Die Sache mit den Herbergen

“Eines Tages wirst du aufwachen und keine Zeit mehr haben für die Dinge, die du immer wolltest. Tu sie jetzt.” (Paulo Coelho)

Casa Rual de Victoria in Cirueña

Von Ledigos nach El Burgo Ranero, 15. Etappe, 34 Kilometer

Ich gebe es zu, ich bin ein Weichei. Ich habe alle Hostels und Herbergen auf dem Weg nach Santiago de Compostela bereits vorgebucht. Ich habe mich an einem Abend im Februar hingesetzt und habe Etappe für Etappe geplant. Am Anfang etwas länger, so um die 30 Kilometer, gegen Mitte des Weges etwas kürzer, und vor großen Städten ganz kurz, damit ich Zeit habe, mir die Stadt anzuschauen. So wie etwa in zwei Tagen in León.

Nach 15 Wandertagen kann ich sagen, man erlebt auch ohne Spontanguesting genug Höhepunkte oder auch Reinfälle. Ich brauche das einfach nicht, am Ende einer Etappe von 34 Kilometern, so wie heute, herum zu stürzen und nach einer Unterkunft zu suchen. Und ich bin auch keine 18 mehr, dass ich die schöne kuschelige Atmosphäre eines Schlafsaales mit 20 oder 25 Betten als sozialen Background für meine Pilgerreise benötige. Nicht, dass ich nicht um das wärmende Klima eines Schlafsaals wüsste, mit dem Schnarchen, mit den Socken der Anderen, mit den Gesprächen meiner Mitpilger. Aber irgendwie hatte ich das aus meiner dreijährigen Armeezeit und vierjährigen Studienzeit in Kasernen und Internaten so positiv in Erinnerung behalten, dass ich mir diese schöne Zeit meines Lebens nicht hier auf dem Camino durch vielleicht unvorsichtiges Verhalten meiner Mitpilger kaputt machen lassen wollte.

Und mal ganz ehrlich, jeder von uns, die hier regelmäßig diesen Blog lesen, könnte sich doch auch ein zuvor auf Spanisch gemietetes oder ein bei booking.com reserviertes Zimmer leisten. In der Regel sind es dann auch nur zwischen 35 und 50 Euro. Da muss doch keiner bedürftigen jungen Menschen die Betten wegnehmen, die aus den kargen Förderzusagen ihrer unmittelbaren im eigenen Haus lebenden Vorfahren gerade ihren Selbstfindungskurs in Spanien finanzieren. Und die, die schon mit 24 BMW fahren, die pilgern ja hier nicht.

Albergue LaMorena in Ledigos

Vor wenigen Minuten verließ ich die Albergue LaMorena in Ledigos gemeinsam mit Diane aus Kanada. Sie ist ein paar Tage vor mir losgegangen und bucht grundsätzlich nicht vor. Ihr Überlebensmotto für die Schlafsäle auf dem Camino de Campostela: „A glass of red wine in the evening and you have a good night’s sleep in the dorm.“ Wie viele Gläser sie meinte, hat sie nicht weiter ausgeführt. Aber wer will denn schon auf dem Camino zum Alkoholiker werden? Der hier schreibende Blogwart – und das ist dezidiert nur auf die Aufsicht über die hier stehenden Wörter zu verstehen – hat sich eher vorgenommen, auf dem Camino auch seiner Leber freizugeben. Zumindest in Maßen. Schließlich wollen wir alle etwas von dem Erlebnis haben. Nicht nur das Herz und das Hirn, sondern auch der Magen und eben die Leber. Nun gut zugegeben, die Beine haben auf den 800 Kilometer langen Weg die A–Karte gezogen. Aber einer muss ja dafür sorgen, dass es hier vorangeht. Selbst bei einer wohligen Wallfahrt. Und die beiden sind immerhin zu zweit. Ja und die Nieren sollten auch etwas zu tun haben. Allein durchspülen mit dem klaren Quellwasser Spaniens scheint mir da auch ein bissl zu wenig.

Eine Freundin in Schwerin war total entsetzt, als ich ihr vor dem Start Anfang Juni beichtete, dass ich schon alles vorgeplant habe. „Das hat doch nichts mit Pilgern zu tun, was du da machst“, ging sie mit meinem Plänen knallhart ins Gericht. „Du planst deine Zeit auf dem Jakobsweg genauso durch, wie zuvor deinen Arbeitsalltag. Wo ist denn da das Neue? Der neue Abschnitt? Du musst dir doch Zeit nehmen, und einfach mal die Welt auf dich zukommen lassen.“ Stimmt schön gesagt. Aber soll ich mir den Weg von überfüllten Schlafsälen Abend für Abend kaputt machen lassen? Der Weg ist immer besser als die schönste Herberge. Aber schön sollte die Herberge dann doch sein.

Sibyll aus der Schweiz, die nunmehr schon ein paar Etappen hinter mir liegen muss, erzählte mir vor ein paar Tagen hektisch, dass ihre Ohrstöpsel irgendwo verloren gegangen seien. Ein anderer Pilger berichtete mir, dass er immer schon um 5 Uhr aufstehe, damit er der erste im Gemeinschaftsbad ist. Und wenn nebenan die Wasserspülung lieblich rauscht, ist natürlich für den Rest des Schlafsaals auch die Ruhe vorbei.

Palacio de Pujadas by MIJ, Viana

Und mal ganz ehrlich, wenn ich jeden Morgen die Rucksackparaden am Ausgang meines Hostels oder meiner Herberge sehe, die dort der Abholung durch ein Taxi oder eines Gepäcktransports harren, dann fällt es mir irgendwie schwer zu glauben, dass hier jede und jeder wie Hans-guck-in-die-Luft am Morgen losziehen, um zu sehen, wo sie am Abend landen. Riesige Rucksack-Gebirge an irgendwelchen Ortsschildern in der Pampa sind mir unterwegs auch noch nicht aufgefallen. Aber jedem Pilger seinen Camino. Und Sibylls Ohrstöpsel wird ja niemand nachts im Schlafsaal mit einem Korkenzieher herausgezogen haben. Ich habe ja auch schon einen Ohrhörer unterwegs verloren. Und das hatte nichts mit Schlafsaal oder Zimmer zu tun, sondern einzig mit Dussligkeit.

Zudem hatte ich es für eine gute Idee gehalten, nicht mit dem Pilgerstrom vom im Gronze empfohlenen Zielort zu Zielort zu schwappen. Der Gronze ist übrigens der Pilgerführer auf dem Camino de Santiago schlechthin, den es auch als App gibt. Ich suchte mir auf dem Weg gezielt Zwischenstation aus, um sozusagen mit den Strom gegen den Strom zu pilgern. Und mit mir ganz offenbar alle anderen auch.

Gestern Abend im LaMorena in Ledigos saß jedenfalls wieder die gesamte Gemeinde zusammen. Pilger, denen ich schon seit Tagen immer wieder begegne. Der Vater mit dem Sohn aus Mexico, die Tochter mit ihrer Mutter aus Texas, eine Pilgerin aus Schottland, die es in den Tagen nach dem Spiel Deutschland gegen Schottland, besonders schwer hat, und eine Menge junger Leute. Alles Futter für den Dormitory. Ich dagegen konnte in mein kuscheliges, winziges, aber sehr sauberes Einzelzimmer verschwinden und war bis zum Pilgermenü nicht mehr gesehen. Der Vater mit dem Sohn auch. Die Tochter mit ihrer sehr alten Mutter ebenso. Diese Herberge hat im übrigen einen wunderschönen kleinen Garten, eine Waschkabine mit Waschmaschine und Trockner, und im Zimmer waren nicht nur Banane, Orange und Birne sowie Wasser angerichtet, sondern es lag da auch noch eine kleine Tube mit Fußcreme auf dem Bett. Da hätte ich ja gerne mal Mäuschen gespielt und nachgeschaut, ob auf den Stockbetten im Dorm auch auf jedem Kissen eine Tube Fußcreme wartete? Aber dieser Luxus hat natürlich auch seinen Preis. 57 € mit Frühstück. Wobei du das Frühstück hier in Spanien in der Regel vernachlässigen kannst. Einen Kaffee oder Espresso und ein Croissant. Da greift selbst ein Zuckerfeind wie ich gerne mal zum Tütchen weißen Abhängigmacher für den Espresso, um das Preis-Leistungs-Verhältnis zu verbessern. Heute Abend im Hotel Castillo El Burgo werden das übrigens nur 42 Euro sein. Aber das hat auch seinen Grund. Dazu kommen wir noch.

Wie gesagt, die Albergues entlang des Weges bieten immer eine Überraschung. Garantiert. Man weiß nur nicht welche. Ledigos beschrieb HaPe Kerkeling als kleines, schmutziges Nest mit einer heruntergekommenen, schmierigen Herberge, die zudem auch noch geschlossen hatte. Na gut, das war vor 20 Jahren. Nun war LaMorena ein Highlight am Wegesrand. In Puente la Reina hatte ich auch eine sehr schöne Herberge, die allerdings, wie schon geschrieben, von einer Reisegruppe überlauter, Gin Tonic-trinkender Amerikaner besetzt war. Da hatte ich als Pilger nicht viel zu bestellen. Und das im wörtlichen Sinne. In Pamplona habe ich für einen kleinen Preis in der Pension Obel übernachtet, auch schon geschrieben, in der das Zimmer mit Gemeinschaftsbad, in dem das Wasser nicht abfloss, durch das üppige Pilgermal der noch üppigeren Wirtin wieder gut gemacht wurde. Ventosa, bisher der einzige Ort im Regen, war mit seinem Schlafsaal und Gemeinschaftsbad nun wieder eine positive Überraschung. Aber nur dadurch, dass ich die fünf Betten im Raum für mich ganz alleine hatte. Allerdings brauchte ich hier meinen Schlafsack. Gut, dass ich daran gedacht hatte. Der Deutsche im Allgemeinen hat ja immer etwas zu meckern, also auch der deutschen Pilger: Der Herbergsvater musste einen deutschen Vorfahren im ersten oder zweiten Weltkrieg gehabt haben. Typ deutscher Feldwebel. Aber auf sein Essen war er stolz. Wahlweise Paella oder Pizza aus der Tiefkühltruhe. Das kirchliche Pilgerheim Oasis in Villamayor hatte ich ja bereits ausführlich beschrieben – Zimmer heimelig, Köchin unheimlich. Überraschend auch die Casa Rual de Victoria in Cirueña. Ein Haus an der Landstraße, aber mit dicken Mauern, in dem ich ganz offenbar im ehemaligen Schlafzimmer der Familie schlief.

La Cabala de Ibeas, Ibeas de Juarros

Ich erlebe bei privaten Unterkünften immer wieder, dass die Bewohner leer gezogene Häuser so umbauen, dass sie für eine Vermietung taugen. Also man muss sich das so vorstellen, wie bei uns in Deutschland, wenn die Kinder weggezogen, und vielleicht unglücklicherweise sogar der Partner verstorben ist. Im Obergeschoss eines Einfamilienhauses werden Schlafzimmer und die beiden Kinderzimmer und vielleicht ein Bügelraum zur Vermietung fit gemacht – so dass sich alle Pilger gemeinsam das eine Bad auf der Etage teilen müssen. Ähnlich fand ich es in Itero de la Vega in der Albergue Hogar del Pelegrino vor. Zwei Betten je Zimmer, drei Zimmer und ein Bad – und dann die einzige Herberge im Ort, die geöffnet hat. Da gehst du nach 30 Kilometern nicht noch einmal geschwind 6 Kilometer in der Hoffnung, dass sich etwas besseres findet. Inka, eine in Cambridge lebende Polin, mit der ich seit Stunden den Weg geteilt hatte, hatte nicht reserviert. Bisher hatte es immer geklappt. Aber nun war die Herberge voll. Also schlug ihr der Hausherr vor, auf dem Sofa in der Küche zu schlafen. Er würde nachts mit einem Vorhang, der schon für solche Zwecke angebracht war, die Küche teilen, und nichts würde ihren seligen Schlaf nach 30 Kilometern stören. Inka, die ursprünglich Kathrinka heißt, wanderte keine 6 Kilometer mehr weiter. Und als ich am nächsten Morgen aufbrach, schlief sie noch selig. Muss also nicht schlecht gewesen sein.

Allberga San Saturnino, Ventosa

Ich bin auch nur so früh aufgebrochen, weil sich der Pilger, mit dem ich mir mein Zimmer teilte, schon um 5:30 Uhr hinaus geschlichen hatte und verschwunden war. Da war allerdings an Schlaf nicht mehr zu denken. Aber er war am Vorabend auch erst um 20 Uhr eingetroffen. Insofern war die geteilte Nacht nur halb so schlimm. Und für 20 Euro das Bett im halben Zimmer kann man sich ja auch nicht beschweren. Aber, es ist schon lustig, wenn die Herbergsmutter herumgeht und im Zimmer auf jedes Bett zeigt: 20 Euro, 20 Euro, 20 Euro…
All diesen Erlebnissen stehen wunderschöne Hotels in Burgos oder auch in Hontanas gegenüber. Also mal ehrlich, für mich ist ein geteiltes Zimmer alle paar Tage, oder ein geteiltes Bad alle paar Tage öfter, nicht schlimm, aber genug Abenteuer.

Apropos Abenteuer, heute ist meine 15. Etappe und damit Bergfest. Bergfest der Tage. Bergfest des Weges dürfte schon gestern gewesen sein, als ich 400 von knapp 800 Kilometern hinter mir hatte. In El Burgo habe ich mir dafür ein kleines, aber feines Motel ausgesucht, 42 Euro. So dachte ich zumindest den ganzen Tag über. Und freute mich darauf. Aber jetzt, wo ich ankomme, stehe ich an einer Tankstelle von Avis mit einem Trucker-Hotel und laufenden Motoren von zig Trucks auf dem riesigen Parkplatz. Na, das ist doch mal eine Überraschung. Bergfest an der Quelle der fossilen Brennstoffe in einer Welt, die gegen die Klimaerwärmung kämpft. Das blende ich jetzt mal aus und feiere mit einer Flasche Roja den Gipfel meiner Pilgerfahrt, auf der ich 800 Kilometer durch das heiße Spanien laufe und mein ökologischer Fußabdruck demzufolge gleich einer wunderschönen Null ist. Keine Zivilisationsschelte, schließlich sind ja auch die meisten Pilger, wie ich, mit dem Flugzeug oder dem Zug aus Hamburg, Paris, Vancouver, Denver, Mexico City, Brasilia oder Ljubljana hierher gekommen und haben erst mal einen saftigen, ökologischen Fußabdruck produziert. Den sie hier zur eigenen Erleuchtung und den Erhalt der Schöpfung Tag für Tag fleißig ablatschen. Übrigens das Zimmer in dem Trucker-Motel ist gar nicht schlecht. Und die Küche sieht auch sehr gut aus.

Erkenntnis des Tages. Das Leben ist voller Überraschungen.

Albergue LaMorena in Ledigos

3 Gedanken zu “Die Sache mit den Herbergen

  1. Na das sind doch Erlebnisse, die du nicht so schnell vergisst. Weiter eine spannende Pilgertour wünscht dir dein Ex-Kollege, der allerdings lieber mit einem kleinen Wohnmobil unterwegs ist. Der Weg ist das Ziel. Also weiter jeden Tag einen tollen Weg wünscht Michael

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