Wirrnis Jerusalem – und was Menschen in Israel über den Waffenstillstand denken

„Getrennt durch die Basargassen liegen die vier Viertel der alten Stadt: das armenische, das christliche, das mohammedanische, das jüdische, streng getrennt, sich hassend, sich nicht kennend.“ (Gabriele Tergit, 1934)

4000-jähriges Jerusalem – und es hat sich wohl viel aber zugleich so wenig verändert. Ich möchte neben meinen Bildern heute eine große Anleihe bei Gabriele Tergit nehmen, die in den 1930er Jahren Palästina bereiste und Jerusalem beschrieb. Wer tiefer in die Geschichte der letzten 4000 Jahre einsteigen möchte, der sollte in die Jerusalem Biografie von Simon Sebag Montefiore schauen, sehr empfehlenswert. Wer Geschichten in der Geschichte der Heiligen Stadt lesen will, dem empfehle ich sehr das neue Buch meines langjährigen Freundes und ehemaligen Kommilitonen Holger Haase „Ejhaw: Die Wächter der Lade“, das im Jahr 67 nach Christi spielt, also in der Zeit der Eroberung Jerusalems durch die Römer im Jüdischen Krieg – und heute bei Amazon zu kaufen ist. Wunder, oh Wunder, soweit der Werbeblock. Holger, das kostet was… Zum Krieg kommen wir hier auch noch.

„Niemand kennt das Alter seiner Wohnung, vielleicht 2000 Jahre, vielleicht 400 Jahre alt… Nur schmale Gassen, kein Weg für Pferd und Wagen, geschweige für Auto“, schreibt Gabriele Tergit im letzten Jahrhundert. Das ist es vielleicht, was auch heute noch den Reiz der Innenstadt Jerusalems ausmacht. In einem fast wie mit dem Lineal gezogenen Quadrat von vier Kilometer Umfang, ein Kilometer Länge an jeder Seite befinden sich alle heiligen Stätten – der Felsendom, die Klagemauer, die Grabeskirche aus dem 4. Jahrhundert und die vier Stadtviertel. Das moslemische, erreichbar durch das Damaskus-Tor, das christliche am Jaffa Tor, das jüdische Viertel an der Klagemauer und das armenische Viertel, das bis zum Zions-Tor und zum Zionsberg mit Davidsgrab, Abendmahlsaal und meiner Unterkunft, der Dormitio Abtei, reicht.

Der Felsendom fotografiert vom Ölberg

„So ist das armenische Viertel: weit, reich, still, Öllampe an den Ecken zwischen den hohen Mauern, über die die Pinie sieht, hohe schmale Zypressen, das feine zarte wehende Blatt des Pfefferbaums und des Eurkalyptus, die Welt des armenischen Patriarchen…“, schreibt Tergit. Und: „So ist das christliche Viertel: sauber, gepflegt, reich, Schulen, Klöster, Stiftungen… Gekehrt ist das holprige Pflaster, sauber jedes Papier entfernt. Tief versteckt die Grabeskirche… Im mohammedanischen Viertel ist Wimmeln von Mensch und Tier…“

Die Dormitio Abtei auf dem Zionsberg

Schließlich beobachtete Tergit, was man noch heute so beschreiben könnte: „Jerusalem war eine jüdische Stadt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Vertrieben wiedergekommen, vertrieben, wiedergekommen… Hier liegt an einer Ecke die Klagemauer, Rest des im Jahr 70 von Titus zerstörten Tempels, nichts als eine gewaltige Mauer, 18 Meter hoch und ebenso tief unter der Erde… nichts als eine Mauer aus gewaltigen Quadern… An diesen Steinen weinen durch die Jahrtausende Juden um ihre untergegangene Freiheit. Tausende winzige Zettel stecken zwischen den Steinen, hineingesteckt, damit Gott die darauf geschriebenen Bitten erhört…“ Wie aktuell.

An der Klagemauer

Ich werde in diesen Tagen oftmals gefragt, wie dieser Deal von Katar zur Waffenruhe und einer Geiselfreilassung zwischen Israel und der Hamas im Land ankomme. Weltweit sorgt das Gaza-Abkommen für Aufatmen. Die Lufthansa will die Flüge nach Tel Aviv wieder aufnehmen. Die Bundesregierung – zwar nicht beteiligt – dringt auf eine konsequente Umsetzung der Einigung. Eine vom Iran gestützte Miliz will ihre Angriffe auf Israel einstellen. Also alles wieder gut im Heiligen Land? Nein! Ganz und gar nicht.

In Tel Aviv wird gegen das Abkommen demonstriert. Angehörige von gefallenen Soldaten übernachten aus Protest gegen die Einigung mit der Terrororganisation vor dem Büro von Premierminister Benjamin Netanyahu. Vor dem Obersten Gerichtshof in Jerusalem wurden Särge mit israelischen Flaggen aufgestellt. Die rechte Partei „Religiöser Zionismus“ macht ihren Verbleib in der Netanyahu-Koalition davon abhängig, ob nach dem 42-tägigen Geiselabkommens mit Waffenruhe die „vollständige Vernichtung“ der Hamas fortgesetzt werde.

Eiliges, geschäftiges Treiben in der Innenstadt

Das Abkommen geht aber nicht nur einigen rechten Politikern gegen den Strich: Auch im Hauskreis der seit 1991 in Israel lebenden christlichen Religionslehrerin Christa Behr, die sich der Sühne in Israel verschrieben hat, betete man am Abend des Deals, gestern, am 15. Januar, dafür, dass die „Teufel von der Hamas“ besiegt werden. Ich habe mich dem Kreis, der jeden Mittwoch zusammenkommt und aus österreichischen, deutschen, georgischen und ukrainischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern besteht, angeschlossen. Einige von ihnen leben bereits seit Jahrzehnten in Jerusalem, andere arbeiten als Volontäre für eine Zeit mit Christa zusammen. Hier kennt man Land und Leute. Wenn auch zweifellos ein streng konservativer Kreis. Hier betet man für Netanyahus Gesundheit. Hier ist man überzeugt, dass nur die vollständige Vernichtung der Hamas zu einem dauerhaften Frieden führen könne. Und hier ist man sich ganz sicher, dass Israel das Recht und sogar die Pflicht habe, sich dauerhaft und Tag für Tag gegen seine Feinde zu stellen. Ein modernes Sparta. Ein Volk im Krieg.

Und hier herrscht die Meinung vor, dass der Preis des Abkommens zu hoch sei. Einer spricht von einem „Pakt mit dem Teufel“. Der Hamas könne man nicht glauben. 1000 freigelassene Terroristen werden zum Terror zurückkehren und israelische Soldaten töten. Peter aus Österreich erinnert daran, dass 2012 bereits 1000 Terroristen, er meint inhaftierte Palästinenser, für Soldaten ausgetauscht wurden. Er sieht den 7. Oktober 2023 als direkte Folge davon. Peter lebt mit seiner Frau seit 1971 in Jerusalem. Er ist kein Jude. Er ist Christ. Messianer.

Friedliches Stadtbild in Jerusalem

Natürlich wird im Haus von Christa Behr in Malha – gesprochen Malkcha – seit dem 7. Oktober jeden Tag für das Überleben der Geiseln gebetet. Natürlich sorgt die Freilassung der 33 Geiseln für Erleichterung. Aber auch hier mehr Misstrauen als Vertrauen. Was ist mit den anderen Familien? Wie viele der Geiseln leben noch? Jetzt ist von 98 Menschen die Rede. Aber eine immer wieder geforderte Liste habe die Hamas niemals vorgelegt. Erst jüngst wurden 101 Namen genannt, die aber Israel zuvor der Hamas übersandte, um über den Verbleib dieser Menschen Auskunft zu erhalten. Misstrauen und Hass sind groß.

Es ist eng in der Altstadt – hier am Lions Tor

Es gibt einen interessanten Rundbrief des Publizisten und Redners Doron Schneider, der das Oslo-Abkommen von 1993 als unmittelbare Ursache der Katastrophe vom 7. Oktober identifiziert. Damals wurde der Abzug des israelischen Militärs aus dem Gaza-Streifen und die Quasi-Übergabe an die PLO von Yasser Arafat vereinbart. „Bis zu diesem Abkommen gab es in Gaza keine Raketen, keine Tunnel und keine riesigen Waffenlager. Israelis kauften auf den Märkten von Gaza ein, junge Israelis lernten in Khan Yunis Autofahren und Dutzende jüdische Gemeinden blühten in Sicherheit im Gaza-Streifen“, schreibt Doron Schneider. Er meint ganz offenbar Siedler. Und wieder kollidiert das israelische Sicherheitsbedürfnis mit dem palästinensischen Verlangen nach Freiheit….

Das sind einige Meinungen, die ich hier höre. Die nächsten Tage werde ich zum Ort Nir Galim am Gaza-Streifen aufbrechen, um dort Menschen zu treffen, die die Soldaten unterstützen. In den nächsten Wochen werde ich anderen Leuten, vielleicht mit anderen Meinungen begegnen. Schalom.

Karte Tripadvisor

Der Autor auf dem größten Markt Jerusalems: Mahane Yehuda Market (alle Fotos: Autor)

PS vom 17. Januar: Inzwischen gibt es eine Umfrage der hiesigen Zeitung „Maariv“, nach der fast drei Viertel der Israelis, etwa 73 Prozent, das Abkommen zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas unterstützen Knapp ein Fünftel ist gegen die Vereinbarung. Bei den Wählern der Parteien der Netanyahu-Koalition sieht es ganz anders aus. Nur 52 Prozent stimmen den Deal zu. Das Sicherheitskabinett hat den Waffenstillstand und der Freilassung von Hunderten Palästinensern im Gegenzug zur Freilassung von 33 Geiseln zugestimmt.

(K)Ein ganz normaler Tag

Jerusalem küsst und beißt einen täglich. (Sprichwort)

Am Mittag, wenn die Schule in Jerusalem aus ist, füllt sich der Ha-Kurba Square an der historischen Hurva Synagoge in der historischen Altdtadt mit Kindern. Den Ranzen geschultert. Junge Mütter schieben Kinderwagen. Geschäftige Väter halten die Sprösslinge an der einen, das Handy in der anderen Hand. Die sonst allgegenwärtigen alten Männer mit den weißen Bärten und den orthodoxen Schläfenlocken sind in dem Gewimmel kaum noch zu erkennen. Höchstens, dass ein paar steife schwarze Hüte gleich schaukelnden Nachen die Oberfläche auf den Wellen eines Meeres der heiteren Geselligkeit durchpflügen.

Vor der ältesten Synagoge Jerusalems – auch Churva Synagoge genannt

Aber das Bild trügt. Und trügt gleichzeitig nicht. Längst prägen die steifen Hüte über das orthodoxe jüdische Stadtviertel Mea Shearim hinaus das Stadtbild Jerusalems. Auch gerade bei jungen Orthodoxen. Die – scherzhaft oder abfällig genannten – Pinguine. Hoher Hut, weiße lange Strümpfe, langer Bart und Korkenzieher-Schläfenlocken, sind sie verstärkt im Stadtbild präsent. Auch wenn so ein Hut schon mal 160 bis 250 Euro kosten kann. Gebetsfäden schwingen lose aus Jacken, Sweatshirts oder Hemd über Hosen, Jeans und Jogginghosen. Sie sind ebenso ein Zeichen. Wir gehören zusammen.

Auf dem Platz herrscht mittags reges Treiben

Doch der Frieden am Kurba Square ist geborgt. Nur wenige Kilometer weiter leiden und sterben Tausende. Um die 800 israelische Soldaten sind inzwischen im Terrorkrieg der Hamas gefallen, der vor fast eineinhalb Jahren mit der Ermordung von 1200 Israelis und der Entführung von 250 Geiseln begann. Noch immer sind um die 100 hostages in den Händen der Terroristen. Erst in dieser Woche wurden erneut zwei tote Geiseln in Gaza gefunden. Täglich gibt es irgendwo im Land Rakentenalarm. Fast täglich hört man von erschossenen Terroristen. Mehr als 41.000 Menschen starben in Gaza, wo sich die Hamas unter Schulen und Krankenhäusern eingegraben hat.

Der Krieg ist täglicher Begleiter des Lebens in Israel. Er wurde zur Normalität wie der Schulschluss am Mittag vor der Hurva Synagoge. An vielen Geschäften sind Leuchtreklamen zu sehen „Thank Israeli Soldiers“. Reisewarnungen in Deutschland und anderen Ländern dienen in dieser Situation dem Schutz von Besuchern. Verständlich. Doch sie schaden zugleich den Menschen in Städten wie Jerusalem und Bethlehem, die von den Fremden leben.

„Erst Corona, jetzt der Krieg, ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll“, klagt Harout als ich in seinem kleinen Laden im Armenischen Viertel mit ihm spreche. Der Keramik-Laden des Armeniers liegt fast genau auf der Mitte zwischen dem Jaffa Tor und dem Zions Tor. Als Tourist kommt man auf dem Weg zum Davids-Grab zwangsläufig hier vorbei. Hätte Haroud mit seinem Handwerksgeschäft nicht schon 41 Jahre und einige Kriege überlebt, hätte er wohl längst aufgegeben. Aber diesmal ist es anders. Noch nie, so meint er, dauerte ein Krieg so lange. Noch nie blieben die Kunden so lange aus. Niemand kauft seine Teller und Becher, seine Wand-Deko oder die bunten Vasen. „Beste Ware, die Farben ohne Blei. Man kann von den Tellern bedenkenlos essen“, preist er die Ware an. Aber mehr als sie täglich abzustauben bleibt ihn nicht übrig. Die Hotels stehen ebenso leer. Viele Restaurants auch.

Seit 41 Jahren betreibt Haroud seinen armenischen Keramikladen

„Man merkt fast nichts vom Krieg, wenn man durch die Straßen von Jerusalem läuft“ , berichtet Noah Adrian Walczuch aus Regensburg, der hier als Austauschstudent mit 11 anderen Kommilitonen für ein Jahr Theologie und Archäologie studiert. Das heißt, die Studenten verbrachten zunächst ein Semester auf Anweisung des DAAD, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, als Stipendiumgeber in Rom. Sie mussten am 1. Oktober Israel verlassen, als alle Raketen-WarnApps klingelten. Die Studenten in der Dormitio Abtei auf dem Zionsberg in der Innenstadt flohen in den Schutzbunker, verbrachten dort zwei Stunden. Dann raus aus dem Land. Vor Weihnachten kamen sie nach Jerusalem zurück. Froh. „Man merkt vom Krieg nur, dass hier so wenige Touristinnen und Touristen sind. Ich bin sehr dankbar für die Erfahrung, vor Ort zu sein, diesen Konflikt eben durch die eigenen Augen betrachten zu können“, sagt Noah. Darüber wird hier noch zu berichten sein.

Und doch ist der Krieg allgegenwärtig in dieser Stadt. Immer montags, Mittwoch und freitags versammeln sich Mütter und andere Demonstranten an markanten Plätzen, an Verkehrsknotenpunkten oder vor der Knesset in Jerusalem, um für die Befreiung der verbliebenen Geiseln zu demonstrieren. „Allgemeiner Aufruf zur Schicht 101: Mütter bringen die Geiseln nach Hause“, heißt es an diesem Freitag, den 10. Januar, mit Bezug auf die noch 101 vermuteten lebenden Geiseln der Hamas. „Mütter und Familienmitglieder rufen im ganzen Land zu Demonstrationen auf“, erklärt mir Tamar.

„Shift 101“ bei der Sitzblockaden am Tzahal Platz vor dem Jaffa Tor

Die junge Frau betont auf meine Frage, dass dies keine Demonstration gegen Benjamin Netanyahu sei. Aber eine Aufforderung, ja Druck auf die Regierung Netanyahu zu einem sofortigen Deal mit der Hamas, die Geiseln freizulassen. Daniel, ein junger Mann an der Seite von Tamar, sagt deutlich: „Unabhängig von möglichen Meinungsunterschieden und unabhängig von Politik wollen wir sichtbar sein, um unsere Familienmitglieder nach Hause zu bringen. Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Wir werden weitermachen.“ Daniel trägt eine kleine Nummer per Klebestreifen auf seinem T-Shirt „241“. Als ich ihn frage, was das bedeutet, antwortet er , dies sei zum Gedenken an den 241. toten Soldaten. Er trägt täglich die zweiteilige Erkennungsmarke des Toten 241 an einer Kette um den den Hals. Auf der Metall-Marke ist die Personenkennziffer, das Landeszeichen, Blutgruppe und in Israel die Religion eingestanzt. Der Krieg ist der ständige Begleiter von Tamar und Daniel.

Im großen Kreis vor dem „I love Jerusalem“-Symbol mit Blick auf das Jaffa-Tor zur Altstadt sitzen sie schweigend. Die Frauen, die Weiß tragen. Mit weißen Kopftüchern. Sie blockieren den Platz, von dem aus sonst die Erinnerungsfotos der Jerusalem-Touristen entstehen. Am Rande ältere Frauen, die an einem weißen langen Schals stricken, angeblich seit Kriegsbeginn. „Stricken für den Frieden“. Überall wird in den großen Städten Israels inzwischen gestrickt. Im Café, in der U-Bahn, auch gelegentlich auf dem Platz vor der Hurva Synagoge.

Stricken für den Frieden

Unter „Mishmeret 101“ findet man die Bewegung für die Befreiung der Geiseln in den sozialem Medien. In der Knesset wurden erst kürzlich die Türen vor den Müttern verschlossen. Aber vielleicht helfen ja die regelmäßig ineinandergreifenden Maschen der strickenden Frauen, dass die Politik im In- und Ausland zu einer nachhaltigeren Staatsführung findet. Bei der eine Masche in die andere greift. Bis dahin wird es wohl bei der Ermahnung durch die Sache mit der Masche bleiben.

Diese Plakate findet man überall ins der Stadt (Fotos: Autor)

Eigentlich sollte das ein ganz normaler Text über die Schönheit Jerusalems werden. Den werde ich noch nachreichen, wie viele andere. Doch ein ganz normaler Tag in Jerusalem sieht derzeit eben etwas anders aus.

Falafel am Ha-Kurba Square sollte man sich auf jeden Fall für seinen nächsten Israel-Besuch vormerken. Für 7,50 Euro in Jerusalem sogar noch ein Schnäppchen…

This Will Not End Well

„I have always wanted to be a filmmaker. My slideshows are films made up of stills.“ Nan Goldin (Ich wollte schon immer Filmemacherin sein. Meine Diashows sind Filme aus Standbildern.“

(Foto: Autor)

Kann man heutzutage als Künstler den großen Fragen dieser Welt zwischen Frieden und Krieg aus dem Wege gehen? In der Kunsthalle der Hansestadt Rostock an der Ostsee stellten sich Kreative kürzlich der Frage „Wie weit darf man die Kunstfreiheit ausreizen? Wie politisch darf und muss Kunst sein?“ Angesichts der Graffiti von Banksy – auch in diesem Blog zu lesen – oder der Zeichnungen von Käthe Kollwitz, könnte man sagen, diese Frage stellt sich nicht.

Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin, spricht von einem lautem Schweigen. „Es herrscht ein lautes Schweigen in der Kunstwelt“, sagte er am Freitag noch vor der Eröffnung der großen Nan Goldin Retrospektive in der Hauptstadt. „Nan Goldin schweigt nicht.“ Biesenbach hat seine langjährige Freundin und die wohl bekannteste zeitgenössische Fotografin, die selbst jahrelang in Berlin lebte, zu einer großen Fotoschau ihres Lebens eingeladen.

Er weiß um die Polarisierung seiner Künstlerin – die Spaltkraft ihrer Aussagen. In der Pressekonferenz am Freitagmorgen hatte er diese Haltung als „we agree to diasgree“ (wir sind uns einig, uns nicht einig zu sein) postuliert. Aber mit diesem Echo in einer Welt der Intoleranz hatte Biesenbach wohl nicht rechnen können.

Seit einem Jahr ist Nan Goldin, selbst in einer jüdischen Familie in Washington aufgewachsen, für ihre unerbittliche Israel-Kritik bekannt. Sie geißelt die rücksichtslose Militärstrategie Benjamin Netanjahus.„Solange die Menschen in Gaza schreien, müssen wir noch lauter schreien, damit sie uns hören können, egal wer versucht, uns zum Schweigen zu bringen“, sagt sie. Blendet allerdings völlig aus, dass die Hamas das mörderische Zahn-um-Zahn-Szenario am 7. Oktober 2023 begonnen hat. Nan Goldin wurde vom Darling der Kunstwelt zur pro-palästinensischen Aktivistin. Und der Freitagabend wurde zum Eklat.

Die Künstlerin nutzt das Podium und redet gegen Israel und Deutschland, indem sie das Narrativ bedient, dass man in Deutschland „mundtot gemacht“ und „geknebelt von Regierung, Polizeitruppe und kultureller Maßregelung“ werde. Der Museumschef wird von Aktivisten niedergebrüllt. Der Nahostkonflikt bestimmte die Eröffnung von Nan Goldins Ausstellung. „Yallah, yallah Intifada“ schallt es durch die Nationalgalerie. Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) zeigt sich am nächsten Tag empört. Konservative Zeitungen sprechen von einem Eklat mit Ansage. Das alles kann man ausführlichst nachlesen, sogar die Tagesschau beschäftigte sich damit.

(Foto: Autor)

In diesem Blog soll es eigentlich um die Ausstellung gehen. Und allen Fragenden nach Kunst und Politik sei ein Picasso-Zitat mit auf den Weg gegeben. „Nein, die Malerei ist nicht dazu gedacht, Wohnungen zu schmücken, sie ist ein Werkzeug des Angriffs und der Verteidigung im Krieg gegen den Feind.“ So.

„This Will Not End Well“ – das wird nicht gut ausgehen, heißt die Schau in Berlin. Und womöglich ist der Name Programm. Der Schriftzug ist schon von weitem zu sehen: „This Will Not End Well“ steht in hellen, geschwungenen Buchstaben über dem Eingang der Neuen Nationalgalerie. Ursprünglich stammt der Satz aus einem Streit, den Nan Goldin mit einem Freund hatte. Nun ist die düstere Prophezeiung auch Titel der großen Retrospektive der US-Künstlerin, die nach Stationen in Stockholm und Amsterdam auch in der deutschen Hauptstadt zu sehen ist – einem einst wichtigen Ort im Schaffen der heute 71-Jährigen.

2022 wurde Goldin von der Akademie der Künste mit dem Käthe-Kollwitz-Preis geehrt, benannt nach der Berliner Künstlerin, die zwischen zwei Weltkriegen mutig sagte: „Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind“. So, oder so ähnlich könnte man auch das Schaffen von Goldin umschreiben.

Der Direktor der Neuen Nationalgalerie, Klaus Biesenbach, bei der Presseeröffnung. (Foto: Autor)

Die aktuelle unversöhnlich scheinende Debatte nämlich verdeckt womöglich diese mit den Weihen der spätmodernen Kunstgeschichte bedachten Arbeiten. Wie Jurten stehen sechs in schwarzes Tuch gehüllte Ausstellungsräume in der nüchternen Betonarchitektur der Nationalgalerie. Innen laufen hunderte Fotos aneinandergereiht zu Slideshows, Dia-Shows gleich Filmen. „Ich wollte schon immer Filmemacherin sein. Meine Diashows sind Filme aus Standbildern.“

Wir lassen die Aufgeregtheiten des Alltags einfach einmal hinter uns und tauchen ein ins Frühwerk, in die schrille, schmerzliche „The Ballad of Sexual Dependency“. Ursprünglich galten die Bilder dem Kampf um Intimität und Anerkennung der Schwulen-, Lesben- und Transvestitenszene New Yorks, später auch den Opfern der Aids-Epidemie. Jetzt ist die Serie auf ihren Ursprung zurückgeführt – als Diashow von mehr als 800 Fotografien aus Goldins prekärem sozialen Umfeld.

Im nächsten Bilderbungalow „Sisters, Saint, and Sibyls“ widmet sich Goldin mit einer Dreikanal-Videoinstallation von 2004 bis 2022 ihrer älteren Schwester Barbara Holly Goldin. Barbara, die als Teenager mehrfach in die Psychatrie eingewiesen wurde, nahm sich mit 18 Jahren das Leben. Der Film beginnt als Mythos der gleichnamigen Figur, der heiligen Barbara. Über berührende Familienbilder endet die 35-minütige Show mit Off-Kommentaren schließlich in Fotos der Sucht, der Einsamkeit in anonymen Klinikbetten und der Selbstverletzungen mit Blutschlieren an grünlackierten Klinikwänden. Der Ausstellungsprospekt beschreibt die Installation als „Ode an das Leben“. Dem Autor gefriert das Herz. Er sieht die Einsamkeit eines alleingelassenen Kindes. Da stockt einem der Atem.

(Fotos: Autor)

Im nächsten Pavillon sehen wir „The Other Side“, eine zwischen 1972 und 2010 entstandene, meist fröhliche Hommage an die queeren Freunde. Wie ein Thriller wirkt „Sirens“, ein nervenzehrender, emotionaler Trip in die Drogenekstase – auch der Künstlerin. Sie würde damit einen „Heroin Chique“ feiern und eine voyeuristische Haltung zum Sujet einnehmen, warf man Goldin vor. Aber das weist sie von sich.

Nan Goldin, Self-portrait with eyes turned inward, Boston (Selbstportrait mit nach Innen gedrehten Augen, Boston), 1989, Photographie, aus der Serie “Sisters, Saints and Sybils” © Nan Goldin. Courtesy the artist

Das Klischee besage ja, Fotografen seien von Natur aus Voyeure, die letzten, die zu einer Party eingeladen würden, sagt Goldin, und weiter: „Aber ich bin eingeladen: Dies ist meine Feier. Dies ist meine Familie, meine Geschichte.“ Und sie unterstreicht das quasi durch „Memory Lost“, eine klaustrophobische Reise durch den Drogenentzug, mit kaum zu ertragender Authentizität, weil Nan Goldin dies vor 40 Jahren auch selber durchgestanden hat.

Nan Goldin, Picnic on the Esplanade, Boston (Picknick auf der Esplanade, Boston), 1973, Photographie, aus der Serie “The Other Side” © Nan Goldin. Courtesy the artist

Ein bisschen besteht dieser Eindruck weiter, wenn man die Ereignisse am Abend der Eröffnung betrachtet. Nan Goldin im Rausch des Lebens. Mal auf der guten Seite, mal auf der schlechten Seite, mal süchtig, mal richtig…. Ein Aktivistin, eine Einsame, eine Geliebte, aber nie eine Gemiedene. Das Leben ist nicht immer gerecht. Aber es ist das Leben.

Die Show zeugt vom Hunger auf das Leben. Von Energie, Freunden und von Träumen. Drei Stunden muss man planen, um alle Pavillons zu sehen. Aber es ist Nan Goldins ganzes Leben. Bis Hier.

Nan Goldin, Fashion show at Second Tip, Toon, C, So and Yogo, Bangkok (Modenschau im Second Tip, Toon, C, So and Yogo, Bangkok), 1992, Photographie, aus der Serie “The Other Side” © Nan Goldin. Courtesy the artist

*Anlässlich der Ausstellung plant das Museum am Sonntag, 24. November, in der Nationalbibliothek das Symposium „Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung. Diskussionsraum zum Nahostkonflikt“. Goldin wurde dazu eingeladen, will aber nicht teilnehmen.