Achtsam Morden auf dem Jakobsweg

Wir alle sind Pilger, die auf ganz verschiedenen Wegen einem gemeinsamen Ziel zuwandern. (Antoine de Saint-Exupéry)

Von Ibeas de Jurraos nach Burgos, 10. Etappe, 15 Kilometer

Es ist wirklich besser, am frühen Morgen zu laufen, da knallt die Sonne noch nicht so, geben Pilgerführer gerne Rat. Hey, wieso „da knallt die Sonne noch nicht“? Heute Morgen sind es hier in Ibeas genau 6 Grad Celsius. Ich suche meine Strickunterhosen. Die ich natürlich nicht dabei habe. Ja, nicht mal habe. Ich habe zu Hause ja auch noch extra die etwas dickere Jacke ausgepackt, um sie unter der spanischen Sonne nicht 800 Kilometer weit schleppen zu müssen. Also hilft nur das Zwiebelprinzip. Ein langes Sweatshirt, T-Shirt, dünne Jacke, lange Hosen, Käppi… Doch die Zwiebel friert immer noch. Was für ein unerwartetes Dilemma.

Aber würde ich nicht genauso jammern, wenn es um 8 Uhr schon 28 Grad wären? Man kann es halt den Menschen nie recht machen. Dem Pilger im Allgemeinen schon gar nicht.

Heute geht es nach Burgos. Ich habe von Ibeas extra nur 15 Kilometer Weg eingeplant, damit ich mir die erste größere Stadt auf dem Camino näher anschauen kann. Zudem gab mir mein langjähriger Kollege Christian noch den Tipp, am Stadtrand doch den Bus zu nehmen. Bevor der Pilger kilometerlang durch Industriegebiete und an Autohäusern vorbei schlurft. Es geht ja schließlich nicht um den heiligen SEAT, sondern um den heiligen Jakobus.

In der Pension begegne ich Zala aus Ljubljana. Ich habe die sportliche Frau mit den kurzen blonden Haaren bereits auf dem Weg gesehen. Als ich gerade mit der Wirtin berate, welchen Bus man am Stadtrand von Burgos nehmen könnte, damit man ins Zentrum kommt, schaltet sich Zala ins Gespräch ein. Die Wirtin konnte mir absolut nicht helfen, welches die richtige Busnummer sei, gab mir aber den wertvollen Tip, wenn ich an eine Bushaltestelle kommen sollte, dann doch die dort stehenden Spanier zu fragen. Zala aus Slowenien meinte nun wiederum, es sei besser mit dem Taxi zu fahren. Sie war gestern schon in Burgos, fand dort aber keine Unterkunft, und sei dann wieder die 15 Kilometer mit dem Taxi zurückgefahren.

Da frage ich mich doch umgehend, wie kommt man auf diese kleine, schlecht ausgeschilderte Pension in diesem kleinen Nest vor der Stadt, nach der ich gestern selbst erst einmal 10 Minuten suchen musste, weil sie in dem Häuserwirrwarr des Ortes nicht recht auszumachen war? Zala erzählte mir, dass sie bereits das dritte Mal auf dem Jakobsweg sei, und sich sozusagen auskenne. Aha. Aber keine Unterkunft in Burgos finden. Schließlich erzählte mir die Drefachpilgerin aus Slowenien, dass sie gestern 45 Kilometer gegangen sei. Wow. Ja, und am Vortag seien es sogar 48 gewesen. Da habe ich also eine Kampfpilgerin getroffen.

Noch nie hat mir jemand erzählt, dass er 45 und 50 km am Tag ginge. Ich wurde ich vor einigen Tagen als verrückt erklärt, als ich eingestand, 35 Kilometer gegangen zu sein. Natürlich locker, ließ ich noch heraushängen. Obwohl locker… Nein, 20-25 km sind eher das normale Maß. Sonst kommt man ja gar nicht zu innerer Einkehr.

Diesen Ratschlag bekam ich zumindest in dem christlichen Hospiz in Villamayor von einer Schweizerin, Sibyl. Auch sie ist gerade in den Ruhestand gegangen, in den vorzeitigen, und will nun von ihrem Beruf als Lehrerin ein wenig Abstand bekommen. Erzählte sie mir. Und, dass sie auf die Idee mit dem Jakobsweg wegen eines Buches gekommen sei. „Achtsam Morden“ von Karsten Dusse. In Teil 3 der Reihe – „Achtsam Morden am Rande der Welt“ – beschreibt dieser, wie ein Mord auf dem Jakobsweg so am Rande passiert. Das ist eine neue Buch-Serie, die an sich sehr amüsant ist, weil sie Morde als Resultat einer psychoanalytischen Behandlung des Helden in den Mittelpunkt stellt. Aber ein solches Buch als Ausgangspunkt und Inspiration für den Jakobsweg? Das finde ich schon irgendwie komisch. Ich sehe mir meine Mitpilger jetzt doch ein bisschen genauer an und halte mich von Sibyl fern. Man weiß ja nie. Zumal der Romanteil mit den Worten beginnt: „Jeder Mensch, der geboren wird, stirbt. Das ist unglaublich beruhigend. Statt uns jeden Tag mit der Frage zu belasten, wann wir sterben werden, könnten wir uns auch jeden Tag an der Frage erfreuen, wie wir an all den anderen Tagen leben wollen.“ Zu Fuß ins Ich also…

Zurück zum Jakobsweg. Wenn ich es so recht bedenke, ist doch zwischen 20 beziehungsweise 25 Kilometern und 40 beziehungsweise 45 Kilometern so um die 30 Kilometer das richtige Schrittmaß, oder nicht? Es kommt natürlich immer darauf an, dass es passt. Und 28-32 Kilometer passen für mich halt. Sieben Stunden Nachdenken am Tag ist doch eine gute Denkphase, oder?

Und wie gesagt, zwischendurch begegnet man ja immer wieder Pilgern, die gerne zu einem kleinen Plausch bereit sind. Und immer wieder lernt man Menschen kennen, die eine spannende Geschichte mit sich herumtragen. So wie gestern Paula aus Atlanta, Georgia, die mir erzählte, dass sie auch schon mal in Deutschland gelebt habe. In Wiesbaden. Aha. Sie habe dort Volleyball gespielt. Ja, aha. Wer spielt nicht alles irgendwann mal in seiner Jugend Volleyball? Sie kenne auch Schwerin. Aha. Vom Volleyball. Oh, jetzt wird’s interessant. Wo sie denn Volleyball gespielt habe, will ich wissen. In der ersten Bundesliga der Frauen, sagt sie, beim VC Wiesbaden. Na, die flunkert doch, denke ich mir noch, obwohl sportlich sieht sie aus. Als Profi, sagt sie, sie ist Paula Gentil, und hat 2008-2009 für Wiesbaden gespielt. Das muss ich doch flugs bei Dr. Google nachschlagen, und ja, es stimmt.

Paula Gentil war dreimalige All-American und führte Minnesota zu zwei Final Four-Teilnahmen. Sie stellte 2004 den NCAA-Saisonrekord auf, lese ich nach. Und jetzt arbeitet die 41-Jährige in der Biomedizin und braucht eben mal eine Auszeit. Also ein Selfie zum Angeben.

Das Foto habe ich natürlich gleich meinem Freund Ingo geschickt. Der kennt sich in Volleyball aus. Und wenn man auf dem Jakobsweg schon mal einer lebendigen Heiligen der NCAA begegnet, dann muss man doch damit angeben. Natürlich habe ich es nicht so einfach gemacht, sondern ganz scheinheilig gefragt, ob er die Volleyballerin an meiner Seite erkenne. Fabiana Oliviera kam es sofort wie aus der Pistole geschossen zurück, zweimal Olympiagold für Brasilien. Wer ist nun wieder Fabiana Oliviera? Na, vielleicht morgen…

Genau von meinem Hotelbalkon in Burgos (50 Euro) blicke ich auf die Brücke Santa Maria, die auf das Arco Santa Maria, das Tor Santa Maria, hinführt. Dahinter ist schon von hier die Kathedrale von Burgos zu sehen, natürlich am Plaza de Santa Maria. Sie gilt als eine der größten Glaubensburgen Spaniens, zusammen mit Sevilla und Palma de Mallorca. Im gotischen Zuckerbäckerstil seht sie der Sagrade de Familía von Antoni Gaudi in Barcelona in nichts nach. Und ist natürlich Weltkulturerbe. Nur der französische Baumeister ist nicht bekannt. Für ein Bauwerk, das Jahrhunderte bis zur Fertigstellung brauchte, ist sie ziemlich wie aus einem Guss. Alles andere kann man nachlesen. Witzig sind wie so oft die Details im Inneren. Außer, dass das Hauptschiff völlig verbaut ist, findet sich hinter der Doppelturmfassade ein kleines Wahrzeichen in solcher Höhe, dass man den Kopf in den Nacken legen muss: der Fliegenschnapper. „Papamoscas“. Zur vollen Stunde öffnet die sehr realistische Nachbildung eines mittelalterlichen Gauklers zu jedem Glockenschlag den Mund und schließt ihn wieder. Allerdings behaupten die Einheimischen, die wirkliche. Fliegenschnapper ständen unten im Kirchenschiff, die die Figur mit weit geöffneten Mündern bestaunten. Wer weiß. Ich hab ihn nicht schnappen gesehen.

Bekannt ist Burgos auch für seine Speisen, z.B. Morcilla de Burgos, eine Art Blutwurst mit Reis, Zwiebeln und Schmalz, die in Scheiben geschnitten warm gegessen wird. Gerne auch auf einem Bett aus Kartoffeln und mit lange durchgekochtem Schweineohr und Schweineschnauze serviert. Blutwurst probiert, lecker. Schweineohr ignoriert, besser. Eine tolle Stadt, die man überhaupt nicht auf dem Schirm hat.

Natürlich lebt man auch als Pilger in Spanien nicht ganz abgeschieden von den Nachrichten aus der Welt und vor allem aus Deutschland. Habe gestern einen Tweet von Patrick Dahlemann, Chef der Staatskanzlei in Schwerin und Vertrauter von Manuela Schwesig, verfolgt. Dahlemann ist als SPD-Mann mit einem Dreierbündnis mit Links-Genossen in seinem neuen Heimatdorf Mönkebude zur Kommunalwahl angetreten und brüstete sich nun seines großen Wahlerfolgs – und bekam postwendend die Hucke voll. Er hat zwar durchaus beachtliche 455 Stimmen bei den Kommunalwahlen erhalten, aber den großen Erfolg hatte in Wirklichkeitdie die CDU mit Christoph Bade mit 950 Stimmen. Diese ständigen Übertreibungen sind es, die die Leute aufregen… Und die die herkömmliche Politik unglaubwürdig machen. Und wenn es dann schiefläuft, sind die anderen Schuld, z.B. der Bund.

Erkenntnis des Tages: Man weiß nicht immer, wer der wirkliche Fliegenschnapper ist. Mitunter man selbst.

Die Gewerkschaft des Himmelreichs lässt grüßen

Most of the time, when you don‘t get answer, it’s because you didn‘t find a good question.

Von Ciruena über Santo Domingo nach Belorado, 8. Etappe, 26 Kilometer

Santo Domingo de la Calzada ist nach dem heiligen Domingo benannt, der hier im Mittelalter ein Hospiz für die Armen errichtete und sich ihrer annahm. Die romanisch, gotische Kathedrale auf dem Domplatz ist ihm gewidmet. Aber wenn man die malerische Altstadt betritt, kommt man zuerst an der Monasterio Cisterciense aus dem 17. Jahrhundert vorüber, der Pilgerherberge des Zisterzienserklosters. HaPe Kerkeling behauptet in seinem bekannten Buch aus dem Jahr 2001, dass er hier einmal von vier Uhr bis sechs Uhr morgens in einer sehr unerquicklichen Situation eingeschlossen gewesen sei. Weil er frühmorgens nach Stunden von Schlaflosigkeit, geschuldet dem Schnarchen anderer und laufender Toilettenspülung, aus der Klosterherberge mit ihren fünf Schlafsälen zu je neun Betten flüchten wollte, packte er voller Hast seine Sachen und nichts wie raus. Laut schlug die schwere Klosterpforte hinter ihm ins Schloss. Wo er nur zwei Meter vor sich ein festverschlossenes Gitter vorfand. Ja, es ist halt ein Nonnenkloster. Doppelter Verschluss von innen – und von außen. Dort saß der sonst stets zu Scherzen aufgelegte Pilger zwei Stunden in der Kälte gefangen. Bis punkt sechs Uhr die Dienst-Nonne das schwere Gitter öffnete. So beschreibt er es zumindest. Eine Geschichte, die sich bei Prüfung der näheren Umstände durchaus so zugetragen haben könnte. Wie ein Foto zeigt. Hundekalt ist es jedenfalls heute Morgen hier auch.

Monasterio Cisterciense

Überhaupt scheint die Obernonne des Monasterio die Pilger gerne ein wenig zum Narren zu halten. Da steht doch am festverschlossenen Eingangstor ein durchaus pilgerfreundlicher Hinweis „Klostergebäck, Wein, Mandeln, Nüsse, Quitte zum Verkauf am Eingang der Hospederia, Calle Pinnar Nr. 2“. Also stiefel ich los, an sechs Meter hohen Mauern vorbei bis zur Calle Pindar. Was ich nicht finde, ist das Klostergebäck. Die Klosterbäcker hatten wahrscheinlich gestern, am Sonntag, frei. Gut kein Gebäck. Nur Gepäck.
Auch ansonsten höre ich wohl den Gottesdienst und die Litaneien im Inneren, aber von Außen ist nur zu lesen: Türzeiten von 11 bis 13:30 Uhr. Na, dann eben nicht. Ich habe ja meinen Kummerstein, erzähle ich eben dem alle Geheimnisse. Da wird sich Gott ganz schön ärgern. Ich wusste doch schon immer, die katholische Kirche ist nichts für jeden. Das wundert mich schon seit Tagen. Es stehen zwar wundervolle Gotteshäuser, ja Kathedralen am Wegesrand, aber man kommt nicht hinein. Anders, als man es zum Beispiel aus Polen kennt, wo die Menschen vor dem Sündigen im Job schnell noch mal in die Kirchen flutschen. Oder in Südamerika, wo Familien ganze Tage in ihrer Kirche verbringen, und in Cusco sogar ein gebratenes Meerschweinchen auf dem Tisch des „Letzten Abendmales“ liegt. Kann man drüber nachdenken. OK, was will uns die spanische Kirche sagen? Du kommst hier net rein? Oder, auch Gott hat Öffnungszeiten? Oder einfach nur, die Gewerkschaft des Himmelreichs lässt grüßen. Und wenn es diese Gewerkschaft gibt, ist dann der Papst der Gewerkschaftsführer oder der Stellvertreter des CEO?

Die Kathedrale von Santo Domingo ist nicht nur groß und großartig, sondern sogar geöffnet. Hier entschließe ich nicht dann doch fünf Euro Eintrittsgeld zu investieren, vor allem wegen einer sonderbaren Geschichte. In der Kathedrale lebt in einem goldenen Käfig ein weißer Hahn mit Henne. Und das kam so:
Unter den vielen Pilgern nach Santiago de Compostela, die in St. Domingo de la Calzada Halt machten, befand sich im Mittelalter ein Ehepaar mit ihrem achtzehnjährigen Sohn Hugonell aus Xanten. Das Mädchen im Gasthaus, in dem die Familie untergebracht war, verliebte sie sich in ihn. Angesichts seiner Gleichgültigkeit beschloss sie Rache zu nehmen, so geht die Geschichte. Das habe ich mir nicht ausgedacht. So steckte sie einen silbernen Becher in sein Gepiick, und als die Pilger ihre Reise fortsetzten, zeigte das Mädchen den Diebstahl an. Das Gesetz des Mittelalters ahndete den Diebstahl von Silber mit der Todestrafe, sodass der unschuldige Pilger gehängt wurde. Mittelalter halt. Als die Eltern kamen, um ihren erhängten Sohn zu sehen, hörten sie plötzlich die Stimme ihres Sohnes. Der erzählte ihnen, dass der Heilige Domingo de la Calzada sein Leben gerettet hätte. Sofort gingen sie zum Richter der Stadt und berichteten ihm von dem Wunder. Ungläubig erwiderte dieser, ihr Sohn sei so lebendig wie der gebratene Hahn und die Henne, die er soeben verspeisen wolle. In dem Moment sprangen der Hahn und die Henne vom Teller, und fingen an zu gackern. Seitdem sagt man: „Santo Domingo de la Calzada brachte das Brathähnchen zum gackern!“ So kamen der Hahn und Henne in den Dom.

Eine weitere Legende besagt, wenn ein Pilger den Dom betritt und der Hahn kräht, dann ist ihm Santiago de Campostela sicher. Nach mir kräht kein Hahn. Muss ich mich eben auf mich verlassen, und auf alle, die mir die Daumen drücken. Das ist auch genug. Vielleicht hätte ich 15 Euro Eintritt geben sollen. Irgendwie erinnert mich der goldene Käfig an den Käfig in dem ein anderer Pilger 2001 vor dem Monasterio Cisterciense für zwei Stunden eingeschlossen war. Fällt mir jetzt gerade nicht ein.

Erkenntnis des Tages: Auch wenn kein Hahn nach dir kräht, geh Deinen Weg.

Die Kathedrale von Santo Domingo

Die schreckliche Nacht im Schlafsaal

El camino comienza en su casa. (Der Weg beginnt in Ihrem Haus, lautet die spanische Antwort auf die Frage, wo der Jakobsweg beginnt.

Von Ventosa nach Ciruena, 7. Etappe, 27 Kilometer

Um 5:30 Uhr knallen die Türen. Stand da gestern nicht in der Albergue San Saturnino an jeder Tür auf einem Schild, dass hier Nachtruhe von 22 Uhr bis 6 Uhr gilt? Das sind bestimmt die Koreaner, die gestern Abend die Küche besetzt hielten. Hoch lebe das Vourteil.

Ja, jetzt ist es passiert. Meine erste Nacht im Dormitio. In Ventosa, etwas abseits vom Weg kurz hinter Navarete habe ich mir ein Bett im Schlafsaal gemietet. Der Pilger im allgemeinen ist ja ein armes Wesen. Kürzlich stieg ich sogar in einer sehr christlichen Herberge in Villamayor ab. Wir haben vor dem Essen für die Köchin gebetet, was das Zeug hielt. Doch heraus kam etwas, was zum Teil noch gekocht hätte werden müssen, und zum Teil die Konsistenz eines Babybreis hatte, den jeder auch noch so zahnlose Pilger locker geschlürft hätte. Aber alle haben der Köchin überschwänglich gedankt. Das nenne ich mal Nächstenliebe. Als ich meine ungekochten Möhren und Erbsen zurückgehen ließ, holte ein Mödchen aus Colorado einen offenbaren Traumaspruch aus ihrer Kindheit hervor: „Eat your vegetable!“ Möhrenallergie, leider…

Jeder dieser Menschen an der Tafel, egal wie alt er ist und woher er kommt, sie eingeschlossen, hat sicherlich seinen Grund, nach Santiago zu pilgern. Die einen beten inbrünstig. Die anderen prahlen munter mit ihrem Backpackerreisen, wie man das bei Backpackern immer so hat. Ich will es mal so erklären, Wege entstehen, wenn ein Ziel vorhanden ist. Natürlich steht auch immer das Abenteuer im Raum. Viele sagen, es stünde Verbundenheit mit der Natur an erster Stelle. Da es ausgerechnet heute auf dem Weg regnet, kann ich das nicht bestätigen. Andere wollen mal etwas ganz anderes machen. Auch sportlicher Ehrgeiz ist dabei. Wie viele Kilometer man denn heute so schafft? Das mag eine Rolle spielen.

Der französische Jakobsweg durchläuft so ziemlich die ganze Naturpalette, die Spanien zu bieten hat. Hochgebirgslandschaften und flaches Tafelland, klimatisch wird man mit dem immer feuchten bis halbtrockenen Iberien konfrontiert. Man trifft auf Gebiete, die geprägt sind durch extensive großflächige Landwirtschaft, aber auch auf Gebiete, in denen auf Minifundien gewirtschaftet wird, kurz man erfährt die Einsamkeit dünn, besiedelter, ländlicher Gebiete im Kontrast zu quirligen, hektischen modernen Städten. Man kann die Alltagshektik hinter sich lassen, und vielleicht gibt es sie ja doch, die Erleuchtung?

Schon auf dem Flughafen in Hamburg vor genau einer Woche hatte ich das Gefühl, jetzt aber schnell noch ein Buch über den Weg reinziehen, damit ich gut vorbereitet bin. Dann schnell noch den neuen Vodafone-Vertrag checken, dann… Aber Nein, ab jetzt ist alles anders. Ich habe Zeit. Unendlich viel Zeit. JakobswegsThriller? Tomorrow! Vodafone? Morgen! Zeit? Heute! Obwohl, wie viel Zeit bleibt eigentlich nach der Geburt? Nach sechs Jahren Nest. Schule, Uni, 40 Jahren Redaktion und Welt retten? Kein Thema für jetzt. Das bespreche ich morgen in der nächsten Pilgerkirche mal. Mit Ihm. Vielleicht weiß er es ja. Oder kennt einen Trick. Jeder kennt ja den Witz über Johannes Heesters: „Es ist vier Uhr nachts! Jemand pocht laut an der Tür. Der 99-jährige Jopie quält sich aus dem Bett und schlurft zur Tür. Vor der Tür steht der Tod mit dem Stundenglas in der Hand. Jopie dreht sich um und ruft: „Simone! Es ist für dich!“ Mit dieser Methode wurde er 108! Nun frage aber bitte niemand, wer ist Jopie Heesters. Jedenfalls nicht mein Schulfreund.

Ich habe mir dann zu Beginn meiner Pilgerreise letzten Sonntag auf dem Flughafen in Hamburg nur die Ohrhörer reingeknallt und mir einen Krimi von Jo Nesbø reingezogen. Über den grausamen Tod. Wir Menschen sind schon irgendwie schräg, oder? Aber toller Autor. Eine Empfehlung meines Freundes Ingo. Vielleicht dann doch lieber Florentina Holzinger mit der biblischen Geschichte als feministische Befreiungsoper. Auch etwas, über das man auf dem Weg nachdenken kann.

Zurück zur Pilgerherberge in Ventosa. Auch wenn an anderer Stelle anders geschildert, und ich dort schon mal von einem Pilgermenu geschwärmt habe, muss es nicht zwingend das Essen in den Pilgerherbergen sein, das einem nach Spanien lockt. Der Herbergsvater hier lockt zwar ab 18 Uhr mit Pizza, Paella oder Tarte, aber als wir pünktlich und fröhlich am Tisch sitzen und die ersten Fragen nach der Pizza kommen, läuft er flugs in die Küche und holte ein Tiefkühlbrett von Pizza an den gedeckten Tisch. Betretenes Schweigen. Dann schon lieber die halbgare Köchin von Villamayor. Aber mitgefangen mit gehangen. Nun können wir auch nicht mehr weglaufen. Die Pizza scheidet schon mal von vornherein aus visuellen Gründen aus. Da hätte ich nur bis nach Hagenow zu Doktor Oetker laufen müssen. Also die Paella, mixed? Ja, mixt. Nach 20 Minuten und einen freudigen Ping steht sie dann vor mir, überheiß eine zentrale Muschel, eine einsame Garnele, drei Stück Fleisch, ganz viel Reis. Nun gut, es gibt gute Tage und schlechte Tage am Tisch. Aber der Herbergsvater ist total stolz auf seine Kochkünste. 10 Euro, uff.

Dennoch sollte ich ihm ausgesprochen dankbar sein. Mit dem Hinweis auf mein hohes Alter und auf Schwindelgefühle in der Höhe, mit denen ich nicht in einem Hochbett oben schlafen könne, sowie den verstohlenen Altmänner-mehrmals-in-der-Nacht-auf-Toilette-Augenzwinkern führt er mich in eine Kammer mit zwei Hochbetten und einem Einzelbett. Ich könne mir ein Bett aussuchen. Keine Frage, ich nehme das Einzelbett. Und da Ventosa doch ein wenig am Rande des Weges liegt, kommt auch die ganze Nacht kein weiterer Pilger in das Dormitio. Wer hätte sich auch in dem einsetzenden Regen hierher verirren sollen? Gut für mich, ich kann jetzt sagen, ich habe im Dormitio geschlafen. Und hatte trotzdem ein Einzelzimmer. Für 14 Euro! Also für die eine Erzählung ist damit klar, ich war auch dabei. Für die andere Erzählung, ich bin wahrscheinlich der einzige Pilger auf dem ganzen Jakobsweg, der in einem Schlafsaal geschlafen hat, und es wie ein Einzelzimmer genießen durfte. Aber das ist ja nicht die letzte Herberge. Und was ist nun mit der Überschrift und der schrecklichen Nacht im Schlafsaal? Ist so ein Internet-Journalisten-Ding. Lernst man heute: Oben Catcher in the Rye, unten im Text dann nur ein Würmchen. Sorry.

Vielleicht ist der Jakobsweg in seiner Gesamtheit auch ein bisschen Abenteuer, ein bisschen Einkehr, ein bisschen Religion, ein bisschen Gemeinschaft und ein bisschen Herausforderung. Einfach mal in einem ganz anderen Lebensrhythmus hineinschnuppern. Danke heiliger Jakobus, auch für das Einzelzimmer.

PS: Als ich nach sechs Stunden in Ciruena in der Casa Vcitoria ankomme, belohnt mich der Weg mit einem Oma-und-Opa-Schlafzimmer in einer Privatpension. Auch wieder witzig. Hinter mir röhrt der Hirsch…

Erkenntnis des Tages: Überfordern wir das Schicksal, und es kann nur eines gut sein, das Essen oder die Nacht?