„Berlin ist Teil meines Körpers“ – eine Stadt feiert Yoko Ono

„A dream, you dream alone, is only a dream. A dream, you dream together, is reality.“ Yoko Ono (Ein Traum, den du allein träumst, ist nur ein Traum. Ein Traum, den du gemeinsam träumst, ist Wirklichkeit.)

Es soll Menschen geben, die kennen Yoko Ono nur als jene Frau, die an der Seite von John Lennon die Beatles auseinandergebracht hat. Ein eiskalter Engel. Auch wenn Paul McCartney dem häufig widersprochen hat. Es gibt Menschen, die kennen Yoko Ono als Musikerin an der Seite von John Lennon und als politische Aktivistin. Und es gibt eine Zahl von Menschen, die kennen die inzwischen 92-Jährige als Konzept-, Fluxus- und Performancekünstlerin, als Musikerin, Filmemacherin und als Friedensaktivistin, und das seit mehr als 70 Jahren. In Berlin wird die Künstlerin jetzt gleich an drei Orten gewürdigt – im Gropius Bau, in der Neuen Nationalgalerie, und auch der Neue Berliner Kunstverein zeigt ihre Arbeit „Touch“ seit Anfang März.

„Sie ist die berühmteste unbekannte Künstlerin der Welt: Jeder kennt ihren Namen, aber niemand weiß, was sie macht“ – das hat John Lennon einmal über seine Frau Yoko Ono gesagt. Von Beatles-Fans wurde sie gehasst, weil wie gesagt… John Lennon hatte die 33-jährige Yoko Ono 1966 bei einer Kunstausstellung in London kennengelernt. 1969 haben die beiden geheiratet. Als Yoko Ono John 1973 rausschmiss – für 18 Monate -, begründete sie das mit den Worten: „Ich brauchte wirklich etwas Freiraum, weil ich gewohnt war, Künstlerin zu sein und so…“ Schon das macht deutlich: Yoko ist mehr als John. Viel mehr. Heute lebt sie zurückgezogen in New York.

Yoko Ono und John Lennon, Cover des Katalogus für Acorn Event, 1968
© Yoko Ono, Foto: Keith McMillan

Eine Stadt feiert eine Künstlerin. Zu Berlin hat die in Tokio geborene und zeitlebens zwischen Japan und den USA pendelnde Yoko Ono eine besondere Beziehung. Sie bezeichnete die Stadt einmal als „Ort, an dem die Menschen mich verstehen“. Ihren 80. Geburtstag feierte Ono 2013 mit einem Konzert der Plastic Ono Band an der Berliner Volksbühne. Sie habe den Ort „wegen Bertholt Brecht ausgesucht“, sagte sie damals in einem Interview. „Ich liebe Berlin und war schon oft hier. Berlin ist Teil meines Körpers.“ Ihre beiden aktuellen Ausstellungen mit Werken, die z. T. noch nie gezeigt wurden, feierten heute (11. April) Vernissage und sind bis Ende August/Mitte September zu sehen.

Yoko Onos Werke, lange verkannt, sollen vor allem eines bewirken: mitzutun. Mitzutun am Werk, an der politischen Aktion, an der Auseinandersetzung… So begegnet dem Zuschauer im Gropius Bau – zufällig gegenüber dem Berliner Abgeordnetenhaus – als erstes im öffentlich zugänglichen Lichthof ein Garten mit Wünschebäumen. Die Arbeit ist eine Einladung an Besucher, ihre Friedenswünsche tatsächlich und ganz persönlich auf kleine Zettel zu schreiben und an die Zweige der Bäume zu hängen. Damit nimmt die Künstlerin Bezug auf ihre Tempelbesuche als Kind in Japan: „Die Bäume in den Innenhöfen der Tempel waren übersät mit solchen Wunschknoten, die von weitem wie weiße Blüten aussahen“, erzählte sie einmal. Seit 1996 zeigt Yoko Ono auf der ganzen Welt Varianten ihres Werks „Wish Tree“.

Im Lichthof des Gropius Bau spiegeln die Bäume, laut Direktorin Jenny Schlenzka, auch die Geschichte des Hauses wider: Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude bei den Luftangriffen auf Berlin 1944 stark beschädigt. Die Kriegsruine blieb bis zum Wiederaufbau 1978 sich selbst überlassen und es wucherten hier verschiedene Laubbäume. „Wish Tree for Berlin“ gibt so nicht nur den aktuellen Wünschen der Besucher und Besucherinnen Raum, sondern bezieht sich auch auf die Vergangenheit dieses Gebäudes.

Wünschebäume im Lichthof des Gropius Bau in Berlin,
Wish of Tree for Berlin 1996/2025 (Foto: Autor)

In fast 30 Jahren hat Ono bereits über zwei Millionen Wünsche gesammelt. Sie werden für den „Imagin Peace Tower“ in Island aufbewahrt, den die Künstlerin 2007 zum Gedenken an ihren verstorbenen Ehemann John Lennon entworfen hat. „Denn zuerst ist da eine Idee, und dann stellen wir uns diese Idee als etwas Wirkliches vor. Durch die Vorstellungskraft werden Dinge Wirklichkeit – physische Wirklichkeit“, so die Hoffnung der Künstlerin.

Yoko Onos Werk ist durchdrungen vom Friedenswunsch. Was passte besser in diese Zeit? Statt sich auf den Krieg und Zerstörung zu konzentrieren, wie wir es zwangsläufig oft tun, fordert uns Ono bei den „Wish Trees“ und vielen anderen Werken auf, das Heilende, das Gute zu formen. Nebenan, eine Viertelstunde vom Gropius Bau entfernt, finden sich in der Neuen Nationalgalerie eine Reihe ergänzender Projekte, die nicht nur zum Mitmachen, sondern auch zum Heilmachen auffordern. Eine Instruktion zum Falten von Papierkranichen für den Frieden, die nach und nach den gesamten Ausstellungsraum füllen sollen – und an Yoko Onos Heimat Japan nach dem Abwurf von zwei Atombomben Anfang August 1945 am Ende des Zweiten Weltkrieges durch die Amerikaner erinnern.

Beim „Mend Piece“ beteiligt sich das Publikum an einem Akt des Reparierens. Hier können zerbrochene Tassen zusammengefügt und mit „Weisheit und Liebe wiederhergestellt“ werden. Im Zentrum eines zweiten Raumes steht ein großer Schachtisch mit 20 Brettern für 40 Spieler mit ausschließlich weißen Figuren („Play it by Trust“). Wer ist der Gewinner? Wer ist der Verlierer? Wer hat angefangen, Weiß? Wer kann die eignen Figuren noch von denen des Gegenübers unterscheiden? „Yoko Ono ist an diesen Tagen so notwendig wie nie“, sagt der Direktor der Neuen Nationalgalerie, Klaus Biesenbach, zugleich einer der Kuratoren der Ausstellung „Yoko Ono: Dream together“. Angesichts von aktuellen Debatten um Kriegstüchtigkeit, Wehrfähigkeit, Wehrpflicht, Terrorismus, Krieg und Handelskrieg ein nachdenkenswerter Ansatz.

Play it by Trust, 1966/1991 (Foto: Autor)

Schon im Foyer des unteren Raumes der Neuen Nationalgalerie, die sich zu besuchen in diesen Tagen im Übrigen auch wegen der neuen Ausstellung „Gerhard Richter. 100 Werke für Berlin“ lohnt, wird der Gast eingeladen, sich selbst zu reflektieren. Flusssteine sollen auf Haufen sortiert werden, die die eigene Befindlichkeit widerspiegeln: „Mound of Joy“ oder „Mound auf Sadness“ (Hügel der Freude oder Hügel der Traurigkeit)? Das Resultat des Tages widerspiegelt die Stimmung des Publikums Abend für Abend.

Yoko Ono ist auch eine frühe feministische Künstlerin. Die Ausstellung „Music of the mind“ (Musik des Geistes) mit 200 Werken im Gropius Bau spiegelt ihr gesamtes Schaffen seit den 50er Jahren. Die Ausstellung war schon in etwas kleinerer Variante in der Tate Modern in London und in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zu sehen.

1964 wurde „Cut Piece“ uraufgeführt, im Gropius Bau sind zwei dieser dokumentierten Performances zu sehen. Ono sitzt auf der Bühne und Menschen dürfen hochkommen und mit einer Schere Stücke ihrer Kleidung abschneiden und mitnehmen. Vor allem Männer gehen dabei oft zu weit. Es wird gewaltvoll, es tut weh. Schon beim Schauen. Die Arbeit machte Ono zur Vorreiterin feministischer Konzeptkunst. Noch mit 70 Jahren hat sie selbst diese Perfomance durchgeführt. In „Cut Piece“ liefert sie sich dem Publikum scheinbar schutzlos aus. Später in „Bag Piece“ und „Strip Tease for Three“ verschiebt sich der Fokus von der Bühne auf das Publikum. Schaut selbst einmal rein.

Yoko Ono, Cut Piece, 1964, performt von Yoko Ono in New Works by Yoko Ono, Carnegie Recital Hall, New York, 1965
© Yoko Ono, Foto: Minoru Niizuma

„Was Yoko Ono uns mitgibt, ist viel Großzügigkeit und viel Liebe“, sagt die Kuratorin der Ausstellung im Gropius Bau, Patrizia Dander. Auch nachdem John Lennon 1980 im Alter von 40 Jahren vor seiner Wohnung in New York von einem „Fan“ erschossen wurde, hat Yoko Ono ihre Kunst in den Dienst des Friedens gestellt, weiter zum Beispiel ihre ganzseitigen „War is over! If you want it“-Anzeigen in der New York Times und in anderen Zeitungen geschaltet, die in der Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie ebenfalls zu sehen sind.

Und das ist ganz das Gegenteil von dem, was Yoko Ono zur Zeit der Beatles-Auflösung nachgesagt wurde: Sie ist nicht die 13. Fee, die Böse, die den Musikprinzen in einen 100-jährigen Schlaf schickte. Wenn überhaupt, dann ist sie ein guter Geist in unserer bösen Zeit.

Service

Music of the Mind, Gropius Bau, Stresemannstr. 110, bis 31. August; Mi bis Mo 12-19 Uhr, Sa/So 10-19 Uhr.

Dream Together, Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, bis 14. September; Di bis Mo 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr.

Der Neue Berliner Kunstverein zeigt bis 31. August Yoko Onos Billboard an der Ecke Friedrichstraße/Torstraße

Yoko Ono mit Glass Hammer, 1967, HALF-A-WIND SHOW, Lisson Gallery, London, 1967
Foto © Clay Perry / Kunstwerk © Yoko Ono

Kunst – oder doch nur Lego?

Zum Glück gibt es in der Kunst keine Regeln! (Nathan Sawaya, Brick-Künstler und Lego-Enthusiast, Los Angeles)

Totenköpfe: „Es waren gruselige Wochen…“, 12.444 Steine

„Geschrieben steht: ›Im Anfang war das Wort!‹
Hier stock‘ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen…
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh‘ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“
Ja, schon der alte Meister Goethe wusste, dass unsere Welt mit Worten oder Geist schwerlich zu meistern ist. Bei Nathan Sawaya, Lego-Künstler aus Los Angeles, hört sich das etwas anders an: „Denke daran: Alles beginnt mit einem Stein.“

Nun gut, das gilt auch für Straßenschlachten studentischer Proteste. Aber mit nicht so überzeugendem Resultat. Auf 1100 Quadratmetern mitten im Herzen Neuköllns, im Cank, einem alten Kaufhaus an der Ecke Karl Marx-Straße/Anzengruber, ist Nathan Sawayas faszinierende Welt der LEGO®-Kunst seit heute (Dienstag, 8. Oktober 2024) zu sehen. Da sind Interpretationen berühmter Kunstwerke wie Edward Munchs „Der Schrei“, Michelangelos „David“, Van Goghs „Sternennacht“ und Da Vincis „Mona Lisa“ neben einem sechs Meter langen Tyrannosaurus Rex-Skelett, überdimensionierten Schachfiguren sowie einer multimedialen Sammlung von Lego-Fotografien des preisgekrönten Fotografen Dean West.

Nathan Sawaya bei der Vernissage von Exhibition Hub und Fever

Einige der bekanntesten Werke der Kunstgeschichte werden als skurrile Lego-Kreationen neu interpretiert“, urteilte BBC über die Ausstellung „The Art of Brick“ in London, die inzwischen in 100 Städten und 24 Ländern zu sehen war. „Es verspricht eine tolle Zeit für die ganze Familie“, so die Einschätzung von „ELLE“. Aber wie kommt man darauf, aus Lego Kunst zu machen? Ist das nicht eher etwas für Kinder? Und sind das nicht die kleinen Ziegel (Brick), bei denen immer Steinchen fehlen, wenn man sie mal wieder herauskamt? Diese Noppen-Dinger, die vor allem eine Kunst beherrschen, Mamas und Papas Geldbeutel in schöner Regelmäßigkeit zu plündern? Kann das wirklich meisterlich sein?

„Als Anwalt merkte ich schnell, dass ich lieber auf dem Boden sitze und Skulpturen schaffe, als in einem Sitzungssaal zu sitzen und Verträge auszuhandeln. Meine eigenen persönlichen Konflikte und Ängste, gepaart mit dem tiefen Wunsch nach allgemeinem Glück, ebneten mir den Weg, hauptberuflich als Künstler zu arbeiten“, unternimmt Ex-Wirtschaftsanwalt Nathan Sawaya einen Selbst-Erklärungsversuch.

„Gestalte, was du siehst. Erschaffe, was du fühlst. Erschaffe, was du noch nie gesehen hast. Erschaffe einfach.“ (Nathan Sawaya)

Sawaya begann seine künstlerische Laufbahn vor 20 Jahren. Er beschäftigte sich seit seiner Kindheit mit Lego-Bausätzen und begann wieder, sie zu kaufen, um nach der Arbeit in einer erfolgreichen Wirtschaftskanzlei Stress abzubauen. Er arbeitete am Tag als Anwalt und dann, sechs Stunden nachts, bastelte er mit Lego. Irgendwann stand sein Beschluss fest, die Anwaltskanzlei zu verlassen und Vollzeitkünstler zu werden, wobei er ausschließlich Legosteine als Medium nutzt. Seitdem schafft Nathan Sawaya Kunstwerke für „The Art of the Brick“, die erste große Museumsausstellung mit Legosteinen weltweit. Der Lego-Künstler „benutzt die Steine gern, weil man diese sehr klaren Linien erhält. Man erhält diese scharfen Ecken, diese rechten Winkel, all diese kleinen Quadrate und Rechtecke, wenn man sich das Werk aus der Nähe ansieht und dann einen Schritt davon entfernt, und all diese Ecken verschmelzen zu Kurven, und das ist irgendwie die Magie der Verwendung von Legosteinen“, zitiert ihn Grace Ferry vom Code Blue-Magazin. 

Der 51-Jährige kauft alle seine Steine direkt von der Lego-Company in Dänemark. Sie werden aus Europa geliefert. Allerdings fing alles etwas holprig an. Sein erster Kontakt mit der dänischen Lego-Gruppe war ein Unterlassungsschreiben, als er gerade begonnen hatte, seine Arbeiten im Internet zu veröffentlichen. Es ging um den geschützten Begriff LEGO®. Das ist inzwischen geklärt. Firma und Künstler profitieren von seiner Arbeit. Die Wogen haben sich geglättet. Sein Lagerbestand bestehe normalerweise aus 10 Millionen Teilen, die nach Farbe und Form sortiert seien, erzählt der Künstler. Auch als Redner und Autor ist er im Westen der USA bekannt. Zuletzt tingelte Sawaya durch die Shows von Letterman bis Colbert.

Ein Besuch der Berliner Ausstellung lohnt sich auf alle Fälle. Schon allein die Angaben zu den Lego-Kunstwerken und der Zahl der verwendeten Steine machen einen Rundgang durch die verschiedenen Themenwelten zu einem spannenden Erlebnis. Zu den Totenköpfen im Titelbild dieses Blogs plaudert Sawaya aus: „Ich habe die Totenköpfe geschaffen, um eine Gegenüberstellung eines Kinderspielzeugs und die mit dem menschlichen Schädel verbundenen Themen zu untersuchen. Daher auch die leuchtenden Farben. Die Fertigstellung der Totenköpfe dauerte über drei Wochen. Es waren gruselige Wochen…“

Der Schrei

Und es gibt noch einen Grund, nach Neukölln zu fahren: Anscheinend als Erster überhaupt, so die Veranstalter, etablierte der 51-jährige Lego-Fan die neue Form der Kunst aus den kleinen Spielzeugsteinchen. Seine zweidimensionalen Mosaike, etwa von Andy Warhol oder Jimi Hendrix, kommen der Pop-Art recht nahe, erscheinen weniger wie Lego denn als verwaschene, gedruckte Formen. „Der Schrei“ von Edward Munch – dreidimensional wie eine Skulptur – sieht so lustig aus, dass man sich fragen darf, ob ein heutiger Munch nicht gleich in die Spielzeugkiste statt zum Pinsel gegriffen hätte. Kunst oder Lego? Lego-Kunst!

Blaue (10.770), rote (9240), gelbe (6.406) Gesichtsmaske

Farbige Orgien

„Hätte ich je an eine Künstlerlaufbahn gedacht und von meinen Bildern leben wollen, so hätte ich niemals diese ,scheußlichen Schmierereien‘ aus Blau, Zinnober und Chromgelb gemacht… Daran war aber nicht zu denken; denn gerade die Farbe liebte ich! Meine Bilder erschrecken freilich alle Leute… Denn ich war ja verheiratet, Vater zweier Kinder und arm, und in dieser Lage verlor ich meine Zeit mit ,diesen Schmierereien‘!“
Maurice de Vlaminck (1876 – 1958) als Replik auf Kritiken vor seiner ersten fauvistischen Ausstellung 1905

Maurice de Vlaminck, Die Boote, 1905 (VG Bild-Kunst, Bonn, 2024)

Wen auch immer ich in den letzten Tagen nach Maurice de Vlaminck gefragt habe, ich erntete ein Schulterzucken. Henri Matisse, ja, Kees von Dongen, ja, Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir, sowieso, aber Vlaminck? Jetzt feiert das Potsdamer Museum Barberini – auch mit Bildern aus der Sammlung von SAP-Gründer Hasso Plattner – die Wiederentdeckung des französischen Expressionisten. Oder besser Post-Impressionisten? Oder Fauvisten – Wilden? Daniel Zamani, Kurator der Ausstellung im Barberini sagt dazu: „Maurice de Vlamincks Werk markiert ein bedeutendes Scharnier zwischen Im- und Expressionismus. Wir sind froh, seinem künstlerischen Werdegang mit einer so opulent bestückten Retrospektive nachspüren zu können.“ Für meinen zweiten Beitrag meines neun Kunst-Blogs – in Ermangelung meines geplanten Israel-Sabbatical – habe ich die Vernissage der Potsdamer Präsentation vor zwei Tagen besucht.
Seit nahezu 100 Jahren ist dies die erste umfassende Ausstellung des Lebenswerkes des französischen Malers, der eher zufällig zur Kunst gekommen ist. Vor dem 1. Weltkrieg berühmt und verschrien, dann von den Nationalsozialisten zur entarteten Kunst erklärt, beschlagnahmt und weltweit verstreut, schließlich nahezu vergessen. Aus Gründen. So ist es eine immense Leistung des Kurators und des Museums für die Ausstellung „Maurice de Vlaminck. Rebell der Moderne“ 73 Werke weltweit zusammengetragen zu haben und nun zu präsentieren. Vier Jahre lang hat Daniel Zamani daran gearbeitet. Ein Großteil der Bilder befindet sich in Privatbesitz. Unter den Leihgebern sind Museen wie die Tate Modern in London, oder das Metropolitan Museum of Art in New York. Die wollen erstmal überzeugt werden. Lest dazu das Stichwort am Ende des Blogs.

(Foto: Autor)

Zur Historie. Seit 1903 bot der Pariser Salon d’Automne französischen und internationalen Künstlern eine Plattform, um ihre Kunst entgegen der konservativen Politik des Salon de Paris zu präsentieren. 1905 traten dort erstmals junge, teils unbekannte Künstler in Erscheinung, die durch den Kritiker Louis Vauxcelles als „fauves“ bezeichnet wurden: Henri Matisse, André Derain, Kees van Dongen – und eben Maurice de Vlaminck. Vauxcelles beschrieb den Ausstellungsraum, in dem die Werke der genannten Künstler eher zufällig zusammengehängt wurden, als „cage aux fauves“ – Käfig wilder Bestien -, und glaubte Matisse als Anführer einer Gruppe von Malern „farbiger Orgien“ (Zamani) zu identifizieren. Obwohl als Kollektiv wahrgenommen, einte die Künstler kein gemeinsames Arrangement. Im Gegenteil. Dennoch verband sie die Ablehnung aller bisheriger Kunstauffassungen und das Bekenntnis zur völligen Freiheit des Künstlers. Mit ihren farbgewaltigen, ganz auf Ausdruck und Emotion ausgerichteten Werken, begründeten sie den Fauvismus als erste Avantgarde-Strömung des 20. Jahrhunderts – und ernteten riesige Aufmerksamkeit. Vor allem negative. Maurice de Vlaminck – obwohl erst seine dritte Präsentation – inszenierte sich seither als ungestümer junger Künstler. Und rang permanent mit Matisse um das Primat bei der Erfindung des Fauvismus. Dazu später.
Bis 1905 lebte der Autodidakt eher von kargen Einkünften als Geiger, Radrennfahrer, Boxer und Autor von Romanen und Reisebeschreibungen, siehe obiges Zitat. Zur Kunst fand er durch eine Zufallsbegegnung mit André Derain während einer langen Wanderung nach dem Ausfall eines Zuges im Seine-Tal. Die Deutsche Bahn lässt grüßen. Im Gegensatz zu vielen Impressionisten, deren Motive sich im ganzen Süden Frankreichs finden, beschäftigte sich Vlaminck immer wieder mit dem Seine-Tal. Einen Umkreis von 30 Kilometern. Nach seinem großen Vorbild Van Gogh drückte er seine Farbexplosionen in hohem Tempo direkt aus der Tube auf die Leinwand. Mitunter sind beim Gang durch die Potsdamer Ausstellung noch immer feine Segmente Blütenstaubs im Farbauftrag zu entdecken. Man schaue genau hin.

Henri Matisse „Frau mit Hut“ – Maurice de Vlaminck „Frau mit Hut“

Kurator Daniel Zamani beschreibt in seinem Essay „Anarchie der Farbe“ eine amüsante Szene der Auseinandersetzung Vlamincks mit Matisse um die Mentorenschaft, um die treibende Kraft des Fauvismus. „Zu den Exponaten des Salon d‘Automne gehörte Matiss‘ „Frau mit Hut“ – ein in Pastelltönen flächig gestaltetes Porträt seiner Frau Amèlie… Es ist anzunehmen, dass die mediale Aufmerksamkeit, die Matisse‘ Bild erregte, Vlaminck zur Bearbeitung des gleichen Sujets anspornte – auch wenn Vlaminck eine solche direkte Einflussnahme vonseiten seiner fauvistischen Kollegen, insbesondere von Matisse, sicherlich negiert hätte.“ Heraus kam eine Groteske ungestümer Farbigkeit, die in ihrer dramatischen Bildgestaltung offenbar sichtlich schockieren und das ungenannte Vorbild übertreffen sollte. In weiteren Bildern widmet er sich Porträts von Künstlerinnen im Rotlichtgewerbe, wie etwa „Auf dem Tresen“, wo er Nullen in der Jahreszahl 1900 – wahrscheinlich im Humor der Zeit – durch die Brüste der Porträtierten ersetzt. Vlaminck, der sich stets frei von allen Einflüssen inszenierte, wird in der Potsdamer Ausstellung in einen zeitgenössischen Kontext gestellt. Der einstige Anarchist inszenierte in seinen Bildern gezielt die Abwendung von bürgerlichen Sujets. Nach der ersten Schau im Salon d‘Automne erwarb der Kunsthändler Ambroise Vollard 1905 den Großteil von Vlamincks Atelier-Bestand und ermöglichte ihm somit die professionelle Künstler-Laufbahn. In späteren Werken interpretiert er die Getreideschober Monets neu und schafft sogar wenige kubistische Bilder.

„Was ich im Leben nur als Anarchist hätte tun können, eine Bombe schleudern – was mich aufs Schafott gebracht hätte-, das versuchte ich in der Malerei durch die ausschließliche Verwendung reiner Farben zu verwirklichen. Auf diese Weise habe ich meinen Trieb, veraltete Konventionen zu zerstören, ihnen nicht zu gehorchen, nachgegeben, um eine sinnliche, lebendige und befreite Welt wiederzuerschaffen.“ (Maurice de Vlaminck)

Auf dem Tresen, 1900 (Foto: Autor)

Durch die nationalsozialistischer Kulturpolitik nach 1933 wurde auch das Werk Maurice de Vlamincks als „entartet“ verfemt und aus deutschen Museen entfernt. Dennoch, und trotz deutlicher Distanzierung in jüngeren Jahren von Militarismus und Nationalismus, trat er im November 1941 auf Einladung der deutschen Propagandastaffel eine Reise nach Deutschland an. Im Anschluss veröffentlichte Vlaminck zwei Artikel, in denen er die nationalsozialistische Kunst- und Kulturpolitik anpries. Er polemisierte gegen die Avantgarde in Frankreich, wie sie sich in der Malerei Picassos manifestierte, ließ sich von Arno Breker portraitieren und engagierte sich in einem Komitee für Brekers 1942 in Paris gezeigte Ausstellung. Inspiriert von Brekers Strenge der Form wurde der Künstler-Rebell zum Ankläger der Moderne. Zwar sind nur die beiden Artikel von ihm bekannt, die dies stützen, aber offenbar reichten diese, um ihn nach 1945 in Vergessenheit geraten zu lassen. In Vlamincks Kunst findet sich keine Nähe zur NS-Ästhetik. Frankreichs Öffentlichkeit feierte die Künstler in der Résistance, wie Jean Moulin, oder auch Picasso, der sich allerdings nie aktive am Widerstand beteiligte.
Auch deshalb ist die Ausstellung im Barberini die Wiederentdeckung eines Vergessenen und eine Reise wert. Irritierend allerdings die barocken Rahmungen, die der Kurator mit dem Zeitgeist Anfang des Jahrhunderts und den Rahmungen der Leihgaben begründet.

Vorstädtische Landschaft, 1905 (VG Bild-Kunst, Bonn, 2024)

Die Ausstellung Maurice de Vlaminck. Rebell der Moderne gibt erstmals seit 1929 einen Überblick über Vlamincks gesamtes Werk, wobei der Akzent auf der produktiven Schaffenszeit vor dem Ersten Weltkrieg liegt, ergänzt durch eine Auswahl später Arbeiten. Ausgangspunkt der Ausstellung mit 73 Werken, die in Kooperation mit dem Von der Heydt-Museum Wuppertal entstand, sind die neun Gemälde Vlamincks in der Sammlung Hasso Plattner, die von Leihgaben aus unter anderem der Tate Modern in London, dem Museo nacional Thyssen-Bornemisza in Madrid, dem Centre Pompidou und dem Musée d’Orsay in Paris, dem Van Gogh Museum in Amsterdam, dem Museum Folkwang in Essen, der Staatsgalerie Stuttgart sowie dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Dallas Museum of Art und der National Gallery of Art in Washington ergänzt werden. Die Ausstellung öffnete am Freitag, 13. September, und ist bis Mitte Januar zu sehen. (Pressemitteilung)