Wer war eigentlich der heilige Jakobus?

Die Pilgerreise hier auf dem Camino ist grundsätzlich schon eine gute Zeit, um über das Leben nachzudenken.

Ich bin ja ständig mit mir im Zweifel. Das macht so eine Pilgerschaft leider nicht besser. Soll ich das hier in dem Blog nun alles notieren, oder ist das alles irgendwie „ü“? Ich weiß, es gibt euch, die ihr das lest. Großes Danke! Judith aus meiner Abi-Zeit hat mir mal gesagt, dass sie wegen der schrägen Fotos schon ein paar Kaffeetassen verkippt hat. Oder ihr, so wie Lilli, die ihr das zumindest anklickt und einfach als Fly-bys dabei seid – klicken, gucken, weg. Wenn es tatsächlich mehr ist, gebt mir ein Herzchen. Die kommen an meiner Seite der Scheibe (IPad) grün an. Keine Gefahr.

Bin ich heute ein wenig melancholisch? Nun ja, meine drittvorletzte Etappe. Ich bin in Melide. Nach 24 Kilometern und etwa fünf Stunden pilgern. In Melide muss ich schon mindestens zweimal auf dem Jakobsweg gewesen sein. Aber keine Ahnung. Eher durchgewandert. Einmal, als ich 2022 in León losgelaufen bin, einmal 2024.

Auszug am Morgen aus Melide. Hier treffen der Primitivo und der Franches zusammen. Die Pilgerschar verdoppelt sich.

Melide ist bekannt – tara – für seinen Tintenfisch. Es soll Menschen geben, die behaupten, Pulpo könne man in Spanien nur wirklich im Binnenland richtig zubereiten. Man bekommt ihn frittiert oder auch in der eigenen Tinte. Pulpo á feira, gekocht und mit Olivenöl, Salz und Paprika, oder auch mit gekochten Kartoffeln, bekannt als Pulpo a la Gallega, oder eben gegrillt mit Panade in der – richtig – Pulperia, In vielen Orten entlang des Jakobsweg gibt es das Gerücht, Melide sei die Pulpo-Hauptstadt.

Es gibt die Legende, dass spanische Pilger gar nicht bis nach Santiago de Compostela gehen, sondern hier in Melide hängen bleiben, gerade wegen des Pulpo. Ob das stimmt, kann der Pilger aus Alemania natürlich nicht nachprüfen. Aber wenn es so ist, dann gibt es halt unterschiedliche Pilger. Die einen, die nach Melide zum Tintenfisch pilgern und quasi den Pulpo anbeten. Die anderen, die nach Santiago zum heiligen Jakobus pilgern, um dort am Ende ihrer Wallfahrt eben Jakobus dem Älteren zu begegnen. Na gut, seinen Gebeinen. Aber vielleicht ist das eine gar nicht soweit entfernt vom anderen, schließlich hat ja auch Jakobus mit seinem Vater als Fischer am See Genezareth seinen Lebensunterhalt verdient.

Es ist an der Zeit, hier noch einmal die Geschichte des Jakobus zu erzählen. Sie ist quasi der Grund für den Weg. Ich meine jetzt nicht für meinen Weg. Da müsste ich über die Gründe (ist nun auch schon der vierte Camino) länger nachdenken. Obwohl, darüber berichte ich hier ja ständig, und kehre mein Innerstes nach Außen. Was sonst nicht so meine Art ist.

Die Pilgerreise hier auf dem Camino ist grundsätzlich schon eine gute Zeit, über das Leben nachzudenken. Und sich sein Leben bewusst zu machen. Wann tut man das schon? Man lebt es. Man denkt doch selten über Entscheidungen nach. Man bereut sie. Ja. Oder auch nicht. Man ärgert sich. Ja, Oder auch nicht. Man vergisst sie. Oder auch nicht. Aber hier hast du so viel Zeit, dass du darüber nachdenken kannst. Musst! Richtig? Falsch?? Bereuen??? Vergessen????

Der heilige Jakob, hatte auch über einiges nachzudenken. So besonders erfolgreich war er ja nicht bei seiner mehrjährigen Missionsreise in Spanien. Wahrscheinlich kam er als einziger Christ auf die Iberische Halbinsel – und verließ sie als einziger Christ. Wer weiß. Ich habe seine Geschichte hier schon ein paar mal in Varianten geschildert. Als ich im vergangenen Jahr einige Zeit in Jerusalem verbrachte, habe ich die Jakobsgeschichte noch einmal in anderem Lichte gesehen (kann man in diesem Blog nachlesen). Sein Kopf ist ja noch da, in der heiligen Stadt. In der Armenischen Apostolischen Kirche. Nun gut. Ein ander Mal.

Die Armenische Apostolische Kirche, die ich täglich in Jerusalem passierte und immer, immer, immer den Ruf des Jakobus hörte, dessen Kopf hier liegt. Möglicherweise.

Kürzlich habe ich eine Schilderung der Jakobus- Story von Brigitte Riebe in „Die Straße der Sterne“ gelesen, die sehr melodisch klingt.

Mitte des 9. Jahrhundert verbreitete sich im westlichen Abendland ein Gerücht.. Irgendwo in Spanien, ganz am Ende der Welt, im Königreich Galizien, berichteten heilige Männer von geheimnisvollen Lichtern. Man habe das Grab von Jakobus des Äternen gefunden, hieß es. Jakobus war ein Sohn von Maria Salomé. Jesus hat ihn den Donnersohn genannt. Er gehörte zu dessen engsten Vertauten, bis er wahrscheinlich am 7. April im Jahr 30 (andere sagen am 3. April 33) am Kreuz und so… Also Jesus.

Herodes, der römische Herrscher in Jerusalem, hatte Jakobus aber leider 45 nach Christus Geburt enthaupten lassen – nach seiner ziemlich erfolglosen Missionsreise auf der iberischen Halbinsel. Jakobus war damit nicht nur ein erfolgloser Missionar, sondern auch der erste Märtyrer des Christentums.

Danach brachten seine Jünger den Leichnam, offenbar ohne Kopf, auf ein Schiff ohne Segel oder Steuer. Das wurde letztlich vom Wind und von Engeln zurück nach Galizien geleitet. Wow. Muschelbedeckt kam es an – die Muschel wurde später auch das Wahrzeichen der Jakobspilger. Nach einigen sehr mystischen Abendteuern mit Engeln und Drachen kam Jakobus Leichnam schließlich irgendwo zur Ruhe. Und das Ganze geriet in Vergessenheit. Im Jahr 812 bemerkt der Einsiedler Pilarius ein seltsames Licht über einer Anhöhe. In anderen Geschichten waren es auch Schäfer.

Im Wald kurz hinter Melide…

Um es kurz zu machen. Seither heißt der Ort Campo estela. Sternenfeld. Der Rest dauert noch ein paar Jahrhunderte, in denen Jakobus die iberische Halbinsel von den Mauren befreite, die damals die iberische Halbinsel unter ihrer Knute hatten – also vom Islam. Seither trägt Jakobus den Beinamen Mata Malus – Maurentöter. Er wurde in vielen Schlachten als Heiliger angerufen. Also jetzt nicht mit dem Handy. Aber irgendwie hat die Geschichte schon mit der Sternenstraße zu tun, mit der Straße der Götter. Ein Symbol der Hoffnung für ewiges Glück.

Sozusagen ist Jakobus jetzt nicht gerade der Vater des Handys, aber schon irgendwie der Schutzheilige für die Befreiung Europas vom Islam. Damals. Das ist jetzt nicht ganz konform. Es gab ja mal einen Bundespräsidenten, der sagte, der Islam gehöre zu Deutschland. Aber das ist ja auch 1000 Jahre her. Also nicht das mit dem Bundespräsidenten, sondern das mit dem Maurentöter. Die Pilgerschaft verschafft einem schon seltsamen Gedanken. Oder?

Nach Jerusalem, um Jesu willen, heißt es. Nach Rom, um des Papstes. Nach Santiago, um sich selbst willen. Den Ruf „Ultreia“. auf den Lippen. „Vorwärts“ – das ist der Pilgergruß. Ultreia.

Man war einstmals bei den Mitmenschen geachtet, wenn man eine Pilgerreise unternahm. Und Pilgern lohnte sich sogar. Man wurde während der Pilgerschaft aller Sünden enthoben. Großartig. Gläubiger mussten sich gedulden. Strafen waren ausgesetzt. Steuern auch. Finanzamt, ich freue mich darauf… Buen Camino!

Der ehrliche Pilger schleppt – und schwitzt

Buße hat nichts mit Bus zu tun, auch wenn es sich so ähnlich liest.

So eine Pilgerschaft ist ja irgendwie auch eine große Reisegesellschaft. Man geht von Saint-Jean-Pied-de-Port, Oviedo oder Porto alleine los und kommt in Santiago in einer großen Familie an. Naja, fast. Man schläft oft zusammen. Ich meine zusammen, nicht miteinander! In großen Schafsälen. Die KI wirft an dieser Stelle aus: „Ein Schlafsaal in einer Herberge (Hostel) wird oft als Dorm bezeichnet. Es handelt sich um ein Mehrbettzimmer, das Sie sich mit anderen Reisenden teilen, wobei die Betten (meist Etagenbetten) einzeln gebucht werden. Es ist die günstigste Übernachtungsform und ideal, um andere Reisende kennenzulernen.“

„Ideal“, das liegt im Auge der Betrachterin, des Betrachters. Aber das mit dem Kennenlernnen, das kann ich bezeugen. Ich habe das letzte Mal in La Mesa ein Bett an der Wand gewählt. Da lernte ich nur die Hälfte der übrigen Schläfer um mich herum kennen, Oben, Nebenan und Nebenan oben. Es stimmt aber, man lernt sich kennen, mit allen Geräuschen… Ich meine natürlich ausschließlich Schnarchen.

Ganz hinten rechts unten war mein Bett, oben, links und linksoben wurde anders geatmet

Ich gebe aber auch zu, dass ich eher das Weichei bin und frühzeitig Einzelzimmer reserviert habe. Natürlich ist auch mal ein Schlafsaal dabei. Gestern in Romeán hatte ich ein teures Zimmer (50 Euro), während nebenan eine Li aus Taiwan allein in Dorm (25 Euro) lag. Da hätten wir auch gemeinsam, äh zusammen, ach was weiß ich… Heute in Lugo habe ich eine Zelle in einer Klosterschule. Ich sage mal kurz: karg.

Zelle in Lugo

Halten wir einmal fest, dass man auf alle Fälle immer wieder den gleichen Leuten begegnet. Nicht im Zimmer. Aber auf dem Weg. Und die Gesellschaft wird immer größer. Erst heute habe ich David, Larry und Diego aus Arizona und Chicago kennengelernt. Inzwischen habe ich mir schon ein Namensbuch angelegt. Zudem bin ich auf meinem Weg alle paar Meter stehen geblieben, um ein Schwätzchen zu halten: Wie war die Herberge? Wen habt ihr getroffen? Habt ihr den oder den auch wieder gesehen? Und man hat ja auch eine gewissen Pflicht, diese Pilgergerüchte weiterzutragen. Ich denke nur an die Wilden Hunde von Fonsagrada… Aber heute hatte ich ja auch nur 14 km vor mir und konnte mir einen gemütlichen Wandertag leisten.

Natürlich gibt es auch immer die Roadrunner. Silke, Barbara und Anja sind mir inzwischen schon zwei Etappen voraus. Kann man machen, muss man eben nur schneller genießen. Da ist so ein Dorm nun wieder eine gute Sache. Am Morgen schnell raus. Wenn um fünf Uhr nebenan lieblich die Wasserspülung wie ein Bergbach plätschert, kommt Bewegung in den Saal. Und hoffentlich war es die Wasserspülung…

Silke, Anja und Barbara

Inzwischen gibt es ja viele Arten, den Camino zu pilgern. Wandern, Fahren, Reiten. Fliegen fehlt noch. Es ist gar nicht nötig, sich die Füße platt zu treten. Auch die Fahrradpilger oder das Pilgern hoch zu Ross nehmen immer mehr zu. Diese Pilger müssen zwar für die Goldene Compostela mindestens die letzten 200 Kilometer als Nachweis in ihrem Pilgerpass erbringen, aber möglich ist inzwischen vieles. Nur eines scheint mir spanisch. Man kann bei den Rad- und Pferdepilgern noch eine gewisse Anstrengung für die Wallfahrt unterstellen, so habe ich diese Pilger jedoch sehr selten mit vollem Pilgerrucksack gesehen. Gar nicht, um ehrlich zu sein. Da kommt man natürlich flott voran.

Ganz zu schweigen jedoch von der Spezies der Bus- und Taxipilger. Das kann man getrost komisch finden. Denn wer mit dem Bus oder Taxi pilgert, trägt weder sein Gepäck, noch seine Last – ich sage mal Buße. Irgendwie sollte man am Jakobsweg schon ein bisschen mehr als über das nachdenken, was es wohl zu Mittag oder zu Abend gibt. Buße hat nichts mit Bus zu tun, auch wenn es sich ähnlich liest. Der Gerechtigkeit halber muss man aber dann schon sagen, ich kenne auch Buspilger im näheren Freundeskreis, die zwischen den Herbergen gelaufen sind. Solche Trips werden inzwischen tatsächlich von zahlreichen Reiseagenturen angeboten. Pilgerreisen als Kaffeefahrt.

An sich kann ja jeder so pilgern, wie er möchte. Und es ist wohl kaum zu befürchten, dass der Schlafsaal von einer Ladung Buspilger mit Hartschalenkoffern belegt ist. Hab ich zumindest noch nicht erlebt. Aber ich schlafe ja auch in der Mönchszelle, zumindest heute. Am Ende muss jeder selbst entscheiden, wie er es mit dem Pilgern hält. Wenn das innere Kind (Karsten Dusse „Achtsam morden“) verlangt, dass du dich auf den Weg nach Finisterre am Rande der Welt begeben sollst, ohne dein Päckchen selbst tragen zu müssen, dann musst du das eben tun.

Inzwischen gibt es viele ganz normalen Pilger, die sich ihren Osprey-Rucksack (das ist keine Werbung, der amerikanische Osprey hat den Wettbewerb über den deutschen Deuter schon lange gewonnen – zumindest hier am Jakobsweg) schön mit einem spanischen Fahrdienst hinterher bzw. vorweg fahren lassen. Ich frage mich dann zwar immer, warum schmunzeln diese – zumeist auch noch jungen – Weggefährten so, wenn ich erzähle, dass ich meinen Weg vorgeplant und viele Herbergen reserviert habe.

Auf dem Marktplatz des nächsten Ortes wird deren Gepäck jedenfalls nicht abgekippt. Ich sehe die Kofferberge oft, wenn ich meine Albergue am Morgen verlasse, und stets wieder, wenn ich am Abend ankommen. Rätselhaft. „Einer trage des anderen Last“ aus dem Galater Brief kann so jedenfalls nicht gemeint sein, oder?

Man kann es niemandem verübeln, wenn er sein Gepäck für ein kleines Geld über die 308 Kilometer per Dieselkutsche transportieren lässt. Der ökologische Fußabdruck einer Pilgerschaft ist dann allerdings hin. Dazu kommt noch der ganz persönliche CO2-Ausstoß, weil man ja dann über die 25 Kilometer viel mehr Kraft zum lautstarken Palaver in der Gruppe über z.B. die Klimakatastrophe hat – also ich sehe da schonmal schwarz. Und ich höre förmlich die CO2-Wolke am Weg – oft sehr laut.

Der ehrliche Pilger schleppt und schwitzt. Und denkt. Und wenn er dann am Abend in seinem Schlafsaalbett liegt, dann schläft er wohlig. Und träumt. Nicht vom Klima. Und nicht vom Weltschmerz. sondern nur davon, dass morgen vielleicht der Rucksack des Lebens nicht ganz soooo schwer sein wird. Buen Camino.

Willkommen in Lugo

Wo die Palmen sich verneigen…

Das ganze Leben ist eine Wanderschaft, oder besser eine Pilgerreise… 

Am Start des Camino Primitivo kurz hinter Oviedo

Da steht sie, die erste Palme. Ich bin noch nicht ganz raus aus Oviedo. Und schon das Camino-GEFÜHL. „Wo die Palmen sich verneigen, wo die Purpursonne weint/ Will sie in die Gondel steigen und sie will woanders sein“, kommt mir unvermittelt in den Sinn. Nun gut, die Palme da am Wegesrand verneigt sich nicht gerade in Ehrfurcht… Obwohl das mal locker angesagt sein könnte. Pah, dieses Grünzeug, keine Achtung vor dem Alter, äh Pilger. Aber vielleicht ist diese Palme ja genau so alt wie ich. Kokospalmen werden locker 80 Jahre, und älter. Ich müsste mich vor ihr verneigen. Falls sie mal pilgert. Da bin ich kaum fünf Schritte auf dem Camino Primitivo gegangen, und schon werde ich Grüner. Hmh…

Aber zurück zum Song von City. Wie kann ein Volk, wie können Menschen, die zur Sehnsucht in „Pfefferminzhimmel“ von City getanzt und gelebt haben, plötzlich montags um die Kirche laufen, und sich nicht nur die Musik, sondern dieses ganze Land zurück wünschen. „Ob nach Tara, nach Altlanta ist ihr dabei einerlei / Vom Wind verweht hat angefangen und sie will woanders sein.“ So was von schön. Ich setzte mal einen Link auf den Song.

Ich bin auch woanders, ganz woanders. Und ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich das ohne Pfefferminzhimmel sein kann. Auch wenn uns das niemand geschenkt hat, wie so oft behauptet wird. Vieles nach der Wende schon. Heute Morgen ist mein Woanders mal Oviedo. Die Stadt am Beginn meines Jakobsweges 2026. Kommt man vielleicht nicht als Erstes drauf, auf Oviedo, wenn man an Spanien denkt. Aber ich habe im Verlauf meiner inzwischen drei Caminos so viele Orte in Spanien kennengelernt, dass ich weiß, dass Spanien nicht nur Malle, und Malle nicht nur das 17. Bundesland ist – lest es gerne in diesem Blog nach. 

Für mich ist der Camino vor allem Slow traveling. Langsam reisen. Und damit intensiv wahrnehmen. Woher kommen wir? Wo gehen wir hin? Und was macht das alles mit uns. Und was macht das alles für einen Sinn? Diese und alle anderen Fragen lassen sich hervorragend am Camino erörtern – und zwar mit sich selbst. Das hat den unglaublichen Vorteil, dass du dir selbst widersprechen kannst. Kein Revierverhalten. Du kannst deine eigene Meinung x-mal revidieren. Man kann seine Lebensziele überdenken, oder auch nur einzelne Phasen. Man kann sich auch mal Sch… finden. Merkt ja keiner. Und bleibt am Camino. Großartig finden wir uns eh immer, wenn wir in Gesellschaft sind. Ausgenommen natürlich ich, hi, hi. hi… Ihr merkt, was ich meine?

Oviedo, der Aufbruch

Stopp: Gerade als ich dies so für mich hinschreibe, walzen in meine bescheidene Herberge zwei Australier, George und Jim. Blaues Basecap, rotes Shirt, blaue Wanderhosen, weiße Socken, weiser Bart – BEIDE! Sie erzählen mir, dass sie das siebte Mal den Camino gehen und nun zu alt sind. Es ist ihr letztes Mal… Jetzt müsst ihr euch eine 30minütige Unterbrechung meiner Gedanken vorstellen. Zwar wollte ich noch etwas über die eigene Mitte schreiben. Aber Jim und George sind nun in meine kommunikative Mitte und in meine innere Mitte einfach so reingeplatzt, dass ich mich schon vor dem Pilgermal am Abend fürchte. Das Nachsinnen findet dann morgen statt, oder übermorgen, oder überübermorgen… Ich habe Zeit. 

Am Weg ist man am Besten alleine

Den Camino geht man immer alleine los. So halte ich es zumindest. Aber man kommt immer in einer großen Familie an – nun gut, in einer Reisegesellschaft. Alle, die auf dem Weg ein Stück miteinander gegangen sind, treffen sich irgendwann in Santiago de Compostela wieder. Das ganze Leben ist ja eine Wanderschaft, oder besser eine Pilgerreise… Man trifft Menschen. Man trennt sich von Menschen. Man trifft sie wieder. Und manchmal vermisst man sie. Selten vergisst man sie. Und wenn man sich erinnert, dann sollte man das nur im Guten tun. Dann hatte das Pilgern einen Sinn.

Gehst Du nach Jerusalem, dann gehst Du zu Gott. Gehst Du nach Rom, dann gehst Du zum Papst. Gehst Du nach Santiago de Compostela, dann gehst Du zu dir selbst, heißt es. (Keine Philosophie von mir!) Und dann solltest du auch eins mit dir zurückkehren, oder?

Um 7:30 Uhr bin ich in Oviedo losgewandert. Wie gesagt, Oviedo steht auf der Liste der spanischen Reiseziele nicht ganz oben. Das hätte es allerdings verdient. Denn ebenso wie Leon, oder Burgos, oder Astorga, hat diese Stadt so viel Geschichte, dass nicht nur die australischen Pilger (die natürlich vor allem) oder die US-Pilger (die natürlich vor vor allem) sondern auch wir Deutschen vor der Geschichte der Stadt nur erblassen können. Das kann man alles bei Wikipedia nachlesen. 

Kurz gesagt, war nach der Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Mauren im 8. Jahrhundert Asturien die einzige Bergregion, die von den Arabern nicht eingenommen wurde. Zu kalt. Hier kommt dann der Weg (Camino) zum Heiligen Jakobus als letzter möglicher Weg nach Santiago von Oviedo als damalige Hauptstadt des Königreiches Asturien ins Spiel. Da aber die Route ziemlich bergig und schwierig war – und ist -, gilt der Camino Primitivo (im Sinne von primitiv oder zuerst) noch heute als einer der schwierigsten der inzwischen fünf großen und noch mehr Jakobswege in Spanien. 

Capilla de Fátima

Genau mit diesem Respekt bin ich losgegangen. Aber bei guten 12 Grad Celsius und leichten Hängen zu Beginn empfing mich der Primitivo als Freund. Klar, es ist nicht der Küstenweg. Es ist auch nicht der Camino Francés, aber der ist am Anfang auch nicht leicht. Auf dem Weg aus Oviedo heraus kommt man an so vielen Cafés und Bars vorbei, dass ein Espresso und ein Croissant immer noch möglich sind, da die 40-Euro-Herberge natürlich kein Frühstück anbot. Vom Vorabend konnte ich auch nicht geschädigt sein, da das hiesige Nationalgetränk Sidre, eine leichter Apfelmost mit fünf Prozent Alkohol, hier mit einem solchem handwerklichen Gezaubere eingeschenkt wird, dass die Hälfte der Flasche ohnehin auf dem Boden der Kneipe landet (Foto). Natürlich aus rein kelterischen Gründen, wegen der Lüftung des Weines.

Sidre-Einschank, viel Gewese, wenig drin

Die ersten 25 Kilometer sind ein sehr guter Anfang, schon 14 Uhr bin ich in meinem kleinen Hotel kurz vor Grado. Allerdings ist der Besitzer noch nicht da. Es liegt am Rande der Stadt, malerisch, allerdings nicht weit von einem Autobahnstrang entfernt. Man kann es sich vorher nicht aussuchen bzw. schon, aber weiß nicht, was man wirklich bekommt. Ich habe alles vorgebucht, um nicht das Windhundrennen (First come, First serv) um die Herbergsbetten mitzumachen. Letztlich ist es ein nettes Hotel, allerdings fern vom Schuss. 

Noch eines zum Schluss: „Wer nach Santiago geht und nicht zum San Salvador, ehrt den Knecht und vergisst den Herrn“, heißt es in der Kathedrale von Oviedo „San Salvador“. Der Herr ist Christus „San Salvador“. Aber der Knecht ist Jakobus der Apostel. Laufe ich in die falsche Richtung?