Die fabelhafte Welt des Unicorn

Das Einhorn in der Geschichte, das Einhorn in der Kunst und das Einhorn in der Gegenwart – mehr Einhorn geht nicht. Eine ungewöhnliche Ausstellung im Museum Barberini in Potsdam.

Maerten de Vos, Einhorn, 1572
Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin
Photo: SSGK/Ulrich Pfeuffer

Habt ihr schon ein Weihnachtsgeschenk? Dann verschenkt doch dieses Jahr mal ein Einhorn! Gibt es nicht? Ach kommt, ein bisschen mehr Phantasie zum Start in die magische Weihnachtszeit könntet ihr schon an den Tag legen. Wichtel? Nikolaus? Weihnachtsmann? Fliegende Rentiere? Gibt es die etwa? Seht ihr, jetzt sind wir im Gespräch. Und das passende Einhorn findet sich seit einigen Wochen im Museum Barberini in Potsdam. Keiner hat je so ein Fabelwesen gesehen, aber jeder weiß, wie es aussieht und was es mit ihm auf sich hat. Und das ist viel mehr, als eine Bonbontüte zu schmücken…

Dem Einhorn ist im Alltag kaum zu entkommen. Es begegnet uns als Schlüsselanhänger, gedruckt auf Shirts oder in Form von Süßigkeiten. Obwohl das Fabeltier den Menschen schon seit Jahrtausenden begleitet, hat es seinen Glanz noch immer nicht verloren. Aber warum nicht? „Die Sehnsucht nach etwas, das Hoffnung, Reinheit oder Magie verkörpert, ist einfach da. Und das Einhorn trifft genau diesen Nerv“, erklärt die Wirtschaftspsychologin Doreen Ulrich in einem Interview. Für Kinder seien sie beinahe wie ein Schutzwesen, für Erwachsene ein Glücksanker. „Sie berühren etwas, das in uns bleibt, auch wenn wir längst erwachsen sind.“

Die hochkarätige, kulturgeschichtliche Schau im Museum von SAP-Mitgründer und Kunst-Mäzen Hasso Plattner zeigt das Fabelwesen aus der Zeit von 2000 vor Christus bis zur Kunst der Gegenwart, jedoch ohne jeglichen Pop und Einhorn-Klamauk. Einige der frühesten Abbildungen des Einhorns überhaupt kann man hier sehen.

150 Werke von unter anderem Albrecht Dürer, Arnold Böcklin, René Magritte folgen dem Einhorn durch die Kunstgeschichte; die Leihgaben stammen aus über 80 Sammlungen, darunter die Gallerie degli Uffizi, Florenz, das Metropolitan Museum of Art, New York, das Musée du Louvre, Paris. (Foto: Autor)

Begleitet mich durch die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“, und ihr werdet über ein Einhorn zu Weihnachten nachdenken. Versprochen. Und nicht als Weihnachtsbraten! Mal als Ziege, mal als Pferd, mal sanft, mal wehrhaft, immer mit dem einen Horn – und immer magisch: In 150 Ausstellungsstücken von über 80 leihgebenden Sammlungen aus 16 Ländern zeigt das Barberini auf 1200 Quadratmetern den Weg dieses besonderen Tieres durch die Kulturgeschichte.  
Gleich das Auftaktbild präsentiert das „Einhorn“ von Maerten de Vos dem Jahr 1572 ungewöhnlich und monumental wie ein fürstliches Porträt. Das Ölgemälde stammt aus einer Zeit, in der das Einhorn erst seine pferdeähnliche Gestalt erhält. Maerten de Vos‘ Einhorn ist wild, ist wehrhaft, kampfbereit und noch etwas ist anders: Es hat mehr Ziegen- oder Hirschkopf als einen Pferdeschädel, trägt Zottelbart und Ringelschwanz und Elefantenfüße. Ein zweites Einhorn hinten links, nur beim genauen Hinsehen erfassbar, entgiftet und reinigt das Wasser eines Teiches mit seinem Horn. Auf die spektakulären Heilkräfte des Horns kommen wir noch.

Übrigens, für dieses Bild hätten wir gar nicht bis nach Potsdam fahren müssen. Es ist eine Leihgabe des Staatlichen Museums in Schwerin. Zusammen mit neun weiteren großformatigen Tierbildern, darunter Dromedar, Elefant und Hirsch, erwarb Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg die Serie 1572 für sein Schloss in Schwerin. Aber was gilt schon der Prophet im eigenen Land?

Die Bilder von Maerten de Vos werden quasi flankiert von zwei fotografischen Drucken, sie zeigen das „Einhorn“ aus dem Jahr 2012 von Marie Cécile Thijs. Einhörner aus dem Jahr 2012?

Marie Cécile Thijs, Einhorn, 2012
Tintenstrahldruck 2025
© Marie Cécile Thijs, courtesy SmithDavidson Galle (Foto: Autor)

„Keiner hat je eins gesehen, aber alle haben eins gemalt“, sagt Barberini-Chefkurator Michael Philipp, der auch schon die große Themenausstellung zur Sonne in der Kunst im Barberini kuratierte. „Obwohl Einhörner nicht existieren, gibt es unzählige Darstellungen von ihnen in Kirchen, Museen oder Bibliotheken.“ Sechs Jahre lang konzipierte er mit seinem Team die Einhorn-Ausstellung und schaffte es, in Potsdam 150 Werke zu versammeln, die teils nie reisen oder gar öffentlich zu sehen sind.

„Jedes große Museum hat mindestens eine Einhorndarstellung“, sagt Michael Philipp, den diese Vielfalt und ihre Wurzeln interessieren. Ihren Ursprung haben Einhörner in Indien. Der römische Schriftsteller Plinius beschrieb vor 2000 Jahren „das wilde Tier in Indien“ mit Schweine-Ringelschwänzchen, Elefantenfüßen, Ziegenbart. Gesehen hat er es natürlich nie. In der Bibel wird das Fabelwesen achtmal erwähnt. Noah sollte ein Paar wie jedes andere Tier mit auf die Arche nehmen, um die Sintflut zu überstehen.

Kaspar Memberger d.Ä. (1555 – 1618?)
Einzug in die Arche Noah 1588, Residenzgalerie Salzburg
(Foto: Autor)

Für die Christen steht es für Reinheit, ja für den Gottessohn selbst. Deshalb schmiegt es sich auf vielen Bildern als wunderschönes Wesen an seine vermeintliche Mutter Maria. Der Legende nach muss eine Jungfrau nur in den Wald gehen, schon rennt das magische Tier herbei. Wenn sie das Horn streichelt, dann wird es zahm und folgt ihr. Eine Geschichte erzählt, dass man es im Mittelalter einmal mit Männern in Frauenkleidern versucht haben soll… Wahr oder nicht wahr, das magische Tier ließ sich nicht mit dem Schwindel locken. 

Luca Longhi, Junge Frau mit Einhorn
Castel Sant‘Angelo – Direzione Musei Nazionali della Città di Roma, Rom
(Foto: Autor)

Von Indien aus verbreiteten sich die Tiere nach China, Tibet, Japan, Persien und Ägypten bis nach Europa. Es gibt Geschichten von der ersten Predigt des historischen Buddha mit zwei einhörnigen Gazellen an seiner Seite, die seither als Symbol der buddhistischen Lehre gelten. In China gibt es vielschichtige Überlieferungen vom Qilin, wie dort das Einhorn genannt wird. Sein Name verbindet zwei Zeichen Ch’i und Lin, gleichsam Yin und Yang, der sich wechselseitig ergänzenden Kräfte der Harmonie. Neben Drachen, Phönix und der Schildkröte zählt das Qilin zu den vier Wundertieren der chinesischen Mythologie.

Dem Horn wurden Jahrhunderte lang heilsame und magische Kräfte nachgesagt. Selbst Luther soll auf dem Sterbebett seinen Tod damit versucht haben hinauszuzögern. „Man sollte sich hüten, sich heute über diesen Glauben lustig zu machen“, sagt Kurator Michael Philipp. „Die Leute wussten es nicht besser.“ Gemäß der frühchristlichen Naturkunde symbolisierte das Einhorn Jesus Christus und wirkte heilend gegen Schlangengift, die Pest und weitere Krankheiten. Deshalb tragen Apotheken auch oft den Namen Einhorn-Apotheke. In einer christlichen Legende hieß es, das Einhorn reinige einen See vom Gift einer Schlange, indem es mit seinem Horn ein Kreuz über dem Wasser schlage. Fürsten ließen sich aus dem Horn Trinkpokale anfertigen und überprüften ihre Speisen mit Stücken dieses Horns. In Zeiten populärer Giftmorde war das sozusagen lebenserhaltend. Ein Stück Einhorn stand immer mit bei Tische.

Die Frage seiner medizinischen Wirksamkeit trieb die Menschen lange Zeit um. Naturforscher experimentierten dazu mit Tieren wie Hunden und Tauben. Erst im 16. Jahrhundert begannen die Wissenschaftler, das zu hinterfragen. 

Apothekenschild um 1720 für die Zisterzienser Abtei Stift Zwettl.

Im 17. Jahrhundert konnten Naturforscher dann beweisen, dass solche langen, spiralartig gedrehten Einhorn-Hörner in Wahrheit Narwal-Zähne waren. Mehrere imposante Exemplare sind nun auch in Potsdam zu sehen. Der „Stab des heiligen Amor“ mit vergoldetem Beschlag wirkt liegend wie ein Schwert, und das mehr als zwei Meter lange „Einhorn-Horn von Saint-Denis“, einst Pilger-Ziel, thront vertikal an der tief dunkelblauen Wand.

Olaf Nicolai, La Lotta, 2006
Präpariertes Fell, Horn, Polyester, elektrische Heizung, Temperatursteuerung, Privatsammlung (Foto: Autor)

Gewaltiger und echter wirkt dagegen „La Lotta“ von Olaf Nicolai aus dem Jahr 2006: ein lebensgroßes Pferdepräparat mit Narwal-Zahn, auf dem Museumsboden liegend, aber bereit, um aufzustehen. Nicht nur die schwarze Fell- und Hornfarbe ist ungewohnt zu sehen. Auch strahlt „La Lotta“ Wärme aus – dank eines Heizkörpers in seinem oder ihrem Inneren. Aber so einfach macht es uns der Künstler nicht. Der Einhorn-Körper entwickelt eine Wärme von 43 Grad. 43 Grad Celsius, bei denen alles Leben die Klasse der Säugetiere verlässt. Ein Spiel mit der Unmöglichkeit, mit Wunschbildern und Phantasie, wie auch René Magrittes „Der Meteor“, in dem Einhorn und Dame verschmelzen und statt eines Horns einen Turm im Mond zeigen.

René Magritte, Der Meteor, 1964
Öl auf Leinwand, Privatsammlung (Foto: Autor)

Lassen wir zum Schluss doch noch einen Blick auf den Weg des Fabelwesens in die Literatur und Popkultur zu, insbesondere in Filme und Serien in den 1980er-Jahren. Mit „Das letzte Einhorn“ erscheint 1982 einer der bekanntesten Zeichentrickfilme. Erinnert sei auch an das kurze Leben eines Unicorns in Cornelia Funkes Tintenherz-Trilogie. Oder reicht der Blick zurück auf die Gebrüder Grimm, die im Jahr 1882 mit dem „Tapferen Schneiderlein“ dem gefährlichen Einhorn im dunklen Wald ein dauerhaftes Denkmal setzten?

Unbekannter Schnitzer, Schneider und Einhorn, 1946, für ein Diorama zum Märchen „Das tapfere Schneiderlein“, Spielwarenfabrik Egon Umbreit, Eibenstock, Stadtmuseum Dresden, Nachbau (Foto: Autor)

Das Diorama stellt eine Szene aus dem Märchen „Das tapfere Schneiderlein“ dar. Dass dabei das schreckliche Einhorn eine Löwenmähne verpasst bekommt, ist der Freiheit des Künstlers bzw. der Künstlerin geschuldet. Die Geschichte eines solchen Einhornfangs war bereits im 16. Jahrhundert sehr beliebt. Bestimmt kann sich ja der Leser an die List des Schneiders erinnern…

„So sieht doch kein Einhorn aus!“, monierte schon 1885 ein Atelierbesucher beim Anblick von Arnold Böcklins Gemälde „Das Schweigen des Waldes“. „Ach“, entgegnete der Künstler, „haben Sie eins gesehen?“ Womit der Schweizer Maler im Entstehungsjahr seines dunkel gestimmten Ölbildes nicht nur ironisch auf die zeitgemäße Skepsis dem Fabeltier gegenüber zielte, sondern ebenso auf die Freiheit der Kunst. Gibt es vielleicht doch Einhörner?

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