„Wer zwei Wochen hier ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre hier ist, möchte gar nichts mehr sagen.“ (Sprichwort in Jerusalem)

Ich habe Merle vor einigen Tagen in Jerusalem getroffen. Sie wohnt hier in Westjerusalem. Ihre Eltern wohnen in Mecklenburg-Vorpommern, unweit meiner einstigen Heimatstadt Güstrow. Merle ist in einem Dorf bei Krakow am See aufgewachsen. Sie ist keine christliche Zionistin. Sie ist keine Jüdin. Sie kommt aus einer Pfarrersfamilie. Sie hat Arabistik studiert. Sie spricht Arabisch. Sie spricht Hebräisch. Sie hat Freunde auf beiden Seiten. Seit 2013 lebt die 40-Jährige in Jerusalem. Seit elf Jahren. Sie arbeitet für „Israel Netz“ – ein spendenfinanziertes Nachrichtenportal.
Wir haben uns lange in einem Café in Jerusalem über das Agreement von Katar unterhalten, laut dem 33 israelische Geiseln gegen (nach unterschiedlichen Quellen) bis zu 1904 Palästinenser, darunter viele Terroristen, ausgetauscht werden sollen, und eine Waffenruhe von 42 Tagen in Gaza vereinbart wurde.
Eine Woche ist seit der Freilassung der ersten drei Geiseln vergangen. Heute wurden weitere vier Geiseln übergeben. Sie erhielten Freilassungs-Urkunden und Souvenirs von der Hamas. Das ist mehr als zynisch. Bislang hält die Waffenruhe in Gaza. Nachdem viele Freunde und Leser mich gefragt haben, was von dem allen zu halten sei, habe ich Merle Hofer gebeten, ihren Kommentar zum aktuellen Waffenstillstand hier weitergeben zu dürfen. Ich finde ihn lesenswert und sicherlich fundierter als meine Weisheiten aus der Froschperspektive von drei Wochen Jerusalem. Wer zwei Wochen hier ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre da ist, möchte gar nichts mehr sagen, heißt es in einem wohl neueren israelischen Sprichwort. In den nächsten Tagen folgt dann ein Interview mit dem Probst von Jerusalem von mir, der seine Perspektive darstellt. Danke Merle!
Merle Hofer „Der ausbleibende Aufschrei der Medien und die Rolle des Roten Kreuzes“:
„Tatsächlich kämpft Israel zwar mit massiven innenpolitischen Herausforderungen, doch zeichnet das Land eine starke Zivilgesellschaft aus. Beim Verfolgen der Medien in Deutschland fiel in den vergangenen Monaten immer wieder auf, dass hauptsächlich nur eine Sichtweise der Israelis wiedergegeben wird, die suggeriert, Israel wäre keine funktionierende Demokratie oder gar eine Theokratie.
Die am Sonntag veröffentlichten Bilder im Gazastreifen werfen Fragen auf: Die „Journalisten“ zeigten von dort in den vergangenen 15 Monaten fast ausschließlich Zivilisten auf ihren Bildern. Kaum jedoch trat am Sonntagmittag die Feuerpause in Kraft und die drei Frauen wurden dem Roten Kreuz zur Übergabe an Israel übergeben, waren bewaffnete maskierte Hamas-Terroristen auch auf Fotos und in den Sozialen Medien sehr präsent. Sie hatten den Schutz ihres perfiden und mit internationalen Geldern unterstützten Tunnelsystems verlassen. Israel befindet sich auch in einem Krieg der Bilder.
Spätestens heute muss daher doch die Frage auch in deutschen Medien präsent und zulässig werden: Ist die Darstellung der israelischen Armee vielleicht also doch legitim, wonach es sich bei den von der Hamas behaupteten 47.000 Toten nicht nur um Zivilisten, sondern bei knapp der Hälfte um bewaffnete Terroristen handelte?
Israelis sind grundsätzlich selbstkritisch. Viele äußern lautstark große Unzufriedenheit mit ihrer Regierung – so auch darüber, dass immer noch 94 Menschen als Geiseln im Gazastreifen festgehalten werden.
Das Rote Kreuz als Transport-Unternehmen?
Dabei gäbe es viel Grund, auch über andere Faktoren zu berichten. So stellt sich etwa die Frage, warum sich das Internationale Rote Kreuz damit begnügt, als Transportmittel für die Geiseln zwischen den Terroristen und der israelischen Armee zu dienen, statt ihrem Auftrag nachzukommen und die unschuldigen Israelis in der Geiselhaft zu besuchen. Diesen selbsterklärten Auftrag hat die Organisation in den vergangenen 472 Tagen nicht erfüllt. Hingegen haben palästinensische Häftlinge in Israel Zugang zu Ärzten, und ihre Angehörigen wissen über deren Zustand Bescheid.
Im November 2023 entließ die Hamas 105 Menschen aus der Geiselhaft. Nach weniger als zwei Monaten beschrieben diese nicht nur unzumutbare hygienische Zustände, sondern waren von Ungeziefer befallen und hatten Hautkrankheiten entwickelt. Teilweise waren sie sexuell belästigt und vergewaltigt worden und ausschließlich alle waren stark unterernährt. Unter den Freigelassenen waren Kinder und Greise. Chronisch Erkrankte bekamen keinen Zugang zu Medikamenten.
Vor den Augen der Welt: ein zynisches „Abschiedsgeschenk“
Am Sonntag hat die Hamas nun weitere Geiseln freigelassen. An Zynismus ist kaum zu überbieten, dass die Terrorgruppe die drei Frauen mit jeweils einer Tasche entließ, in der sie ihnen sogenannte „Souvenirs“ mitgaben: Eine Landkarte von Gaza, ein Halsband mit der Aufschrift „Palästina“ und Fotos aus ihrer Geiselhaft.
Das Lächeln auf den Gesichtern der jungen Frauen, die am Sonntagabend erstmals nach 15 Monaten ihre Familien wiedersahen, darf unter keinen Umständen über einen wichtigen Aspekt hinwegtäuschen: Die israelischen Abteilungen in den Krankenhäusern stellen sich auf Geiseln ein, deren Gesundheitszustand an die „von Überlebenden des Holocaust“ erinnert.
Kurz bevor der Deal am Sonntagvormittag in Kraft trat, verkündete die Armee, dass sie die verbliebenen Leichenteile des 2014 entführten 21-jährigen Soldaten Oron Schaul geborgen habe. Damit verbleiben 94 Geiseln im Gazastreifen. Mehrere Dutzend von ihnen sind tot, doch ein großer Teil lebt.
Wo bleibt die Kritik der Medien?
Nicht zuletzt wären bei der Berichterstattung in Deutschland auch die zahlreichen selbst erklärten „Palästina-Freunde“ und „Menschenrechtler“, die sich häufig lediglich als notorische Israel-Hasser erweisen, zu fragen: „Wenn es euch wirklich um die Einhaltung von Menschenrechten geht und jüdisches Leben für euch schon nicht zählt, wo bleibt der Aufschrei darüber, dass seit 15 Monaten neben den 84 Israelis zudem acht Thailänder, ein Nepalese und ein Tansanier in den Händen der Hamas sind?“ Ob sie tot sind oder lebendig, ist unbekannt. Vom Roten Kreuz ist über sie nichts zu hören.“

Danke für diesen anderen Blick auf den Konflikt, der leider in unseren Medien kaum/gar nicht zu finden ist. Es geht nicht darum, wer Recht hat, sondern schlicht um die ursprüngliche Aufgabe der Medien, dem Leser verschiedene Meinungen und Perspektiven zu bieten, damit dieser sich selbst ein Bild oder zumindest den Versuch eines solchen machen kann. Danke dafür!
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