This Will Not End Well

„I have always wanted to be a filmmaker. My slideshows are films made up of stills.“ Nan Goldin (Ich wollte schon immer Filmemacherin sein. Meine Diashows sind Filme aus Standbildern.“

(Foto: Autor)

Kann man heutzutage als Künstler den großen Fragen dieser Welt zwischen Frieden und Krieg aus dem Wege gehen? In der Kunsthalle der Hansestadt Rostock an der Ostsee stellten sich Kreative kürzlich der Frage „Wie weit darf man die Kunstfreiheit ausreizen? Wie politisch darf und muss Kunst sein?“ Angesichts der Graffiti von Banksy – auch in diesem Blog zu lesen – oder der Zeichnungen von Käthe Kollwitz, könnte man sagen, diese Frage stellt sich nicht.

Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin, spricht von einem lautem Schweigen. „Es herrscht ein lautes Schweigen in der Kunstwelt“, sagte er am Freitag noch vor der Eröffnung der großen Nan Goldin Retrospektive in der Hauptstadt. „Nan Goldin schweigt nicht.“ Biesenbach hat seine langjährige Freundin und die wohl bekannteste zeitgenössische Fotografin, die selbst jahrelang in Berlin lebte, zu einer großen Fotoschau ihres Lebens eingeladen.

Er weiß um die Polarisierung seiner Künstlerin – die Spaltkraft ihrer Aussagen. In der Pressekonferenz am Freitagmorgen hatte er diese Haltung als „we agree to diasgree“ (wir sind uns einig, uns nicht einig zu sein) postuliert. Aber mit diesem Echo in einer Welt der Intoleranz hatte Biesenbach wohl nicht rechnen können.

Seit einem Jahr ist Nan Goldin, selbst in einer jüdischen Familie in Washington aufgewachsen, für ihre unerbittliche Israel-Kritik bekannt. Sie geißelt die rücksichtslose Militärstrategie Benjamin Netanjahus.„Solange die Menschen in Gaza schreien, müssen wir noch lauter schreien, damit sie uns hören können, egal wer versucht, uns zum Schweigen zu bringen“, sagt sie. Blendet allerdings völlig aus, dass die Hamas das mörderische Zahn-um-Zahn-Szenario am 7. Oktober 2023 begonnen hat. Nan Goldin wurde vom Darling der Kunstwelt zur pro-palästinensischen Aktivistin. Und der Freitagabend wurde zum Eklat.

Die Künstlerin nutzt das Podium und redet gegen Israel und Deutschland, indem sie das Narrativ bedient, dass man in Deutschland „mundtot gemacht“ und „geknebelt von Regierung, Polizeitruppe und kultureller Maßregelung“ werde. Der Museumschef wird von Aktivisten niedergebrüllt. Der Nahostkonflikt bestimmte die Eröffnung von Nan Goldins Ausstellung. „Yallah, yallah Intifada“ schallt es durch die Nationalgalerie. Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) zeigt sich am nächsten Tag empört. Konservative Zeitungen sprechen von einem Eklat mit Ansage. Das alles kann man ausführlichst nachlesen, sogar die Tagesschau beschäftigte sich damit.

(Foto: Autor)

In diesem Blog soll es eigentlich um die Ausstellung gehen. Und allen Fragenden nach Kunst und Politik sei ein Picasso-Zitat mit auf den Weg gegeben. „Nein, die Malerei ist nicht dazu gedacht, Wohnungen zu schmücken, sie ist ein Werkzeug des Angriffs und der Verteidigung im Krieg gegen den Feind.“ So.

„This Will Not End Well“ – das wird nicht gut ausgehen, heißt die Schau in Berlin. Und womöglich ist der Name Programm. Der Schriftzug ist schon von weitem zu sehen: „This Will Not End Well“ steht in hellen, geschwungenen Buchstaben über dem Eingang der Neuen Nationalgalerie. Ursprünglich stammt der Satz aus einem Streit, den Nan Goldin mit einem Freund hatte. Nun ist die düstere Prophezeiung auch Titel der großen Retrospektive der US-Künstlerin, die nach Stationen in Stockholm und Amsterdam auch in der deutschen Hauptstadt zu sehen ist – einem einst wichtigen Ort im Schaffen der heute 71-Jährigen.

2022 wurde Goldin von der Akademie der Künste mit dem Käthe-Kollwitz-Preis geehrt, benannt nach der Berliner Künstlerin, die zwischen zwei Weltkriegen mutig sagte: „Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind“. So, oder so ähnlich könnte man auch das Schaffen von Goldin umschreiben.

Der Direktor der Neuen Nationalgalerie, Klaus Biesenbach, bei der Presseeröffnung. (Foto: Autor)

Die aktuelle unversöhnlich scheinende Debatte nämlich verdeckt womöglich diese mit den Weihen der spätmodernen Kunstgeschichte bedachten Arbeiten. Wie Jurten stehen sechs in schwarzes Tuch gehüllte Ausstellungsräume in der nüchternen Betonarchitektur der Nationalgalerie. Innen laufen hunderte Fotos aneinandergereiht zu Slideshows, Dia-Shows gleich Filmen. „Ich wollte schon immer Filmemacherin sein. Meine Diashows sind Filme aus Standbildern.“

Wir lassen die Aufgeregtheiten des Alltags einfach einmal hinter uns und tauchen ein ins Frühwerk, in die schrille, schmerzliche „The Ballad of Sexual Dependency“. Ursprünglich galten die Bilder dem Kampf um Intimität und Anerkennung der Schwulen-, Lesben- und Transvestitenszene New Yorks, später auch den Opfern der Aids-Epidemie. Jetzt ist die Serie auf ihren Ursprung zurückgeführt – als Diashow von mehr als 800 Fotografien aus Goldins prekärem sozialen Umfeld.

Im nächsten Bilderbungalow „Sisters, Saint, and Sibyls“ widmet sich Goldin mit einer Dreikanal-Videoinstallation von 2004 bis 2022 ihrer älteren Schwester Barbara Holly Goldin. Barbara, die als Teenager mehrfach in die Psychatrie eingewiesen wurde, nahm sich mit 18 Jahren das Leben. Der Film beginnt als Mythos der gleichnamigen Figur, der heiligen Barbara. Über berührende Familienbilder endet die 35-minütige Show mit Off-Kommentaren schließlich in Fotos der Sucht, der Einsamkeit in anonymen Klinikbetten und der Selbstverletzungen mit Blutschlieren an grünlackierten Klinikwänden. Der Ausstellungsprospekt beschreibt die Installation als „Ode an das Leben“. Dem Autor gefriert das Herz. Er sieht die Einsamkeit eines alleingelassenen Kindes. Da stockt einem der Atem.

(Fotos: Autor)

Im nächsten Pavillon sehen wir „The Other Side“, eine zwischen 1972 und 2010 entstandene, meist fröhliche Hommage an die queeren Freunde. Wie ein Thriller wirkt „Sirens“, ein nervenzehrender, emotionaler Trip in die Drogenekstase – auch der Künstlerin. Sie würde damit einen „Heroin Chique“ feiern und eine voyeuristische Haltung zum Sujet einnehmen, warf man Goldin vor. Aber das weist sie von sich.

Nan Goldin, Self-portrait with eyes turned inward, Boston (Selbstportrait mit nach Innen gedrehten Augen, Boston), 1989, Photographie, aus der Serie “Sisters, Saints and Sybils” © Nan Goldin. Courtesy the artist

Das Klischee besage ja, Fotografen seien von Natur aus Voyeure, die letzten, die zu einer Party eingeladen würden, sagt Goldin, und weiter: „Aber ich bin eingeladen: Dies ist meine Feier. Dies ist meine Familie, meine Geschichte.“ Und sie unterstreicht das quasi durch „Memory Lost“, eine klaustrophobische Reise durch den Drogenentzug, mit kaum zu ertragender Authentizität, weil Nan Goldin dies vor 40 Jahren auch selber durchgestanden hat.

Nan Goldin, Picnic on the Esplanade, Boston (Picknick auf der Esplanade, Boston), 1973, Photographie, aus der Serie “The Other Side” © Nan Goldin. Courtesy the artist

Ein bisschen besteht dieser Eindruck weiter, wenn man die Ereignisse am Abend der Eröffnung betrachtet. Nan Goldin im Rausch des Lebens. Mal auf der guten Seite, mal auf der schlechten Seite, mal süchtig, mal richtig…. Ein Aktivistin, eine Einsame, eine Geliebte, aber nie eine Gemiedene. Das Leben ist nicht immer gerecht. Aber es ist das Leben.

Die Show zeugt vom Hunger auf das Leben. Von Energie, Freunden und von Träumen. Drei Stunden muss man planen, um alle Pavillons zu sehen. Aber es ist Nan Goldins ganzes Leben. Bis Hier.

Nan Goldin, Fashion show at Second Tip, Toon, C, So and Yogo, Bangkok (Modenschau im Second Tip, Toon, C, So and Yogo, Bangkok), 1992, Photographie, aus der Serie “The Other Side” © Nan Goldin. Courtesy the artist

*Anlässlich der Ausstellung plant das Museum am Sonntag, 24. November, in der Nationalbibliothek das Symposium „Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung. Diskussionsraum zum Nahostkonflikt“. Goldin wurde dazu eingeladen, will aber nicht teilnehmen.

Kunst – oder doch nur Lego?

Zum Glück gibt es in der Kunst keine Regeln! (Nathan Sawaya, Brick-Künstler und Lego-Enthusiast, Los Angeles)

Totenköpfe: „Es waren gruselige Wochen…“, 12.444 Steine

„Geschrieben steht: ›Im Anfang war das Wort!‹
Hier stock‘ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen…
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh‘ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“
Ja, schon der alte Meister Goethe wusste, dass unsere Welt mit Worten oder Geist schwerlich zu meistern ist. Bei Nathan Sawaya, Lego-Künstler aus Los Angeles, hört sich das etwas anders an: „Denke daran: Alles beginnt mit einem Stein.“

Nun gut, das gilt auch für Straßenschlachten studentischer Proteste. Aber mit nicht so überzeugendem Resultat. Auf 1100 Quadratmetern mitten im Herzen Neuköllns, im Cank, einem alten Kaufhaus an der Ecke Karl Marx-Straße/Anzengruber, ist Nathan Sawayas faszinierende Welt der LEGO®-Kunst seit heute (Dienstag, 8. Oktober 2024) zu sehen. Da sind Interpretationen berühmter Kunstwerke wie Edward Munchs „Der Schrei“, Michelangelos „David“, Van Goghs „Sternennacht“ und Da Vincis „Mona Lisa“ neben einem sechs Meter langen Tyrannosaurus Rex-Skelett, überdimensionierten Schachfiguren sowie einer multimedialen Sammlung von Lego-Fotografien des preisgekrönten Fotografen Dean West.

Nathan Sawaya bei der Vernissage von Exhibition Hub und Fever

Einige der bekanntesten Werke der Kunstgeschichte werden als skurrile Lego-Kreationen neu interpretiert“, urteilte BBC über die Ausstellung „The Art of Brick“ in London, die inzwischen in 100 Städten und 24 Ländern zu sehen war. „Es verspricht eine tolle Zeit für die ganze Familie“, so die Einschätzung von „ELLE“. Aber wie kommt man darauf, aus Lego Kunst zu machen? Ist das nicht eher etwas für Kinder? Und sind das nicht die kleinen Ziegel (Brick), bei denen immer Steinchen fehlen, wenn man sie mal wieder herauskamt? Diese Noppen-Dinger, die vor allem eine Kunst beherrschen, Mamas und Papas Geldbeutel in schöner Regelmäßigkeit zu plündern? Kann das wirklich meisterlich sein?

„Als Anwalt merkte ich schnell, dass ich lieber auf dem Boden sitze und Skulpturen schaffe, als in einem Sitzungssaal zu sitzen und Verträge auszuhandeln. Meine eigenen persönlichen Konflikte und Ängste, gepaart mit dem tiefen Wunsch nach allgemeinem Glück, ebneten mir den Weg, hauptberuflich als Künstler zu arbeiten“, unternimmt Ex-Wirtschaftsanwalt Nathan Sawaya einen Selbst-Erklärungsversuch.

„Gestalte, was du siehst. Erschaffe, was du fühlst. Erschaffe, was du noch nie gesehen hast. Erschaffe einfach.“ (Nathan Sawaya)

Sawaya begann seine künstlerische Laufbahn vor 20 Jahren. Er beschäftigte sich seit seiner Kindheit mit Lego-Bausätzen und begann wieder, sie zu kaufen, um nach der Arbeit in einer erfolgreichen Wirtschaftskanzlei Stress abzubauen. Er arbeitete am Tag als Anwalt und dann, sechs Stunden nachts, bastelte er mit Lego. Irgendwann stand sein Beschluss fest, die Anwaltskanzlei zu verlassen und Vollzeitkünstler zu werden, wobei er ausschließlich Legosteine als Medium nutzt. Seitdem schafft Nathan Sawaya Kunstwerke für „The Art of the Brick“, die erste große Museumsausstellung mit Legosteinen weltweit. Der Lego-Künstler „benutzt die Steine gern, weil man diese sehr klaren Linien erhält. Man erhält diese scharfen Ecken, diese rechten Winkel, all diese kleinen Quadrate und Rechtecke, wenn man sich das Werk aus der Nähe ansieht und dann einen Schritt davon entfernt, und all diese Ecken verschmelzen zu Kurven, und das ist irgendwie die Magie der Verwendung von Legosteinen“, zitiert ihn Grace Ferry vom Code Blue-Magazin. 

Der 51-Jährige kauft alle seine Steine direkt von der Lego-Company in Dänemark. Sie werden aus Europa geliefert. Allerdings fing alles etwas holprig an. Sein erster Kontakt mit der dänischen Lego-Gruppe war ein Unterlassungsschreiben, als er gerade begonnen hatte, seine Arbeiten im Internet zu veröffentlichen. Es ging um den geschützten Begriff LEGO®. Das ist inzwischen geklärt. Firma und Künstler profitieren von seiner Arbeit. Die Wogen haben sich geglättet. Sein Lagerbestand bestehe normalerweise aus 10 Millionen Teilen, die nach Farbe und Form sortiert seien, erzählt der Künstler. Auch als Redner und Autor ist er im Westen der USA bekannt. Zuletzt tingelte Sawaya durch die Shows von Letterman bis Colbert.

Ein Besuch der Berliner Ausstellung lohnt sich auf alle Fälle. Schon allein die Angaben zu den Lego-Kunstwerken und der Zahl der verwendeten Steine machen einen Rundgang durch die verschiedenen Themenwelten zu einem spannenden Erlebnis. Zu den Totenköpfen im Titelbild dieses Blogs plaudert Sawaya aus: „Ich habe die Totenköpfe geschaffen, um eine Gegenüberstellung eines Kinderspielzeugs und die mit dem menschlichen Schädel verbundenen Themen zu untersuchen. Daher auch die leuchtenden Farben. Die Fertigstellung der Totenköpfe dauerte über drei Wochen. Es waren gruselige Wochen…“

Der Schrei

Und es gibt noch einen Grund, nach Neukölln zu fahren: Anscheinend als Erster überhaupt, so die Veranstalter, etablierte der 51-jährige Lego-Fan die neue Form der Kunst aus den kleinen Spielzeugsteinchen. Seine zweidimensionalen Mosaike, etwa von Andy Warhol oder Jimi Hendrix, kommen der Pop-Art recht nahe, erscheinen weniger wie Lego denn als verwaschene, gedruckte Formen. „Der Schrei“ von Edward Munch – dreidimensional wie eine Skulptur – sieht so lustig aus, dass man sich fragen darf, ob ein heutiger Munch nicht gleich in die Spielzeugkiste statt zum Pinsel gegriffen hätte. Kunst oder Lego? Lego-Kunst!

Blaue (10.770), rote (9240), gelbe (6.406) Gesichtsmaske

Provokation Banksy

„Kunst ist nicht wie alle andere Kultur, weil ihr Erfolg nicht vom Publikum abhängt… Die Kunst, die wir betrachten ist das Werk einiger ausgewählter Personen. Wenn Sie in eine Kunstgalerie gehen, sind Sie einfach nur ein Tourist, der sich den Trophäenschrank etlicher Millionäre ansieht.“ (Banksy)

Mild, Mild, West, 1999 *

Er ist ein Provokateur. Er ist ein Geheimnis. Er ist politisch. Und er ist zweifellos der bekannteste unbekannte Künstler unserer Zeit. Seine Ausstellungen, zu denen in der jüngeren Vergangenheit zweieinhalb Millionen Zuschauer kamen, sind Kult. 150 000 kamen allein zu „Mystery of Banksy“ vor zwei Jahren im Kellergeschoss der Hamburger Galeria Kaufhof. Jetzt ist Banksy in Hamburg zurück. „House of Banksy – Unauthorized Exhibition Hamburg“ – lautet die Einladung in die Show in der besten Flaniermeile der Hansestadt, die am Donnerstagabend mit Pomp und Prominenz eröffnet wurde. Auf einer Fläche von 1500 Quadratmetern versprechen die Ausstellungsmacher eine noch „nie dagewesene Präsentation von über 150 Motiven des gefeierten Künstlers“. Damit werde sie zur weltweit größten Werkschau seiner Kunst und hebe sich deutlich von allen bisher gezeigten Banksy-Ausstellungen ab. Zur Wahrheit gehört aber auch, wer „Mystery of Banksy“ vor zwei Jahren gesehen hat, wird nicht allzuviel Neues entdecken. Wer Banksy kennenlernen will, wird tatsächlich überrascht werden und mitgenommen auf eine visuelle Erlebnisreise.

Unter den B-Stars Sandy MeyerWölden, Janina Kunze, Claudia Obert, Max Suhr, Kathy Krause… Ob das dem Kommerzgegener Banksy gefallen hätte? The Show must go on…

Graffitis, Fotografien, Skulpturen, Videoinstallationen und Drucke auf verschiedenen Materialien wie Leinwand, Holz, Aluminium, Gips, Beton, Backstein und Plexiglas wurden eigens für diese Schau reproduziert und in einem aufwändigen Setting zusammengetragen. Dem Besucher offenbart sich ein tiefgehender Einblick in Banksys Gesamtwerk, das aufgrund seines Anonymstatus nicht vom Künstler selbst autorisiert wurde, wie es der Titel – ähnlich der Schwestershow in München – bereits andeutet. Wie Kuratorin Virginia Jean deutlich macht, handelt es sich um reine Repliken. Kunstwerke von Banksy, die sich etwa an Häusermauern in seiner englischen Heimat aufgesprüht finden, wurden in der Vergangenheit oft gereinigt oder herausgerissen und teuer verkauft. Man müsste wohl in 30 verschiedene Städte reisen, um zu sehen, dass man sie oftmals nicht mehr sieht. Sie sind flüchtig. Dennoch macht Kuratorin Virginia Jean Mut: „Kein historisches Kunstwerk hält uns so den Spiegel vor, wie die aktuellen Kunswerke Banksys.“ 


Eines von Banksys Werken, das 2011 in Fitzrovia, London, auftauchte. Es zeigt eine Ratte mit roter Farbe auf der Pfote, darüber einen Schriftzug: „Wenn Graffiti etwas ändern könnte, wäre es illegal“. Banksy scheint sich hier auf eine Zitat von Emmy Goldman zu beziehen: „Wenn Wahlen etwas ändern könnten, wären sie illegal.“ Die Frauenrechtlerin setzte sich für das Wahlrecht für Frauen ein.


Beim Thema Street-Art kommt man an Banksy nicht vorbei. Er ist wohl der berühmteste und auch der mysteriöseste Graffiti-Künstler der Welt. Eine seiner verlockensten Stärken in den Augen der Öffentlichkeit ist zweifellos diese Anonymität. Die Besessenheit, seine Identität geheim zu halten, zieht die Öffentlichleit magisch an. Denn Banksys Botschaften sind politisch und gegen den Kunstkommerz oder die Kommerzkunst gerichtet (siehe Zitat oben). In den 1980er Jahren begannen die Werke des Briten in Bristol aufzutauchen. Sie waren jedoch zu dieser Zeit noch weit davon entfernt, als Kunst anerkannt zu werden. Zumal sich in dieser Zeit junge Sprayer in stattlicher Zahl mit wenig originellen, aber um so mehr provokanten Botschaften an Häuserwänden präsentierten. Banksys Schablonen hingegen sind oft witzig, lebendig und pulsierend, als wollten sie jederzeit aus dem Hintergrund herausspringen. Hinzu kommt ein politischer, kultureller oder auch gesellschaftlicher Kontext, in dem das Werk über ein Zeugnis der Street-Art, des Pop-up hinauswächst. Schön zu sehen an dem historischen Gemälde Lenins mit dessen typischer, kämpferischer Handbewegung der Agitation nach vorn, die Banksy umdeutet in eine Balancebewegung eines Inlineskaters auf Rolleblades. Ein winziges Detail – und aus einem politischen Agitprop-Plakat wird ein ironisches Zeugnis, eine bildliche Satire kommunistischer Propaganda.

Red Lenin, 2007 (Banksy war fasziniert von Lenin)

Seine Antikriegsstatements, sein Steinewerfer, der mit Blumen droht, oder auch das Hotelzimmer in Bethlehem mit Blick auf die illegal errichtete Sperranlage, die das Westjordanland von Israel abtrennt – Banksys Bildkommentare zum Weltgeschehen sind höchst aktuell und politisch brisant. Das „Walled off Hotel“ in Bethlehem ist ein Boutique-Hotel, das mit „der schlechtesten Aussicht der Welt“ wirbt. Es gilt – gemeinsam mit anderen Kreativen entworfen – als Banksy Kommentar zum israelisch-palestinensischen Konflikt. Im aktuellen vom Hamas-Terror provozierten Krieg hat es an Aktualität nichts verloren, eher gewonnen. 2017 gegründet zog das Walled off Hotel bislang 140.000 Besucher an.

The Walled off Hotel, 2017

Banksys Kririk am Kunskommerz geriet durch sein wohl bekanntestes Bild des „Mädchen mit dem Luftballon“ aber auch in ein klassisches Dilemma …. „Girl with Ballon“ zeigt ein Mädchen dessen Haare und Kleid im Wind wehen und das nach einem roten, herzförmigen Luftballon greift. Verlust der Unschuld oder Ankunft neuer Hoffnung und Liebe? 2002 erschien das Bild in der Londoner Southbank, wurde aber von der Stadtverwaltung übermalt. Daraufhin produzierte es Banksy in unsignierten und signierten Siebdrucken in geringer Auflage. Einer der Drucke stand 2006 zur Versteigerung. Wenige Augenblicke nach dem Zuschlag für 860 000 Pfund löste der Künstler einen Schredder im Rahmen aus, und zerstörte die Leinwand. Mit diesem Statement zur Kommerzialisierung der Kunst wurde er weit über die Grenzen der Kunstbranche hinaus weltberühmt. 2021 wechselte das Bild unter einem neuen Titel „Love is in the Bin“ (Die Liebe ist im Eimer) den Besitzer. Im Londoner Auktionshaus Sotheby‘s kam es für 16 Millionen Pfund unter den Hammer. Die Kommerzialisierung ist offenbar nicht einmal durch einen Künstler wie Banksy aufzuhalten.

Love is in the Bin, 2021, 2006, 2001

Seine Identität mag der 45 – 50-jährige Brite geheim halten können, seine Weke erobern dagegen weltweit die Straßen und die Auktionshäuser. Und das höchst erfolgreich und spektakulär. Banksy gilt als einer der teuersten Künstler der Gegenwart. Kuratorin Virginia Jean ist gemeinsam mit Ausstellungsmacher Oliver Forster zweifellos ein Coup gelungen. Die aus England stammende und in Berlin lebende Galeristin präsentiert den Pop-Art Künstler nach jahrelanger Arbeit mit rein klassischer Kunst und so wird die Ausstellung auch zu ihrer persönlichen Befreiung. Sie sagt: „Ein Bansky-Werk berührt jeden und ist an jeden gerichtet.“ Kunst für Jedermann, verspricht die Ausstellung etwas profan. Seht selbst. Was sind Worte gegen Bilder? 

Ausstellungseröffnung am 19. September mit Kuratorin Virginia Jean und Produzent Oliver Forster (Fotos: Autor)

*(Banksy zeichnete diese Wandbild in drei Tagen und bei vollem Tageslicht. Auslöser war eine Protestparty in der Winterstoke Road, wo die Polizei versuchte, die Zusammenkunft zu unterbinden. Das Kunstwerk gilt als Wahrzeichen der kulturellen Szene der Stadt in der Auseinandersetzung mit der Regierung. 2009 wurde es von einer Anti-Graffiti Organisation mit roter Farbe übersprüht. Es fanden sich Freiwillige, die das Graffiti retteten.)