Zwischenruf: Bücherrazzia im arabischere Viertel

„Warum verhaften sie Menschen, wenn sie die Bücher meinen?“ (Imad Muna, Buchhändler im arabischen Viertel in Jerusalem)

Imad Muna, Ahmas Vater, Buchhändler

Ahmad ist wieder zurück. Er durfte den Buchladen im arabischen Viertel Jerualems, in der Salah Ad-din Street, 20 Tage nicht betreten. Vor drei Wochen gab es hier eine Razzia der israelischen Polizei. Hier und gegenüber im zweiten Bookshop der Familie Muna. In der nahen American Colony, wo die Familie einen dritten Buchladen betreibt, da blieben die Verkäufer und die Käufer unbehelligt. Die Razzia ist derzeit Stadtgespräch in Teilen Jerusalems. Schließlich fand sie unter den Augen der Öffentlichkeit statt.

Ein paar Meter entfernt steht der Justizpalast. Ihm gegenüber das schwer gesicherte Amtsgericht, der Disrict Court. Zum Ritz, zum Leonardo Hotel, National oder zum Victoria Hotel fahren die Reisebusse hier am arabischen Educational Bookshop direkt vorbei. Wie gesagt, unter den Augen der Öffentlichkeit. Selbst der „Der Spiegel“ hatte vor wenigen Tagen darüber berichtet. Der deutsche Botschafter in Tel Aviv, Steffen Seibert – zur Erinnerung einst Regierungssprecher von Angela Merkel -, und der Chef der Ständigen Vertretung im palästinensischen Ramallah, Oliver Owza, empörten sich auf X von Elon Musk. Mhm…

Die beschlagnahmten Bücher sind inzwischen zurück. Nichts erinnert mehr an die brutale Razzia. Außer das, was Ahmad und sein Onkel Mahmoud erzählen, denen drei Wochen verboten war, ins Geschäft zu gehen. Ich habe Ahmad vor ein paar Jahren kennen gelernt. Er hat in England studiert, ist zurückgekehrt in den Schoß der Familie, um hier zu leben Der Bookshop ist international bekannt. Da kann ein junger Mann mit Sprachkenntnissen nicht falsch sein, berichtet mir Ahmads Vater Imad, als ich ihn vor ein paar Tagen besuchte und den ersten Artikel über die Razzia verfasste. Heute aktualisiere ich ihn nur.

Ahmad, als wir uns 2018 kennenlernten

2018 sah Ahmad allerdings noch ein bisschen anders aus. Heute hat er eine ganz schöne Mähne. Das aktuelle Foto findet man ebenfalls hier.

Ahmad heute

Doch beginnen wir von vorn, es ist ein unglaubliche Geschichte, die mir Ahmad und sein Vater Imad erzählen. Imad und seine Frau Nurha waren in den Tagen Anfang Februar in Großbritannien und für die israelischen Polizei nicht fassbar. An einem Sonntagnachmittag, es war der 9. Februar, präsentierten israelische Polizisten Ahmed Durchsuchungsbeschlüsse für die beiden Buchläden. „Bilder und Videos, von den Überwachungskameras aufgezeichnet und von der Familie veröffentlicht, zeigen, was passiert. Die Sicherheitskräfte verriegeln die Türen von innen. Sie lassen sich von einer Bilderkennungs-App die Buchtitel übersetzen, packten ein, was ihnen suspekt erschien. Wahllos grüne Bucher, rote Bücher, arabische Schriften, englische Schriften“, so berichtete es mir Ahmed heute. „Als Grund nannten sie, dass sie aufrührerische Schriften suchten, die die Hamas unterstützten.“

Buchladen und Café in der Salah Ad-din Street

Die Polizisten packen ein, was sie in die Hände bekommen. Oder besser gesagt, was in Müllsäcke passt. Sie reißen Bücher aus den Regalen. Alles liegt auf den Boden verknickt und zerknickt. Nichts kann sie aufhalten. Als einer der Bewaffneten das Buch von George Orwell „1984“ herauszieht, sagt er auf Hebräisch „Ach interessant, wollen wir einmal sehen, was ihr über 1948 verkauft.“ Der Polizist dachte offenbar an die Staatsgründung Israels. Vater Imad meint lakonisch, dass der Polizist wohl nur Hebräisch konnte. Er habe von hinten begonnen zu lesen…

Joachim Lenz, der evangelische Probst von Jerusalem, ist entsetzt. „Das geht gar nicht“, sagt er, als wir uns die Tage über die Razzia unterhalten.

Ein Blick in die Bücherregale des Bookshops…

Bei „1984“ gibt keinen Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. Auch die englischsprachige Ausgabe der Tageszeitung „Haaretz“ wird konfisziert. Die Zeitung ist relativ konservativ. So wie die „Welt“ in Deutschland. Kein Grund zur Beschlagnahme. Aber in Englisch für die Polizisten offenbar nicht lesbar, obwohl hier fast jeder englisch spricht. Ein Verdacht reicht.

300 Bücher hätten die Polizisten mitgenommen, berichtet Buchhändler Ahmad Muna. Anklage wurde nicht erhoben. Das Gericht entsprach auch der Forderung der Polizei nicht, die Buchhändler für acht Tage in Untersuchungshaft zu lassen. Zwei Tage blieben sie in Haft, unter mittelalterlichen Bedingungen. „Mit neun anderen Gefangenen zusammen, keine Dusche, kein Strom, kein Licht. Ein Betonklotz als Bett. Darauf eine fünf Millimeter dicke Isomatte. Keine abgeschlossene Toilette. Kein Toilettenpapier“, berichtet mir Ahmed. Drei weitere Tage hatten der Onkel und der Neffe Hausarrest. Weitere 20 Tage durften sie die Geschäfte nicht betreten. Bis gestern. Für Ahmad unvorstellbar. Da hat er in England studiert, um hier zu landen?

Obwohl jüdische Israelis und Palästinenser eine Geschichte teilen, haben sie unterschiedliche Sprachen dafür. Was in Israel „Unabhängigkeitskrieg“ genannt wird, heißt bei den Palästinensern „Nakba“, „Katastrophe“. Beide Seiten verstehen sich kaum mehr. Die Munas verkaufen Bücher, die versuchen, beide Blickwinkel zu erklären.

Im Bücherregal der Buchhandlung

Was bleibt? Ein Malbuch „From the River to the Sea“ ist unter den beschlagnahmten Büchern. Ein einzelnes Exemplar, das Imad Muna zur Begutachtung für den Verkauf zugesandt bekommen hat. Das wird als Aufruf zur Zerstörung Israels gewertet und wurde einbehalten. Weil es einem Schlachtruf der Hamas entspricht. Weitere sieben Bücher bleiben beschlagnahmt. Auch ein Buch des deutschen Professors, Peter R. Neumann, „Hamas“. Der Titel genügte. Der Untertitel in Deutsch war für die Polizisten nicht lesbar. „Grundlagen und Perspektiven eines zerstörerischen Systems.“ Es handelt von der Gefährlichkeit der Terrororganisation. Alle anderen Bücher wurden zurückgegeben.

Imad Muna ist sich sicher, dass es gar nicht um die Bücher ging. „Warum verhaften sie Menschen, wenn sie die Bücher meinen?“ Das fragt er. Für Imad gibt es eine Erklärung, warum dieser Überfall passierte. Vor wenigen Wochen wurde in Ostjerusalem, also in der Altstadt, ein Buchladen ausgehoben, in dem Bücher über Hitler gefunden wurden. „Vielleicht machen jetzt die Razzien die Runde“, vermutet er. Wahrscheinlicher scheint jedoch, was er so nicht in die Welt setzen will, dass es das Ansehen und das internationale Publikum seines Ladens, die Veranstaltungen und die gutbesuchten Lesungen sind, die den Israelis in die Nase stechen. Ein offizielle Erklärung gibt es – wie bei vielen Handlungen auf beide Seiten übrigens in diesen Tagen – nichts. Auf dem Durchsuchungsbeschluss stand etwas von Gefahrenabwehr.

Imad verkauft wieder Bücher als sei nichts geschehen…

Ein ganz normaler Tag in Jerusalem, an dessen Ende einmal mehr viele Fragezeichen als Antworten stehen. „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten“, schrieb einst Dietrich Bonhoeffer. Ahmad, wir sehen uns wieder.

Epilog: Durch den Krieg von 1948 teilte sich Jerusalem in West und Ost, in Jüdisch und Arabisch. Im Jahr 1967 besetzte Israel den Osten, den bis dahin Jordanien besetzt hielt. Im Jahr 1980 annektierte es das Gebiet und erklärte seine Hauptstadt für unteilbar. 1984 erklärte Yassir Arafat ebenfalls Jerusalem als Hauptstadt Palästinas. Viele Palästinenser streben weiter nach einem eigenen Staat, mit Ostjerusalem als ihrer Hauptstadt. Es gibt kaum einen Ort auf der Welt, um den so heftig gerungen wird wie um diesen. Doch während der Status der Stadt selbst nach dem Abkommen von Oslo 1993 offiziell unklar bleibt, wird auch der Osten de facto immer jüdischer. Palästinensische Kulturorte verschwinden.

Einer der Buchläden der Familie Muna in der Salah Ad-din Street

PS: Die Polizei durchsuchte heute, am 11. März 2025, erneut die bekannte Buchhandlung in Ostjerusalem, und verhaftete diesmal den palästinensische Besitzer Imad, mit dem ich Mitte Februar gesprochen hatte, nachdem am 9. Februar sein Sohn Ahmad und sein Bruder Mahmoud kurzzeitig festgenommen wurden. Der Vorfall löste einen internationalen Aufschrei aus. Imad war mit seiner Frau – wie oben geschildert – zu der Zeit in England.

Gegenüber „The Times of Israel“ bestätigte Mahmoud Muna, Miteigentümer des Educational Bookshop, heute, die Polizei habe seinen älteren Bruder Imad mitgenommen. Er fügt hinzu, die Polizei habe ihnen keinen gerichtlichen Durchsuchungsbefehl vorgelegt.

Ein kleines Stück Normalität – eine deutsche Schule in Palästina

„Die Schüler sind einfach toll. Wenn wir nicht da wären, hätten sie diese Chance nicht.“ (Birger Reese, Schulleiter der christlichen Schule „Talitha Kumi“ in Beit Jala, Palästina)

Maria (l.) und Yasmin an der deutschen Schule für palästinensische Kinder

Maria und Yasmin sind Freundinnen. Die eine wohnt in Jerusalem, die andere in Beit Jala im Westjordanland. Beide gehen in die 11. Klasse und besuchen die deutsche Schule Talitha Kumi für palästinensische Kinder und Jugendliche. Die Schule liegt genau auf dem Grenzstreifen zwischen Israel und dem Westjordanland. Geht man zum Haupteingang hinein, kommt man aus Israel. Geht man hinten hinaus, ist man auf der Westbank, sagen wir hier einmal Palästina. Als nach dem 7. Oktober die Checkpoints zwischen der Westbank und Israel von israelischer Seite dicht gemacht wurden, hatte sich hier ein kleiner Grenzübergang aufgetan.

Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich viel verändert an der Schule. Schon immer bestand das Ziel der deutschen evangelischen Schule, getragen vom Berliner Missionswerk und der Bundesregierung, darin, christlichen und muslimischen Mädchen und Jungen einen geschützten Raum zu bieten. Und ja, im Israel-Palästina-Konflikt zu vermitteln. Ein Ort des Friedens und der Verständigung. Seit 2017 mit Exzellenz-Siegel, das schreibe ich mal für Schulleiter Birger Reese hier hinein. Sonst denkt noch ein Geldgeber, er hätte das nicht erwähnt.

Die Skulptur „Talitha Kumi“ des palästinensischen Künstlers Suleiman Mansur vor dem Schulgebäude

2022 wurde der eindrucksvolle Neubau der geschichtsträchtigen Einrichtung eingeweiht. Und tatsächlich komme ich in eine sehr moderne Schule, nachdem ich den Weg von Jerusalem per Bus hierher bewältigt habe. Ein kleiner Wald wächst rund um die Gebäude, zu denen auch ein Kindergarten, eine kleine Berufsschule und ein Guesthouse gehören, das wie jeglicher Tourismus auf der Westbank derzeit für jeden Gast dankbar ist.

Kopftuch trägt hier kein Mädchen, aber dazu kommen wir noch. Der alte Beiname Talitha Kumi geht auf das Markus Evangelium zurück, laut dem Jesus zu einem todkranken Mädchen gesagt haben soll: „Mädchen, steh auf.“ Alles andere kann jeder selbst bei Wikipedia nachlesen. 900 Schüler, 110 Lehrer und Erzieher, davon 12 aus Deutschland, und, und, und…

Maria abu-Sara und Yasmin Albtatib wollen hier ihr Abitur machen. Das ist seit 2013 möglich. Hier waren sie auch schon im Kindergarten, vielleicht werden sie hier auch einmal als Lehrerinnen anfangen. Nach einem Studium, vielleicht in Deutschland. Dass sie hier Deutsch lernen, ist für einen Arabisch-Sprachler eine große Herausforderung. Die Schulsprache ist Deutsch, Fremdsprachen Englisch und Arabisch. Klingt komisch, ist aber so. Die Hauptsache jedoch für die beiden 16-Jährigen in diesen Tagen ist, dass sie überhaupt täglich zur Schule gehen können. „Viele Schulen sind geschlossen“, berichtet Yasmin. Drei Monate fiel bei ihren Cousinen auf der Westbank der Unterricht komplett aus. Einen geordneten Stundenplan, Klimaanlagen oder gar Heizung kennen einheimische Bildungseinrichtungen so gut wie gar nicht. Aber im Sommer ist es so brütend heiß, wie im Winter bitterkalt. Na gut, das Problem mit dem Stundenplan kennen wir in Deutschland ja auch…

Unterricht mit Lehrer Michael Schneider

„Seit dem 7. Oktober ist eine unserer Hauptherausforderungen, den Schülern ein Stück Normalität zu geben“, sagt Schulleiter Birger Reese. Sein Stellvertreter Jörg Bühler ergänzt: „Die Schüler kommen um halb Acht am Morgen und bleiben bis 15 Uhr in der Schule. Das schafft für sie einen geordneten Tag, fernab von den Sorgen der Familien.“ Schulleiter Reese ergänzt: „Die Schüler sind einfach toll. Wenn wir nicht da wären, hätten sie diese Chance nicht.“

Natürlich spüren auch die beiden Mädchen die Veränderungen um sie herum. Marias Familie lebt in Jerusalem. Der Vater ist Ingenieur, die Mutter hat einen Kosmetiksalon. Noch können sie sich das Schulgeld von 4000 Schekel im Jahr leisten. 1000 Euro – ein Monatsgehalt. Auch Yasmins Familie im Westjordanland kommt noch gerade so hin. Der Vater arbeitet in der Kämmerei der Stadtverwaltung in Beit Jala und verdient noch nebenher Geld als Versicherungsmakler. Aber den Ausflug in wenigen Tagen nach Berlin für eine Woche, den Yasmin unbedingt mitmachen möchte – ebenfalls für 4000 Schekel – , den muss sie irgendwie in Raten abstottern. Nun hofft sie auf das Verständnis in der Schule.

Etwas ungewöhnlich, die Beschriftung in Deutsch und Arabisch

Es gibt inzwischen einige Eltern, die um ihr Geld ringen müssen, berichtet Birger Reese. Die Schule versuche mit ihren Möglichkeiten die Kinder zu halten. Es gibt auch eine Spendenplattform auf der Internetseite. Ob das in jedem Fall helfen kann, steht auf einem anderen Blatt. In einer muslimischen Familie sind Geldsorgen ein großer Ansehensverlust, der nicht immer leicht zu verkraften ist. Aber der Tourismus liegt völlig am Boden. Von den Besuchern aus aller Welt lebt jedoch die Region um Bethlehem. Dazu kommen die alltäglichen Schwierigkeiten mit unzähligen Checkpoints und mit Visaproblemen. Maria wird fast täglich von ihrer Mutter aus Jerusalem zur Schule gefahren. Es ist nicht weit. Yasmin – als in der Westbank wohnende Palästinenserin – weiß noch nicht genau, ob sie das Visum für den Schulausflug nach Berlin erhält. Als sie kürzlich krank wurde und nach Jerusalem in ein Krankenhaus musste, erhielt sie jedenfalls kein Israel-Permit.

Lehrerin Dr. Natalie Sawalha Tavil, die schon seit 20 Jahren an der Schule lehrt, berichtet, dass sie selbst trotz Jahresvisa kaum noch nach Israel fährt. „Es ist erniedrigend, wie man am Checkpoint behandelt wird“, sagt sie. „Dort fühlt man sich ständig als Mensch zweiter Klasse. Das tue ich mir nicht an.“ Dabei ist Natalie Jordanierin und besitzt einen jordanischen Pass. Ihr Mann ist Palästinenser.

Englischlehrerin Dr. Natalie Sawalha Tavil ist Jordanierin

Die Englischlehrerin schildert, dass sie versucht, den derzeitigen Alltag aus dem Unterricht herauszuhalten. Aber das gelingt natürlich nicht jeden Tag. Zumal auch die Situation zwischen Palästinensern und Israelis im Fach „Friedenserziehung“ eine Rolle spielt. Aber die Schule ist für Natalie großartig. „So weltoffen“, sagt sie. Passt nur nicht zur aktuellen Situation. Zur Debatte um den Gaza-Streifen und zu den Vorschlägen von US-Präsident Donald Trump hat sie eine klare Meinung: „Niemand lässt sich aus seiner Heimat herauskicken.“

Neben dem deutschen und einem einheimischen Abitur gibt es für die Schüler auch Umwelterziehung, die hierzulande an den wenigsten Schulen eine Rolle spielt. Und um das gleich einmal praktisch zu machen, erhält man in der Cafeteria für zehn abgegebene leere Joghurtbecher einen vollen Becher zurück. Ähnlich läuft es mit Plastikflaschen und anderen Dingen. Auch ein Gewächshaus gibt es hier. Und an der Berufsschule, zurzeit vor allem für Köche und Kellner, soll demnächst auch Nachhaltige Landwirtschaft unterrichtet werden.

Die Schüler scheinen es zu honorieren. „So viel Dankbarkeit habe ich an deutschen Schulen selten erlebt“, berichtet Jörg Bühler, der mit seiner Frau hier lebt und bereits zwei Jahre hier unterrichtet. Zu der in Deutschland viel diskutierten Frage zum Kopftuch schütteln beide Schulleiter den Kopf. Ein Verbot gebe es da nicht, eher eine stille Übereinkunft, sagt Birger Reese. Maria und Yasmin befragt, antworten etwas geheimnisvoll aber selbstbewusst. „Ich bin noch nicht bereit“, sagt Maria. Yasmin berichtet, dass ihre Mutter sie gefragt hätte, sie aber das Kopftuch nicht tragen wolle. Dann folgt die Aufklärung. Für eine Muslima sei diese Entscheidung eine „große Sache“, versuchen beide abwechselnd zu erklären. „Wenn ich das Kopftuch tragen möchte, dann ist das eine Entscheidung für mein Leben. Dann für immer“, sagt Maria im normalsten Ton der Welt. Jetzt denken beide erstmal über ein Studium in Deutschland nach. Die eine grübelt, ob sie überhaupt ein Visa erhält. Die andere rätselt, ob Pharmazie das Richtige sein könnte. Oder Mathematik vielleicht?

Umwelterziehung an der „Talitha Kumi“ wird groß geschrieben

Beide wollen sie unbedingt danach zurückkehren. Yasim: „Für uns Muslime ist die Familie das wichtigste. Ich habe um die 30 Cousins und Cousinen. Ich kann ohne Familie nicht leben.“ „30 Cousinen“, staunt Maria, dann müssen beide kichern und prusten laut los. Und sie gehen in ihren unbeschwerten Schulalltag. Ein Geschenk, vielleicht des Himmels, aber ganz sicher der Menschen, die hier unterrichten.

Über den Dächern von Jerusalem, im Hintergrund ist der Felsendom zu erkennen.

(Alle Fotos: Autor)

PS: Ich habe Israel für einige Tage verlassen. Die Familie ruft und auch die Bundestagswahl ist wichtig, wie selten. Anfang nächster Woche werde ich zurückfliegen. Auch, um den Tel Aviv Marathon zu erleben. Nun gut, ich gebe zu, ich habe mich für den Halben angemeldet. In der Schule in Beit Jala war ich genau vor einer Woche. Die nächsten Tage werde ich noch ein paar Foto-Impressionen nachschieben. Und nach der Wahl in Deutschland, gehts zurück. Aber Wahl muss sein. Wir haben sie… Schalom!

Das Hotel mit dem schlechtesten Ausblick der Welt -Westjordanland

Walls are hot right now, but I was into them long before Trump made it cool.” (Der britische Street-Art-Künstler Banksy „Mauern sind im Moment angesagt, aber ich war schon lange auf sie fixiert, bevor Trump sie cool machte.“)

Da ist es also, das Hotel mit dem schlechtesten Ausblick der Welt. Hier an der Mauer in Bethlehem, die an dieser Stelle 8 Meter hoch ist. Und die auf viele Tausende Meter den Blick auf die Berge rundum versperrt. Und auf die Freiheit. Und auf die Welt. Und auf Israel. Und seit dem 7. Oktober ist alles noch einmal schlimmer geworden. Dazu später.

„The Walled Off Hotel“ wurde vom wahrscheinlich bekanntesten unbekannten Künstler der Welt eingerichtet und gestaltet. Banksy, der in Deutschland gerade gefeierte Brite aus Bristol. Bei seiner Einweihung 2017 war das Hotel ein Statement Banksys. 50 Jahre nach dem Sieben-Tage-Krieg. 100 Jahre nach der Balfour-Deklaration, mit der Großbritannien als Mandatsmacht 1917 sein Einverständnis zur Errichtung eines jüdisches Staates gab. „Es ist exakt 100 Jahre her, dass Großbritannien die Kontrolle über Palästina übernommen und damit begonnen hat, die Möbel umzustellen – mit chaotischen Resultaten. (…) Ein guter Zeitpunkt, darüber zu reflektieren, was passiert, wenn das Vereinigte Königreich große politische Entscheidungen trifft, ohne die Konsequenzen zu begreifen“, wird Banksy zitiert.

Das könnte man heute natürlich überall in den Krisengebieten dieser Welt mit wechselnden Mächten zitieren. Vor allem mit den USA – nicht erst seit Donald Trump. Aber zur Stunde ist Trump wieder dabei, sich einzumischen. Und zwar genau hier in der Westbank

Das eingemauerte Hotel (Walled off Hotel) ist eine Anspielung auf die Luxus-Hotelkette Waldorf Astoria. 10 Kilometer entfernt im Stadtkern Jerusalems ist ein Waldorf Astoria-Hotel eine der teuersten Adressen.

Das abgeriegelte Hotel nur vier oder fünf Meter gegenüber der Mauer hat alles, was ein Hotel haben muss. Acht Zimmer und eine Präsidentensuite. Am Eingang einen Stofftier-Schimpansen als Portier-Attrappe, der in Banksys Werken immer wiederkehrt. Das Highlight bei der Hotel-Einweihung war das Zimmer 3, Banksys Room. Hier hat der Künstler über dem Kingsize-Bett eines seiner Graffitis an die Zimmerwand gesprüht. Ein Palästinenser und ein Israeli bei einer Kissenschlacht. Der Nachbau schmückt aktuell nahezu jede der Banksy-Ausstellungen, die derzeit in Europa und der Welt touren. Und es mag dem linksintellektuellem Betrachter einen wohligen Schauer der Solidarität mit dem palästinensischen Volk über den Rücken jagen. Wie aufgeschlossen wir doch sind.

In einer Banksy-Schau in Hamburg, anderer Beitrag, selber Blog

Aber längst ist aus der Kissenschlacht, die nie eine war, einmal mehr blutiger Ernst geworden. Seit dem Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg Israels gegen die Hamas und andere Terrororganisationen – mit Kriegsverbrechen auf beiden Seiten und einem internationalen Haftbefehl gegen Benjamin Netanyahu. Jeder kann das Leid in den Nachrichten verfolgen.

Das Hotel ist seit dem 12. Oktober 2023 geschlossen. Der Ausblick bleibt verbaut, von der Mauer gegenüber, die längst über und über mit Graffitis – auch vom Künstler selbst – besprüht ist. Ein Ausblick auf die Realität der Menschen im Westjordanland. Eingemauert, eingesperrt, und doch ebenso im Heiligen Land lebend wie auf der anderen Seite. Hier in Bethlehem steht die Geburtskirche Christi. Im acht Kilometer entfernten Jerusalem steht seine Grabeskirche. Nicht weit gekommen im jungen Leben, der jüdische Prophet. Und doch wäre Jesus heute ohne Permit, Einreisegenehmigung, nicht mal soweit gekommen.

Rund um das Hotel finden sich Banksys Graffitis – ob von ihm oder nicht

Hier vor Ort, an der Acht-Meter-Mauer und den Checkpoints läuft dem Betrachter im Westjordanland kein wohliger, sondern ein kalter Schauer über den Rücken. Zumal, wenn man weiß, wie es ist, hinter einer Mauer zu leben, wie als Ostdeutscher… Wie in Zypern, Mexiko zu den USA, oder Nordkorea. Natürlich maße ich mir nicht an, das elende Leben in Nordkorea oder sonstwo zu beurteilen. Aber beklemmend ist es hier auch, selbst wenn man nur Besucher ist.

Mein Fahrer Hasan fährt mich ein ganzes Stück entlang der Mauer. Sightseeingtour für Grummeln im Bauch. Sagen will Hasan nichts über die Situation in Gaza oder hier im Westjordanland. Noch nicht, später schon. Ihn, der sieben Kinder hat, und der mir ihre Fotos auf dem Handy zeigt, beschäftigen in diesen Tagen und Monaten, 486 Tage nach dem Hamas-Angriff und Kriegsbeginn, nicht die Flüchtlingsströme, die derzeit wieder Nord-Gaza erreichen. Ihn und seine Kollegen am Busstop treibt nur eines um: Keine Touristen, kein Geld, nichts zu beißen für die Familie mit den vielen Kindern. So klagt Hasan – auch wenn er mich gerade abgeschleppt hat.

Acht Meter hohe Mauern an der Grenze im Westjordanland

Die gleichen Klagen höre ich auch auf der anderen Seite der Mauer, wenn ich durch Jerusalems Innenstadt gehe und jeden dritten Laden mit schweren Eisentüren verrammelt vorfinde. Auch auf der israelischen Seite klagen die Händler, dass sie seit den besonders harten Corona-Beschränkungen in Israel keine Einnahmen mehr haben. Die Pilger bleiben weg, die Touristen erst recht. Mit Reisewarnungen belegt. Auf beiden Seiten die selben Sorgen. Und doch kommen beide Seiten nicht zueinander. Irgendjemand – habe vergessen, wer es war – sagte mir in den letzten Wochen, Kriege in Israel seien stets kurz gewesen, danach konnte sich die Wirtschaft wieder erholen. Netanyahu galt als Mann der Wirtschaft. Gerade deshalb verstehen hier viele nicht, warum das Töten anhält. Warum Netanyahu das Land leiden lässt.

Ich bin am späten Vormittag in Jerusalem aufgebrochen und habe mir den Bus 231 nach Bethlehem gesucht, um die Geburtskirche zu besuchen. Und um mit den Leuten zu reden. Die Fahrt über die 8 Kilometer dauert nur 25 Minuten. Doch es ist eine Fahrt in eine andere Welt, in die arabische Welt. Hasan steht wie viele andere Taxifahrer am Bus. Obwohl man die 1,7 Kilometer zu Geburtskirche hinauf locker laufen kann, gebe ich ihm ein paar Schekel, damit er mit mir eine Stadtrundfahrt macht. Und wie auf Bestellung hält er schließlich auch vor einem Haus und in der Innenstadt, ein Stück hinter der Geburtskirche. „Come my friend, I show you my Family.“ Die Kinder sind in der Schule, aber plötzlich finde ich mich von Nachbarn, alten Männern und und ein paar Jugendlichen umringt. Plötzlich bin ich mittendrin.

Kaum jemand hat noch Arbeit, klagen sie hier. Der Tourismus war eine Quelle. Aber Israel hat nach dem 7. Oktober auch alle Arbeits-Visa eingezogen. 200.000 Menschen verloren auf diese Weise ihren Job, recherchiere ich später. Man könne sich nicht mehr im eigenen Land bewegen, klagt ein anderer. Und er meint damit nicht den Weg über die Grüne Linie zwischen dem Westjordanland und Israel mit der 759 Kilometer langen Mauer. Nein, auch zwischen den Orten. 1400 Kilometer war der eiserne Vorhang in Deutschland. Aber die DDR hatte 108.000 Quadratkilometer, die Westbank 6000, kaum mehr als ein Zehntel.

Auf der Westbank gibt es inzwischen 900 Checkpoints. „Wir können nicht mal mehr unsere Onkel und Tanten besuchen“, schimpft ein junger Mann. Das Westjordanland ist knapp größer als der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte rund um Neubrandenburg. Besuche über die Mauer nach Israel, die nach der zweiten Intifada seit 2005 um das ganze Westjordanland gezogen wurde, sind kaum noch möglich. Dort hatte man früher Freunde. „Es gibt inzwischen junge Palästinenser, die waren noch nie in Israel, und umgekehrt“, grummelt ein Älterer. „Wie sollen wir je wieder zusammenleben.“ Woran erinnert mich das als Ostdeutscher?

Die Mauer von der israelischen Seite aus gesehen.

Drei Millionen Palästinenser wohnen im Westjordanland. 500.000 israelische Siedler haben sich inzwischen völkerrechtswidrig hier breit gemacht. Und nach dem 7. Oktober nahmen auch deren Angriffe immer mehr zu. 1400 Übergriffe habe es 2024 gegeben, recherchiere ich. 26.000 Olivenbäume wurden abgebrannt. 8700 Wohnungen von Siedlern entstanden neu.

Ja, es gibt auch hier im Norden, u.a. in Dschenin, wo ein großes Flüchtlingscamp ist, Angriffe von Terroristen der Hamas oder des Islamischen Tschihad. Anlass für Israel im rein völkerrechtlich palästinensisch verwalteten Gebiet, Einsätze zu fliegen und mit Waffen einzugreifen. Das schwächt die palästinensische Polizei im Ansehen. In der Politik spricht man inzwischen offen über eine Gazafikation der Westbank. Eine Zusage Netanyahus an die Rechtsextremisten in seiner Regierung im Gegenzug zu Waffenruhe in Gaza? Hasan versteht nichts von Politik. Er weiß nicht, was er dazu sagen soll, und lacht ein wenig verlegen. „My friend, this is not Gaza.“

In politischen Kreisen in Jerusalem spricht man offen darüber, dass die Reise Netanyahus zu Donald Trump in diesen Tagen, mit einer Zusage des US-Präsidenten für eine weitere Besetzung des Westjordanlandes enden könnte. Das Ende irgendeiner Zwei-Staaten-Lösung. Aber ist das zu weit hergeholt? In Jerusalem werden bereits die Kippas mit dem Trump-Foto verkauft…

Man trägt die Kippa in Jerusalem neuerdings t(r)ump rechts , auch wenn er hier links liegt

Als ich auf der Fahrt zurück in den Bus 231 steige, um nach Jerualem zu kommen, halten wir am Checkpoint auf einer Autobahn. Alle müssen aussteigen. Alle, vor allem Frauen, müssen ihre Papiere zeigen. Ein Mann wird zurück geschickt, Ich werde gründlich kontrolliert, Pass, Visa, die neue ETA-Genehmigung. Das dauert nur 20 Minuten. Aber 20 Minuten ein Scheiß-Gefühl ist auch genug.

Der Autor in Behtlehem

(Fotos: Autor)