Die schreckliche Nacht im Schlafsaal

El camino comienza en su casa. (Der Weg beginnt in Ihrem Haus, lautet die spanische Antwort auf die Frage, wo der Jakobsweg beginnt.

Von Ventosa nach Ciruena, 7. Etappe, 27 Kilometer

Um 5:30 Uhr knallen die Türen. Stand da gestern nicht in der Albergue San Saturnino an jeder Tür auf einem Schild, dass hier Nachtruhe von 22 Uhr bis 6 Uhr gilt? Das sind bestimmt die Koreaner, die gestern Abend die Küche besetzt hielten. Hoch lebe das Vourteil.

Ja, jetzt ist es passiert. Meine erste Nacht im Dormitio. In Ventosa, etwas abseits vom Weg kurz hinter Navarete habe ich mir ein Bett im Schlafsaal gemietet. Der Pilger im allgemeinen ist ja ein armes Wesen. Kürzlich stieg ich sogar in einer sehr christlichen Herberge in Villamayor ab. Wir haben vor dem Essen für die Köchin gebetet, was das Zeug hielt. Doch heraus kam etwas, was zum Teil noch gekocht hätte werden müssen, und zum Teil die Konsistenz eines Babybreis hatte, den jeder auch noch so zahnlose Pilger locker geschlürft hätte. Aber alle haben der Köchin überschwänglich gedankt. Das nenne ich mal Nächstenliebe. Als ich meine ungekochten Möhren und Erbsen zurückgehen ließ, holte ein Mödchen aus Colorado einen offenbaren Traumaspruch aus ihrer Kindheit hervor: „Eat your vegetable!“ Möhrenallergie, leider…

Jeder dieser Menschen an der Tafel, egal wie alt er ist und woher er kommt, sie eingeschlossen, hat sicherlich seinen Grund, nach Santiago zu pilgern. Die einen beten inbrünstig. Die anderen prahlen munter mit ihrem Backpackerreisen, wie man das bei Backpackern immer so hat. Ich will es mal so erklären, Wege entstehen, wenn ein Ziel vorhanden ist. Natürlich steht auch immer das Abenteuer im Raum. Viele sagen, es stünde Verbundenheit mit der Natur an erster Stelle. Da es ausgerechnet heute auf dem Weg regnet, kann ich das nicht bestätigen. Andere wollen mal etwas ganz anderes machen. Auch sportlicher Ehrgeiz ist dabei. Wie viele Kilometer man denn heute so schafft? Das mag eine Rolle spielen.

Der französische Jakobsweg durchläuft so ziemlich die ganze Naturpalette, die Spanien zu bieten hat. Hochgebirgslandschaften und flaches Tafelland, klimatisch wird man mit dem immer feuchten bis halbtrockenen Iberien konfrontiert. Man trifft auf Gebiete, die geprägt sind durch extensive großflächige Landwirtschaft, aber auch auf Gebiete, in denen auf Minifundien gewirtschaftet wird, kurz man erfährt die Einsamkeit dünn, besiedelter, ländlicher Gebiete im Kontrast zu quirligen, hektischen modernen Städten. Man kann die Alltagshektik hinter sich lassen, und vielleicht gibt es sie ja doch, die Erleuchtung?

Schon auf dem Flughafen in Hamburg vor genau einer Woche hatte ich das Gefühl, jetzt aber schnell noch ein Buch über den Weg reinziehen, damit ich gut vorbereitet bin. Dann schnell noch den neuen Vodafone-Vertrag checken, dann… Aber Nein, ab jetzt ist alles anders. Ich habe Zeit. Unendlich viel Zeit. JakobswegsThriller? Tomorrow! Vodafone? Morgen! Zeit? Heute! Obwohl, wie viel Zeit bleibt eigentlich nach der Geburt? Nach sechs Jahren Nest. Schule, Uni, 40 Jahren Redaktion und Welt retten? Kein Thema für jetzt. Das bespreche ich morgen in der nächsten Pilgerkirche mal. Mit Ihm. Vielleicht weiß er es ja. Oder kennt einen Trick. Jeder kennt ja den Witz über Johannes Heesters: „Es ist vier Uhr nachts! Jemand pocht laut an der Tür. Der 99-jährige Jopie quält sich aus dem Bett und schlurft zur Tür. Vor der Tür steht der Tod mit dem Stundenglas in der Hand. Jopie dreht sich um und ruft: „Simone! Es ist für dich!“ Mit dieser Methode wurde er 108! Nun frage aber bitte niemand, wer ist Jopie Heesters. Jedenfalls nicht mein Schulfreund.

Ich habe mir dann zu Beginn meiner Pilgerreise letzten Sonntag auf dem Flughafen in Hamburg nur die Ohrhörer reingeknallt und mir einen Krimi von Jo Nesbø reingezogen. Über den grausamen Tod. Wir Menschen sind schon irgendwie schräg, oder? Aber toller Autor. Eine Empfehlung meines Freundes Ingo. Vielleicht dann doch lieber Florentina Holzinger mit der biblischen Geschichte als feministische Befreiungsoper. Auch etwas, über das man auf dem Weg nachdenken kann.

Zurück zur Pilgerherberge in Ventosa. Auch wenn an anderer Stelle anders geschildert, und ich dort schon mal von einem Pilgermenu geschwärmt habe, muss es nicht zwingend das Essen in den Pilgerherbergen sein, das einem nach Spanien lockt. Der Herbergsvater hier lockt zwar ab 18 Uhr mit Pizza, Paella oder Tarte, aber als wir pünktlich und fröhlich am Tisch sitzen und die ersten Fragen nach der Pizza kommen, läuft er flugs in die Küche und holte ein Tiefkühlbrett von Pizza an den gedeckten Tisch. Betretenes Schweigen. Dann schon lieber die halbgare Köchin von Villamayor. Aber mitgefangen mit gehangen. Nun können wir auch nicht mehr weglaufen. Die Pizza scheidet schon mal von vornherein aus visuellen Gründen aus. Da hätte ich nur bis nach Hagenow zu Doktor Oetker laufen müssen. Also die Paella, mixed? Ja, mixt. Nach 20 Minuten und einen freudigen Ping steht sie dann vor mir, überheiß eine zentrale Muschel, eine einsame Garnele, drei Stück Fleisch, ganz viel Reis. Nun gut, es gibt gute Tage und schlechte Tage am Tisch. Aber der Herbergsvater ist total stolz auf seine Kochkünste. 10 Euro, uff.

Dennoch sollte ich ihm ausgesprochen dankbar sein. Mit dem Hinweis auf mein hohes Alter und auf Schwindelgefühle in der Höhe, mit denen ich nicht in einem Hochbett oben schlafen könne, sowie den verstohlenen Altmänner-mehrmals-in-der-Nacht-auf-Toilette-Augenzwinkern führt er mich in eine Kammer mit zwei Hochbetten und einem Einzelbett. Ich könne mir ein Bett aussuchen. Keine Frage, ich nehme das Einzelbett. Und da Ventosa doch ein wenig am Rande des Weges liegt, kommt auch die ganze Nacht kein weiterer Pilger in das Dormitio. Wer hätte sich auch in dem einsetzenden Regen hierher verirren sollen? Gut für mich, ich kann jetzt sagen, ich habe im Dormitio geschlafen. Und hatte trotzdem ein Einzelzimmer. Für 14 Euro! Also für die eine Erzählung ist damit klar, ich war auch dabei. Für die andere Erzählung, ich bin wahrscheinlich der einzige Pilger auf dem ganzen Jakobsweg, der in einem Schlafsaal geschlafen hat, und es wie ein Einzelzimmer genießen durfte. Aber das ist ja nicht die letzte Herberge. Und was ist nun mit der Überschrift und der schrecklichen Nacht im Schlafsaal? Ist so ein Internet-Journalisten-Ding. Lernst man heute: Oben Catcher in the Rye, unten im Text dann nur ein Würmchen. Sorry.

Vielleicht ist der Jakobsweg in seiner Gesamtheit auch ein bisschen Abenteuer, ein bisschen Einkehr, ein bisschen Religion, ein bisschen Gemeinschaft und ein bisschen Herausforderung. Einfach mal in einem ganz anderen Lebensrhythmus hineinschnuppern. Danke heiliger Jakobus, auch für das Einzelzimmer.

PS: Als ich nach sechs Stunden in Ciruena in der Casa Vcitoria ankomme, belohnt mich der Weg mit einem Oma-und-Opa-Schlafzimmer in einer Privatpension. Auch wieder witzig. Hinter mir röhrt der Hirsch…

Erkenntnis des Tages: Überfordern wir das Schicksal, und es kann nur eines gut sein, das Essen oder die Nacht?

6 Gedanken zu “Die schreckliche Nacht im Schlafsaal

  1. Hallo Max-Stefan Koslik – wünsche einen guten Weg, allzeit durchgegarte Mahlzeiten, viele Einzelzimmer und vor allem wesentliche Erkenntnisse über die (Rentner-)Welt an sich… Herzliche Grüße von zZt Korsika (sind seit Anfang April in Italien unterwegs, kommen von Sizilien so langsam wieder nach Norden), tos

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  2. Lieber Max-Stefan, (wie waren doch beim Du?) ich gehöre zu denen, die Deine Pilgerberichte mit Inter- esse und mit Schmunzeln lesen. Passagenweise lesen sie sich, als schreibe hier ein Bekehrter. Oder täusche ich mich da? Herzliche Grüße aus der (was die Temperaturen betrifft) herbstlichen Heimat…. VG Martin

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      • … der Geist weht, wo er will, in der Institution will er, wenn überhaupt, offenbar erst ganz zuletzt…. Zeit das Credo zu ändern???😉

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