In den Hinterzimmern Spaniens

Tue erst das Notwenige, dann das Mögliche, und plötzlich schaffst Du das Unmögliche (Franziskus von Assisi)

Von Foncebadõn nach Ponferrada, 21 Etappe, 28 Kilometer

Frühmorgens in den Bergen ist der Jakobsweg am schönsten. Wenn der Pilger wie neugeboren auf den Tag blickt, noch keine steilen Anstiege hinter sich gebracht und keinen Gedanken daran verschwendet hat, dass abschüssige Felsgesteinwege die Herausforderung des Tages werden könnten. Es ist einfach nur ein neuer Morgen, mit einer neuen Sonne und einem schwindenden Mond. Der Tag beginnt. Foncebadõn, das sich am Vorabend unter nachtschwarzen Regenwolken verabschiedet hatte, erwacht im strahlenden Sonnenschein als ich um 7.30 Uhr losmarschiere. Hinauf zum Cruz de Ferro, dem höchsten Punkt des Jakobsweges.

Das winzige Kreuz auf einem sehr, sehr hohen Baumstamm wirkt zunächst irritierend. Hier wird ein ziemlich heidnischer Brauch gepflegt. Unter einem Kreuz am Scheitelpunkt des Camino de Campostela legen Pilger ihre Kummersteine ab. Hier und da versehen mit Wünschen, Fotos, Erinnerungen an die Liebsten, oder auch mit einem Rosenkranz. Ich habe mir für diesen stetig wachsenden Geröllhaufen des Kummers extra unterwegs noch einen (Reserve)Kummerstein aufgesammelt, den ich neben meinem aus Saint Jean Pied de Porte schon mal vorsorglich mitschleppe. Kummersteine kann man ja bekanntlich nie genug haben. Unterwegs hatte mir irgendjemand gutmeinend kurz vor Sahagún einen Spruch zugesteckt, auf Spanisch, den ich natürlich nicht entziffern konnte, aber der etwas mit der Heiligen Jungfrau der Pilger zu tun hat. „Heile uns Mutter, die Wunden, die uns das Gehen zufügt. Lass Deine Liebe der rote Faden sein. Das trägt unseren Weg. Wir sind Zukunft in der Gegenwart…“ übersetzt mein – Vorsicht Werbung – IPhone für mich. Den Spruch lege ich gleich mal sicherheitshalber dazu. Man weiß ja nie, wofür es gut ist. Schaden kann es jedenfalls nicht. Und Zukunft in der Gegenwart wollte ich ja auch schon immer mal sein. Das IPhone behalte ich für die weitere Zukunft in der Gegenwart.

Am Kreuz steht eine ganze Schulklasse, die offenbar zeitgleich mit mir aus Foncebadõn aufgebrochen ist, um im Kreis zu beten. So trifft sich hier am frühen Morgen um Acht Glaube mit heidnischen Brauchtum. Und niemand stört das an diesem Sonntag. Als eine andere spanische Pilgergruppe lautstark eintrifft und eine Flasche Wein entkorkt, gehe ich ein wenig zur Pilgerkapelle und verdrücke ein Tränchen. Mit der Zukunft in der Gegenwart ist bei mir ganz sicher Vergangenheit gemeint. Ich werde nach 2022 und heute nicht mehr hierher zurückkehren. Adiòs Cruz de Ferro.

Verlässt man den Ferro-Pass, dann wandert man durch traumhafte Täler, entlang von Wiesenwegen und schönen Dörfchen. Quer durch das Hinterzimmer Spaniens. Niemanden würde es einfallen, hier in den Bergen statt an Spaniens Stränden Urlaub zu machen. Aber für den Peregrino an der ruta jacobea tut sich einer der schönsten Abschnitte des Weges auf. Kühle Waldwege schützen vor der immer heißer werdenden Sonne, hier und da zeigt sich auch ein mannshoher Kaktus. Spaniens innere Einkehr. Desamor España. Aber seht selbst.

Erkenntnis des Tages: Die Zukunft in der Gegenwart kann manchmal auch die Vergangenheit sein.

2 Gedanken zu “In den Hinterzimmern Spaniens

Hinterlasse eine Antwort zu Max Antwort abbrechen