Wann haben eigentlich die Läden in Spanien auf?

Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen. (Goethe)

Von Puente la Reina nach Villamayor de Monjardin, 31 Kilometer

Schnurgerade zieht sich die Pilgergasse durch Puente la Reina. Gleich am Ortsbeginn steht, fast schon unscheinbar die Statue des Jakobus. Hier treffen zwei große Jakobswege aufeinander, der Camino Aragonés und der Camino Francés, den ich gehe. Eigentlich ein wenig komisch, denn als Pilger auf dem Jakobsweg wäre ja Jakobus auf dem Weg zum eigenen Grab in Santiago de Campostela. Nehmen wir es mal als Ansporn. Sind wir nicht alle auf den Weg zum eigenen Grab? Seit der Geburt? Wir sind alle auf dem gleichen Weg, und wollen es oft nicht wahrhaben. Manche kommen schneller voran, manche langsamer. Aber was ist nun das bessere?

Dann auch noch in der Jakobuskirche in Puenta al Reina die Enthauptung des Jakobus. Das hatten wir ja hier bereits. Jakobus war bei seiner Christianisierung in Westspanien nicht besonders erfolgreich und wurde schließlich 43 oder 44 von den Römern geköpft. Und das mit einem Krummschwert. Zwei seiner Jünger schaffen ihn aus Jerusalem hinaus, und von dort zurück nach Galicien, wo der enthauptete Jakobus neun Jahrhunderte später in Santiago des Campostela landet.

Stichwort: früh heraus. Ich habe ja keine 900 Jahre, da kommt es mir gerade recht, dass irgendwo rechts oder links im Zimmer um sechs Uhr ein Wecker summt. Wahrscheinlich von den Amerikanern, die gestern noch lange Jakobus gedachten. Wie Pilger sehen die eher nicht aus, es sei denn, gestern wurde die Buspilgerei erfunden. Und die Rollenkoffer, die jetzt den Flur entlang gezogen werden, sind auch nicht recht pilgertauglich. Sei es drum, sollen sie mit den Bus nach Santiago fahren, sie scheinen nicht mehr viel Zeit zu haben. Was ich ihnen nicht wünsche. Anderseits, Lärm machen sie, als ginge es um ihr Leben.

Ich habe noch Zeit für eine Tasse Kaffe in der schnurgeraden Gasse vor dem Pilgertor. Am liebsten würde ich natürlich im Café Martija einen Americano schlürften. Ein kunterbunter Tante Emma Laden oder heißt es hier in Spanien Espirancia Laden? Aber der hat noch zu. Wann genau haben die Läden in Spanien eigentlich auf? Früh vor Neun kaum, siehe Pilgerstab von Saint-Jean-Pied-de-Port. Mittag um Zwölf ist meist schon wieder zu. Nachmittag um Vier ist dann wieder auf, aber nur ein, zwei Stunden, da dusche ich gerade. Es ist mir noch nicht gelungen, mein liegengelassenes Duschbad zu ersetzen.

Nun gut, dann muss halt der Bäcker reichen. Und wieder begegnete ich Jaque, den Franzosen, der wahrscheinlich wieder in einer Bushaltestelle oder was weiß ich geschlafen hat. Was für ein Hallo, bis auf den kleinen Umstand, dass am Morgen nicht nur mein Mandarin noch schläft, sonder auch mein Französisch. Dabei hatte ich im Abitur jahrelang DDR-Französisch. Einmal hatten wir über den Sommer sogar einen Schüleraustausch und eine Franzosen zu Hause. Francoise. Wir lebten doch tatsächlich in dem Glauben, dass wir zum Rücktausch nach Paris kommen… Unschuld der Jugend. Aber so kam ich wenigstens zu meiner ersten Jeans. Er – Eltern in der KP Frankreichs – tauschte seine Franc in Ostmark, schön drei Franc eine Mark der DDR, und kaufte sich Marx im Original. Ich kaufte mir im Intershop eine Jeans. Und das nannte sich dann Sozialismus in den Farben Frankreichs…

Zurück zu Jaque: Was uns nicht davon abhält, auch trotz Kauderwelsch, uns lauthals auszutauschen und laut plaudernd zum Pilgertor Haus zu ziehen. Was sind wir Menschen doch eigentlich für unsoziale Wesen. Im täglichen Umgang bekommen wir oft kein Wort heraus, und wenn, dann ein verschrobenes Sie. Aber wenn uns irgendetwas verbindet und sei es auch nur eine Leidenschaft, ein Hobby, ein Merkmal, dann sind wir plötzlich ziemlich beste Freunde und per Du. Der Biker duzt sich mit dem Biker. Der Läufer duzt den Läufer, eben noch Oberbürgermeister jetzt plötzlich der Rico. Der Camper duzt den Camper. Und sogar der Geschäftsführer duzt den Geschäftsführer, hört man. Kaum erkennen wir einen Gleichgesinnten, dann versuchen wir seine Nähe herzustellen. Übrigens in Israel duzen sich alle Israelis. Ist ja auch ein kleines Volk, mit dem gleichen Interesse. Überleben.

Also früh hinaus aus dem Pilgertor in Puente de Reina. Der Jakobus bleibt hier, er ist ja eh schon da. 31 Kilometer liegen vor mir. Langsam merke ich es, eigentlich etwas lang. Empfohlen werden 20 Kilometer. Für mich etwas zu kurz. Aber schließlich bin ich um 15 Uhr in Villamayor de Monjardin in der Alberque Oasis. Die hatte ich zuvor per Telefon gebucht. Doch hier unter wahren Christus-Jüngern erwartet mich ein plötzlich eine Diskussion über die neue Oper von Florentina Holzinger „SANCTA“. Man glaubt es einfach nicht.

Erkenntnis des Tages: Wir sind alle auf dem gleichen Weg, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht.

Wie Lucia aus Wasser Wein macht

Der Jakobsweg ist eine Reise der Seele (Shirley MacLaine, 1934)

Von Villava nach Puenta de Reina, 28 Kilometer

Also heute von Pamplona nach Puente de Reina. Über die Herberge schweigt der Pilger. Ach nein, das wäre ungerecht. Lucia hat ein wundervolles Pilgermal angeboten. Darüber zu schweigen, wäre nicht richtig. Pilgermenüs gibt es hier in allen Herbergen. Sie bestehen zumeist aus drei Gängen nach Art der Köchin, also mitunter recht unterschiedlich, wie es die Köchin halt vermag. Aber immer reichlich. Dazu gibt es in der Regel die Wahl zwischen einer Flasche Wasser oder einer Flasche Wein. Es lässt sich leicht erraten, wonach der erschöpfte Pilger nach 35 km greift. Um Wasser handelt es sich in den meisten Fällen nicht, das hatte er ja schon den ganzen Tag. Ich habe schon Herbergen gesehen, da stand auf jedem Tisch eine Flasche Wein.

Also macht am Abend Lucia aus Wasser Wein. Und das funktioniert! Salat mit Thunfisch als Vorspeise, danach gebackene Paprika mit Hähnchenbrust, einem Stapel Hähnchenbrust, à la Pamplona und Pommes. Danach als dritten Gang Joghurt mit Früchten. Gut aus der Dose. Das schaffen nur die wenigsten Pilger, ich nicht. Und da man ja als Wallfahrer ein armer Schlucker ist, gab’s das gestern Abend alles zusammen für zwölf Euro. Da soll sich mal die heimische Gastwirtschaft ein Beispiel daran nehmen. Von wegen Pilgerwege in Vorpommern.

Aber wie das Leben so ist, es gleicht halt alles aus. Der Überschwang an Glück, der mit einem guten Mahl oft einhergeht, wurde wieder gerade gerückt durch das Zimmer mit Gemeinschafts-Bad über der Pilgergaststätte. Das Zimmer war ja noch ganz ordentlich… Das das Bad hingegen war mehr Gemeinschaft als Bad. Breiten wir den Mantel des Schweigens darüber. Jakobus wird sich schon etwas dabei gedacht haben, eine Wallfahrt ist ja schließlich keine Lustreise. Ein guter Grund, um früh heraus zu sein, der erste im Bad und weg.

Jeder, der die Altstadt Pamplona durchstreift, will natürlich wissen, wo die spektakuläre Stierlaufstrecke ist, von der man in heimischen Zeitungen immer wieder im Zusammenhang mit spektakulären Aufspießungen liest. Die Fiestas de San Fermin erlebe ich heute nicht, die ist nämlich Mitte Juli. Aber am Platz vor dem Rathaus kommen die Stiere von der einen Seite und die Jakobs-Pilger von der anderen. Zum Glück nie zur gleichen Zeit und nur für ein paar Tage im Jahr. Sonst hätte der heilige Jakobus wohl seine rechte Müh, die Wirksamkeit eines festen Gauben zu beweisen.

Apropos, hier begegnet mir, wie bereits in Burguete, Ernest Hemingway. Während der Schriftsteller in Burguete Ruhe suchte, kam er hierher tatsächlich zum Stierkampf. Er machte die Fiestas de San Fermin zum Thema seines Romans „Fiesta“ im Jahr 1926. Was „El Floridita“ in Havanna war, war das Café „Iruna“ in Pamplona. So viel zum Reiseführer von Andreas Drouve. Niemand soll glauben, dass ich das alles selbst weiß, zumal ich ja den Kopf voll Pilgern habe. Insgesamt kam Hemingway acht Mal zum Stadtfest nach Pamplona, das letzte Mal 1959.

Was ich aber selbst weiß: Wo geht denn hier der verd… ,verboten, der liebliche Jakobsweg lang? Zehnmal stehe ich in Apotheken, weil hier an jeder weiten Pharmacia die Jakobswegmuschel klebt. Alles natürlich offizielle Jakobswegretter für Pilger mit kaputten Füßen. Aber vielleicht ist die Jakobsmuschel an den Apotheken ja auch nur ein Indiz dafür, dass hier bei den meisten Pilgern das erste Mal gar nichts mehr geht. Da hat eben Pamplona vorgesorgt. Bisher habe ich nicht eine einzige Apotheke mit Jakobsmuschel gesehen. Hier dagegen an jeder Ecke. Es fehlt nur noch eine „HaPe Kerkeling Apotheke“, denn der hat bei seiner Pilgerreise 2001 hier auch das erste Mal die Segel gestrichen. In der Apotheke war er allerdings schon in Zubiri.

Jetzt aber weiter. Und außerdem soll ich kürzer werden, wurde mir von Lesern des Blogs bedeutet. Stimmt, das hab ich meinen Kollegen auch immer gesagt. „Das liest doch keine S…“, so die Kritik, ohne den Inhalt überhaupt zu kennen Wie schnell sich die Perspektive ändert. Aber wem das Herz voll ist, dem läuft die Zunge über. Aber wovon soll mein Herz voll sein? Ich bin ja sozusagen out of order. Außer Betrieb. Schieben wir’s mal auf vielen neuen Eindrücke. Und wenn die Beine laufen, mag der Kopf nicht still stehen. Na, Gott sei Dank, fast 40 Jahre lang rasten meine Gedanken wie eine Sturmflut durch meinen Kopf. Der müsste heute geradezu ein ausgewaschenes Flussbett sein. Man stelle sich einmal vor, die Beine, wären ständig den Gedanken hinterher gerast. Da finde ich es so schon weit besser.

Die Wege hinter Pamplona sind eher unspektakulär. Seid hier vor Jahren kopflos und ohne Rücksicht auf die Pilgerwege eine neue Autobahn durch die alten Pfade geschnitten wurde, geht es aus der Stadt zumeist an Straßen entlang. Ausgeschildert ist es zudem auch noch schlecht. Und ständig kommen einem andere entgegen, so dass man ständig zweifelt, ob man auf den richtigen Weg ist. Aber wahrscheinlich sind es nur diese berühmten Verkehrtrumwanderer, die die Kummersteine aus Santiago wieder zurück an den Ausgangspunkt tragen. Aber wie mag das mit ihren Pilgerpässen sein?

Pilgert man nach Santiago, bekommt man einen Pilgerpass und heutzutage sogar eine Pilgerpass-Nummer, damit das Ausstellen der „Compostela“ – der Urkunde über den Pilgerstatus -, in Santiago schnell vorangeht. Wenn da an manchen Tagen schon mal 6000-8000 Pilger ankommen, mussten sich die hohen Pilgerkommissare ein gutes System ausdenken, damit jeder seine Campostela über die gelaufenen Kilometer erhält. Eine solche Urkunde habe ich bereits von meinem Weg aus Leon vor zwei Jahren. Geht man von Saint-Jean-Pied-de-Port los, so reicht so ein Pass kaum, weil man sich ja in jedem Ort oder zumindest an jedem Tag zwei Stempel holen soll. Diese erhält man in den Pilgerherbergen oder in Kirchen. Aber inzwischen gibt es sie auch in Bars, Hotels, am Imbisswagen unterwegs. Eigentlich überall. Ich frage mich manchmal, ob nicht die meisten viel mehr Stempel aus den Bars haben als aus den Kirchen. Bei mir könnte sich das vor zwei Jahren so die Waage gehalten haben.

Aber wirklich wichtig sind nur die letzten 100 km. Wenn man zuvor aus jedem Ort einen Stempel hat, reicht das voll und ganz. Denn Jakobus-Pilger darf man sich nennen, wenn man die letzten 100 Kilometer gewandert ist. Und das mit zwei Stempeln täglich nachweist. Radfahrer 200 Kilometer. Aber wie ist das denn nun mit dem Verkehrtrumpilgern? Werden denen die noch nicht erhaltenen Stempel aus ihrem Pilgerpässen aus Santiago nach und nach durch Löcher ersetzt? Fragen über Fragen. Das kommt davon, wenn man den ganzen Tag nur durch Felder latscht und niemanden trifft. Und das bei 30 Grade Celsius, gefühlt 36… Manchmal habe ich den Eindruck, hier allein unterwegs zu sein.

Erkenntnis des Tages: Wenn die Beine laufen, mag der Kopf nicht stillstehen.

Wie ich dem heiligen Jakobus begegnete

El dia empieza bien.

Von Burguete nach Villava, 35 Kilometer

„Man muss einen Berg nicht zu besteigen, um zu wissen, dass er hoch ist“, heißt es bei Paulo Coelho in seinem sehr persönlichen Pilgertagebuch „Auf dem Jakobsweg“ aus dem Jahr 1986. „Das Schiff ist sicherer im Hafen. Aber nicht dazu wurden Schiffe gebaut“, lautet die Entgegnung des Pilgers. Das Buch ist sehr zu empfehlen. Es beschreibt sehr mystisch die Historie des sagenumwobenen Jakobswegs, der auch Milchstraße genannt wurde, weil sich die Pilger nachts an der Milchstraße orientierten.

Heute brechen nur noch die Japaner nachts um Zwei laut raschelnd in den Herbergen auf. Und die haben ihre eigenen Stirnlampen mit. Japanern leuchten wahrscheinlich keine Sterne. „Die Japaner machen’s (ja auch) mit den Stühlen“. Das ist nicht anzüglich gemeint, wie einige von euch, die mich kennen, wissen. So heißt eine CD, die ich mal bei einem Porträt-Wettbewerb von Claudia Gehrke auf der Buchmesse in Leipzig gewonnen habe. Wer Claudia Gehrke kennt, kann sich denken, worum es geht. Die anderen müssen halt googeln. Hat jetzt nichts mit Stirnlampen zu tun. Wie komme ich nur drauf? Ich habe mir es doch nie angehört.

Auf dem Höhepunkt des mystischen Weges zum heiligen Jakobus pilgerten im 14. Jahrhundert über eine Million Jakobusbrüder von SJPP nach Santiago de Compostela. Karl der Große pilgerte hier, Franz von Assisi, Isabella von Kastilien und sogar einige Päpste. Alle trugen die Muschel als Zeichen der Jakobs-Bruderschaft. Papst Johannes Paul II erklärte 1987 des Jakobsweg zum ersten europäischen Kulturweg.

Apropos tragen. Schwer vorzustellen, dass Karl der Große oder der Papst ihr Gepäck selbst mit sich schleppten. Aber was man hier auf dem Rücken einiger Wallfahrer sieht, beziehungsweise nicht sieht, ist auch beeindruckend. Ein Spiegelbild unserer Sozialisation. Heute Morgen beim Aufbruch in Burguete liefen zwei junge Spanierinnen vor mir, die man in ihrer Aufmachung wohl eher auf dem Laufsteg vermutet hätte. Knappe Hosen, früher hätte man Hotpants gesagt, enge, schwarze Glanzjacken, keine Rucksäcke. Braucht man ja auch nicht unbedingt. Es gibt ja genug Fahrdienste, mit dir dein Gepäck von Ort zu Ort fahren. Kurze Zeit später begegnete ich einer Südamerikanerin mit wilder Mähne, die auf ihrem Rücken nicht nur einen gewaltigen Rucksack platziert hatte, sondern natürlich zusätzliche Schuhe, zwei Jakobsmuscheln, Wasserflaschen, Bananen, und zwei Orangen. Das Gute, sie konnte das alles auf ihrem Rücken unterbringen, ohne dass seitlich etwas hervor stand. Orangen kleiden eben besser als nichts. Im ersten Dorf nach Burguete begegnete ich Jaque, einem Franzosen von gestern, der auf seiner dick gepolsterten Isoliermatte, über die ich mich noch gestern wunderte, auf einer Bank an einer Bushaltestelle übernachtet hatte. Gerade war er beim Frühstück. Es geht auch einfacher.

Die üblichen Socken zum Trocknen hängen heute auch bei mir an meinem Rucksack. Wasserbeutel gehört natürlich auch hinein ein ganz, ganz dünnes Handtuch, ein paar Sandaletten, Badeschuhe, um bei zweifelhaften Unterkünften nicht mit dem vor drei Tagen gescheuerten Boden in Berührung zu kommen, drei T-Shirts, ein paar lange Hosen, ein paar kurze Hosen, zwei Unterhosen, zwei Paar Strümpfe, ein Pollöverchen, Regenjacke, eine Badehose, Waschzeug einschließlich rei in der Tube, kein Rasiezeug, ich will mir ja einen Bart wanden lassen – bescheuert. Ein Ladegerät, das iPad für den Blog und natürlich eine winzig kleine Tastatur ist auch dabei. Macht zusammen neun Kilo. Mit Wasser zehn. Wer hätte das gedacht. Dabei sind es doch von jeden nur ein oder zwei Stücke? Nein, zwei Kondome habe ich nicht mit, wie in manchen Packlisten empfohlen wird, ich gehöre zu den anderen Pilgern. Zu denen ohne Pilgerstab, denn den habe ich noch immer nicht. Und in Saint-Jean-Pied-de-Port habe ich ja keinen bekommen. Das MUSS ich unbedingt meinem Kummerstein sagen. Aber ob der Geld dabei hat?

Zu allem Unglück rutschen mir heute Morgen die neuen Wandersocken in den Schuhen hin und her. Die sind doch brandneu und von Martina geschenkt, danke! Es war nur Phantomschmerz. Kurzer Halt an einem Muschelstein, Rucksack herunter, Schuhe aus, nichts gesehen. Gut, dann eben munter weiter. Martina an den Füßen kratzt mich nicht mehr. Es geht flott voran, auch wenn es über den wiederum 800 Meter hohen Erro-Pass gehen muss. Kaum war ich 500 Meter gegangen, da riefen mir aufgeregte Pilger hinterher. Ein Mann hatte mein Pilgeretui mit dem Geldbeutel am Muschelstein aufgefunden. Oh, Schreck. Aber es ist ja noch mal alles gut gegangen. Ich habe ihm reichlich gedankt. Das war bestimmt der heilige Jakobus. Ich habe ihn den ganzen Tag nicht mehr gesehen.

Der Tag fängt ja gut an. Und das meine ich auch so, der Tag fängt gut an. Wie muss man den Satz eigentlich betonen? Damit er nicht diesen fiesen zu Hause Touch bekommt. „Du hast den Geschirrspüler gestern Abend nicht ausgeräumt! Der Tag fängt ja gut an.“ Dann sage ich es eben mit meinem blendenden Google-Spanisch. El dia empieza bien. Gracias James.

Zubiri. Am Mittag bin ich in Zubiri. Hier nach 20 Kilometern hört für die meisten Pilger die zweite Etappe von Roncesvalles auf. Für mich nicht. Ich hänge noch einmal 17 km dran. Ich bin halt mehr so der sportliche Typ. Stefan mit den Marathonbeinen. Obwohl mit dem Marathon war es ja in der letzten Zeit auch nicht mehr so toll. Mehr Schummel als Fummel. Nein, ich mag es gern am Anfang etwas länger, am Ende etwas kürzer. Ist doch im Leben auch so. Natürlich nicht, was ihr denkt. Das kommt von alleine. Da braucht die Natur keine Ratio. Am Anfang ist das Leben unendlich lang, am Ende ist es kurz. Und dein ganzes Arbeitsleben passt in eine kleine Jaffakiste. Aber dazu kommen wir später hier ein gleicher Stelle nochmal. Bevor wir heute ins Philosophieren geraten.

Also Zubiri ist ein wunderbares Basken-Dörfchen, das man über eine gotische Brücke mit zwei Bögen erreicht, die je nach Lesart die Tollwutbrücke, wovor sie die Rinder heilen soll, oder auch Paradiesbrücke genannt wird. Wen sie davor heilen soll, ist nicht beschrieben. Die Pfarrkirche ist dem Heiligen Stefan gewidmet. Wozu brauchen die hier die ETA? Eine marxistisch-leninistische, seperatistische baskisch-nationalistische Untergrundorganisation. Gut, hat sich ja dann 2018 auch erledigt. Da wandert der Heilige Stefan nach einem guten Mittagsimbiss mal lieber weiter.

Apropos erledigt, um 17 Uhr bin ich endlich im Hostel in Villava vor den Toren Pamplonas, wie ich jetzt feststelle. Völlig fertig. 35 km – die längste Strecke auf der auf dem ganzen Weg. Den Rest? Fragt den Stein.

Erkenntnis des Tages: Wenn du noch gar nicht weißt, dass du Hilfe von Jakobus brauchst, ist er da und hilft dir. Aber ob das immer klappt?