älterer. „Wie sollen wir je wieder zusammenleben.“ Woran erinnert mich das als Ostdeutscher?

Die Mauer von der israelischen Seite aus gesehen.

Drei Millionen Palästinenser wohnen im Westjordanland. 500.000 israelische Siedler haben sich inzwischen völkerrechtswidrig hier breit gemacht. Und nach dem 7. Oktober nahmen auch deren Angriffe immer mehr zu. 1400 Übergriffe habe es 2024 gegeben, recherchiere ich. 26.000 Olivenbäume wurden abgebrannt. 8700 Wohnungen von Siedlern entstanden neu.

Ja, es gibt auch hier im Norden, u.a. in Dschenin, wo ein großes Flüchtlingscamp ist, Angriffe von Terroristen der Hamas oder des Islamischen Tschihad. Anlass für Israel im rein völkerrechtlich palästinensisch verwalteten Gebiet, Einsätze zu fliegen und mit Waffen einzugreifen. Das schwächt die palästinensische Polizei im Ansehen. In der Politik spricht man inzwischen offen über eine Gazafikation der Westbank. Eine Zusage Netanyahus an die Rechtsextremisten in seiner Regierung im Gegenzug zu Waffenruhe in Gaza? Hasan versteht nichts von Politik. Er weiß nicht, was er dazu sagen soll, und lacht ein wenig verlegen. „My friend, this is not Gaza.“

In politischen Kreisen in Jerusalem spricht man offen darüber, dass die Reise Netanyahus zu Donald Trump in diesen Tagen, mit einer Zusage des US-Präsidenten für eine weitere Besetzung des Westjordanlandes enden könnte. Das Ende irgendeiner Zwei-Staaten-Lösung. Aber ist das zu weit hergeholt? In Jerusalem werden bereits die Kippas mit dem Trump-Foto verkauft…

Man trägt die Kippa in Jerusalem neuerdings t(r)ump rechts , auch wenn er hier links liegt

Als ich auf der Fahrt zurück in den Bus 231 steige, um nach Jerualem zu kommen, halten wir am Checkpoint auf einer Autobahn. Alle müssen aussteigen. Alle, vor allem Frauen, müssen ihre Papiere zeigen. Ein Mann wird zurück geschickt, Ich werde gründlich kontrolliert, Pass, Visa, die neue ETA-Genehmigung. Das dauert nur 20 Minuten. Aber 20 Minuten ein Scheiß-Gefühl ist auch genug.

Der Autor in Behtlehem

(Fotos: Autor)

„Alle Soldaten sind in meinem Alter. „

„Ich bin eine Deutsche, der man nicht ansieht, dass sie schon mal Krieg erlebt hat…“ (Martha Heider aus Ludwigslust)

Martha Heider im Beit Uri in Afula

Afula ist soetwas wie eine Nichtstadt, sagt mir Mishel in Jerusalem. „Was willst du in Afula? Da fährt man durch, wenn man nach Tiberias möchte, und gut.“ Dabei ist die Oberstadt sehr schön, finde ich, als ich ankomme. In den Bergen und mit schönen Häusern. Hier liegt auch das Beit Uri, ein Mini-Kibbuz, ein kleines Dorf, in dem Menschen mit Benachteiligungen betreut werden, auch von Freiwilligen aus Deutschland. Aber dazu kommen wir noch. Ich will es gleich vorwegschicken und neuen Fragen vorbeugen, die Flüchtlingsströme in Nord-Gaza und der Geisel-Austausch gehen nicht an diesem Blog vorbei. Mein Besuch im Westjordanland füllt den nächsten Teil

Im Reiseführer steht, Afula sei bekannt für seine Falafel. Nun gut, es muss halt immer was im Reiseführer stehen. Warum sollte man sonst in Afula Halt machen. Mein Freund Uwe Seppmann vom Beth Emmaus in Loiz bei Sternberg, der nicht nur ein christliches Gästehaus führt, sondern auch Hebräisch-Kurse gibt, hat über ein paar Ecken Martha Heider aus Ludwigslust für einen Freiwilligendienst in Israel begeistert. Nun zugegeben, Afula ist kaum größer als Ludwigslust. Und Menschen mit Beeinträchtigung kann man in den Lewitz-Werkstätten auch helfen. Und doch scheint Afula für Martha entscheidend anders.

Afula – knapp 20.000 Einwohner liegt die Stadt inmitten von Grün nördlich von Tel Aviv

„Es sind die Menschen, die mich hierher ziehen. Es ist alles wie eine große Familie. Hier ist es total normal, dass man zu seinem Glauben steht“, erzählt Martha. Als sie vor zwei Jahren in ihrer Klasse am Goethe-Gymnasium in Ludwigslust ihren Mitschülern von ihren Plänen erzählte, wurde sie nur gefragt: „Bist du jüdisch, oder was?“ Damals in der 11. hatte Martha bei Uwe Seppmann angefangen, Hebräisch zu lernen. Die Eltern sind befreundet. Hebräisch fiel ihr leicht. „Und eines Morgens bin ich aufgewacht, und wusste, ich muss da hin.“ Uwe Seppmann hat schon andere junge Leute von Israel begeistert, u.a. auch die Enkelin von Pastor Uwe Holmer, der 1990 Erich Honecker und seine Frau Margot bei sich aufnahm, und viele mehr. Ich würde mich ja auch gerne dazu zählen, lieber, Uwe, aber ich bin nicht mehr jung. So what.

„Junge Leute zieht es in den letzten Jahren verstärkt nach Israel in einen freiwilligen Dienst“, erzählt mir Uwe. „Als Vorbereitungshilfe biete ich Einführungskurse mit Sprachlehrgängen an. Organisiert wird das in der Regel von kirchlichen oder freikirchlichen Organisationen. Martha ist kurz vor dem Gaza-Krieg nach Israel geflogen. Wurde dann aber zurückgerufen. Doch persönliche Beziehungen lassen sich nicht durch staatliche Verordnungen auseinanderreißen.“ Uwe war selbst in den 70er Jahren lange in Israel. Er betreute u.a. behinderte Überlebende des Holocausts. Einem Anschlag in Nablus auf einen Bus der Aktion Sühnezeichen entging er nur knapp. Seine Liebe zu Israel tat dies keinen Abbruch.

Martha in ihrem Job im Beit Uri in Afula bei der Betreuung

Martha Heider kam mit anderen Freiwilligen aus Köln, München, Bonn, Fulda, Dresden am 23. August 2023 nach Israel. Es war ihr Traum, bevor sie ein Studium für Kinder- und Jugendtherapie in Nordhausen beginnen will. „Ich wollte weg aus Deutschland“, erzählt sie. „Nach der Schule in Ludwigslust einfach weg, die Welt anschauen.“ Erst dachte sie an Südamerika, auch Südafrika hätte sie sich vorstellen können. Aber dann kam eben die Sache mit dem Hebräisch. „Ich wollte das weiter machen.“

Doch nach sechs Wochen änderte sich alles. Für Martha. Für ihre Freundin Marie aus Fulda, die in Jerusalem in einem Kloster als Freiwillige die Öffentlichkeitsarbeit betreut. Und für viele andere aus ihrer Organisation „Internationaler Jugendfreiwilligendienst“ . Sie trafen sich bei einem Besuch in Jerusalem am 7. Oktober als die Hamas im Süden ein Musikfestival und auch den Kibbuz Nir Oz überfiel. Am 12. Oktober wurden sie evakuiert. Aufregende Tage. Die Eltern telefonierten sich die Finger wund, um einen Flug zu bekommen. Die Lufthansa war komplett ausgebucht. Aber schließlich schafften es doch alle 23 Freiwillige in einem Flugzeug zurückzukommen. Zu ihren Einsatzorten durften sie damals nicht mehr zurück. Es gab nur noch eine Reaktion nach dem Massaker im Süden: Zurück nach Deutschland – und das so schnell wie möglich.

Aus der Werkstatt der Bewohner mit besonderer Beeinträchtigung

Seitdem mochte Martha Jerusalem nicht mehr. „Wir mussten dort fünf Tage ausharren. Keiner wusste, was kommt. Ich fand es sehr dramatisch und wollte nicht gehen. Es war nicht leicht.“ Doch zu Hause in Ludwigslust wurde ihre Stimmung nicht besser. Martha war schlecht gelaunt. Sie blies Trübsal. Bis schließlich ihr Vater sie nach Weihnachten 2023 fragte, ob sie nicht zurückkehren wolle. „Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Mit der Organisation ging das natürlich offiziell nicht mehr. Da gab es ja die Reisewarnungen der Regierung. Aber mein Vater fragte mich, ob ich schonmal überlegt habe, als Tourist zurück zu kehren. Da wusste ich, was ich zu tun habe“, schildert Martha diese Situation. „Ich würde immer wieder zurückkommen“, sagt sie mir, wohl wissend, dass sie Ende März nach Deutschland für ihr Studium zurückkehrt.

Es ist Freitagvormittag Ende Januar 2025 im Beit Uri. Die Vorbereitungen für den Sabbat laufen. Im Café von Beit Uri in Afula wird um zehn Uhr morgens ein Geburtstag gefeiert. Martha soll auf dem Klavier spielen, eines der Instrumente, die sie beherrscht. Langsam treffen die Gäste in dem kleinen Café des Behindertendorfes ein. Neun Häuser gibt es hier, in denen 120 bis 130 Residents wohnen, also schlicht Bewohner. Martha arbeitet in einem der Häuser, betreut die Menschen dort, macht Musik mit ihnen. Andere töpfern, gärtnern, weben oder pflegen Tiere. „Sie macht einen harten Job“, sagt Ruth aus dem benachbarten Sabra House, in dem man sich der Erinnerung an den Holocaust und den Überlebenden widmet. Ruth muss es wissen, sie ist dreimal so alt wie Martha, die hier im letzten Mai erst ihren 19. Geburtstag feierte.

Geburtstagsfeier für Asaf, neben ihm seiner Mutter Henia

In „Beit Uri“ wird an diesem Freitag vor dem Sabbat Asaf, der Sohn von Henia Elior, gefeiert. Heute bleibt der Krieg mal außen vor. Asaf wohnt bereits 24 Jahre in „Uris Haus“. Die Einrichtung für Menschen, die eine besondere Hilfe benötigen, wurde in den 30er Jahren von der Tschechin Devora Schick gegründet. Sie floh damals mit ihrem behinderten Sohn Uri nach Palästina, um ihn vor der Gewalt der Nazis zu bewahren. Solche Geschichten begegnen einem hier auf Schritt und Tritt. Nachdem ihr Sohn gestorben war, widmete Devora Schick ihr Leben der Pflege und der Versorgung von Kindern mit Behinderung. Nun trägt dieses Haus den Namen ihres Sohnes. Sie selbst lebte bis zu ihrem Tod 2002 hier.

Geburtstag im Beit Uri

Es ist eine fröhliche Geburtstagsfeier für Asaf. Viele Gäste kommen. Die Israelis sind feierfreudige Menschen. Ihr Glaube hält viele Feiertage für sie bereit. Vielleicht ist es auch der Krieg, der ihnen den Wert des Lebens bewusst macht. Martha erzählt mir in den Stunden unseres Treffens von den Tagen im letzten Oktober, als die WarnApps Wellen von Angriffen aus dem Iran ankündigten. Heute wissen wir, dass die meisten der 200 ballistischen. Raketen abgefangen wurden. Damals saß Martha stundenlang im Bunker. „Alle Soldaten und Soldatinnen sind in meinem Alter“, sagt sie mehr zu sich als zu mir. „Das kann sich in Deutschland niemand vorstellen, dass Eltern hier auf diese Weise loslassen müssen.“ Inzwischen ist von knapp 800 israelischen Toten die Rede. „Ich bin eine Deutsche, der man zu Hause nicht ansieht, dass sie schon mal Krieg erlebt hat…“, sagt Martha Heider aus Ludwigslust.

Martha am Klavier

In Israel feiert man das neue Jahr niemals mit Feuerwerk. Zu sehr sitzt den Menschen der Geschosslärm im Bewusstsein. „Jede Generation hier hat einen Krieg erlebt“, resümiert die 19-Jährige aus Deutschland, erstaunlich reif, bevor sie sich an diesem Sabbat als Freiwillige aus Deutschland ans Klavier setzt, und ihren Residents und deren Gästen Lieder zum Geburtstag vorspielt.

Ein Autor auf einer Geburtstagsfeier in Israel (Fotos: Autor)