Keine Gnade am Gnadenportal in León

Das Spannende am Camino de Santiago ist doch nicht, was wir erleben, sondern wie wir es erleben. Das unterscheidet uns. (eska)

Von Puenta Villerente nach León, 17. Etappe, 15 Kilometer

Es gab einst und gibt heute Pilger, die nicht mehr weiter ziehen können. Strapazen, Krankheiten, Erschöpfung haben allzu sehr an der Substanz genagt. Oft lag zumindest in der Vergangenheit der Tod nicht fern. Für die Erschöpften waren zwei Gnadenportale am Jakobsweg gedacht, eines in León, ein weiteres in Villa Franca del Bierzo. Dort konnten sie Ihren Ablass bekommen, ohne Santiago de Compostela erreicht zu haben. Im übrigen nur nebenbei, gerade der Ablass von Sünden war es, der einst Martin Luther zu einem absoluten Gegner des Jakobsweges machte.

In Leon gehört das Gnadenportal, auch Ablass- oder Vergebungsportal, Puerta del Perdón, zur königlichen Stiftskirche Sankt Isidoro, benannt nach dem heiligen Isidor von Sevilla, dessen Reliquien im Hochaltar ruhen. Das kleine, stets verschlossene Portal fügt sich rechts in die Hauptfassade ein und ist wie der gesamte Bau eine Schöpfung der Romantik. Ein Bär- und ein Löwenkopf fungieren als Türwächter. Etwas erhöht, rechts klebt eine Skulptur von Petrus regelrecht am Stein, links jene von Paulus. Beide tragen Sandalen, was im wahren Leben in León unangebracht wäre – auf Höhen um 840 Meter kann es bitterkalt werden.

Ich habe an der Tür gerüttelt, aber tatsächlich sie ist fest verschlossen. Dafür gibt es hier täglich um 19 Uhr einen Peregrino Gottesdienst für die Pilger. Na, wenigstens beten kann man hier dafür, damit man die restlichen 300 Kilometer auch noch schafft.

Ich treffe heute hier Frank und Corinna, die ein wenig mit dem Auto durch Spanien pilgern. Wir hatten zwar darüber gesprochen, dass auch sie von León nach Compostela fahren wollen, aber dass wir am gleichen Tag hier sind, ist eine Überraschung. Da sieht man mal, nicht alles ist auf meinem Weg nach Santiago geplant. Sie fahren heute Nachmittag weiter, um noch am Abend in Santiago anzukommen. Für mich geht die Strecke noch weitere zwölf Tage unter anderem über den höchsten Gipfel des Camino, wo das Cruz de Ferro steht. Aber dazu später.

León ist natürlich nicht für sein Pilgerportal bekannt, sondern für seine Kathedrale. Sie ist wie ein Schiff aus Stein, auf dem höchsten. Punkt der Altstadt verankert. Ein gotischer Prachtbau, der sich am schönsten im Morgen- und Abendlicht vor dem Himmelblau abhebt. An selber Stelle schlugen die Urgründer der Stadt im Jahre 68 n. Chr. ihr Lager auf. Es waren die Römer der VII. Legion, die mit dem Schutz von Geldtransporten betraut waren und von „Legion“ leitet sich auch der Name Leon ab, behauptet zumindest Andreas Struwe, dessen Reiseführers ich mich hier bediene. In meinem Pilgerführer ist immer von León, der Löwe, die Rede.

Die Kathedrale gilt als die französischste in Spanien, so heißt es. Das Sprichwort von den vielen Köchen, die den Brei verderben, greift hier nicht. Diverse Baumeister schufen im 13. und 14. Jahrhundert ein einheitliches Werk, das ich an den Vorbildern Chartress, Reims und Amiens orientierte. Von wegen, nur das Schweriner Schloss ist nach dem Vorbild von Chambord gebaut.

Die Überraschung folgt im Inneren mit einer Flut von Buntglasfenstern. Unfassbar. Wie gebannt bleibt man am Eingang der Kathedrale stehen, schaut umher, sucht vergleichbares, ist geblendet. 1800 Quadratmeter Buntglasfenster machen den Dom zum Unikat, versetzen den Betrachter in eine Wunderwelt aus Blau, Gelb, Grün und Rot. Die Fenster sind bis zu 12 Meter hoch, die ältesten stammen aus dem 13. Jahrhundert. Wer mag hier wohl Fensterputzer sein? Welche Mittel verwendet man, um das Bleiglas nicht zu beschädigen. Einmal mit „Meister Proper“ oder anderen Putzmännerwaffen drüber?

Apropos putzig. Ein Fantasietier, das mit gespreizten Beinen genüsslich am eigenen Hinterausgang leckt. Ein Betrunkener mit glasigen Blick über einem Weinfass. Ein Mann, der sich in Schräglage einen Krug mit der Linken an den Allerwertesten hält. Das sind Szenen, die man am allerwenigsten in Kirchen erwarten würde, doch in der Kathedrale von León gibt es sie. Genauer: Im spätgotischen Chorgestühl. Da muss man allerdings vorbereitet sein, auf befremdlichen Stoff im heiligen Hafen. Ein Künstlerteam aus Flandern schnitzte das Chorgestühl Ende des 15. Jahrhunderts aus Nussbaumholz. Die Schule dort war offenbar sehr fortschrittlich und die Institution Kirche viel offener, als man es heute für möglich hält. Natürlich finden sich im Chorgestühl auch heilige und biblische Figuren wie König David, aber gleichermaßen profane, satirische, spöttische, teils obszöne Darstellungen. Ein Katalog des Guten und des Bösen. Hoppla, da ist ein Wildschwein das eine Dudelsack spielt. Worauf das wohl eine Anspielung sein soll?

Hoppla, da finde ich doch an anderer Stelle der Stadt einen Blog-Genossen. Oder Block-Genossen? Allein sitzt er dort auf einer Bank, ein älterer Mann mit Hut. Er ist voll konzentriert bei der Arbeit, hat den Blick auf einen Skizzenblock in seinen Händen gesenkt. Das hier ist – in Bronze verewigt – das Jugendstilgenie, Antonie Gaudi, der Architekt der weltberühmten Sagrada Familia und anderer Bauten in Barcelona. Hier in Spaniens Norden hat er drei Werke hinterlassen. Die Sitzbank, auf der wir beide hier mal Platz genommen haben, ich der Blogschreiber, er der Blockzeichner steht gerade gegenüber der Casa Botins auf dem Plaza San Marcelo im Herzen von Leon. Na gut, wir wollen es mal nicht übertreiben. Ich schreibe einen kleinen Blog und wandere durch Spanien. Er schuf ganze Bauwerke und wurde von einer Straßenbahn der Linie 30 in Barcelona überfahren, wegen seiner Kleidung für einen Bettler gehalten und nicht umgehend gerettet. Da bleibe ich lieber ein kleiner, unbekannter Pilger. Unbekannt und unerkannt machen manchmal keinen Unterschied.
(Große Teile entnommen von Andreas Drouve „111 Orte am Jakobsweg…“)

Erkenntnis des Tages: Gutes und Böses liegt oft nahe beieinander.

Jakobus lässt es krachen, Regen

Der Sinn des Lebens besteht darin, das Leben jeden Tag aufs Neue zu genießen. Der Tod spielt an einem einzigen Tag des Lebens eine Rolle. Am letzten. Für ein erfülltes Leben brauchen wir den Alltag. Mit all seinen Problemen, mit all seinen Glücksmomenten, all den die LupaLupa-Tänzen. (Karsten Dusse „Achtsam Morden am Ende der Welt“)

Von El Burgo Ranero nach Puenta Villerente, 16. Etappe, 25 Kilometer

Ja, es gibt sie natürlich auch hier am Jakobsweg. Diese Tage, die niemand braucht. Da wachst du früh auf, und fragst dich: Warum machst du das eigentlich? Über das Warum habe ich schon Vieles an dieser Stelle herumphilosophiert und sinniert. Über die Erleuchtung, über die Einkehr, über das Gedankenkarussell, das hier vielleicht mal gebremst werden und einen anderen Dreh bekommen soll. Aber hilft dir das, wenn du aus dem Fenster schaust und draußen prasseln die Regenschauer gegen Fensterscheibe? Und auf dem Straßenpflaster bilden sich Segelreviere! Nein, nein die schöne Schönwetterphilosophie hilft dir immer. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung. Also ignorieren. Vergiss es. Natürlich motiviert das nicht! Das ist, wie wenn du aufstehst und zur Arbeit gehen willst, und schon beim Aufstehen weißt, heute gibt es ein deftiges Gewitter von Oben. Da hast du halt schlicht keine Lust. Da kann die Motivation gestern, vor einem Monat, vor einem halben Jahr noch so groß gewesen sein, jetzt ist sie halt irgendwie gleich Null. Das ist, wie wenn du 40 Jahre in der Arena gekämpft hast, und dann kommt der nächste Römer.

Gut, an eine Regenpelerine habe ich gedacht. Schlechtes Wetter hatte ich ja irgendwann mal erwartet, und ich tröste mich mit den Gedanken, dass es heute eh nur 25 Kilometer sind bis Puenta Villerente. Also hinaus ins Freibad fröhlich und vergnügt.

Fühlt sich gar nicht so schlimm an, denke ich noch bei mir. War ja wohl doch nur eine Nachthusche, hoffe ich da noch. Jakobus wird seine Jünger nicht schon vor dem Ziel taufen wollen. Typischer Fall von Denkste. Also trete ich forsch hinaus aus meiner wunderbaren Herberge, die gestern noch ein blödes Trucker-Motel an einer Tankstelle war (was davon kommt, wenn man nicht alle Hotelinformationen auf den Onlineportal liest), aber heute ein wunderbarer, trockener Erdenfleck ist.

Und was denkt sich Jakobus? Dienstag, super, da lassen wir es heute mal krachen. Die Bauern wird es freuen. Und was gestern noch die größte Sorge laut Pilgerführer war, nämlich dass ich eine weitere langweilige Etappe so kurz vor der größten Stadt auf dem Weg, Leon, vor mir habe, hört sich heute schon fast wie Süßholzgeraspel an:

„Die lange und eintönige Strecke zwischen El Burgo Ranero und Reliegos wird unsere Entschlossenheit auf die Probe stellen, das Grab des heiligen Apostels zu Fuß zu erreichen. Auf halber Strecke gibt es einen Brunnen, dennoch müssen wir vor allem im Sommer ausreichend Wasser mitnehmen.“ (Gronze, Pilgerportal)

Ja, Wasser habe ich genug. Sozusagen von oben. Da werde ich das Grab des Heiligen Apostels locker zu Fuß erreichen, und noch eine ganze Menge übrig haben. Aber als es dann auch noch zu anfängt zu gewittern, und man als gutausgebildeter Pionier oder Pfadfinder der alten Physik die Zeit zwischen Blitz und Donner in Sekunden zu zählen beginnt, und die Zahlen immer weiter in den unteren, einstelligen Bereich rutschen, da rutscht auch das Herz ein bisschen mit nach unten. In den einstelligen Bereich der Hosentasche. Na heute werde ich wenigstens nicht nur vom Schwitzen nass. Hinter mir, vor mir, links von mir, rechts von mir, überall Regengestalten und das „Buen Camino“ verflüssigt sich, sobald es die Lippen verlässt. Sch… Tag, könnte man schreien, wenn man natürlich als erfahrener Pilger nicht wüsste, dass auch ein Regentag dazugehört. Ein Regentag gehört dazu, ein Regentag gehört dazu, ein Regentag… Schön.

Schnell sind meine tollen Wanderschuhe pitschnass, aber das lenkt wenigstens meine Gedanken vom Kopf auf die Füße. Die Gehwerkzeuge spielen bei einem 800 Kilometer-Marsch immer auch in Pilgergesprächen eine große Rolle. Bleibt jemand zurück, dann ist es nicht die Kondition, sondern dann sind es immer die Füße. Paula, die Volleyballerin, hat sich ganz Profi die Beine von unten nach oben durchgetaped. Na, wenn es hilft. Knieschützer sind sehr beliebt, und immer wieder die Frage nach Blasen. Ist jetzt nicht mein Hauptthema, weil mich in den letzten 30 Jahren weder Blasen, noch Schmerzen der Achillessehne, noch Knie vom Laufen abgehalten haben. Ich bekomme keine Blasen, solange ich meine Schuhgröße dem Fuß und nicht dem Schuh anpasse. Nicht meine Klagemauer, ohne dass ich daran selbst einen Verdienst hätte. Aber für viele andere ist das ein Thema, und das ist dann eben so. Aber wenn die Blasen kommen, dann ist der Camino bestens vorbereitet. Noch nirgendwo auf der Welt habe ich Automaten gesehen, ähnlich unseren Trinkautomaten, aus denen man Blasenpflaster, Fußcreme, Kniebandagen, Elastikbinden oder auch einfach nur ein Tape ziehen konnte. Hier in Spanien gibt es das. Also wird es wohl auch gebraucht werden. Fazit: Knie, Fuß, Waden – behandelst du am Automaten.

Nach 20 Kilometern kommt endlich Mansilla de las Mulas, Mansilla der Maultiere. Und hier wagt sich plötzlich die Sonne heraus. Sie wirft einen Strahl über einen kleinen Bauernmarkt mit Gemüse, Käse und Schinken aus der Region. Die Menschen sitzen rund um den Marktplatz und trinken fröhlich ein Gläschen Rotwein. Es ist Halb Zwölf. Und dann wartet da die Kirche Santa Maria. Eigentlich eine Kirche wie jede andere, ein bisschen bescheidener, eine Pilgerstatue auf einer Säule. Aber der pudelnasse Wanderer sucht nur nach Wärme und Trockenheit. Und drinnen singt die argentinische, Katholic-Pop Sängerin Athenas „Contigo Maria“. Da bleibst du stehen und hörst zu. Ganz schön kitschig.

In dem Moment weißt du, der Weg ist nicht unter deinen Füßen, der Weg ist in dir. Die letzten fünf Kilometer vergehen wie im Flug. Und als ob der Wegheilige sich doch noch einen kleinen Scherz erlaubt, heißt die nächste Albergue „El Delfín Verde“, der Grüne Delfin. Und sie hat einen riesengroßen Pool im Garten. Ja, jetzt weiß ich zwar, warum ich meine Badehose eingepackt habe, aber nun müssen wir nur noch den richtigen Tag dafür finden, Mensch heiliger Jakobus ganz schön daneben!

Erkenntnis des Tages: Der Weg ist nicht der Matsch an deinen Schuhen. Der Weg ist in dir.

Die Sache mit den Herbergen

“Eines Tages wirst du aufwachen und keine Zeit mehr haben für die Dinge, die du immer wolltest. Tu sie jetzt.” (Paulo Coelho)

Casa Rual de Victoria in Cirueña

Von Ledigos nach El Burgo Ranero, 15. Etappe, 34 Kilometer

Ich gebe es zu, ich bin ein Weichei. Ich habe alle Hostels und Herbergen auf dem Weg nach Santiago de Compostela bereits vorgebucht. Ich habe mich an einem Abend im Februar hingesetzt und habe Etappe für Etappe geplant. Am Anfang etwas länger, so um die 30 Kilometer, gegen Mitte des Weges etwas kürzer, und vor großen Städten ganz kurz, damit ich Zeit habe, mir die Stadt anzuschauen. So wie etwa in zwei Tagen in León.

Nach 15 Wandertagen kann ich sagen, man erlebt auch ohne Spontanguesting genug Höhepunkte oder auch Reinfälle. Ich brauche das einfach nicht, am Ende einer Etappe von 34 Kilometern, so wie heute, herum zu stürzen und nach einer Unterkunft zu suchen. Und ich bin auch keine 18 mehr, dass ich die schöne kuschelige Atmosphäre eines Schlafsaales mit 20 oder 25 Betten als sozialen Background für meine Pilgerreise benötige. Nicht, dass ich nicht um das wärmende Klima eines Schlafsaals wüsste, mit dem Schnarchen, mit den Socken der Anderen, mit den Gesprächen meiner Mitpilger. Aber irgendwie hatte ich das aus meiner dreijährigen Armeezeit und vierjährigen Studienzeit in Kasernen und Internaten so positiv in Erinnerung behalten, dass ich mir diese schöne Zeit meines Lebens nicht hier auf dem Camino durch vielleicht unvorsichtiges Verhalten meiner Mitpilger kaputt machen lassen wollte.

Und mal ganz ehrlich, jeder von uns, die hier regelmäßig diesen Blog lesen, könnte sich doch auch ein zuvor auf Spanisch gemietetes oder ein bei booking.com reserviertes Zimmer leisten. In der Regel sind es dann auch nur zwischen 35 und 50 Euro. Da muss doch keiner bedürftigen jungen Menschen die Betten wegnehmen, die aus den kargen Förderzusagen ihrer unmittelbaren im eigenen Haus lebenden Vorfahren gerade ihren Selbstfindungskurs in Spanien finanzieren. Und die, die schon mit 24 BMW fahren, die pilgern ja hier nicht.

Albergue LaMorena in Ledigos

Vor wenigen Minuten verließ ich die Albergue LaMorena in Ledigos gemeinsam mit Diane aus Kanada. Sie ist ein paar Tage vor mir losgegangen und bucht grundsätzlich nicht vor. Ihr Überlebensmotto für die Schlafsäle auf dem Camino de Campostela: „A glass of red wine in the evening and you have a good night’s sleep in the dorm.“ Wie viele Gläser sie meinte, hat sie nicht weiter ausgeführt. Aber wer will denn schon auf dem Camino zum Alkoholiker werden? Der hier schreibende Blogwart – und das ist dezidiert nur auf die Aufsicht über die hier stehenden Wörter zu verstehen – hat sich eher vorgenommen, auf dem Camino auch seiner Leber freizugeben. Zumindest in Maßen. Schließlich wollen wir alle etwas von dem Erlebnis haben. Nicht nur das Herz und das Hirn, sondern auch der Magen und eben die Leber. Nun gut zugegeben, die Beine haben auf den 800 Kilometer langen Weg die A–Karte gezogen. Aber einer muss ja dafür sorgen, dass es hier vorangeht. Selbst bei einer wohligen Wallfahrt. Und die beiden sind immerhin zu zweit. Ja und die Nieren sollten auch etwas zu tun haben. Allein durchspülen mit dem klaren Quellwasser Spaniens scheint mir da auch ein bissl zu wenig.

Eine Freundin in Schwerin war total entsetzt, als ich ihr vor dem Start Anfang Juni beichtete, dass ich schon alles vorgeplant habe. „Das hat doch nichts mit Pilgern zu tun, was du da machst“, ging sie mit meinem Plänen knallhart ins Gericht. „Du planst deine Zeit auf dem Jakobsweg genauso durch, wie zuvor deinen Arbeitsalltag. Wo ist denn da das Neue? Der neue Abschnitt? Du musst dir doch Zeit nehmen, und einfach mal die Welt auf dich zukommen lassen.“ Stimmt schön gesagt. Aber soll ich mir den Weg von überfüllten Schlafsälen Abend für Abend kaputt machen lassen? Der Weg ist immer besser als die schönste Herberge. Aber schön sollte die Herberge dann doch sein.

Sibyll aus der Schweiz, die nunmehr schon ein paar Etappen hinter mir liegen muss, erzählte mir vor ein paar Tagen hektisch, dass ihre Ohrstöpsel irgendwo verloren gegangen seien. Ein anderer Pilger berichtete mir, dass er immer schon um 5 Uhr aufstehe, damit er der erste im Gemeinschaftsbad ist. Und wenn nebenan die Wasserspülung lieblich rauscht, ist natürlich für den Rest des Schlafsaals auch die Ruhe vorbei.

Palacio de Pujadas by MIJ, Viana

Und mal ganz ehrlich, wenn ich jeden Morgen die Rucksackparaden am Ausgang meines Hostels oder meiner Herberge sehe, die dort der Abholung durch ein Taxi oder eines Gepäcktransports harren, dann fällt es mir irgendwie schwer zu glauben, dass hier jede und jeder wie Hans-guck-in-die-Luft am Morgen losziehen, um zu sehen, wo sie am Abend landen. Riesige Rucksack-Gebirge an irgendwelchen Ortsschildern in der Pampa sind mir unterwegs auch noch nicht aufgefallen. Aber jedem Pilger seinen Camino. Und Sibylls Ohrstöpsel wird ja niemand nachts im Schlafsaal mit einem Korkenzieher herausgezogen haben. Ich habe ja auch schon einen Ohrhörer unterwegs verloren. Und das hatte nichts mit Schlafsaal oder Zimmer zu tun, sondern einzig mit Dussligkeit.

Zudem hatte ich es für eine gute Idee gehalten, nicht mit dem Pilgerstrom vom im Gronze empfohlenen Zielort zu Zielort zu schwappen. Der Gronze ist übrigens der Pilgerführer auf dem Camino de Santiago schlechthin, den es auch als App gibt. Ich suchte mir auf dem Weg gezielt Zwischenstation aus, um sozusagen mit den Strom gegen den Strom zu pilgern. Und mit mir ganz offenbar alle anderen auch.

Gestern Abend im LaMorena in Ledigos saß jedenfalls wieder die gesamte Gemeinde zusammen. Pilger, denen ich schon seit Tagen immer wieder begegne. Der Vater mit dem Sohn aus Mexico, die Tochter mit ihrer Mutter aus Texas, eine Pilgerin aus Schottland, die es in den Tagen nach dem Spiel Deutschland gegen Schottland, besonders schwer hat, und eine Menge junger Leute. Alles Futter für den Dormitory. Ich dagegen konnte in mein kuscheliges, winziges, aber sehr sauberes Einzelzimmer verschwinden und war bis zum Pilgermenü nicht mehr gesehen. Der Vater mit dem Sohn auch. Die Tochter mit ihrer sehr alten Mutter ebenso. Diese Herberge hat im übrigen einen wunderschönen kleinen Garten, eine Waschkabine mit Waschmaschine und Trockner, und im Zimmer waren nicht nur Banane, Orange und Birne sowie Wasser angerichtet, sondern es lag da auch noch eine kleine Tube mit Fußcreme auf dem Bett. Da hätte ich ja gerne mal Mäuschen gespielt und nachgeschaut, ob auf den Stockbetten im Dorm auch auf jedem Kissen eine Tube Fußcreme wartete? Aber dieser Luxus hat natürlich auch seinen Preis. 57 € mit Frühstück. Wobei du das Frühstück hier in Spanien in der Regel vernachlässigen kannst. Einen Kaffee oder Espresso und ein Croissant. Da greift selbst ein Zuckerfeind wie ich gerne mal zum Tütchen weißen Abhängigmacher für den Espresso, um das Preis-Leistungs-Verhältnis zu verbessern. Heute Abend im Hotel Castillo El Burgo werden das übrigens nur 42 Euro sein. Aber das hat auch seinen Grund. Dazu kommen wir noch.

Wie gesagt, die Albergues entlang des Weges bieten immer eine Überraschung. Garantiert. Man weiß nur nicht welche. Ledigos beschrieb HaPe Kerkeling als kleines, schmutziges Nest mit einer heruntergekommenen, schmierigen Herberge, die zudem auch noch geschlossen hatte. Na gut, das war vor 20 Jahren. Nun war LaMorena ein Highlight am Wegesrand. In Puente la Reina hatte ich auch eine sehr schöne Herberge, die allerdings, wie schon geschrieben, von einer Reisegruppe überlauter, Gin Tonic-trinkender Amerikaner besetzt war. Da hatte ich als Pilger nicht viel zu bestellen. Und das im wörtlichen Sinne. In Pamplona habe ich für einen kleinen Preis in der Pension Obel übernachtet, auch schon geschrieben, in der das Zimmer mit Gemeinschaftsbad, in dem das Wasser nicht abfloss, durch das üppige Pilgermal der noch üppigeren Wirtin wieder gut gemacht wurde. Ventosa, bisher der einzige Ort im Regen, war mit seinem Schlafsaal und Gemeinschaftsbad nun wieder eine positive Überraschung. Aber nur dadurch, dass ich die fünf Betten im Raum für mich ganz alleine hatte. Allerdings brauchte ich hier meinen Schlafsack. Gut, dass ich daran gedacht hatte. Der Deutsche im Allgemeinen hat ja immer etwas zu meckern, also auch der deutschen Pilger: Der Herbergsvater musste einen deutschen Vorfahren im ersten oder zweiten Weltkrieg gehabt haben. Typ deutscher Feldwebel. Aber auf sein Essen war er stolz. Wahlweise Paella oder Pizza aus der Tiefkühltruhe. Das kirchliche Pilgerheim Oasis in Villamayor hatte ich ja bereits ausführlich beschrieben – Zimmer heimelig, Köchin unheimlich. Überraschend auch die Casa Rual de Victoria in Cirueña. Ein Haus an der Landstraße, aber mit dicken Mauern, in dem ich ganz offenbar im ehemaligen Schlafzimmer der Familie schlief.

La Cabala de Ibeas, Ibeas de Juarros

Ich erlebe bei privaten Unterkünften immer wieder, dass die Bewohner leer gezogene Häuser so umbauen, dass sie für eine Vermietung taugen. Also man muss sich das so vorstellen, wie bei uns in Deutschland, wenn die Kinder weggezogen, und vielleicht unglücklicherweise sogar der Partner verstorben ist. Im Obergeschoss eines Einfamilienhauses werden Schlafzimmer und die beiden Kinderzimmer und vielleicht ein Bügelraum zur Vermietung fit gemacht – so dass sich alle Pilger gemeinsam das eine Bad auf der Etage teilen müssen. Ähnlich fand ich es in Itero de la Vega in der Albergue Hogar del Pelegrino vor. Zwei Betten je Zimmer, drei Zimmer und ein Bad – und dann die einzige Herberge im Ort, die geöffnet hat. Da gehst du nach 30 Kilometern nicht noch einmal geschwind 6 Kilometer in der Hoffnung, dass sich etwas besseres findet. Inka, eine in Cambridge lebende Polin, mit der ich seit Stunden den Weg geteilt hatte, hatte nicht reserviert. Bisher hatte es immer geklappt. Aber nun war die Herberge voll. Also schlug ihr der Hausherr vor, auf dem Sofa in der Küche zu schlafen. Er würde nachts mit einem Vorhang, der schon für solche Zwecke angebracht war, die Küche teilen, und nichts würde ihren seligen Schlaf nach 30 Kilometern stören. Inka, die ursprünglich Kathrinka heißt, wanderte keine 6 Kilometer mehr weiter. Und als ich am nächsten Morgen aufbrach, schlief sie noch selig. Muss also nicht schlecht gewesen sein.

Allberga San Saturnino, Ventosa

Ich bin auch nur so früh aufgebrochen, weil sich der Pilger, mit dem ich mir mein Zimmer teilte, schon um 5:30 Uhr hinaus geschlichen hatte und verschwunden war. Da war allerdings an Schlaf nicht mehr zu denken. Aber er war am Vorabend auch erst um 20 Uhr eingetroffen. Insofern war die geteilte Nacht nur halb so schlimm. Und für 20 Euro das Bett im halben Zimmer kann man sich ja auch nicht beschweren. Aber, es ist schon lustig, wenn die Herbergsmutter herumgeht und im Zimmer auf jedes Bett zeigt: 20 Euro, 20 Euro, 20 Euro…
All diesen Erlebnissen stehen wunderschöne Hotels in Burgos oder auch in Hontanas gegenüber. Also mal ehrlich, für mich ist ein geteiltes Zimmer alle paar Tage, oder ein geteiltes Bad alle paar Tage öfter, nicht schlimm, aber genug Abenteuer.

Apropos Abenteuer, heute ist meine 15. Etappe und damit Bergfest. Bergfest der Tage. Bergfest des Weges dürfte schon gestern gewesen sein, als ich 400 von knapp 800 Kilometern hinter mir hatte. In El Burgo habe ich mir dafür ein kleines, aber feines Motel ausgesucht, 42 Euro. So dachte ich zumindest den ganzen Tag über. Und freute mich darauf. Aber jetzt, wo ich ankomme, stehe ich an einer Tankstelle von Avis mit einem Trucker-Hotel und laufenden Motoren von zig Trucks auf dem riesigen Parkplatz. Na, das ist doch mal eine Überraschung. Bergfest an der Quelle der fossilen Brennstoffe in einer Welt, die gegen die Klimaerwärmung kämpft. Das blende ich jetzt mal aus und feiere mit einer Flasche Roja den Gipfel meiner Pilgerfahrt, auf der ich 800 Kilometer durch das heiße Spanien laufe und mein ökologischer Fußabdruck demzufolge gleich einer wunderschönen Null ist. Keine Zivilisationsschelte, schließlich sind ja auch die meisten Pilger, wie ich, mit dem Flugzeug oder dem Zug aus Hamburg, Paris, Vancouver, Denver, Mexico City, Brasilia oder Ljubljana hierher gekommen und haben erst mal einen saftigen, ökologischen Fußabdruck produziert. Den sie hier zur eigenen Erleuchtung und den Erhalt der Schöpfung Tag für Tag fleißig ablatschen. Übrigens das Zimmer in dem Trucker-Motel ist gar nicht schlecht. Und die Küche sieht auch sehr gut aus.

Erkenntnis des Tages. Das Leben ist voller Überraschungen.

Albergue LaMorena in Ledigos