Wo ist die Albergue des Lebens

„Si alguna vez te equivocaste tranquilo, lo mejor es haberlo intentado.”

Auf nach Santa Catalina de Somoza. Heute komme ich nicht so früh weg. Der Frühstücksraum der Pilgerherberge ist krachend voll. Zugegeben, die Herberge ist ein kleines nettes Hotel an der Brücke. Der Wirt hat alle Hände voll zu tun, jedermann verlangt sein Frühstück und alle können besser Spanisch als ich. Wieso? Sogar die Japaner. Mit meinem Sprachziel bin ich noch nicht so recht voran gekommen. Außer beim Rotwein, da klappt es schon ganz gut.

Wo kommen nur die ganzen Pilger her? Auf dem Weg ist man oft lange Strecken alleine. Wie die gestrigen letzten 10 Kilometer, auf denen ich glaubte, ganz alleine zu marschieren. Und jetzt ist die Gaststätte rammelvoll. Ja, einige Pilger holen sich hier nur einen Stempel für ihre Credincial del Peregrino, den Pilgerausweis. Wo haben die denn übernachtet? Oder sind das die von Hape Kerkeling 2001 beschriebenen Nachtwanderer? Die nur nachts wandern, um Früh ein Bett zu bekommen. Verrückt.

Na egal, um 7.30 Uhr komme ich dann doch noch los, werfe noch einmal auf einen Blick auf die Don Quijote-Brücke und ab geht’s.

Heute bleibt mein Schatten hier. Es ist ziemlich bewölkt und ich sehe ihn nicht mehr. Entweder er hat sich versteckt, oder er hat jetzt Angst vor mir. Weil ich schneller bin als er. Oder hab ich ihn schon überwunden? Das ging ja schnell.

Also nicht lange sinniert, die nassen Strümpfe von der Wäsche am Vorabend noch fix am Rucksack festgeknötelt – und los geht’s. Wenn ich mir hier die ganzen Rucksäcke so ansehe, dann frage ich mich schon, wozu braucht es eigentlich diese Jacobsmuschel? Ist schon klar, wegen der Symbolik und wegen des Geschäfts mit den Pilgern. Da hatte jemand eine pfiffige Idee. (Für Gerlind: *innnen.) Aber da hier an jedem zweiten Rucksack Strümpfe zum Trocknen hängen, hätten diese auch locker als Erkennungszeichen für den Jakobsweg gereicht. Nun huckele ich den Rucksack schon zum dritten Mal auf und nehme ihn wieder ab, um nachzuprüfen, ob vielleicht die Waschtasche fehlt, das iPad oder der Geldbeutel, den ich vor zwei Minuten eingepackt habe, wie das iPad und die Waschtasche. Eine dumme Angewohnheit. Aber man weiß ja nie, wann das Vergessen anfängt, nicht wahr Mutti? Und dann ist es zu spät. Jetzt geht es aber wirklich los, Schon dreiviertel Acht…

Ich habe ja das kleine Etappenproblem, das ich schilderte, Zu viele Etappen, ein Tag zu wenig. Deshalb habe ich gestern noch ein paar Kilometer drangehängt. Die meisten Pilger machen ja bei 20 Kilometer, spätesten 25 halt. Das reicht auch. Nicht, dass mir das etwas ausgemacht hätte, auch nicht mental. Zehn Kilometer mehr, aber dafür alleine, mein Gott, gut für die Zwiesprache mit Dir. Aber warum schwärmen alle von den Wegen, ohne wenigstens ein einziges Mal zu erwähnen, dass hinter León der gesamte Pfad an Straßen entlang führt. Wie soll man denn hier Gott begegnen? Was hat sich denn der heilige Jacobus dabei gedacht?

Kommt Gott hier mit dem Auto vorbei? Und winkt mal? Und wenn ja, wie soll man ihn denn dann als Pilger erkennen? Kommt der Herr mit einem LKW, voller Sünden, um sie irgendwo nach Finisterre zu transportieren, und am Ende der Welt in den Atlantik zu kippen? Oder kommt Gott mit einem kleinen Fiat 500 ganz bescheiden? Oder mit einem Cadillac? Auf alle Fälle, so geht das nicht. Innere Einkehr und Autolärm passen irgendwie nicht zusammen. Und das findet man in keinem Pilgerführer. So nun ist es heraus. Das tue ich mir jedenfalls nicht noch einmal an.

Am Abend in der Albergue erzählen mir Tracy aus Florida und ihre Freundin aus Hawaii, dass sie den ganzen Tag durch Wiesen und Wälder geschlendert seien, na gut das mit dem „geschlendert“ glauben wir mal nicht. Aber Autogase stiegen den beiden nicht in die Wandernase. Dafür begleiteten sie Schmetterlinge, Vögel und weiß der Teufel was.

Zum Beweis zeigen sie mir Fotos, Fotos, Fotos. Also beschließe ich, mir auch einen alternativen Weg zu suchen. Soll Gott – oder einer seiner niedrigeren Chargen – doch auf der Straße des Lebens an meinem vorbeirauschen.

Und wie es der Teufel will, finde ich am Morgen direkt hinter Hospital de Orbigo eine Gabelung, an der mir einer von da Oben ein Fingerzeig gibt: links die Straße entlang oder rechts auf dem alternativen Jakobsweg durch Felder und kleine Meiler. Hatte etwa wirklich Gott seine Hand im Spiel – so nach der Straßenprüfung? Oder der Teufel? Ich werde es erfahren.

Übrigens nach meinen gestrigen Aufzeichnungen über meine nutzloses Schulrussisch hat mir jemand geschrieben, dass dies ja ein ziemlicher Ost-Blog sei. (Und Tracy hat ihn abonniert, OMG). Nun, dann schiebe ich eben später noch etwas hinterher. Über meine Schuhe und den Ostblock. Aber das hebe ich mir noch auf. Es wäre vermessen, schon am zweiten Tag etwas über keine Blasen zu schreiben. Obwohl wir Journalisten schreiben doch immer über Dinge, die noch gar nicht da sind…

Unterwegs bauen immer wieder Pilger-Helfer kleine Stände auf, bei denen man gegen zwei oder drei Euro-Spenden Kaffee, Bananen oder Käse und Brot bekommt.

Bevor ich hier öffentlich über meine Schuhe nachdenke, beobachte ich, dass ich schon wieder ganz allein auf dem Camino schreite. Soweit ich schauen kann, voraus kein Wanderer, soweit ich schauen kann, zurück auch keiner. Komisch, rieche ich? Jeder geht hier wohl sein eigenes Tempo. Hape Kerkeling hat das schon 2001 beobachtet. Auf dem Camino trennen sich Wanderpärchen oder ganze Gruppen abrupt. Manchmal passt es eben nicht. Aber oft kommt man irgendwo in einer Albergue doch wieder zusammen, sitzt und erzählt und freut sich, dass man nicht alleine geht. Woran erinnert mich das? An das richtige Leben? Aber wo ist da die Albergue?

Hier kann man am Camino auch schlafen.

Der Rest des Tages ist eigentlich schnell erzählt. Ich werde sowieso immer zu lang. Ich muss mir überlegen, mich künftig kürzer zu fassen. Da werden meine Reporter-Kollegen zu Hause schmunzeln, denn genau das ist es, was ich ihnen ständig vorwerfe: Keine Sau will eure langen Geschichten lesen.

Es ist kalt, ungemütlich kalt. In Astorga treffe ich Tracy und ihre Freundin wieder. Wir erzählen, wie der Weg war. Die beiden bleiben heute hier. Ich muss noch weiter ziehen. In einer Cafeteria esse ich eine Tortilla de patatas mit Brot und erkläre der Wirtin großartig: „Soy de Alemania, Aleman de Alemania.“ Worauf sie mir begeistert erklärt, dass sie eine Spanierin aus Spanien sei. Na, es geht doch voran mit der Sprache. Darüber waren wir uns schon mal schnell einig.

Plaza de Catedral in Astorga

Astorga hätte es mit seinen vielen Kathedralen und dem Bischofspalast von Antonio Gaudi durchaus verdient länger dort zu bleiben. Aber ich muss weiter nach Santa Catalina de Somoza, wo heute meine letzte vorgebuchte Herberge auf mich wartet. Heute will ich mir noch einmal etwas ganz Besonderes gönnen, und hatte dabei eine Helferin, danke Randi, für die Spende für die nette Pension zu meinem Geburtstag. Danke auch allen für die Wünsche. Diana y Carlos empfangen mich jedenfalls in der Via Avis mit großer Herzlichkeit.

Via Avis

Die letzten 10 km bin ich dann wieder alleine gegangen diesmal durch eine wunderbare Heidelandschaft, die einen schon fast an Hiddensee erinnert. Ein spanisches Hiddensee. Oh, da ist ja schon wieder der Ost-Blog. Man kann auch die Lüneburger Heide anführen. Genug sinniert. Jetzt ist Schluss. Jetzt kommt ja sowieso nichts mehr Gescheites aus mir raus. Am Nachmittag wird es sinnleer. Man trottet irgendwie vor sich hin.

Na, bitte, da habe ich als geborener Morgenmuffel doch schon meine erste Jakobswegerleuchtung. Merke: Morgenstund hat Gold im Mund. Aber muss man dafür auf den Camino?

„Si alguna vez te equivocaste tranquilo, lo mejor es haberlo intentado.” – Falls Du Dich einmal geirrt hast, immer mit der Ruhe – das Wichtigste ist, es probiert zu haben.

2 Gedanken zu “Wo ist die Albergue des Lebens

  1. Mein lieber Stefan, schön dass du immer weniger über Meck-Pomm, die Politpromis und die Redaktion schreibst. Ein gutes Zeichen. Für dich und deinen schönen Blog. Grüße von S&I

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  2. Ein anderer Max fragte unlängst warum du denn soviel zu Fuss gehst und wann dies vorbei sei.. Da warten einige tiefgründige Gespräche für euren philosophischen Weg zur ungeliebten Tagesstätte.. 😉

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