Von Villafranca del Bierzo nach Laguna de Castilla, 23. Etappe, zu viele Kilometer bergauf, 27, unterwegs fast von einem entlaufenen Pferd überrannt











Von Villafranca del Bierzo nach Laguna de Castilla, 23. Etappe, zu viele Kilometer bergauf, 27, unterwegs fast von einem entlaufenen Pferd überrannt











Der Jakobsweg lehrt uns nichts, was uns nicht auch das Leben lehrt. Nur im Leben sind wir nicht bereit, es zu erkennen. (Nach Paulo Coelho, erinnere mich nicht an den genauen Wortlaut)

Von Ponteferrada nach Villafranca del Bierzo, 22.Etappe, 27 Kilometer
Stell dir vor, du pilgerst quer durch Spanien, na gut, es geht auch eine Nummer kleiner, quer durch Kastilien, lässt deine Gedanken schweifen, die Sonne brennt dir auf den Nacken und die Schultern, so dass du schon nicht mehr weißt, was da eigentlich gerade schmerzt, der Sonnenbrand oder der Rucksack, und da wehen dir vermeintlich Gitarrenklänge entgegen. Hola, ich fühle mich mittlerweile schon so wie ein Spanier, zumindest kommt mir manches spanisch vor, wenn ich am Morgen in den Spiegel schaue, und mir da eine braun gebrannte Gestalt entgegen blickt, die irgendwie an eine Mischung aus Louis de Funès und Pablo Picasso erinnert, was nicht den Witz und Geist meint. Warum sollten mich da mitten in der Pampa Gitarrenklänge überraschen. Ist halt so. Das ist der Jakobsweg. Da hört mal schon mal was, Illusion ist das halbe Leben.
Dann komme ich um die nächste Kurve, und dort in einem winzig kleinen Wäldchen aus vier oder fünf Bäumen an einem noch winzigeren Flüsschen spielt tatsächlich jemand Gitarre. Warum nicht, denke ich bei mir. Schließlich habe ich mich ja auch 40 Jahre lang nicht gewundert, wenn auf der montäglichen Redaktionskonferenz allen Redakteuren, einschließlich mir, der Marsch geblasen wurde. Warum dann nicht Gitarre. Wir sind ja schließlich in Spanien. Und dann auch noch „Blowing in the Wind“. „Spanien Himmel breitet seine Sterne“, das würde doch viel besser hierher passen. „Die Heimat ist weit, doch wir sind bereit, zu leben und sterben für dich, Freiheit!“
Franco, so stellt sich der Gitarrist witzigerweise vor, schlussfolgert messerscharf aus meinem Berlin-Marathon Shirt, dass ich wohl aus Berlin komme, und meint: „Mer kennet ruhig Deutsch rede, üch kömme us Schwabe. Moine Eltern lebet in Spanien. Da hob ich mer holt hör niedergelasse.“ Also schlussfolgere ich nun wieder messerscharf und völlig vorurteilsfrei, dass dieser Franco wohl eher Frank heißt, und sich hier am Jakobsweg halt irgendwie durchschlaget. Was ich daraus zu erkennen meine, dass er mir zu seinen Soundriffs auch noch eine abgeschnittene Plastikflasche rüber schiebet, in der ich zwei Euro für seine Zukunft deponiere. Zwei weitere Survivel Artists in diesem Wäldchen am Flüsschen bieten Kettenanhänger aus getrockneter Dachshaut und handgeflochtene Armbänder mit Jokobswegmuscheln aus Stein an. Das Armband für sieben Euro. Kaufe ich.
Das Geschäft mit dem Jakobsweg floriert also. Warum auch nicht, habe ich doch vor Leon die Foodtrucks und Aufmunterungen am Wegrand gesucht. Selbst die Kirchen machen die Türen auf. Und der Pilger staunt, dass nicht nur sehr alte Männer und Frauen den Wallfahrer hineinwinken, sondern vor vielen Kirchen auf dem Weg von Ponteferrada nach Villafanca Kinder sitzen, die nach eines normalen europäischen Pilgerglaubens eigentlich am Vormittag Schule gehören. Wahrscheinlich Abendschule.

Und überall gibt es die beliebten Pilgerstempel. Ellen aus Holland, mit der ich heute Morgen losgelaufen bin, ist heute zwar erst auf der vierten Etappe, da sie erst kurz vor Hospital de Orbigo gestartet ist, aber sie lässt keinen Pilgerstempel aus. Ihr Pilgerpass ist schon bald so voll, wie meiner nach drei Wochen.
Den Pass muss man sich vorher auf einem Pilgerportal, oder in einem offiziellen Pilgerbüro besorgen. Den ersten Stempel erhält man in Saint-Jean-Pied-de-Port als Startstempel. Jeden Tag sollten zwei weitere Stempel belegen, dass man die gesamte Strecke wirklich gelaufen ist. Aber, da das bei 30 Etappen um die 60 Stempel werden würden, was den Umfang eines Passes bei weitem sprengt, reicht es eigentlich nachzuweisen, dass man die letzten 100 Kilometer nach den Vorschriften des Hohen Pilgerkommissars auf Wallfahrt war. Ich habe mir auf den ersten 20 Etappen täglich einen Stempel abgeholt und ihn mit dem Datum versehen lassen. Nach dem Startstempel aus dem Pilgerbüro in Saint Jean stehen 19 weitere Stempel – zumeist aus den Herbergen – im Pass. Jetzt, auf den letzten Etappen ist in meinem Pilgerpass noch genau so viel Platz, dass ich zwei Stempel am Tag garantiert nachweisen kann. Für die letzten 300 Kilometer. Dafür bekommt man dann beim Hohen Pilgerkommissar in Santiago die goldene Campostela.
So wächst über viele Etappen Tag für Tag die Erkenntnis, dass jeder einzelne Tagesweg irgendwie wie der gesamte Weg ist. Man steht am Morgen energisch auf. Schreitet erwartungsfroh aus. Um am Mittag sich das Ende herbei zu sehnen. Und am Abend stolz auf den zurückgelegten Weg zu sein. Aber auch zurück zu schauen, und bei sich zu denken, das habe ich wieder geschafft – das war der Tag. Natürlich fragt uns auf unserem Weg im täglichen Leben niemand, hast du auch heute die gesamte Etappe geschafft? Oder, hast du eine Abkürzung genommen? Oder, hast du dir denn heute deinen Stempel geholt? Nein, das Leben drückt uns ganz ungesehen, seine Stempel auf. Das ist auch gut so. Aber es wäre doch mal ein lohnendes Gedankenspiel, sich am Abend eines Tages zu überlegen, wo man sich heute seinen Stempel abgeholt hätte. Oder ob man heute auch an einem Franco vorbeigekommen ist? Wäre das nicht schön? Die Kelly Family ist schließlich auch in Fußgängerzonen groß geworden. Ein Gitarrenspieler am Pilgerweg des Heiligen Jakobus überrascht sicherlich mehr, als Panflötenspieler in der Fußgängerzone.
Erkenntnis des Tages: Jeder einzelne Pilgertag ist wie der gesamte (Lebens)Weg.





Tue erst das Notwenige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst Du das Unmögliche (Franziskus von Assisi)

Von Foncebadõn nach Ponferrada, 21 Etappe, 28 Kilometer
Frühmorgens in den Bergen ist der Jakobsweg am schönsten. Wenn der Pilger wie neugeboren auf den Tag blickt, noch keine steilen Anstiege hinter sich gebracht und keinen Gedanken daran verschwendet hat, dass abschüssige Felsgesteinwege die Herausforderung des Tages werden könnten. Es ist einfach nur ein neuer Morgen, mit einer neuen Sonne und einem schwindenden Mond. Der Tag beginnt. Foncebadõn, das sich am Vorabend unter nachtschwarzen Regenwolken verabschiedet hatte, erwacht im strahlenden Sonnenschein als ich um 7.30 Uhr losmarschiere. Hinauf zum Cruz de Ferro, dem höchsten Punkt des Jakobsweges.
Das winzige Kreuz auf einem sehr, sehr hohen Baumstamm wirkt zunächst irritierend. Hier wird ein ziemlich heidnischer Brauch gepflegt. Unter einem Kreuz am Scheitelpunkt des Camino de Campostela legen Pilger ihre Kummersteine ab. Hier und da versehen mit Wünschen, Fotos, Erinnerungen an die Liebsten, oder auch mit einem Rosenkranz. Ich habe mir für diesen stetig wachsenden Geröllhaufen des Kummers extra unterwegs noch einen (Reserve)Kummerstein aufgesammelt, den ich neben meinem aus Saint Jean Pied de Porte schon mal vorsorglich mitschleppe. Kummersteine kann man ja bekanntlich nie genug haben. Unterwegs hatte mir irgendjemand gutmeinend kurz vor Sahagún einen Spruch zugesteckt, auf Spanisch, den ich natürlich nicht entziffern konnte, aber der etwas mit der Heiligen Jungfrau der Pilger zu tun hat. „Heile uns Mutter, die Wunden, die uns das Gehen zufügt. Lass Deine Liebe der rote Faden sein. Das trägt unseren Weg. Wir sind Zukunft in der Gegenwart…“ übersetzt mein – Vorsicht Werbung – IPhone für mich. Den Spruch lege ich gleich mal sicherheitshalber dazu. Man weiß ja nie, wofür es gut ist. Schaden kann es jedenfalls nicht. Und Zukunft in der Gegenwart wollte ich ja auch schon immer mal sein. Das IPhone behalte ich für die weitere Zukunft in der Gegenwart.

Am Kreuz steht eine ganze Schulklasse, die offenbar zeitgleich mit mir aus Foncebadõn aufgebrochen ist, um im Kreis zu beten. So trifft sich hier am frühen Morgen um Acht Glaube mit heidnischen Brauchtum. Und niemand stört das an diesem Sonntag. Als eine andere spanische Pilgergruppe lautstark eintrifft und eine Flasche Wein entkorkt, gehe ich ein wenig zur Pilgerkapelle und verdrücke ein Tränchen. Mit der Zukunft in der Gegenwart ist bei mir ganz sicher Vergangenheit gemeint. Ich werde nach 2022 und heute nicht mehr hierher zurückkehren. Adiòs Cruz de Ferro.

Verlässt man den Ferro-Pass, dann wandert man durch traumhafte Täler, entlang von Wiesenwegen und schönen Dörfchen. Quer durch das Hinterzimmer Spaniens. Niemanden würde es einfallen, hier in den Bergen statt an Spaniens Stränden Urlaub zu machen. Aber für den Peregrino an der ruta jacobea tut sich einer der schönsten Abschnitte des Weges auf. Kühle Waldwege schützen vor der immer heißer werdenden Sonne, hier und da zeigt sich auch ein mannshoher Kaktus. Spaniens innere Einkehr. Desamor España. Aber seht selbst.
Erkenntnis des Tages: Die Zukunft in der Gegenwart kann manchmal auch die Vergangenheit sein.







