Dunst

„Wir erholen uns nicht im Laufe der Zeit, sondern in der Zeit, in der wir laufen.“ (unbekannt)

Von Triacastela nach Sarria, 25. Etappe, 18 Kilometer

Der erste Blick des Pilgers am Morgen gilt der Wetter-App auf dem Handy. Nun gut, man könnte auch aus dem Fenster gucken, so möglich. Dazu später noch einmal. Aber was denkt man sich, wenn man sich nichts denkt und aus dem Fenster schaut, und man sieht nichts? Die Handy-App gibt eine rationale Antwort „Dunst“. Nicht Nebel, nicht Regen, nicht wolkig, sondern Dunst. Was ist Dunst? Das habe ich hier schon einmal vor zwei Jahren erlebt, wie sich innerhalb kürzester Zeit die Sonne verdunkelte und bis tief ins Tal plötzlich Nichtssehen herrschte. Die Wetter-App gibt auch keinen unnötigen Grund zur Hoffnung, dass sich das bis Mittag ändert. Aber dann ist man ja schon längst unterwegs, und weiß, so eine App ist zwar im analysieren gut, aber im prognostizieren, naja. Also frisch hinaus in den Waschsalon.

Wenn sich etwas seit dem Buch von HaPe Kerkeling geändert hat, dann sind es die Herbergen. Ich hatte das Thema ja hier schon einmal, und kann nur sagen, entweder fand der PromiPilger vor 20 Jahren eine große Freude daran, schreckliche Herbergen zu beschreiben, mit Schlamm verkrustete Fußböden zu schildern, Isomatte an Isomatte schwarz zu malen, um dann wundersamer Weise doch in einem wunderbaren Dreibettzimmer mit seinen beiden Freundinnen zu landen. Oder es war halt damals schlechter und die Infrastruktur hat sich inzwischen sensationell gebessert. Ich kann nur sagen, dass ich in den letzten drei Herbergen heimelige Zimmer fand. In Triacastela zum Beispiel hatte ich eine kleine, wunderbar ausgebaute Feldsteinkammer für mich ganz allein, in einem historischen Haus, derengleichen man im ganzen Ort suchen konnte. Und selbst hier hinter dicken, dicken Mauern funktioniert das Internet, aber das ist ja wohl mehr eine deutsche Frage. Der einzige Nachteil meiner Feldsteinhöhle war, dass die Fenster sind so klein sind, dass man beim Hinaussehen vielleicht noch den Garten sieht, aber nicht erkennen kann ob Dunst, Wolken, Nebel oder vielleicht doch irgendwo in einer Ecke ein Sonnenstrahl in den Garten scheint. Deshalb ist eine Wetter-App gut. Und sehr verehrter Pilgerdichter, wenn man dann auch noch reserviert, bekommt man so ein tolles Felsenverließ für einen Spottpreis. Naja, für unter 40 Euro jedenfalls. Aber man kann ja nicht alles haben.

Und wie ist es, als ich am Morgen heraustrete? Dunstig halt. Man kann zwar die Hand vor Augen noch locker sehen, aber den 20 Meter entfernten Pilger halt nur noch ahnen. Und selbst ein guter spanischer Espresso, ordentlich stark, mit ganz viel Zucker, hilft nicht für den klaren Blick. Wer hätte gedacht, dann man sich irgendwann mal wünscht, gar keinen Dunst zu haben…

In Triacastela muss man sich entscheiden, entweder man geht den langen Weg über das berühmte Kloster Samos, vom gleichnamigen Wein, den hier aber niemand trinkt, und belohnt sich mit ganz viel Mystik und sieben zusätzlichen Kilometern, oder man geht den kurzen Weg, durch den dunstigen Wald über den Bach San Xil. Ich entscheide mich für den kurzen Weg. Man muss ja nicht jeden Umweg machen. Außerdem haben mir die beiden Holländerrinnen Ellen und Arrinda gestern Abend noch geschrieben, dass sie heute erst 7.45 Uhr aufbrechen wollen. Oh, denke ich noch bei mir, so spät. Um dann heute Morgen auf dem Handy die Nachricht vorzufinden, Irrtum, 6. 45 Uhr. Aber selbst das dürfte für die Frühaufsteher spät sein, sonst gehen sie immer schon kurz nach sechs los.

Es sind nur 18 Kilometer bis nach Sarria, vor den vier letzten, längeren Etappen noch mal ein Stück zum ausruhen. Hinaus in den schummrigen Dunst-Wald.

Erkenntnis des Tages: Man muss nicht jeden Umweg machen.

5 Gedanken zu “Dunst

  1. Lieber Ingo, danke für deine Kommentare, die aus welchem Grund auch immer im Spam gelandet sind, aber jetzt habe ich sie. Und lese sie am Abschluss einer grandiosen Wallfahrt, Danke mein Freund!

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  2. Hallo Max, gestern hatten wir in Schwerin zwar keinen Dunst, stattdessen ein beeindruckendes Schauspiel aus kräftigen Regenschauern, Sonne, Hitze und Gewittern. Liebe Grüße aus der Heimat! Buen Camino! André

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  3. So, mein lieber Stefan, dass ist jetzt mein dritter und möglicherweise letzter Kommentarversuch. Da dich meine Büchertipps und Volleyball-Kenntnisse begleiten und ich mit dir ellenlang unter anderem über brasilianische Olympiasiegerinnen philosophiert habe (bis mich dein Blog immer wieder abgewürgt hat), fasse ich mich heute kürzer. Ich wandere dir fast täglich nach und bin durch viele tolle Fotos (Wer macht die eigentlich? Vermutlich immer dieser Benediktinermönch…) tatsächlich dicht hinter dir. Schließlich wird man nicht dümmer, was heute auch nicht selbstverständlich ist. Und Hut ab (Vorsicht bei zuviel Sonne!) vor deiner Konsequenz. Besonders gefällt mir aber, dass mit den Kilometern auch Schattenwörter wie Kommunalwahl, Gomolka, Merkel und gar Dahlemann von so schönen Dingen wie Rittern, Wölfen und gar Samos überstrahlt werden. Darüber habe ich mich im letzten Kommentar ausführlich ausgelassen.

    Und jetzt? Hab ich den Eindruck, dass mit weichendem Schuhprofil die Gelassenheit wächst. Glückwunsch. Ich hoffe, dass der Effekt länger anhält als beim letzten Mal. Ich bin mir sogar sicher. Und ich freue mich auf die Geschichten, die du noch nicht geschrieben hast bei einem Glas Samos. Du kannst natürlich auch was anderes trinken.

    Bis gleich. Ingo

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  4. Hallo Max, das mit dem Dunst haben wir auch erlebt, im Baskenland. Es kommt vom Atlantik und hüllt weit hinein ins Festland die Landschaft ein. Sieht mitunter mystisch und nach Weltuntergang aus. Wahrscheinlich auch deshalb wieder die stürzenden Linien in Deinen Fotos, oder?

    Gruß, Peter.

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