Wo die Palmen sich verneigen…

Das ganze Leben ist eine Wanderschaft, oder besser eine Pilgerreise… 

Am Start des Camino Primitivo kurz hinter Oviedo

Da steht sie, die erste Palme. Ich bin noch nicht ganz raus aus Oviedo. Und schon das Camino-GEFÜHL. „Wo die Palmen sich verneigen, wo die Purpursonne weint/ Will sie in die Gondel steigen und sie will woanders sein“, kommt mir unvermittelt in den Sinn. Nun gut, die Palme da am Wegesrand verneigt sich nicht gerade in Ehrfurcht… Obwohl das mal locker angesagt sein könnte. Pah, dieses Grünzeug, keine Achtung vor dem Alter, äh Pilger. Aber vielleicht ist diese Palme ja genau so alt wie ich. Kokospalmen werden locker 80 Jahre, und älter. Ich müsste mich vor ihr verneigen. Falls sie mal pilgert. Da bin ich kaum fünf Schritte auf dem Camino Primitivo gegangen, und schon werde ich Grüner. Hmh…

Aber zurück zum Song von City. Wie kann ein Volk, wie können Menschen, die zur Sehnsucht in „Pfefferminzhimmel“ von City getanzt und gelebt haben, plötzlich montags um die Kirche laufen, und sich nicht nur die Musik, sondern dieses ganze Land zurück wünschen. „Ob nach Tara, nach Altlanta ist ihr dabei einerlei / Vom Wind verweht hat angefangen und sie will woanders sein.“ So was von schön. Ich setzte mal einen Link auf den Song.

Ich bin auch woanders, ganz woanders. Und ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich das ohne Pfefferminzhimmel sein kann. Auch wenn uns das niemand geschenkt hat, wie so oft behauptet wird. Vieles nach der Wende schon. Heute Morgen ist mein Woanders mal Oviedo. Die Stadt am Beginn meines Jakobsweges 2026. Kommt man vielleicht nicht als Erstes drauf, auf Oviedo, wenn man an Spanien denkt. Aber ich habe im Verlauf meiner inzwischen drei Caminos so viele Orte in Spanien kennengelernt, dass ich weiß, dass Spanien nicht nur Malle, und Malle nicht nur das 17. Bundesland ist – lest es gerne in diesem Blog nach. 

Für mich ist der Camino vor allem Slow traveling. Langsam reisen. Und damit intensiv wahrnehmen. Woher kommen wir? Wo gehen wir hin? Und was macht das alles mit uns. Und was macht das alles für einen Sinn? Diese und alle anderen Fragen lassen sich hervorragend am Camino erörtern – und zwar mit sich selbst. Das hat den unglaublichen Vorteil, dass du dir selbst widersprechen kannst. Kein Revierverhalten. Du kannst deine eigene Meinung x-mal revidieren. Man kann seine Lebensziele überdenken, oder auch nur einzelne Phasen. Man kann sich auch mal Sch… finden. Merkt ja keiner. Und bleibt am Camino. Großartig finden wir uns eh immer, wenn wir in Gesellschaft sind. Ausgenommen natürlich ich, hi, hi. hi… Ihr merkt, was ich meine?

Oviedo, der Aufbruch

Stopp: Gerade als ich dies so für mich hinschreibe, walzen in meine bescheidene Herberge zwei Australier, George und Jim. Blaues Basecap, rotes Shirt, blaue Wanderhosen, weiße Socken, weiser Bart – BEIDE! Sie erzählen mir, dass sie das siebte Mal den Camino gehen und nun zu alt sind. Es ist ihr letztes Mal… Jetzt müsst ihr euch eine 30minütige Unterbrechung meiner Gedanken vorstellen. Zwar wollte ich noch etwas über die eigene Mitte schreiben. Aber Jim und George sind nun in meine kommunikative Mitte und in meine innere Mitte einfach so reingeplatzt, dass ich mich schon vor dem Pilgermal am Abend fürchte. Das Nachsinnen findet dann morgen statt, oder übermorgen, oder überübermorgen… Ich habe Zeit. 

Am Weg ist man am Besten alleine

Den Camino geht man immer alleine los. So halte ich es zumindest. Aber man kommt immer in einer großen Familie an – nun gut, in einer Reisegesellschaft. Alle, die auf dem Weg ein Stück miteinander gegangen sind, treffen sich irgendwann in Santiago de Compostela wieder. Das ganze Leben ist ja eine Wanderschaft, oder besser eine Pilgerreise… Man trifft Menschen. Man trennt sich von Menschen. Man trifft sie wieder. Und manchmal vermisst man sie. Selten vergisst man sie. Und wenn man sich erinnert, dann sollte man das nur im Guten tun. Dann hatte das Pilgern einen Sinn.

Gehst Du nach Jerusalem, dann gehst Du zu Gott. Gehst Du nach Rom, dann gehst Du zum Papst. Gehst Du nach Santiago de Compostela, dann gehst Du zu dir selbst, heißt es. (Keine Philosophie von mir!) Und dann solltest du auch eins mit dir zurückkehren, oder?

Um 7:30 Uhr bin ich in Oviedo losgewandert. Wie gesagt, Oviedo steht auf der Liste der spanischen Reiseziele nicht ganz oben. Das hätte es allerdings verdient. Denn ebenso wie Leon, oder Burgos, oder Astorga, hat diese Stadt so viel Geschichte, dass nicht nur die australischen Pilger (die natürlich vor allem) oder die US-Pilger (die natürlich vor vor allem) sondern auch wir Deutschen vor der Geschichte der Stadt nur erblassen können. Das kann man alles bei Wikipedia nachlesen. 

Kurz gesagt, war nach der Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Mauren im 8. Jahrhundert Asturien die einzige Bergregion, die von den Arabern nicht eingenommen wurde. Zu kalt. Hier kommt dann der Weg (Camino) zum Heiligen Jakobus als letzter möglicher Weg nach Santiago von Oviedo als damalige Hauptstadt des Königreiches Asturien ins Spiel. Da aber die Route ziemlich bergig und schwierig war – und ist -, gilt der Camino Primitivo (im Sinne von primitiv oder zuerst) noch heute als einer der schwierigsten der inzwischen fünf großen und noch mehr Jakobswege in Spanien. 

Capilla de Fátima

Genau mit diesem Respekt bin ich losgegangen. Aber bei guten 12 Grad Celsius und leichten Hängen zu Beginn empfing mich der Primitivo als Freund. Klar, es ist nicht der Küstenweg. Es ist auch nicht der Camino Francés, aber der ist am Anfang auch nicht leicht. Auf dem Weg aus Oviedo heraus kommt man an so vielen Cafés und Bars vorbei, dass ein Espresso und ein Croissant immer noch möglich sind, da die 40-Euro-Herberge natürlich kein Frühstück anbot. Vom Vorabend konnte ich auch nicht geschädigt sein, da das hiesige Nationalgetränk Sidre, eine leichter Apfelmost mit fünf Prozent Alkohol, hier mit einem solchem handwerklichen Gezaubere eingeschenkt wird, dass die Hälfte der Flasche ohnehin auf dem Boden der Kneipe landet (Foto). Natürlich aus rein kelterischen Gründen, wegen der Lüftung des Weines.

Sidre-Einschank, viel Gewese, wenig drin

Die ersten 25 Kilometer sind ein sehr guter Anfang, schon 14 Uhr bin ich in meinem kleinen Hotel kurz vor Grado. Allerdings ist der Besitzer noch nicht da. Es liegt am Rande der Stadt, malerisch, allerdings nicht weit von einem Autobahnstrang entfernt. Man kann es sich vorher nicht aussuchen bzw. schon, aber weiß nicht, was man wirklich bekommt. Ich habe alles vorgebucht, um nicht das Windhundrennen (First come, First serv) um die Herbergsbetten mitzumachen. Letztlich ist es ein nettes Hotel, allerdings fern vom Schuss. 

Noch eines zum Schluss: „Wer nach Santiago geht und nicht zum San Salvador, ehrt den Knecht und vergisst den Herrn“, heißt es in der Kathedrale von Oviedo „San Salvador“. Der Herr ist Christus „San Salvador“. Aber der Knecht ist Jakobus der Apostel. Laufe ich in die falsche Richtung?

2 Gedanken zu “Wo die Palmen sich verneigen…

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