Zwischenruf: Geiselfreilassung

„Er ist 57, aber er sieht zehn Jahre älter aus. Er sieht aus wie ein Skelett.“ (Mutter einer der am Sonnabend freigelassenen Geiseln)

Es ist kalt in diesen Tagen in Jerusalem. Es ist kalt in Israel. Meteorologisch ist es halt Winter. Normal. Morgens fünf Grad Celsius. Politisch herrscht seit dem Oktober 2023 Permafrost. Das Bild in Ostjerusalem – u.a. die gesamte Altstadt – hat sich nocheinmal verschärft. Permanent werden arabische Jugendliche von israelischen Soldaten nach Waffen durchsucht. Die Stadt rüstet sich für den Ramadan ab Ende Februar. Ausschreitungen werden befürchtet.

In diese Situation hinein gingen gestern die Bilder der Freilassung der nächsten drei Geiseln durch das gesamte Land – und um die Welt. Die Bewohner vom Kibbuz Be‘eri hatten sich mit einem Fest auf die Befreiung der drei Männer vorbereitet, von denen zwei aus dem Kibbuz am Gazastreifen stammen. Sie wohnen seit 490 Tagen in einer Hotelanlage am toten Meer, umgesiedelt nachdem bei dem Massaker in ihrem Dorf 132 Menschen von der Hamas umgebracht wurden. 125 Häuser wurden zerstört. Die Terroristen verschleppten 32 Menschen aus der Dorfgemeinschaft.

Sie haben einen Traktor mit Plakaten der Entführten vor das Hotel gestellt. Sogar ihre Kühe wurden umgesiedelt. Hier ans tote Meer, wo kein Grashalm wächst. Sie haben auf ihre Familienmitglieder 490 Tage gewartet und gehofft. Ein Kibbuz ist wie eine Familie. Doch dann das Unerwartete.

Als gestern die Live-Bilder aus der Stadt Deir Al-Ballah im Gazastreifen die Geiseln zeigen, mischt sich in die unbändige Freude der Kibbuzniks ein riesengroßer Schock. Die drei Männer – Or Levy, Eli Sharabi und Ohad Ben Ami – scheinen nach 491 Tagen in Gaza völlig ausgemergelt und so schwach, dass sie sich kaum auf ihren Beinen halten können. Die Mutter von Ben Ami, sagt laut The Times of Israel entsetzt: „He looks terrible. He is 57, but he looks ten years older. It is so sad for me to see him like this. He looked like a skeleton.” Er sieht wie ein Skelett aus.

So berichtet die israelische Zeitung Ha’aretz über dem Empfang, den die Kibbuz-Bewohner den Geiseln aus ihrem Dorf machen wollten, und was sie dann sahen….

Die Männer sind wie bei jedem Austausch auf einer Bühne zu sehen. Zwei haben hellbraune Jogginganzüge an. Auf der Brust tragen sie Aufkleber, die sie selbst als Geiseln zeigen. Sie sind umringt von vermummten Terroristen mit Maschinengewehren im Anschlag, die die Fäuste ballen. Hinter ihnen auf einem Banner der Satz auf Arabisch, Hebräisch und Englisch: „Wir sind die Flut. Wir sind der Tag danach“, in Anspielung auf die Diskussionen, vor allem in Israel und den USA, um die Macht in Gaza am Tag nach dem Krieg. Die Terroristen feiern auch diesen Tag als „totalen Sieg“, so steht es auf den Plakaten. Die Geiseln müssen erklären, dass sie gut behandelt wurden. Man kann sich selbst ein Urteil bilden. Auf (Sensations-)Bilder von Al Jazeera verzichtet der Blogschreiber.

Zum Zeitpunkt der Geiselübergabe, wie immer begleitet vom Roten Kreuz, weiß Eli Sharabi, der ebenfalls aus Be’eri stammt, noch nicht, dass seine Frau Lianne und die Töchter Noiya, 16, und Yahel, 13, am 7. Oktober von Terroristen in ihrem Haus ermordet wurden. Gestern fand keine Feier der ehemaligen Dorf-Bewohner von Be‘eri mehr statt.

Im Gegenzug ließ Israel 183 Palästinenser frei, die in israelischen Gefängnissen festgehalten wurden. Zum Teil Terroristen. Auch sie geschunden. Übergeben in aller Stille. Auch für sie gab es diesmal auf palästinensischer Seite keine Feier, kein Feuerwerk, keinen Siegesrausch, zumindest ist in englischsprachigen Zeitungen in Israel nichts davon zu lesen.

Es ist kalt in Israel in diesen Tagen. Die Verletzungen scheinen zu wachsen, statt zu schrumpfen. Niemand weiß, wie es nach dem Waffenstillstand weitergehen wird.

(PS: Der Beitrag entstand aus aktuellem Anlass. Das Titelfoto stammt aus dem Jahr 2022, wird aber umgehend durch ein aktuelles ersetzt.)

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