„Seit Netanyahu herrscht ein verschärfter Hass“

„Die Ultraorthodoxen sind nicht das Hauptproblem. Das Hauptproblem sind die Hooligans der Religion, die Nationalreligiösen.“ (Benediktiner-Abt Nikodemus zum Verhältnis zwischen Juden und Christen in Jerusalem)

(Foto: Dormitio Abtei/ Abraham Unger)

Er kommt aus Stuttgart. Er wächst in einer Künstlerfamilie auf. Er wird Theologe, promovierter Liturgiewissenschaftler, Ostkirchenkundler und Mönch. Mit 25 tritt er in den Benediktiner-Orden ein, mit 35 wird er zum Priester geweiht. Pater Nikodemus Schnabel lebt schon viele Jahre in der Benediktiner-Abtei Dormitio auf dem Berg Zion in Jerusalem, völkerrechtlich im Niemandsland zwischen Israel und Palästina gelegen. Er war ein Jahr lang im Auswärtigen Amt in Berlin für Kirchenfragen zuständig. Das Referat wurde abgeschafft, was ihn noch heute den Kopf schütteln lässt. Überall in der Welt nimmt der Einfluss der Religion – auch auf die Politik – zu, nur in Deutschland verzichtet die Politik auf wichtige Ratgeber.

Nach dem brutalen Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 war Nikodemus Schnabel einer der wenigen, die nach Israel wollten, und nicht weg von dort, berichtete er selbst im Podcast „kannste glauben“ des Bistums Münster.  Darum stand der Benediktiner Abt kurz nach dem 7. Oktober mit nur einer anderen Person am Grenzübergang um einzureisen. Auf der Gegenspur Scharen von Touristen, die das Land verlassen wollten. Kurz nach dem Angriff sei die Angst in Jerusalem spürbar gewesen. Das habe er bei abendlichen Spaziergängen deutlich gemerkt, erinnert sich Schnabel.

Wir kommen gleich in den ersten Tagen (noch vor den ersten Geiselfreilassungen) ins Gespräch, als ich dank einer guten Fügung und seiner Fürsprache auf dem Zionsberg in der Dormitio das Gartenhaus im Klostergaren beziehe. Abt Nikodemus hat eine klare Haltung zur aktuellen Situation in Israel: „Der 7. Oktober ist da nicht so entscheidend, sondern der Regierungsantritt dieser Regierung Netanyahu. Seither herrscht ein verschärfter Hass, auch ein verschärfter Christenhass. Der Minister für Nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir (vor wenigen Wochen zurückgetreten – d. Red.) ist ein Schwerstkrimineller und notorischer Christenhasser. 2015 hatten wir einen verheeren Brandanschlag in Tabgha, unserem zweiten Kloster am See Genezareth, von jüdischen Extremisten. Der freiwillige Verteidiger dieser Brandstifter war Itamar Ben-Gvir, der sich im Gerichtssaal unflätigst benommen hat. Der Minister ist ein Rassist. Diese Regierung war ein großer Wendepunkt.“

Die Dormitio Abtei auf dem Zionsberg ist immer wieder Übergriffen ausgesetzt

Auch zuvor habe es Anschläge auf das Kloster gegeben. Fenster wurden eingeworfen. Auch in der Abtei auf dem Zionsberg sei die Situation der Christen schwierig. Abt Nikodemus: „Aber das war immer in der Dunkelheit der Nacht. Es war mit allen Regierungen immer klar, so etwas ist nicht konsensfähig. Der 7. Oktober hat da natürlich auch für eine Verschärfung gesorgt, es fehlen die Pilger, es fehlen die Touristen – und damit fällt ein Schutzpuffer weg. Es fallen die Augenzeugen weg.“ Ein Krieg stärke immer die Ränder. „Es stimmt nicht pauschal, wenn es heißt, die Juden hassen die Christen. Ich bin hier nicht hauptberuflich Opfer von Extremisten, sondern es gibt auch eine große Solidarität. Es gibt die beiden Aspekte“, rückt Nikodemus Schnabel gerade.

Am 4. Februar 2024 gab es einen Vorfall, der bis nach Deutschland hin für Aufmerksamkeit sorgte. Ein Minderjähriger und ein etwa 20 Jahre alter Mann bespuckten den Abt und griffen ihn verbal an. Die Szene wurde live von der deutschen Journalistin Natalie Amiri festgehalten, die zum Zeitpunkt des Angriffs mit Schnabel ein Video drehte. „Normalerweise bin ich daran gewöhnt, dass man mich anspuckt – das ist eine ganz alltägliche Erfahrung, vor allem auf dem Berg Zion“, sagte Abt Nikodemus ein paar Tage nach dem Vorfall. Die Abtei liegt in einem jüdischen Viertel, in dem es viele religiöse Schulen und ultraorthodoxe Juden (Haredi) gibt, die die Anwesenheit von Christen nicht dulden.

Schon 2015 beschrieb Nikodemus Schnabel in seinem Buch „Zuhause im Niemandsland“ die Situation der Christen in der Heiligen Stadt – zwischen den Juden und den Moslems. Sie machen hier vielleicht zwei Prozent der Bevölkerung aus. Tendenz fallend. Nur noch zehntausend Christen zählen Statistiken in der Stadt. Von inzwischen 970.000 Einwohnern. Tendenz steigend. Also eher ein Prozent. Aber über 50 christliche Konfessionen! Man mag es in seinem Buch nachlesen. In der Ende Januar stattgefunden „Gebetswoche für die Einheit der Christen“ konnte man die Vielfalt erfahren – mit Gottesdiensten in anglikanischen, armenischen, evangelischen, römisch-katholischen, syrisch-orthodoxen, äthiopisch-orthodoxen und der Melkitischen Kirche. Abt Nikodemus gibt selbst Vorlesungen in Ostkirchenkunde im Theologischen Studienjahr am Benediktiner Kloster. Ein Artikel in diesem Blog beschäftigte sich mit den Studenten.

Man trägt die Kippa neuerdings in Jerusalem Trump rechts

Die Dormitio Abtei steht Seite an Seite mit dem Davids Grab. Was Abt Nikodemus in der immer gefährlicher werdenden Auseinandersetzung mit seinen jüdischen Nachbarn aber Sorge bereitet, sind nicht die ultraorthodoxen Juden. Er berichtet: „Das Hauptproblem sind die Hooligans der Religion, die Nationalreligiösen. Die Ultraorthodoxen, die ganz frommen, gehen nicht zum Militär, haben zehn Kinder und arbeiten nicht. Da ist viel Klischee dabei. Aber warum soll ich gegen jemanden sein, der nicht zum Militär geht? Wenn wir über den Krieg reden, haben die keinen Anteil. Für mich ist das kein Problem. Das Problem sind die nationalreligiösen Extremisten. Also sprich, die Extremisten der Siedlerbewegung. Die quasi sagen, Gott gibt uns den Segen für unser Handeln. Die wissen ganz genau, was Gott will, und nehmen das als Anlass, eine Moschee oder eine Kirche zu zerstören. In einer echten Religion suchen wir dagegen immer wieder, was Gott wirklich will.“ Wer Glaube ernst nehme, der könne nur einen weiten Horizont haben. Der könne nur die Nächstenliebe ernst nehmen. „Alle anderen sind für mich die Hooligans der Religion. Sie nehmen ihre eigene Religion nicht ernst“, sagt Abt Nikodemus.

Die Dormitio Abtei in Jerusalem (Fotos: Autor)

Für Schnabel ein Zeichen, dass die nationalreligiösen Juden ihre Religion gar nicht annehmen wollen. „Der letzte Angriff war am 4. Februar 2024, als mich zwei Nationalreligiöse am Shabbat angespuckt und körperlich angegriffen haben. Das ist das Unheiligste im Judentum, was man tun kann. Sie tun das, um Jesus zu schmähen und um mir das Kreuz herunterzureißen. Aber das würde niemals ein gläubiger Jude tun. Dem geht es um die Heiligung des Shabbats.“

Im übrigen ist das für Nikodemus Schnabel auch ein politisches Thema, ich hatte ihn hier schon einmal zur Situation zwischen der Hamas und den politischen Extremisten in der Regierung Netanyahu zitiert. „Es gibt nur Verlierer“, sagte er da. Jetzt ergänzt in Bezug auf die nationalreligiösen Israelis, die immer weiter in palästinensisches Gebiet vordringen: „Der Siedlungsbau macht die gesamte Sicherheitsarchitektur in der Region kaputt.“

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