Achtsam Morden auf dem Jakobsweg

Wir alle sind Pilger, die auf ganz verschiedenen Wegen einem gemeinsamen Ziel zuwandern. (Antoine de Saint-Exupéry)

Von Ibeas de Jurraos nach Burgos, 10. Etappe, 15 Kilometer

Es ist wirklich besser, am frühen Morgen zu laufen, da knallt die Sonne noch nicht so, geben Pilgerführer gerne Rat. Hey, wieso „da knallt die Sonne noch nicht“? Heute Morgen sind es hier in Ibeas genau 6 Grad Celsius. Ich suche meine Strickunterhosen. Die ich natürlich nicht dabei habe. Ja, nicht mal habe. Ich habe zu Hause ja auch noch extra die etwas dickere Jacke ausgepackt, um sie unter der spanischen Sonne nicht 800 Kilometer weit schleppen zu müssen. Also hilft nur das Zwiebelprinzip. Ein langes Sweatshirt, T-Shirt, dünne Jacke, lange Hosen, Käppi… Doch die Zwiebel friert immer noch. Was für ein unerwartetes Dilemma.

Aber würde ich nicht genauso jammern, wenn es um 8 Uhr schon 28 Grad wären? Man kann es halt den Menschen nie recht machen. Dem Pilger im Allgemeinen schon gar nicht.

Heute geht es nach Burgos. Ich habe von Ibeas extra nur 15 Kilometer Weg eingeplant, damit ich mir die erste größere Stadt auf dem Camino näher anschauen kann. Zudem gab mir mein langjähriger Kollege Christian noch den Tipp, am Stadtrand doch den Bus zu nehmen. Bevor der Pilger kilometerlang durch Industriegebiete und an Autohäusern vorbei schlurft. Es geht ja schließlich nicht um den heiligen SEAT, sondern um den heiligen Jakobus.

In der Pension begegne ich Zala aus Ljubljana. Ich habe die sportliche Frau mit den kurzen blonden Haaren bereits auf dem Weg gesehen. Als ich gerade mit der Wirtin berate, welchen Bus man am Stadtrand von Burgos nehmen könnte, damit man ins Zentrum kommt, schaltet sich Zala ins Gespräch ein. Die Wirtin konnte mir absolut nicht helfen, welches die richtige Busnummer sei, gab mir aber den wertvollen Tip, wenn ich an eine Bushaltestelle kommen sollte, dann doch die dort stehenden Spanier zu fragen. Zala aus Slowenien meinte nun wiederum, es sei besser mit dem Taxi zu fahren. Sie war gestern schon in Burgos, fand dort aber keine Unterkunft, und sei dann wieder die 15 Kilometer mit dem Taxi zurückgefahren.

Da frage ich mich doch umgehend, wie kommt man auf diese kleine, schlecht ausgeschilderte Pension in diesem kleinen Nest vor der Stadt, nach der ich gestern selbst erst einmal 10 Minuten suchen musste, weil sie in dem Häuserwirrwarr des Ortes nicht recht auszumachen war? Zala erzählte mir, dass sie bereits das dritte Mal auf dem Jakobsweg sei, und sich sozusagen auskenne. Aha. Aber keine Unterkunft in Burgos finden. Schließlich erzählte mir die Drefachpilgerin aus Slowenien, dass sie gestern 45 Kilometer gegangen sei. Wow. Ja, und am Vortag seien es sogar 48 gewesen. Da habe ich also eine Kampfpilgerin getroffen.

Noch nie hat mir jemand erzählt, dass er 45 und 50 km am Tag ginge. Ich wurde ich vor einigen Tagen als verrückt erklärt, als ich eingestand, 35 Kilometer gegangen zu sein. Natürlich locker, ließ ich noch heraushängen. Obwohl locker… Nein, 20-25 km sind eher das normale Maß. Sonst kommt man ja gar nicht zu innerer Einkehr.

Diesen Ratschlag bekam ich zumindest in dem christlichen Hospiz in Villamayor von einer Schweizerin, Sibyl. Auch sie ist gerade in den Ruhestand gegangen, in den vorzeitigen, und will nun von ihrem Beruf als Lehrerin ein wenig Abstand bekommen. Erzählte sie mir. Und, dass sie auf die Idee mit dem Jakobsweg wegen eines Buches gekommen sei. „Achtsam Morden“ von Karsten Dusse. In Teil 3 der Reihe – „Achtsam Morden am Rande der Welt“ – beschreibt dieser, wie ein Mord auf dem Jakobsweg so am Rande passiert. Das ist eine neue Buch-Serie, die an sich sehr amüsant ist, weil sie Morde als Resultat einer psychoanalytischen Behandlung des Helden in den Mittelpunkt stellt. Aber ein solches Buch als Ausgangspunkt und Inspiration für den Jakobsweg? Das finde ich schon irgendwie komisch. Ich sehe mir meine Mitpilger jetzt doch ein bisschen genauer an und halte mich von Sibyl fern. Man weiß ja nie. Zumal der Romanteil mit den Worten beginnt: „Jeder Mensch, der geboren wird, stirbt. Das ist unglaublich beruhigend. Statt uns jeden Tag mit der Frage zu belasten, wann wir sterben werden, könnten wir uns auch jeden Tag an der Frage erfreuen, wie wir an all den anderen Tagen leben wollen.“ Zu Fuß ins Ich also…

Zurück zum Jakobsweg. Wenn ich es so recht bedenke, ist doch zwischen 20 beziehungsweise 25 Kilometern und 40 beziehungsweise 45 Kilometern so um die 30 Kilometer das richtige Schrittmaß, oder nicht? Es kommt natürlich immer darauf an, dass es passt. Und 28-32 Kilometer passen für mich halt. Sieben Stunden Nachdenken am Tag ist doch eine gute Denkphase, oder?

Und wie gesagt, zwischendurch begegnet man ja immer wieder Pilgern, die gerne zu einem kleinen Plausch bereit sind. Und immer wieder lernt man Menschen kennen, die eine spannende Geschichte mit sich herumtragen. So wie gestern Paula aus Atlanta, Georgia, die mir erzählte, dass sie auch schon mal in Deutschland gelebt habe. In Wiesbaden. Aha. Sie habe dort Volleyball gespielt. Ja, aha. Wer spielt nicht alles irgendwann mal in seiner Jugend Volleyball? Sie kenne auch Schwerin. Aha. Vom Volleyball. Oh, jetzt wird’s interessant. Wo sie denn Volleyball gespielt habe, will ich wissen. In der ersten Bundesliga der Frauen, sagt sie, beim VC Wiesbaden. Na, die flunkert doch, denke ich mir noch, obwohl sportlich sieht sie aus. Als Profi, sagt sie, sie ist Paula Gentil, und hat 2008-2009 für Wiesbaden gespielt. Das muss ich doch flugs bei Dr. Google nachschlagen, und ja, es stimmt.

Paula Gentil war dreimalige All-American und führte Minnesota zu zwei Final Four-Teilnahmen. Sie stellte 2004 den NCAA-Saisonrekord auf, lese ich nach. Und jetzt arbeitet die 41-Jährige in der Biomedizin und braucht eben mal eine Auszeit. Also ein Selfie zum Angeben.

Das Foto habe ich natürlich gleich meinem Freund Ingo geschickt. Der kennt sich in Volleyball aus. Und wenn man auf dem Jakobsweg schon mal einer lebendigen Heiligen der NCAA begegnet, dann muss man doch damit angeben. Natürlich habe ich es nicht so einfach gemacht, sondern ganz scheinheilig gefragt, ob er die Volleyballerin an meiner Seite erkenne. Fabiana Oliviera kam es sofort wie aus der Pistole geschossen zurück, zweimal Olympiagold für Brasilien. Wer ist nun wieder Fabiana Oliviera? Na, vielleicht morgen…

Genau von meinem Hotelbalkon in Burgos (50 Euro) blicke ich auf die Brücke Santa Maria, die auf das Arco Santa Maria, das Tor Santa Maria, hinführt. Dahinter ist schon von hier die Kathedrale von Burgos zu sehen, natürlich am Plaza de Santa Maria. Sie gilt als eine der größten Glaubensburgen Spaniens, zusammen mit Sevilla und Palma de Mallorca. Im gotischen Zuckerbäckerstil seht sie der Sagrade de Familía von Antoni Gaudi in Barcelona in nichts nach. Und ist natürlich Weltkulturerbe. Nur der französische Baumeister ist nicht bekannt. Für ein Bauwerk, das Jahrhunderte bis zur Fertigstellung brauchte, ist sie ziemlich wie aus einem Guss. Alles andere kann man nachlesen. Witzig sind wie so oft die Details im Inneren. Außer, dass das Hauptschiff völlig verbaut ist, findet sich hinter der Doppelturmfassade ein kleines Wahrzeichen in solcher Höhe, dass man den Kopf in den Nacken legen muss: der Fliegenschnapper. „Papamoscas“. Zur vollen Stunde öffnet die sehr realistische Nachbildung eines mittelalterlichen Gauklers zu jedem Glockenschlag den Mund und schließt ihn wieder. Allerdings behaupten die Einheimischen, die wirkliche. Fliegenschnapper ständen unten im Kirchenschiff, die die Figur mit weit geöffneten Mündern bestaunten. Wer weiß. Ich hab ihn nicht schnappen gesehen.

Bekannt ist Burgos auch für seine Speisen, z.B. Morcilla de Burgos, eine Art Blutwurst mit Reis, Zwiebeln und Schmalz, die in Scheiben geschnitten warm gegessen wird. Gerne auch auf einem Bett aus Kartoffeln und mit lange durchgekochtem Schweineohr und Schweineschnauze serviert. Blutwurst probiert, lecker. Schweineohr ignoriert, besser. Eine tolle Stadt, die man überhaupt nicht auf dem Schirm hat.

Natürlich lebt man auch als Pilger in Spanien nicht ganz abgeschieden von den Nachrichten aus der Welt und vor allem aus Deutschland. Habe gestern einen Tweet von Patrick Dahlemann, Chef der Staatskanzlei in Schwerin und Vertrauter von Manuela Schwesig, verfolgt. Dahlemann ist als SPD-Mann mit einem Dreierbündnis mit Links-Genossen in seinem neuen Heimatdorf Mönkebude zur Kommunalwahl angetreten und brüstete sich nun seines großen Wahlerfolgs – und bekam postwendend die Hucke voll. Er hat zwar durchaus beachtliche 455 Stimmen bei den Kommunalwahlen erhalten, aber den großen Erfolg hatte in Wirklichkeitdie die CDU mit Christoph Bade mit 950 Stimmen. Diese ständigen Übertreibungen sind es, die die Leute aufregen… Und die die herkömmliche Politik unglaubwürdig machen. Und wenn es dann schiefläuft, sind die anderen Schuld, z.B. der Bund.

Erkenntnis des Tages: Man weiß nicht immer, wer der wirkliche Fliegenschnapper ist. Mitunter man selbst.

3 Gedanken zu “Achtsam Morden auf dem Jakobsweg

  1. Es ist schon erstaunlich, wieviel weibliche Pilgerinnen dir begegnen. Gehört wohl zu deiner inneren Einkehr. 😉vor ganz langer Zeit war das eher anders. Aber kann sein, ich weiß das nur nicht. Es ist jedenfalls ein Genuss, deine Berichte im beschaulichen Thüringer Nest zu lesen. Judith

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    • Da sage ich mal, man sieht hier Pilgerinnen in der großen Überzahl. Und die Pilger ohne -in sehen oft ganz schön stieselig aus. Wahrscheinlich wie ich selbst mit meinem täglich wachsenden Pilgerbart auch. 🙀😉🤣

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  2. die Vielfalt der Menschheit ist grenzenlos, auch auf dem Pilgerweg sind nicht alle gleich 🙃 da kann man schon mal zum Fliegenschnapper werden. … und das ist gut so 😉

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