Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion, Max

„Non nobis Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam“ ( Nicht uns, oh Herr, nicht uns, sondern Deinem Namen gib die Ehre, Motto der Templer, Psalm 115,1)

Von Villalcazar de Sirga nach Ledigos, 14. Etappe, 30 Kilometer

„Eine Reise ist immer ein Akt der Wiedergeburt“, schreibt Paulo Coelho. „Du wirst vor vollkommen neue Situationen gestellt. Der Tag vergeht viel langsamer. Und zumeist verstehst du die Sprache nicht, die die Menschen sprechen. Genauso wie ein Kind, das aus dem Mutterleib kommt. Unter solchen Umständen misst du dem, was dich umgibt, eine viel größere Bedeutung bei, da dein Leben davon abhängt, Menschen gegenüber offener zu sein, weil sie dir vielleicht in schwierigen Lagen helfen können. Du nimmst das kleinste Geschenk der Götter mit so großer Freude auf, als ob es das größte ist, was dir das Leben gibt“, schreibt der brasilianische Schriftsteller. „Reich wirst du, da alles neu ist, der Schönheit der Dinge gewahr. Und bist glücklich darüber zu leben. Daher ist die Wallfahrt seit jeher eine der besten Formen, um zu Erleuchtung zu kommen“, so Paulo Coelho. Und er schreibt noch etwas von Sündenablatschen, das wir uns hier mal sparen. Seinen Jakobsweg 1986 bezeichnet er als Wendepunkt seines Lebens und Abkehr von einem mittelalterlichen Orden.

Tatsächlich kann man der Frage der Erleuchtung, oder sagen wir es einmal einfacher der Religion, auf dem Jakobsweg nicht entgehen. Schon alleine, weil man immer mal wieder in Nachrichten aus oder in Gesprächen mit den Zuhausegebliebenen gefragt wird: „Und bist du nun erleuchtet?“ Oder: „Wie ist die innere Einkehr?“ Blödsinnige Fragen. Ich sehe rot aus von der Sonne, aber ich bin nicht erleuchtet, oder? Wahrscheinlich scherzhaft dahingeworfen. Was soll man auch jemanden fragen, der pilgert? „Wie war Schottland gegen Deutschland?“ „Keine Ahnung, bin in Spanien.“

Tatsächlich spielt der Glaube auch in Gesprächen mit anderen Pilgern immer wieder eine Rolle. Spätestens bei der Frage „Warum bist du hier?“ kommt die Stunde der Wahrheit. Viele versuchen sich ja an einer Antwort vorbei zu mogeln. Manche brummeln „Firlefanz“. Manche werden nachdenklich. Aber ganz im Inneren kommt man nicht umhin, sich mit dem Glauben zu beschäftigen. 80 Prozent der Jakobsweg-Pilger sollen angeblich wegen der Religion hier her kommen. Da habe ich wohl bisher nur mit den restlichen 20 Prozent Kontakt gehabt. Aber was sagt man schon auf die Frage „Wie hältst du’s mit der Religion, Max?“ auf dem Jakobsweg? Um so mehr, wenn man nicht von seiner inneren Stimme gefragt wird, sondern von einem Umfrage-Institut. Ich habe jahrelang Meinungsumfragen in Auftrag gegeben, mir Fragen ausgedacht, Umfragen ausgewertet. Niemals haben viele Menschen angekreuzt, eine extremistische oder rechtsextremistische Partei zu wählen. Die Wahlergebnisse sahen dann oft ganz anders aus. Jüngste Entwicklungen einmal beiseite gelassen.

Also sagen wir mal, ein Gutteil der Menschen, die auf dem Camino de Santiago gehen, haben religiöse Gründe. Insbesondere, wenn man aus Süd- oder aus Nordamerika hierher anreist. Da muss es schon ein bisschen mehr sein als: Ach, ich geh mal Wandern. Ja, ich habe auch irgendwo hinter Puente la Reina ein Pärchen getroffen, bei dem die Frau ständig murmelte und je näher ich heran kam, desto deutlicher klang das Ave Maria zu mir herüber. Die Frau betete einen Rosenkranz hoch und runter. Viele Sünden? Oder fester Glaube!

Man kann der Religion auch deshalb gar nicht aus dem Weg gehen, weil sie ein Teil der Geschichte des Jakobsweges ist. Und weil am Wegesrand noch im kleinsten Nest den Pilger die größte Kathedrale erwartet. So wie gestern in Villalcazar de Sirga, wo die Kathedrale der Weißen Jungfrau steht – ein ganz unerwarteter Höhepunkt an meinem Pilgerziel. Unglaublich, und umwerfend. Aber hier kommt natürlich wieder die Geschichte ins Spiel. Nachdem sich der heilige Jakob 800 Jahre ausgeruht hatte und im Jahr 812 seine Gebeine von einem Eremiten unter einem Sternenregen wieder entdeckt wurden, ging es rund mit der Vertreibung der Mauren und der Christianisierung der Iberischen Halbinsel. Santiago – St.Jakob – wurde sehr schnell zu einem Pilgerziel von Päpsten und Königen. Da fiel schon mal rechts und links eine Kirche ab. Mal abgesehen von den ganzen Heilungen und Wundern. Und die Jakobsritter – genauer der Ritterorden des heiligen Jakobs vom Schwert – waren ja auch noch mit von der Partie. Da wurde schon mal die eine oder andere Schlacht gewonnen, für die man irgendjemanden danken musste. Und so säumen die Kirchen den Jakobsweg genauso häufig wie die Pilgerherbergen. Aber das betrifft ja eher die Kirche, in dem Fall zumeist die katholische Kirchen, als den Glauben.

„Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion. Du bist ein herzensguter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon?“ lautet die vielzitierte Frage von Gretchen an Faust und fordert ein Bekenntnis von ihm. Und was macht er? „Lass das, mein Kind, du fühlst, ich bin dir gut. Für meine Lieben ließ ich Leib und Blut. Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.“ Faust eiert rum. Genauso wie viele von uns herumeiern würden. Also nix Neues unterm Sternenzelt. Wer vermag heute ein Bekenntnis zu geben? Wozu auch immer. Doch Margarethe lässt nicht locker: „Das ist nicht recht, man muss dran glauben.“ Nach noch ein bisschen hin und her, die Priester und die Kirche beschimpfend, lässt sich Faust schließlich zu einem halbgaren Bekenntnis breitschlagen und antwortet: „Erfüll dein Herz, so groß es ist. Wenn du ganz in dem Gefühle selig bist. Nenne es dann, wie du willst. Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott. Ich habe keinen Namen dafür. Gefühl ist alles, Name ist Schall und Rauch…“ Ja, hätten wir damals mal unseren Faust gelesen, dann würden wir heute beim Herumeiern nicht so ein schlechtes Gewissen bekommen.

Und mal ganz ehrlich, die nachträglichen Reparaturen sind doch zumeist auch nur für die Öffentlichkeit oder die Kirche. Zumal wenn sie den einen oder anderen Politiker betreffen. Alle Leser dieses Blogs natürlich dezidiert ausgeschlossen. Kürzlich erzählte mir jemand ganz euphorisch, dass er sich mit der gesamten Familie bei einer Taufe in einem See durchbaden lassen habe. Er nannte das natürlich anders. Schön, dass die protestantische Kirche wieder zur ursprünglichen christlichen Taufe zurückfindet. Nun kann der junge Mann mit seiner jungen Frau und seinem Kind in politischen Kreisen auf die Frage „Wie hältst du’s mit der Religion?“ sagen „Ich bin protestantisch.“ Schön. Am Anfang steht der See. Ein bisschen überraschend so eine Spättaufe, aber mit Jahren von Kirchenbeirägen, die der Staat auch noch eintreibt, verwächst sich das. Doch, ist das der Glaube für sich selbst? Wünschen wir es ihm. Oder für die Institution? Und damit ist nicht die Partei, sondern eher die Kirche gemeint oder beides.

In manchen Parteien, die „christlich“ sogar im Parteinamen tragen, nimmt das mitunter kuriose Züge an. Angela Merkel erzählte mir einmal, dass ihr bei der Wahl des ersten CDU-Landesvorstandes in Mecklenburg-Vorpommern während des Wahlgangs zugeraunt wurde: „Keine Katholiken mehr wählen.“ Mit Alfred Gomolka, später erster Ministerpräsident in Schwerin, Rainer Prachtl, kurz darauf Landtagspräsident, und Eckhardt Rehberg, CDU-Fraktionschef, war die Katholikenquote gut erfüllt. Die Pfarrerstochter aus Templin hingegen, bei der sich durchaus vermuten lässt, dass sie den Glauben mit der Muttermilch eingesogen hat, zeigte sich bass erstaunt und später amüsiert. Was ihr damals 1990 nämlich keiner gesagt hatte, war, dass es in CDU-Gremien nicht nur einen Proporz zwischen den Landsmannschaften Mecklenburg und Vorpommern, Stadt und Land, zwischen Kreisverbänden und ja bestenfalls sogar in der Ausbildung und wissenschaftlichen Herkunft geben sollte, sondern sogar zwischen Protestanten und Katholiken. Die Frauenquote spielte 1990 in der CDU noch keine Rolle. Wie komme ich nun vom heiligen Jakobus auf Angela Merkel?

Ich werde jetzt hier nicht ein großes Glaubensbekenntnis ablegen, mein lieber Martin Scriba, dann wäre ich ja kaum besser als die Geldwechsler und Händler, die ein jüdischer Wanderprediger einst aus einem Tempel in Jerusalem verjagte. Aber nur zu berichten, was für mich heute am Sonntagmorgen, den 16. Juni, an dem ich um 7 Uhr aufgebrochen bin, ein weiteres Mal am Camino reizt, das wäre auch zu wenig. Natürlich ist es die Ruhe, es ist die Natur, die Landschaft, es ist der neue Morgen, es ist die Geschichte, die hier atmet, das Abenteuer. Alles schon beschrieben. Aber natürlich beschäftigt mich gerade hier auch die Frage, wie ist denn nun mit dem Glauben, mein lieber Maxe. Und wenn ich heute das angeblich langweiligste Stück des St.James Way zurück lege, 17 Kilometer hinter Carrión de Los Condes schnurgerade durch eine flache Landschaft ohne jeden Ort, fallen mir darauf natürlich 1000 Antworten ein. Jede 20 Schritte eine. Und Fragen. Auch die, warum uns Ost-Kindern andere Institutionen zugewiesen wurden. Sozusagen Ersatzreligionen.

Die Antwort, kann man natürlich zeitgeschichtlich schnell beantworten. Aber sie ist nicht schwarz-weiß. Bei uns im Dorf auf einen kleinen Berg im Thüringer Wald war es so, dass alle meine Mitschüler in der Kirche und bei den Jungen Pionieren waren. Nur eben der Sohn des Schulleiters war nicht in der Kirche, und der Sohn des Pfarrers selbstverständlich nicht bei den Pionieren. Da stellt sich doch die Frage, wer von uns beiden war das Systemkind? Oder waren wir es beide und alle anderen nicht, weil sich ihre Eltern durchgeschmuggelt hatten? Jetzt wird’s philosophisch.

Sagen wir mal, die innere Diskussion mit dem eigenen Ich ist meine Annäherung an den Glauben. Und wenn der Zollstock des Lebens nur noch knapp 20 Zentimeter misst – das hoffe ich mal, lieber Gott, da musst du mir was versprechen – dann denkt man ohnehin weniger an das Hätte, Wäre, Könnte, und mehr an das Ist. Und das ist derzeit genau das, was ich mir für die ersten Wochen nach dem Job vorgestellt habe. Auch wenn mir gelegentlich frühmorgens um Sieben der ein oder andere Co-Pilot im Kindergarten- oder Schultaxi fehlt.

In Ventosa las ich einen Spruch an der Tür zum Gemeinschaftsbad in der Pilgerherberge. „Möchtest du nach dir kommen?“, stand darauf. Klar, bezogen auf eine konkrete Situation eine Ermahnung. Jetzt ist der Koslik auf das Niveau von Klo-Sprüchen gesunken, denkt ihr wahrscheinlich. Aber kann man das nicht auch, bezogen auf die Welt und auf das Leben, als einen Hinweis von ganz Oben lesen? Kann man das am Ende des Tages als die Frage der Fragen des Glaubens verstehen? „Möchtest du nach dir kommen?“ Hinterlassen wir unsere Welt und unser Leben so, dass wir getrost wiederkommen können, wenn es jemand da oben so will?

Erkenntnis des Tages: Auf 17 Kilometern ohne Mensch und Dorf kommt man ganz schön ins Nachdenken.

Der Camino quer durch eine Kirche

Der Weg ist immer besser als die schönste Herberge. (Miguel de Cervantes)

Von Hontanas nach Itero de la Vega, 12, Etappe, 22 Kilometer

Einer der ungewöhnlichsten Anblicke auf den Etappen des Jakobsweg ist ganz sicher der Camino de Santiago durch die Klosterkirche von San Antonio. Genau durch die gotischen Bögen, die über dem Jakobsweg aufsteigen und einst die Kirche mit dem Pilgerspital verbanden. Eigentlich eine Attraktion. Der Jakobsweg quer durch die Kirche. Mehr geht nicht. Aber so richtig ist hier nichts los. Durch die Fenster im Mauerwerk schaut die Hochebene der Iberischen Meseta.

Das Frauenkloster de San Antonio war im 12. Jahrhundert eine Gründung des Antoniter-Ordens und für Heilungen der Pilger bekannt. Aber so recht erfolgreich war der Orden nicht, das Antoniusfeuer führte eher in den Himmel als zum längeren Dasein auf Erden. Heute ist der Bogen über dem Jakobsweg eher eine Informationstauschbörse durch hinterlassene Zettelchen in den zahlreichen Nischen im Mauerwerk. Aber selbst das dürfte im Zeitalter von Instagram und WhatsApp längst Vergangenheit sein.

In „Die walfart und Straß zu Sant Jacob“ beschrieb der deutsche Servitenmönch Hermann Künig von Fach auf seiner Pilgerschaft 1494 in Versform in seinem Pilgerbuchs „Ich bin dann mal weg“ den Ort Castrojeriz mit folgenden Worten:

„Über eine halbe Meile findest du ein Schloß heißt Fritz.
Auf Deutsch ist es geheißen die lange Stadt
darin man vier Spitäler hat.“

Erstaunlich lang ist Castrojeriz geblieben. Für frühere Pilger war es eine wichtige Station von Spitälern mehrerer Ordensgemeinschaften. Heute soll man in dem Ort neue Kräfte schöpfen, um den langen Anstieg auf den Alto de Mosterales zu bewältigen, in 1040 Meter Höhe. Eine der schönsten Etappen um diese Jahreszeit. Viele Pilger überspringen die Meseta-Hochebene im Sommer, weil dann die blühende Felder verbrannt, die Mohnblumen verblüht und die Erde verdorrt ist. Aber Jetzt ist Jetzt. Und im Jetzt liegt die Schönheit des Weges.

In Itero de la Vega ist nur noch eine Albergua geöffnet und die ist knüppelvoll. Also alle acht Betten belegt. Sogar die Küche mit dem Sofa wird vermietet. Nummer neun. Auch ich muss mir hier das Zimmer teilen. Na, da bin ich ja mal gespannt. Da ist es wieder: Die Summe aller seiner Bestandteile macht den Tag.

Erkenntnis des Tages: Im Jetzt liegt die Schönheit des Weges.

Roter Mohn, das ist der Jakobsweg

Pilger sind Menschen, die sich für das mehrfache Jahresgehalt eines pakistanischen Textilfacharbeiters, die von diesem hergestellten atmungsaktiven Schuhe, Goretexhosen und Trekkingrucksäcke kaufen, und damit auf dem Rücken der dritten Welt die Luxusprobleme der ersten Welt wegwandern. (Karsten Dusse, „Achtsam Morden am Rande der Welt“)

Von Burgos nach Hontanas, 11 Etappe, 31 Kilometer

Manchmal hat es ganz den Anschein, dass sich die etwas größeren Städte am Wegesrand mit den Jakobsweg schwer tun. Klar, die tausenden Pilger im Jahr füllen auch hier die Herbergen. Aber kaum hat man den Stadtrand erreicht und will hinein ins Getümmel, so sucht man verzweifelt nach den gelben Pfeilen oder den Strahlen der Jacobsmuschel. Klar, so eine Stadt hat ein paar mehr Abbiegungen und Seitenstraßen, und es ist wahrscheinlich auch eine Frage des Aufwandes oder des Geldes im Stadtsäckl, an jeder Einbiegung ein Zeichen zu setzen. Aber aus der Sicht des Pilgers ist es eben schwer, sich im Gewirr der Gassen zurecht zu finden, zumal sich Herbergen mit dem Jakobswegzeichen schmücken, ohne dass man sicher sein kann, dass dort wirklich der Weg entlang läuft. Dazu kommen die örtlichen Stadtplaner. Reine Künstler, sage ich. Da wandelt sich die nunmehr schon seit hunderten Kilometern bekannte Muschel plötzlich in eine wunderschöne Schmiedearbeit aus Stahl, die nur keine Sau als Wegzeichnung erkennt. Also zumindest nicht so ein unbedarfter Kunstbanause wie ich. Oder jemand findet es lustig, in Logroño mannshohe Pilger aufzustellen – aus Stahl natürlich, deren Nase in Wegesrichtung zeigt. Ja, woher soll der Pilger das wissen, wenn er das erste Mal in In eine Stadt kommt? Immer der Nase nach? Lustig.

In Burgos geht es, Jakobus sei Dank, immer an den Fluss Arlazón entlang. Und ganz anders als mein Kumpel Christian es beschrieb, ging es gar nicht durch Industriegebiete, sondern immer schön durch den Stadtpark bis direkt zum Hotel. Heute Morgen muss ich allerdings die Einfädeln zum Camino de Santiago wieder finden, und das stellt sich ebenfalls als nicht ganz ohne heraus. Aus der Stadt komme ich recht schnell, aber die Pilgerzeichen sehe ich nur sporadisch. Dank Google Maps gar kein Problem, aber das kostet halt Akku. Wenn jemand tatsächlich diesen Blog liest, und tatsächlich mit dem Gedanken spielt, dann merken: Ein starker Ersatzakku wäre eine gute Idee.

Komisch, hinter der Stadt ist wieder alles klar. Ein gelber Pfeil auf die Straße gemalt, kann ja eigentlich nicht die Welt kosten. Aber wer weiß, was gelbe Farbe in Spanien kostet. In Burgos Villalbilla sehe ich auf dem Dach eine Feldsteinkirche sogar ein Storchenpärchen. Oder sind das die ersten Geier, die auf den erschlafften Pilger harren? Doch dann kommt es. Ein Riesenautobahnkreuz. Natürlich hören hier die Jakobswegzeichen prompt auf. Wie soll man sich denn hier zurechtfinden? Vorsichtig, länglich Leitplanke entlang, die mir jetzt mein Google Maps zeigt, taste ich mich über und unter Brücken hindurch. Was hat sich Spaniens Fremdenverkehrsverband denn dabei gedacht? Konnte sich mal wieder der Tourismusminister nicht gegen den Verkehrsminister durchsetzen? Das ist ja lebensgefährlich. Und wahrscheinlich hätte man auch hier eine gute Lösung finden können, wenn schon Millionen in ein solches Kreuz gesteckt werden.

Doch kaum habe ich die richtige Ausfahrt genommen, seltsamerweise spricht auch das Wander-GPS plötzlich von „Fahren“, ist der Spuk wieder vorbei. Und wie vom Himmel gefallen, gelbe Pfeile, gelbe Pfeile, gelbe Pfeile. Wie schön, hier begegne ich auch Nico aus Berlin wieder, mit dem ich schon einmal eine Strecke hinter Puente la Reina gegangen bin. Er berichtet mir, dass er drei Tage aussetzen musste, weil er sich in einem überfüllten Schlafsaal im Logroño eine Grippe geholt habe. Nico hatte hinter Puente la Reina noch eine Kollegin dabei, die ist aber schon in Viana kleben geblieben. Die Füße.

Umgehend möchte er von mir wissen, warum ich den Weg gehe. Das ist mir jetzt aber doch ein bisschen zu schnell und zu nahe. Ich nuschele etwas von Abstand und Jobende und neuer Abschnitt und neuen Wegen. Ich will doch nicht einem dreißigjährigen Berliner hier nach drei Minuten mein Herz ausschütten. Aber dann kommt es. Er sei aus ganz vielen Gründen auf dem Weg, erzählt er mir. Sein Bruder sei vor zwei Jahren an der ersten Schutzimpfung gegen Covid gestorben. Seine Tochter habe eine schlimme Hautkrankheit. Sein Chef hat kein Verständnis für ihn. Er habe nicht einmal für den Camino Urlaub erhalten, so dass er eben unbezahlt frei genommen habe. Und er habe in den letzten vier Wochen keine zwei Tage am Stück frei gehabt. Er arbeitet bei einem privaten Pflegedienst. „Mal früher Feierabend hab ich eigentlich nur, wenn ein Patient stirbt“, sagt Nico. Wow, das ist jetzt aber mal eine Packung. Da ist jemand vom Unglück verfolgt. Oder fühlt sich verfolgt. „In jeder Kirche, die mir hier begegnet, bete ich für meinen Bruder und für meine Tochter“, berichtet Nico. Nach der Mutter seiner Tochter frage ich ihn mal lieber nicht.

Bete ich mal für ihn, dass er hier auf dem Weg ein wenig Zufriedenheit findet, und er sich nicht mehr ganz so als Zielscheibe der Ungerechtigkeit der Welt fühlt. Irgendwo in Rabé las Oalzadas bleibe ich an einer riesigen Kirche stehen. Ich fotografiere ein wenig. Mitglieder der Kirchgemeinde hängen gerade Fotos an den Mauern auf. Nico zieht weiter. Vielleicht hat er das Beten heute ausgesetzt.

Man sieht auf dem Weg ganz selten Gruppen. Hier und da geht mal ein älteres Pärchen, das sich gegenseitig hilft. Dann trifft man zwei junge Mädchen, die sich ja immer etwas aus ihren reichhaltigen Erfahrungen zu erzählen haben. Aber die meisten Pilger gehen alleine, suchen ihren Weg, und sind fest in ihren Gedanken versunken. Auch ich ordne mir hier in meinem Kopf ein Bild von meiner Welt, von den Menschen um mich herum. Irgendwie setzt sich das alles zusammen wie in einem Puzzle. Mal greift ein Teil in das andere, mal muss ich es beiseite legen, um es später wieder aufzuheben. Ich bin so gespannt, was für ein Bild am Ende entstehen wird. Eines weiß ich allerdings schon jetzt, den Camino de Campostela betritt man nicht voller Sorgen und verlässt ihn voller Zufriedenheit. Man kann bestimmt seine Welt ordnen, weil man sich hier einmal im Leben, einmal im Jahr, einmal überhaupt die Zeit dafür nimmt. Aber man ändert hier nicht seinen Chef und die ganze Welt, Nico. Wenn wir viel Glück haben, ändern wir uns ein bisschen und der heilige Jakobus hilft uns dabei. Aber der Jakobsweg wird unsere Welt nicht verändern. Wenn wir zurück sind, wird sie genauso da sein, wie wir sie verlassen haben. Die Frage ist nur, ob wir sie noch genauso sehen.

Die heutige Etappe ist traumhaft schön. Nach Tardjajos und Hornillos del Camino wandere ich hinauf auf die Hochebene der Mesata und hinein in das Dorf Hontanas. Hier sollen angeblich vor 20 Jahren noch keine Autos gefahren sein, nur Pferdefuhrwerke. Das Dorf ist tatsächlich ziemlich ausgestorben. Aber der Weg dahin voller roten Mohn links und rechts. Ich höre das Lied „Roter Mohn“ von Rosita Serrano aus dem Jahr 1938, das später noch einmal durch die junge Marianne Rosenberg neu interpretiert wurde. Unbedingt anhören! Die Kirchenglocken läuten, während ich schreibe…

Erkenntnis des Tages: Der Jakobsweg verändert nicht die Welt, aber vielleicht unsere Sicht auf sie.