Ich gehe nicht allein, wie kommst du denn darauf?

Walk on, walk on
With hope in your heart
And you’ll never walk alone (Geh weiter mit der Hoffnung im Herzen und du wirst niemals allein gehen, Musical ‚Carousel‘)

Von Sarria nach Portomarin, 26. Etappe, 22 Kilometer

Bevor ich auf den Weg gegangen bin, wurde ich immer wieder gefragt: „Und, gehst du da alleine?“ Genau genommen war das sogar eine der am meisten gestellten Fragen, wenn ich von meinen ersten Plänen nach meinem letzten Arbeitstag erzählte. Neben „Warst du da nicht schon mal?“ Ja, stimmt, aber die Jakobsweg-Polizei erlaubt auch mehrfaches Betreten des Camino de Campostela. Sehr beliebt war auch die Frage: „Was willst du denn da?“ Oder: „Das würde ich nie schaffen“, verbunden mit der Feststellung, „Na, du als Marathonläufer bist ja trainiert.“ Was nun wieder weniger wie eine Frage, sondern eher sogar wie ein Vorwurf klingt.

Aber zurück. „Gehst du da allein?“ Was antwortet man darauf? Ach, meine Frau hasst – nicht ganz zufällig nach unserem ersten Versuch – Hüttenwanderungen. Was zwar stimmt, aber irgendwie nach Denunzieren klingt. Oder: Kannst ja gerne mitkommen, was nicht nur gelogen wäre, sondern im schlimmsten Fall ungewollte Konsequenzen hätte? Im besten Falle habe ich flapsig dahingesagt: Ich werde doch meine Probleme nicht mit auf den Jakobsweg nehmen. Klingt gut, ist aber auch ein bisschen mies. Und stimmt vor allem nicht, weil genau das tut man. Man läuft sich seine Probleme auf dem Camino aus der Seele.

Die ehrliche und tatsächliche Antwort gibt dir der Weg selbst. Sie müsste nämlich lauten: Ich gehe nicht alleine, wie kommt du denn darauf? Auf dem Camino wirst du immer wieder in Gespräche hineingezogen oder findest dich in Wandergemeinschaften wieder, von denen du zu Beginn keinen einzigen Pilger kennst und zum Schluss alle. Aus unterschiedlichsten Gründen, die nicht mal von dir selbst herbeigewünscht sein müssen. So wie heute Morgen, als ich aus Sarria gemeinsam mit Norbert und Jupp aus Deutschland sowie Ellen aus Holland aufbreche. Die beiden Herren halten gerne ein Schwatz, Ellen fühlt sich in Gesellschaft sicherer. Ich habe sie nach ersten gemeinsamen Kilometern hinter Leon später in Ponteferra wiedergetroffen, als sie in der größeren Stadt jemanden suchte, der mit ihr am nächsten Morgen durch die Vorstädte von Ponteferra hinaus aus der Stadt geht. Ihr Mann hatte sie angerufen und davor gewarnt, dass es genau in jener Stadt am Vortag in den Morgenstunden einen Überfall auf eine frühe Pilgerin gegeben habe, und sie dringend gebeten, sich Begleitung zu suchen. Seitdem laufen wir immer wieder ein Stück gemeinsam.

Und die Erlebnisse führen zusammen, die man auch hier mit irgendjemanden teilen will, wenn man am Abend in einer Gaststätte sitzt und einfach ein wenig Schwatzen will. Was kein muss ist. Aber seltsamerweise bilden sich da ganze Pilgertische. Es wird gescherzt, gelacht, über Blasen geklagt, und sehr schnell kommt natürlich auch unter Pilgern die Frage auf den Tisch, warum machst du das? Da kann man dann das Gespräch mit einem einfachen „think over“ – für „thinking over the live“, über das Leben nachdenken – abbiegen, und ist schnell aus dem Schneider. Oder jemand überflutet den gesamten Pilgertisch mit einem Schwall aus Religion, mystischen Erlebnissen und Entwurzelung, wie gestern Abend in Sarria eine in Dublin lebende Polin. Wie das Maschinengewehr Gottes redete sie eins, zwei fix die ganze Runde unter den Tisch, und saß zum Schluss ganz einsam am selbigen. Ach, Agatha…

Ich treffe auch wieder immer wieder auf einen Mann, Maron aus dem Libanon, der in Las Vegas wohnt, und hier mit seiner Tochter wandert. Er immer vorne weg, sie immer hinterher. Gestern beklagte er sich bei mir: „Sie hat einen komplett anderen Jakobsweg als ich.“ Stimmt, kann jeder beobachten. Sie hat ständig die Nase im Handy. Jakobsweg – welcher Weg? Da hat wohl was in der Kommunikation über das Ziel nicht funktioniert. Aber wo gilt der Grundsatz mehr, jeder nach seiner Nase, als am Jakobsweg? Niemand geht den Jakobsweg allein, aber jeder kann ihn alleine gehen. Das ist der Unterschied zum Leben, zu deiner Familie oder zu deinem Job. Hier am Camino denkst du im besten Fall über dich nach, Zuhause denkst du im besten Fall an alle. Hier kannst du deinen Weg allein gehen. Oder du gehst ihn gemeinsam mit anderen, dann kannst du dich aber auch immer wieder herausnehmen. Du kannst deine Erlebnisse austauschen. Oder auch dein Leben erzählen. Niemand wird hinterher darüber urteilen. Der Camino de Santiago ist ein Weg von tausenden Leben, die verarbeitet und im Zweifelsfall auch erzählt sein wollen. Und die immer wieder auf andere Lebensgeschichten anderer Pilger treffen, die deine Geschichte hören wollen, wenn du es zulässt. Der Camino verändert sich nicht, du wirst dich verändern.

Eigentlich wäre der Weg jedem zu empfehlen, der Probleme mit der Welt und mit seiner Toleranz gegenüber der Welt hat. Aber natürlich erkennen jene mit Problemen mit der Toleranz ganz selten, dass sie Probleme mit der Toleranz haben. Und so wirst du sie hier auch nicht treffen.

Und natürlich gibt es auch die vielen anderen, wie Polly, Penny und Eileen aus Taiwan, die schon am Weg total bekannt sind. Für sie ist der Camino einfach ein großer Freizeitpark für Wanderer. Sie quatschen jeden an, wollen immer ein Selfie haben, und verschenken Tütchen mit taiwanesischen Kaffee, taiwanesische Fächer oder auch Abzeichen. Da fühlt sich der Europäer doch glatt wie das Kind in Afrika, dem er im letzten Urlaub einen Kugelschreiber geschenkt hat. Der lustige Teil von Pollys, Pennys und Eileens Story ist, dass viele hier wissen, dass sie mit riesigen Koffern reisen, die von riesigen Transportern transportiert werden müssen, in denen wahrscheinlich all dieser Trash aufbewahrt wird. Aber wenn das ihr Jakobswegerlebnis ist… Happy people make people happy.

PS: Irgendwo in Villafranca habe ich doch tatsächlich vier Pilger aus Schwerin getroffen, Hartmut und drei seiner Freunde. Sie sind nicht nur auf mich zugekommen, sondern sie erzählten mir auch prompt, dass drei von ihnen SVZ-Abonnenten sind. Dass es das noch gibt. Mein Jakobsweg-Erlebnis! Schade, dass wir uns bisher nicht wieder gesehen haben. Jungs, wenn ihr das lest, dann meldet euch und auch noch den Blog abonnieren! Kostet nix.

Erkenntnis des Tages: Der Camino verändert sich nicht, du wirst dich verändern.

7 Gedanken zu “Ich gehe nicht allein, wie kommst du denn darauf?

  1. Hallo Max,

    schön, dass du dich an uns erinnerst (die 4 Schweriner). Es war für uns schon eine schöne Überraschung auf dem Camino unter den vielen Pilgern aus den verschiedensten Ländern einen Schweriner zu treffen!!!

    Buen Camino und wir sehen uns!

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    • Hallo Hartmut, ich habe euch noch am nächsten Tag gesucht. Wo seid ihr jetzt? Oder seid ihr mit dem Fahrrad unterwegs? Ich bin in Portomarin, morgen O Coto, Beste Grüße

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      • Hallo Max,

        wir sind heute in Sarria und werden morgen in Portomarin ankommen, natürlich zu Fuß.

        BG

        Hartmut

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