Als wir durch Afghanistan reisten, verloren wir unseren Korkenzieher. Wir mussten für mehrere Tage nur von Essen und Wasser leben. (W.C. Fields, amerikanischer Schauspieler und Komiker)

Von O Coto nach Salceda, 28. Etappe, 32 Kilometer
Der gesamte Jakobsweg kommt einem vor wie ein riesige Frischetheke. Jetzt werdet ihr denken, nun ist der Pilger doch noch auf den letzten Kilometern durchgedreht. Nein, es geht heute ums Essen am Wege. Nicht um das abendliche Pilgermal. Natürlich gibt es auch hier in jedem Städtchen einen Supermarkt, in dem Pilger je nach Gemütszustand ihre linksdrehenden oder rechtsdrehenden Joghurts kaufen können, und auch kräftig davon Gebrauch machen. Natürlich gibt es hier in jedem noch so kleinen Dorf, und wenn es nur 100 Einwohner hat, ein oder zwei Bars, die für wenig Geld ein Frühstück, einen frischgepressten Orangensaft oder natürlich Kaffee aller Art anbieten. Aber die oftmals schönsten und urigsten Verpflegungspunkte sind die Einkehren, bei denen am Rande des Weges jemand einen Obststand aufgebaut hat oder einfach nur ein paar Pfirsiche, Kirschen, Bananen oder auch Tomaten aus dem Garten anbietet. Na gut, Bananen wohl eher nicht aus dem eigenen Garten.
Man hat nicht den Eindruck, dass sich hier eine Pilgerindustrie entwickelt hat, aber schon, dass sich der ein oder andere Gartenbesitzer oder Bauer hier ein kleines Zubrot verdient. Und die Betonung liegt dabei wirklich auf klein. Schon hinter Hospital de Orbigo wartete am Wegesrand ein Stand mit frischen Lebensmitteln, an dem man sich ein Brot schmieren, ein gekochtes Ei pellen oder einen Kaffee machen konnte. Selbst machen. Tische aus Holzpaletten, ausrangierte Stühle und Sessel komplettieren dann oft so ein Bild. Zum Schluss nach dem Imbiss steckt der Pilger ein paar Euro in eine bereitgestellte Dose und zieht gelabt weiter. Ein ganzes Stück hinter Villafranca biege ich auf einen Bauernhof mit dem selben Bild ein. Mateo und Sofia leben hier, ein paar junge Leute, die ganz offenbar von der Verpflegung von Pilgern leben. Neben Obst, etwas Gemüse wie Möhren oder auch Gurken kann man sich auch Milch mit Müsli mischen, eine von zig Teesorten aufbrühen, oder ein paar Orangen pressen. Nur eines findet man nicht, Coca-Cola oder andere Industriegetränke in Dosen oder Flaschen. Da ich schon vor zwei Jahren hier einen Halt eingelegt habe, und wieder auf die selben Leute treffe, scheint mir das Pilgermal, das (Über)Lebensmodell einer kleinen Hippie-Gemeinde zu sein, die zudem einen Meditationsschrein und verschiedenste Musikinstrumente bereithält.

Sofort greift sich jemand eine Gitarre und das Happening mit Früchten ist perfecto. Mancher Pilger soll so schon Stunden gesessen haben. Denn natürlich fehlt im Garten Eden auch die Raucherecke nicht. Gras gibt es ja genug. Und meist steckt der Pilger in die bereitgestellte Handkasse sogar ein paar Cent mehr, als man für ein Frühstück oder einen Imbiss irgendwo in einer Bar am Wegesrand bezahlen würde. Für einen Kaffee mit einem Croissant verlangt man hier am Camino allerdings auch kaum mehr als 3,70 Euro, ein geröstetes Brot mit Tomaten, Kaffee und frisch gepressten Orangensaft bekommt man schon für fünf Euro. Trinkgeld ist nicht üblich, aber willkommen. Da ist der Weg in den Supermarkt eigentlich nur etwas für Liebhaber.
Heute Morgen in Melide, wo ich während eines kleinen Regengusses nach meiner Übernachtung in O Coto, in eine Panaderia einkehre, habe ich für ein Bocatillo mit cremigen Käse, Bananenscheiben, Apfelsinenstücken und ein paar Walnüssen obendrauf 3,70 Euro bezahlt. Da kann selbst der örtliche Gemüsemarkt, auf dem hier am Sonntag um 8:30 Uhr schon die Geschäfte florieren, kaum mithalten.
Melide ist bekannt für seinen Tintenfisch. Es soll Menschen geben, die behaupten, Pulpo könne man in Spanien nur wirklich im Binnenland richtig zubereiten. Man bekommt ihn frittiert oder auch in der eigenen Tinte. Pulpo á feira, gekocht und mit Olivenöl, Salz und Paprika, oder auch mit gekochten Kartoffeln, bekannt als Pulpo a la Gallega, oder eben gegrillt mit Panade in der – richtig – Pulperia, In vielen Orten entlang des Jakobsweg gibt es das Gericht, aber Melide ist die Pulpo-Hauptstadt.

Pulpo a la Gallega mit gekochten Kartoffeln
Für Interessierte: Oktopusse kocht man in riesigen Wassertöpfen in gewöhnlichem Wasser und etwas Salz. Nach einer halben Stunde angelt man sie heraus, zerschnippelt die Arme auf einem Holzbrett in mundgerechte Happen. Die werden mit Olivenöl betröpfelt und mit Paprikapulver gewürzt. Die Köpfe eignen sich eher für Suppen. Die Ärmchen werden mit Zahnstochern zu Munde geführt und mit Weiswein am besten einen Valdeorite heruntergespült, bevor sich die kleinen Saugnäpfchen am Gaumen festsaugen. Nein, Scherz. Aber eben nichts für Jedermann.
Es geht die Legende, dass spanische Pilger gar nicht bis Santiago de Compostela gehen, sondern hier in Melide hängen bleiben, gerade wegen des Pulpo. Ob das stimmt, kann der Pilger aus Allemania natürlich nicht nachprüfen, aber wenn es so ist, dann gibt es halt unterschiedliche Pilger. Die einen, die nach Melide zum Tintenfisch pilgern und quasi den Pulpo anbeten. Die anderen, die nach Santiago zum heiligen Jakobus pilgern, um dort am Ende ihrer Wallfahrt eben Jakobus den Älteren anzubeten. Aber vielleicht ist das eine gar nicht soweit entfernt vom anderen, schließlich hat ja auch Jakobus mit seinem Vater als Fischer am See Genezareth seinen Lebensunterhalt verdient. Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe. Jene Pilger, die nach Finisterre oder Muxia 100 Kilometer weitergehen, wo sie am Rande der seinerzeit bekannten alten Welt auf hohen Felsen über dem Atlantik ihre Sorgen ins Meer kippen. Dieser Camino galt lange als die spirituellste und mystischste Route des Jakobswegs. Aber was könnte nach 800 Kilometern noch kommen? Morgen geht es nach Santiago de Campostela.
Erkenntnis des Tages: Niemand muss am Jakobsweg hungern. Es findet sich immer ein Gemüsestand.











