Wer war eigentlich der heilige Jakobus?

Die Pilgerreise hier auf dem Camino ist grundsätzlich schon eine gute Zeit, um über das Leben nachzudenken.

Ich bin ja ständig mit mir im Zweifel. Das macht so eine Pilgerschaft leider nicht besser. Soll ich das hier in dem Blog nun alles notieren, oder ist das alles irgendwie „ü“? Ich weiß, es gibt euch, die ihr das lest. Großes Danke! Judith aus meiner Abi-Zeit hat mir mal gesagt, dass sie wegen der schrägen Fotos schon ein paar Kaffeetassen verkippt hat. Oder ihr, so wie Lilli, die ihr das zumindest anklickt und einfach als Fly-bys dabei seid – klicken, gucken, weg. Wenn es tatsächlich mehr ist, gebt mir ein Herzchen. Die kommen an meiner Seite der Scheibe (IPad) grün an. Keine Gefahr.

Bin ich heute ein wenig melancholisch? Nun ja, meine drittvorletzte Etappe. Ich bin in Melide. Nach 24 Kilometern und etwa fünf Stunden pilgern. In Melide muss ich schon mindestens zweimal auf dem Jakobsweg gewesen sein. Aber keine Ahnung. Eher durchgewandert. Einmal, als ich 2022 in León losgelaufen bin, einmal 2024.

Auszug am Morgen aus Melide. Hier treffen der Primitivo und der Franches zusammen. Die Pilgerschar verdoppelt sich.

Melide ist bekannt – tara – für seinen Tintenfisch. Es soll Menschen geben, die behaupten, Pulpo könne man in Spanien nur wirklich im Binnenland richtig zubereiten. Man bekommt ihn frittiert oder auch in der eigenen Tinte. Pulpo á feira, gekocht und mit Olivenöl, Salz und Paprika, oder auch mit gekochten Kartoffeln, bekannt als Pulpo a la Gallega, oder eben gegrillt mit Panade in der – richtig – Pulperia, In vielen Orten entlang des Jakobsweg gibt es das Gerücht, Melide sei die Pulpo-Hauptstadt.

Es gibt die Legende, dass spanische Pilger gar nicht bis nach Santiago de Compostela gehen, sondern hier in Melide hängen bleiben, gerade wegen des Pulpo. Ob das stimmt, kann der Pilger aus Alemania natürlich nicht nachprüfen. Aber wenn es so ist, dann gibt es halt unterschiedliche Pilger. Die einen, die nach Melide zum Tintenfisch pilgern und quasi den Pulpo anbeten. Die anderen, die nach Santiago zum heiligen Jakobus pilgern, um dort am Ende ihrer Wallfahrt eben Jakobus dem Älteren zu begegnen. Na gut, seinen Gebeinen. Aber vielleicht ist das eine gar nicht soweit entfernt vom anderen, schließlich hat ja auch Jakobus mit seinem Vater als Fischer am See Genezareth seinen Lebensunterhalt verdient.

Es ist an der Zeit, hier noch einmal die Geschichte des Jakobus zu erzählen. Sie ist quasi der Grund für den Weg. Ich meine jetzt nicht für meinen Weg. Da müsste ich über die Gründe (ist nun auch schon der vierte Camino) länger nachdenken. Obwohl, darüber berichte ich hier ja ständig, und kehre mein Innerstes nach Außen. Was sonst nicht so meine Art ist.

Die Pilgerreise hier auf dem Camino ist grundsätzlich schon eine gute Zeit, über das Leben nachzudenken. Und sich sein Leben bewusst zu machen. Wann tut man das schon? Man lebt es. Man denkt doch selten über Entscheidungen nach. Man bereut sie. Ja. Oder auch nicht. Man ärgert sich. Ja, Oder auch nicht. Man vergisst sie. Oder auch nicht. Aber hier hast du so viel Zeit, dass du darüber nachdenken kannst. Musst! Richtig? Falsch?? Bereuen??? Vergessen????

Der heilige Jakob, hatte auch über einiges nachzudenken. So besonders erfolgreich war er ja nicht bei seiner mehrjährigen Missionsreise in Spanien. Wahrscheinlich kam er als einziger Christ auf die Iberische Halbinsel – und verließ sie als einziger Christ. Wer weiß. Ich habe seine Geschichte hier schon ein paar mal in Varianten geschildert. Als ich im vergangenen Jahr einige Zeit in Jerusalem verbrachte, habe ich die Jakobsgeschichte noch einmal in anderem Lichte gesehen (kann man in diesem Blog nachlesen). Sein Kopf ist ja noch da, in der heiligen Stadt. In der Armenischen Apostolischen Kirche. Nun gut. Ein ander Mal.

Die Armenische Apostolische Kirche, die ich täglich in Jerusalem passierte und immer, immer, immer den Ruf des Jakobus hörte, dessen Kopf hier liegt. Möglicherweise.

Kürzlich habe ich eine Schilderung der Jakobus- Story von Brigitte Riebe in „Die Straße der Sterne“ gelesen, die sehr melodisch klingt.

Mitte des 9. Jahrhundert verbreitete sich im westlichen Abendland ein Gerücht.. Irgendwo in Spanien, ganz am Ende der Welt, im Königreich Galizien, berichteten heilige Männer von geheimnisvollen Lichtern. Man habe das Grab von Jakobus des Äternen gefunden, hieß es. Jakobus war ein Sohn von Maria Salomé. Jesus hat ihn den Donnersohn genannt. Er gehörte zu dessen engsten Vertauten, bis er wahrscheinlich am 7. April im Jahr 30 (andere sagen am 3. April 33) am Kreuz und so… Also Jesus.

Herodes, der römische Herrscher in Jerusalem, hatte Jakobus aber leider 45 nach Christus Geburt enthaupten lassen – nach seiner ziemlich erfolglosen Missionsreise auf der iberischen Halbinsel. Jakobus war damit nicht nur ein erfolgloser Missionar, sondern auch der erste Märtyrer des Christentums.

Danach brachten seine Jünger den Leichnam, offenbar ohne Kopf, auf ein Schiff ohne Segel oder Steuer. Das wurde letztlich vom Wind und von Engeln zurück nach Galizien geleitet. Wow. Muschelbedeckt kam es an – die Muschel wurde später auch das Wahrzeichen der Jakobspilger. Nach einigen sehr mystischen Abendteuern mit Engeln und Drachen kam Jakobus Leichnam schließlich irgendwo zur Ruhe. Und das Ganze geriet in Vergessenheit. Im Jahr 812 bemerkt der Einsiedler Pilarius ein seltsames Licht über einer Anhöhe. In anderen Geschichten waren es auch Schäfer.

Im Wald kurz hinter Melide…

Um es kurz zu machen. Seither heißt der Ort Campo estela. Sternenfeld. Der Rest dauert noch ein paar Jahrhunderte, in denen Jakobus die iberische Halbinsel von den Mauren befreite, die damals die iberische Halbinsel unter ihrer Knute hatten – also vom Islam. Seither trägt Jakobus den Beinamen Mata Malus – Maurentöter. Er wurde in vielen Schlachten als Heiliger angerufen. Also jetzt nicht mit dem Handy. Aber irgendwie hat die Geschichte schon mit der Sternenstraße zu tun, mit der Straße der Götter. Ein Symbol der Hoffnung für ewiges Glück.

Sozusagen ist Jakobus jetzt nicht gerade der Vater des Handys, aber schon irgendwie der Schutzheilige für die Befreiung Europas vom Islam. Damals. Das ist jetzt nicht ganz konform. Es gab ja mal einen Bundespräsidenten, der sagte, der Islam gehöre zu Deutschland. Aber das ist ja auch 1000 Jahre her. Also nicht das mit dem Bundespräsidenten, sondern das mit dem Maurentöter. Die Pilgerschaft verschafft einem schon seltsamen Gedanken. Oder?

Nach Jerusalem, um Jesu willen, heißt es. Nach Rom, um des Papstes. Nach Santiago, um sich selbst willen. Den Ruf „Ultreia“. auf den Lippen. „Vorwärts“ – das ist der Pilgergruß. Ultreia.

Man war einstmals bei den Mitmenschen geachtet, wenn man eine Pilgerreise unternahm. Und Pilgern lohnte sich sogar. Man wurde während der Pilgerschaft aller Sünden enthoben. Großartig. Gläubiger mussten sich gedulden. Strafen waren ausgesetzt. Steuern auch. Finanzamt, ich freue mich darauf… Buen Camino!

Zu Hause im Klostergarten

פרידה עם דמעות. (Abschied mit einer Träne im Knopfloch)

Dichtes Pflanzengewirr – und im Hintergrund ein kleines Gartenhaus

Es gibt Orte auf der Welt, von denen behauptet wird, dass man bei ihnen zweimal weine. Einmal bei der Ankunft, und einmal beim Abschied. Ich würde Jerusalem Unrecht tun, wenn ich behauptete, dass ich bei meiner Ankunft am 5. Januar weinte. Nein. Aber der Anfang hier ist mir nicht leicht gefallen. Nun jedoch davor zu stehen, morgen wieder abzureisen, das fällt mir wirklich schwer. Es ist so unglaublich. Erst dachte ich, das halte ich niemals ein viertel Jahr aus. So anders als Tel Aviv. So verstaubt. So historisch. So biblisch. Aber wow? Ein viertel Jahr in Jerusalem. Welch‘ ein Erlebnis. Heute habe ich, ich gebe es zu, eine Träne im Knopfloch – und vielleicht auch eine in den Augenwinkeln.

Ich habe mir hier eine Kippa gekauft. Ja, jetzt werden viele zu Hause denken, klar, der Opportunist, ein Leben vom Halstuch direkt zur Kippa. Wenn du hier die Klagemauer besuchst, oder eine Synagoge oder die ewige Flamme in Yad Vashem, wenn man heilige Stätten in Tiberias, in Haifa oder Nazareth betritt, dann braucht man so ein Ding. Diese bereitgehaltenen Besucher-Kippas sind so gar nicht meins. Du nimmst sie aus einer Kippa-Kiste, in der schon Tausende vor dir herumgegrabbelt haben, und denkst sofort an Läuse. Eine Kippa ist in Isrel nicht teuer. Vielleicht kostet ja eine mit dem Bild von Donald Trump oben drauf etwas mehr.

Es gibt Trump-Fans hier, ja so einige. Das nur dazu, dass ich die Menschen hier auch nach drei Monaten noch lange nicht verstehe. Ich bin ja hier hergekommen, um Israel zu verstehen. Jetzt verstehe ich viele Gründe für das Handeln der Israelis. Das heißt nicht, dass ich es stets gutheiße. Aber ich glaube zu wissen, warum manches so ist, wie es ist. Dazu kommen wir noch.

Verrückte gibt es eben überall auf den Welt – das Gute: Ich habe niemand eine solche Kippa tragen sehen.

Wer zwei Wochen in Israel ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre hier ist, möchte gar nichts mehr sagen, lautet ein Sprichwort in Israel. Der Probst von Jerusalem, Joachim Lenz, hatte es mir am Anfang mit auf dem Weg gegeben. Er ist so etwas wie ein Israelbegleiter für mich geworden. Das Sprichwort trifft es. Es stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht. Ich habe hier so viele Menschen getroffen, die so offen waren. Die mir ihre Geschichte und ihre Geschichten erzählt haben, ohne dass wir uns schon Jahren kannten. Das alles konnte ich natürlich nicht in diesen Blog gießen. Ich habe viele dieser neuen Bekanntschaften meinem Hebräisch-Lehrer und inzwischen vielleicht auch Freund Uwe Seppmann zu verdanken. Alle Menschen, die Du hier kennst, konnte ich nicht besuchen, Uwe… Aber Danke, Du hast mir die Tür zu Israel geöffnet. Nur noch Hineingehen musste ich selbst.

Ich habe in diesem Blog viel ausgebreitet – aber wie gesagt lange nicht über alles geschrieben. Ich habe nicht über das relativ neue „Book of Names“ in Yad Vashem geschrieben, in dem alle Besucher des Mahnmals nachblättern, ob der Name ihrer Familie in ihm auftaucht. Sechs Millionen Tote! Tausende Schneiders, Rosenbaums, Löwentals… Kein Koslik. Aber Kosiks. Ich habe meinen Freund Udo begleitet, der als Generalsekretär der Kultusministerkonferenz einen Staatsbesuch vorbereitete. Wir waren im Bildungsministerium. Ich war in der große Synagoge in Jerusalem zu Purim. Ich habe das widerrechtlich besetzte Al-Ram in der Westbank besucht und war in Jericho. Ja, ich habe hier sogar eine Sauna gefunden. Jerusalem kann im Winter auch kalt sein. Und ich habe mein Handy x-mal ultraorthodoxen Juden gegeben, die zwar kein Telefon hatten, aber offenbar eine Nummer um anzurufen.

Wem gehört die Stadt? Die Frage stellt sich bei diesem Foto von der Jaffa Street an der City Hall in Jerusalem nicht!

Ich habe auch nicht über den Kibbuz Be’eri geschrieben. Einer der bekannteren Kibuzze des Hamas-Terros. Er soll bis 2027 wieder aufgebaut werden. Mit deutscher Hilfe. Solange leben die Bewohner in einer künstliche hochgezogenen Wohnanlage des Kibbuz Chazerim in der Wüste Negev, wie in einem Raumschiff. Ist das gut? Fünf Jahre weg von der eignen Scholle. Was passiert da mit den Menschen? Kann man sie nicht verstehen, wenn sie wütend sind. Dass ihre Söhne und Töchter, ihre Armee und manchmal auch ihre Rabbis gnadenlos sind?

Erst vor wenigen Tagen traf ich den Chefredakteur von „Israel heute“. Aviel Schneider lebt seit 1978 in Jerusalem. Sein Vater Ludwig Schneider wurde als Sohn jüdischer Eltern geboren, die den Holocaust überlebten, weil sie von einer Küsterfamilie in Quedlinburg versteckt wurden. Die Familie floh nach dem Krieg ins Rheinland. Später, wie gesagt, Jerusalem und das Magazin „Israel heute“. Geschichte kann so nahe sein.

Aviel, Israel ist so klein und persönlich, dass sich eigentlich alle hier duzen, lebt in der Nähe von Jerusalem. Als am 7. Oktober die Hamas den Süden überfiel, standen seine drei Söhne am nächsten Morgen vor der Tür, holten ihre Waffen und fuhren in den Krieg. „Das Militär war nicht vorbereitet. Das werfe ich Bibi vor. Wir haben alles gekauft. Ausrüstung, Westen, Helme, Drohnen…“, berichtet Aviel, der aber sonst ein Netanjahu-Wähler zu sein scheint. „Als der Krieg kam, habe ich meine linken Ausfassungen in die Schublade gesteckt und diese verschlossen“, sagt er mit Blick auf die PLO, die heute die Fatach ist, mit Blick auf die Hamas, mit Blick auf die Palästinenser. Ich glaube nicht, dass Aviel viele linke Auffassungen hatte. Aber so wie er reagieren viele Menschen hier.

Das Leben geht weiter, auch wenn die Waffe immer dabei ist.

Seine Tochter und sein Schwiegersohn haben im Oktober 2023 geheiratet. Die Hochzeit durfte wegen des Krieges nicht so riesig sein, wie geplant. Aber als die Söhne dafür für 12 Stunden aus dem Krieg nach Hause kamen, haben sie gefragt: Seid ihr meschugge? Ihr streitet euch über links, rechts, Nethanjahu „Ja“, Nentanjahu „Nein“, und wir kriechen durch die unterirdischen Gänge in Gaza und räuchern die Hamas aus? „Sie retten Israel, nicht unsere Diskussionen“ sagt Aviel Schneider. „Ich bin stolz auf die Jungen.“

Aviel Schneider sagt auch: „Israel hat noch nie einen Krieg begonnen. Wir haben uns immer nur verteidigt.“ So ist das Recht seit der Geschichte Esther 480 Jahre vor Christi. Für Aviel ist klar, die Geschichte des Landes ist im Alten Testament geschrieben. Politik und Religion sind in Israel eins. Und als ich in zweifelnd frage, ob das eine gute Idee ist, fragt er: „Wenn eure Soldaten bald in der Ukraine in den Krieg ziehen, wofür tun sie das? Unsere Soldaten kämpfen für Israel. Das Leben in Israel macht Sinn. Du weißt, wofür du kämpft.“ In den letzten Tagen nahmen die nächtliche Bombenalarme wieder zu. Diesmal kommen die Raketen aus dem Libanon.

Man muss Aviels Postion nicht teilen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die im Westjordanland Hilfe leisten. Ich habe mit Palästinensern gesprochen, die um ihre Häuser fürchten. Aber man sollte solche Meinung kennen, um vielleicht doch ein bisschen zu wissen, wie die Menschen hier ticken. Und ich habe viele Aviel Schneiders gehört… Und ich habe ein Konzert mit Effi Netzer – ein bisschen wie Heino oder Roy Black – erlebt, bei dem der gesamte Saal im Jerusalem Theater tobte als er sang „Schalom Al Israel“ – Friede, Friede, Friede sei mit Israel. Was er sonst noch bei stehendem Applaus sang, kann man auf einem Foto hier sehen.

Effi Netzers Geburtstagsshow im Jerusalem Theater – der Saal stand Kopf .

Ist es wirklich ein gute Idee nach Israel zu gehen? Ist es wirklich eine gute Idee jetzt hierher zu fahren? Das muss jeder für sich entscheiden. Niemand kann so einfach mit dem Finger schnipsen – und sagen Ja. Für mich war es eine gute Entscheidung. Ich habe so viele Menschen kennen gelernt, und viel Dinge getan, die mir in meinem etwas älteren Leben so nicht über den Weg gelaufen wären. Ich habe in einem Gartenhaus eines Klosters gewohnt. Großartig. Internet manchmal. Braucht man bei Gott ja auch nicht. Warmes Wasser, später ja. Strom war auch schon mal Glückssache. Aber es war wirklich ein tolles Gartenhaus. So viel Grün rundum. Und soviel Geschichte direkt am Abendmal-Saal und an Davids Grab, dem vermeintlichen zumindest.

Ich bin nicht christlich geworden, tut mir leid Uwe. Ich bin ein Mensch, der sich die Welt anschaut, um zu einer Weltanschauung zu kommen, die sich ganz sicher von der unterscheidet, die mir in der Schule mitgegeben wurde. Vorallem steht da Toleranz und Akzeptanz. Was vielen heute so schwer fällt. Auch in Israel. Ich war im Bah‘ai Tempel, wo geschrieben steht „Du sollst keine andere Religion hassen.“ Und ich habe für eine Kirchenzeitung darüber geschrieben, wie auch die Christen von rechtsradikalen Siedlern langsam aus Jerusalem vertrieben werden. Dafür fand ich hier keinen Platz mehr. Vielleicht reiche ich den Artikel im Blog nach. Sei 2014 gibt es hier eine „Gesetz über das Eigentum von Abwesenden“. Das gibt den Siedlern das Recht all das zu tun, was sie tun. Und ich habe arabische Frauen getroffen, die genauso auf Jerusalem als ihre Hauptstadt schauen, wie jüdische Israelis.

Beliebter Aussichtspunkt auf dem Ölberg mit Blick auf den Felsendom – Lyla bat um ein Foto

Die Tora, die heilige Schrift der Juden, weist den Menschen hier den Weg. Es kommt auf den Weg an, nicht auf das Ziel. So ist das Leben. Der Weg ist voller Herausforderungen, wie man heute so schön sagt. Es kommt auf die Reise an, nicht auf ihr Ende. Das kennen wir ja ohnehin. Und das kommt ja auch von ganz alleine.

Danke euch allen da draußen, dass ihr meinen Blog gelesen habt. Es war grandios zu sehen, dass doch ein paar Leute am anderen Ende der Leitung sind. Danke! Wenn ich zurückkehre nach old Germany – hi, hi old Germany, und das in Jerusalem – dann ist dieser Blog natürlich nicht zu Ende. Es gilt noch über ein wenig Kunst zu berichten, wie über Yoko One in der Nationalgalerie ab 11. April in Berlin. Und es wird auch einen neuen Jakobsweg-Blog geben. Das Leben geht weiter. Und was für eines. Es bleibt spannend. Bleibt dran und habt eine gute Zeit, wo immer ihr auch seid.

***

Epilog: Ihr wollt wissen, warum die Israelis so sind, wie sie sind? Die Charta, der Grundsatz aller Israelis lautet „Masada wird nie wieder fallen.“ So lautet der Schwur der Elitesoldaten seit der Gründung Israels. Masada ist ein rotes Felsenmassiv in der Judäischen Wüste am Toten Meer, wo sich vor 2000 Jahren die letzten Juden in Israel vor den Römern verschanzten. Als die schließlich die letzte Mauer nach langer Belagerung stürmten, hatten sich alle Bewohner bereits selbst mit dem Schwert gerichtet. Kinder, Frauen, Männer, Alte.
Am 7. Oktober 2023 ist Masada erneut gefallen.

Die Freddy Lemon-Bar auf dem Mehane Yehuda Markt in Jerusalem. Meine Lieblingsbar. Bier allerdings 10 Euro…

Fels des Anstoßes – eine Geschichte ohne Happy End

„Die Mauer ist zwar sehr heilig, aber der heiligste Ort für die Juden ist der Ort darüber, wo sich der Tempel befand.“ (Arlene Kushner, Autorin Israel Heute)

Zum Tempelberg hinauf geht es über eine Himmelsleiter. Schon gut, das ist doch etwas übertrieben. Aber dort am Westwall, der Klagemauer, zu der man nur durch streng bewachte Eingänge mit Taschenkontrolle kommt, ist auch ein kleiner Seiteneingang – nicht weniger streng kontrolliert. Er führt hinauf auf den Berg. The Rock. Diese mittelalterliche überdachte Treppe ist der einzige Zugang für Nichtmuslime zum Felsendom. Außerdem gibt es acht weitere Eingänge für Muslime. Bevor wieder einige darauf hinweisen, es seien elf, wie in Wiki steht, ja, aber nur neun sind aktuell geöffnet.

Und es herrschen strenge Regeln. Ein Ausweisdokument muss vorgelegt werden. Bei Zutritt muss eine Sicherheitskontrolle passiert werden. Neben gefährlichen Gegenständen sind auch nichtmuslimische religiöse Gegenstände auf dem Tempelberg verboten. Schultern und Knie müssen bedeckt sein. Nichtmuslime dürfen den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee nicht betreten. Besuchszeiten für den Tempelberg: Sonntag bis Donnerstag derzeit 7 – 11 Uhr.

Der Felsendom vom Turm der Erlöserkirche fotografiert

Hat noch jemand Lust das alles zu beachten? Ich habe es für euch gemacht, Leute. Also, wir halten fest, für spätere Absätze, Tallit (jüdisches Hemd mit diesen heraushängenden Fäden) und Saddit (jüdisches Gebetsbuch) – verboten. Bis 2018 war auch die Kippa untersagt… Es war einmal.

Vor mir liegt der heiligste Ort der Juden. Schon Adam, den ersten Menschen, habe Gott aus der roten Erde dieses Berges geformt – so steht es im Talmud, der jüdischen spätantiken Schriftensammlung zur Auslegung der Thora. Manche glauben, hier oben befände sich der „Schöpfungsstein“, der Nabel der Welt. Hab allerdings keinen Feigenbaum gefunden. Ja, es war kein Apfel, Eva. Es war eine Feige, oder Traube… Von wegen Apple-Computer. König David legte auf dem Berg den Grundstein und König Salomon ließ im Jahre 957 vor der Zeitrechnung – vor! – den ersten Tempel errichten. So berichtet es die Bibel.

Anfang des 6. Jahrhundert vor Beginn der Zeitrechnung eroberten die Babylonier Jerusalem und zerstörten das Bauwerk. Doch bereits 50 Jahre danach begannen die Juden ihren zweiten Tempel zu bauen – der bis zur Zerstörung durch die Römer im Jahre 70 nach der Zeitrechnung auf dem Berg stand. Manche orthodoxe Rabbiner glauben, dass die Bundeslade und die Tafeln der Zehn Gebote auf dem Gelände des Tempelberges vergraben liegen. Immer mal wieder wurde danach gegraben. Nicht nachmachen! Verboten! Hat auch nie jemand etwas gefunden. Bis heute beten Juden in die Richtung, wo einst der Tempel stand.

Aber das Leben ist eben ungerecht. Ausgerechnet hier, an dem Ort, an dem der Tempel der Juden stand, bauten die Muslime zwei ihrer wichtigsten Moscheen: den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee. Nicht als Provokation gegenüber den Juden, sondern aus praktischen Gründen. Als die Muslime 600 Jahre nach Zerstörung des jüdischen Tempels ihre Heiligtümer hier errichteten, war der Tempelberg noch immer mit Schutt bedeckt. Ein freier Platz zum Bauen innerhalb der Jerusalemer Altstadt. Prima.

Und jetzt genau auf dem Tempelberg

Für dieses Bergplateau verwenden Muslime nicht den Namen Tempelberg – sondern sprechen vom „Edlen Heiligtum“, Haram Al-Sharif. Die 17. Sure des Korans erzählt die zentrale Geschichte, die den Berg und den Islam miteinander verbindet. Es ist die „Nachtreise“ des Propheten Mohammed. „Der Prophet Mohammed kam nach Jerusalem. Er kam von Mekka und flog über den Berg. Er ritt auf einem Pferd.“ Das berichtet der Koran.

Dieses fliegende Zauberpferd namens Buraq stieß sich mit seinem Huf auf einem Felsen ab und stieg mit Mohammed in den Himmel auf. Dort traf sich Mohammed mit seinen Vorgängern: Abraham, Moses und Jesus. Sie werden im Islam als Propheten geschätzt.

Über dem Felsen, der bis heute den Fußabdruck des Zauberpferdes tragen soll, errichteten die Muslime erst ein Zelt. Ende des 7. Jahrhunderts dann eine Kuppel. Es ist der Felsendom. Das markante Wahrzeichen mit der goldenen Kuppel. Muslime auf der ganzen Welt hängen Darstellungen des Felsendoms in ihre Wohnungen. Dabei ist, laut Mohammed, das graue langgestreckte Gebäude nebenan, sogar noch heiliger. Die Al-Aqsa-Moschee, sagt er, sei die zweitälteste Moschee, und die drittwichtigste Moschee des Islam.

Zur Al-Aqsa-Moschee geht es tüchtig bergauf

Da haben wir den Salat. Eine Story, die bestens geeignet ist, für einen nicht zu schlichtenden Streit. Die Mehrzahl der Juden meiden allerdings das Allerheiligste, auch weil mancher Rabbiner sagt, die Juden heutzutage seien unrein, um das Allerheiligste zu betreten. Es sind die Nationalreligiösen oder auch die Ultraorthodoxen, vor allem Siedler, die immer wieder auf dem Tempelberg provozieren. Dann ist die Spannung in der Luft förmlich zu greifen. Gerade während des Ramadan, wie diesen Tagen.

Das Beschriebene lässt nicht auf sich warten. Eine Gruppe sehr religiös anmutender Männer in Tallit, mit Kippa und Gebetsbuch und Frauen, noch fanatischer wirkend, werden von Soldaten auf den Tempelberg begleitet. Sie stolzieren möglichst nahe an der Al-Aqsa-Moschee vorbei, lesen in ihrem Gebetsbüchern und klopfen sich immer wieder auf die Schulter. Ob die Soldaten ihre Provokationen respektieren oder dulden, ist nicht auszumachen. Verboten ist der Tempelberg für Juden jedenfalls nicht. „Alleine, dass wir schon hier sind, ist Teil der Bauarbeiten. Es geht schon los. Bevor du ein Gebäude baust, musst du dir das Gelände anschauen. Du musst drum herumlaufen. Wenn du um etwas herumläufst, sagst du, dass es dir gehört“, sagt einer aus der Gruppe. Und das gilt für viele Orte in Jerusalem. Das ist aber einer anderen Geschichte vorbehalten.

Von Soldaten begleitete jüdische Ultraorthodoxe direkt am muslimischen Heiligtum der Al-Aqsa-Moschee

Aviel Schneider, der Chefredakteur von Israel Heute, erzählte mir kürzlich, dass sein arabischer Taxifahrer, den er seit Jahren mit vielen Fahrten betraut, und mit dem er bei diesen Gelegenheiten bei einem Kaffee ins Gespräch kommt, vehement bestreitet, dass dort oben jemals ein jüdischer Tempel gestanden habe. „Dann bleibt er eben bei seiner Meinung, und ich bleibe bei meiner Meinung.“ Aviel hebt die Schultern.

In seiner Zeitung fordern hingegen Autoren, dass der Tempelberg allen zugänglich sein müsse. In einem Kommentar schreibt Arlen Kushner: „Die Westmauer in der Jerusalemer Altstadt ist ein Überbleibsel des Tempels und wird manchmal als die heiligste Stätte des jüdischen Volkes bezeichnet. Dies ist ein Irrtum. Die Mauer ist zwar sehr heilig, aber der heiligste Ort für die Juden ist der Ort darüber, wo sich der Tempel befand.“

Im Felsendom, den kein Nicht-Muslim betreten darf, steht auf einem Spruchband unter der Kuppel in feinem Mosaik Allahs Wort: „Ihr Leute der Schrift! Treibt es in eurer Religion nicht zu weit und sagt gegen Allah nichts aus, als die Wahrheit! Christus Jesus, der Sohn der Maria, ist nur der Gesandte Allahs und sein Wort, das er der Maria entboten hat, und Geist von ihm. Darum glaubt an Allah und seine Gesandten und sagt nicht von Allah, dass er in einem drei sei! Hört auf so etwas zu sagen! Das ist besser für euch. Allah ist nur ein einziger Allah. Gepriesen sei er! Er ist darüber erhaben ein Kind zu haben. … 172 Christus wird es nicht verschmähen, ein bloßer Diener Allahs zu sein, …“ (Sure 4,171-172)

Das kann ich nur zitieren. Ich war nicht im Dom. Ich war in buddhistischen Tempeln Asiens, in Hindu Tempeln Indiens, in thailändischen Wats, im Petersdom in Rom und in der Grabeskirche in Jerusalem – wie Millionen andere. Ich war im Bahá’i -Tempel in Haifa und habe bei der Göttin Kali in Dakshinkali bei Kathmandu Blutopfer erlebt. Hier musste ich einem heiseren Bellen „Only Muslims“ weichen.

Punkt elf Uhr schließen sich die Tore am Felsendom. Die Gruppe der Siedler ist noch nicht wieder am Ausgang eingetroffen. Die Geschichte geht weiter…

Der Autor auf dem Tempelberg

(Fotos: Autor)