Bei Ankunft tote Hose….

Mitten in irgendwas von Nebel und Grau. In einer Wolke…

So eine Etappe hat ja immer irgendwie 25 Kilometer. Ja gut, es gibt 30 Kilometer Etappen, ich bin auch schonmal 36 Kilometer gelaufen, oh je, oh je… Aber auf dem Camino Primitivo habe ich das ein bisschen heruntergedreht, wenn man so auf das spanische Dach der Welt hinaufklettert, wie auf dem Foto von Pola de Allande (500 Meter) zum Puerto del Porto (1200 Meter), das braucht schon seine Zeit und Kraft. 350 Höhenmeter in der Stunde!

Für die Athleten und Schrittepizähler unter uns: Die FitnessApp zeigt hier täglich um die 33.000 Schritte, 2200 Kilokalorien, eine (tägliche) durchschnittliche Herzfrequenz von über 100 bpm an. Das hatte ich das letzte Mal im Job bei der SVZ! Wahrscheinlich auch täglich. Wie auch immer, übersteigt diese Zahl jedenfalls die Herzfrequenz meines gemütlichen Lebensabenddaseins um fast ein Drittel! Heute haben mich 903 Höhenmeter in diese Sphären gepumpt.

Das ist ja alles sehr schön. Die Läufer unter uns werden sich denken: Nun ja, ist doch normal. Was die Nichtläufer denken, will ich mir gar nicht vorstellen. Aber was kommt danach? Nun ja, ich meine jetzt nicht nach dem Lebensabenddasein. Das ist ja klar, der Pilgerhimmel. Aber, was kommt nach so einem Pilgertag? Ich mache es kurz, tote Hose. Der Alltag des gemeinen Iberer entscheidet sich grundsätzlich vom gewöhnlichen Teutonen. Also Kartoffel. Womit wir beim Essen wären.

Pierre del Palo, 1200 Meter Höhe…

Nämlich beim Peregrino Hambriento — dem hungrigen Pilger. Als ich in Pola de Allande ankomme, passiert exakt das Gleiche wie in Siestello, Grado oder Tineo. Nichts. In dem Moment, in dem du dich für die 33.000 Schritte belohnen willst, die verbrauchten 2200 Kilokalorien auffüllen willst, oder auch nur das Belohnungsbierchen zu genießen hoffst, finden die Amigos Espania, es sei höchste Zeit für eine Siesta. Nun gut. Aber…

Pech für den Peregrino. Wie in einem alten Western in dem die Tumbleweeds, Steppenläufer, vor dem verwaisten Saloon vorbeiwehen, streifen Pilgerscharen auf der Suche nach Futter durch verwaiste Stadtzentren. Denn die spanischen Essgewohnheiten unterscheiden sich grundsätzlich von unseren. Das weiß man natürlich. Aber dieses Wissen hilft dir nichts, wenn du Hunger hast. Gar nichts.

Und da beginnt die Geschichte vom hungrigen Pilger. Peregrino Hambriento. Dass die spanischen Essenszeiten etwas anders als zu Hause sind, mag bei einem Spanienurlaub nicht ins Gewicht fallen. Schon gar nicht, wenn die Hoteliers auf Malle sich ihren Gästen angepasst haben. Von einem Pilger, der 30 Kilometer unterwegs ist, verlangt das jedoch starke Nerven.

Über den Wolken…

Die Spanier starten mit einem kleinen Desayuno in den Tag. Dieses Frühstück beinhaltet einen kleinen Milchkaffee und eine Magdalena, ein kleiner Muffin. Insgesamt gestaltet sich das spanische Frühstück also eher bescheiden. Das kommt mir eher entgegen. Nur eben nicht auf einer Pilgerreise. Ganz anders sieht beim Almuerzo oder der Comida, dem Mittagessen aus. Da geht es schon um mehrere Gänge und reichlich Rotwein. Und…

Da kommen wir zu unserem Problem – im Anschluss folgt eine zweistündige Siesta. Viele Geschäfte schließen. Das Leben hat Mittagspause. Ausgerechnet dann, wenn der Pilger ankommt, und darauf hofft, dass jetzt der kulinarische Pilgerhimmel seine Honigschleußen öffnet. Denkste! Vielleicht gibt es mal gerade ein Bocadillo, ein Schinken- oder Käsebaguette, hier Barra genannt.

Alergue Miguelin

Vom Abendessen will ich gar nicht erst sprechen. Gestern, in Pola de Allande, machte das Hotelrestaurant gerade zu als ich ankam. 20 Uhr sollte es wieder öffnen. Die Lebensmittelgeschäfte, mercado, geschlossen. Da hilft nur ein Nachmittagsschläfchen, befördert durch ein Bier, das man schließlich doch noch in einer geöffneten Bar ergaunern kann. Die allgemeine Häufigkeit von Bars, kleinen Kneipen in Spanien, ist dem deutschen Pilger ohnehin ein Rätsel.

Mach die Augen zu. Und wer schläft, der hungert ja auch nicht. Und wenn doch, dann liegt man im Trend der Camino Diät, behauptete zumindest Janina Woyach in ihrem etwas anderen Jakobsweg- Ratgeber. Zur Literatur zum Jakobsweg kommen wir hier noch. Angeblich sollen Pilger hier viele Kilo abnehmen. Theoretisch.

Schlafsaal in La Mesa…

Apropos, um dann den Tag zu beschließen, und eure Neugier zu stillen, so ein Abendmenü ist tatsächlich mächtig. Vorspeise: Suppe oder in Peregrino Albergues auch gerne ein riesiger Teller mit Käsenudeln. Hauptgang: Kartoffel mit Fisch (geht in der Bergen eigentlich gar nicht), Schinken oder Hähnchen mit Pommes (sehr spanisch, hä), danach eine leckere Nachspeise (damit sind die zehn Kilo Abnehmen perdu). Aber man kann sich auch schlecht dagegen wehren, wenn so ein Pilger-Menu so um die 15 Euro kostet, einschließlich Wein… Wasser geht natürlich auch. Habe ich aber noch nicht auf nem Tisch gesehen.

Zurück zum Camino: Helge, ein früherer Kollege bei der SVZ hat, mich aufgefordert kürzer zu werden (Aufmerksamkeitsspanne). Es gibt auch die ganz anderen Pilgererfahrungen, die ich eher nach 17 Kilometer bergauf, bergab heute hatte. In Grandes de Salime waren die Albergues nicht nur voll, sondern auch die Restaurants. Mittags. Und dann wurde mittags gegessen, was eigentlich am Abend das Pilger Menu sein sollte… Soweit so gut.

Heute Morgen bin ich in einer Albergue in Al Mesa mit Dormitio, Schlafsaal (dazu kommen wir auch noch), aufgebrochen. Am Vorabend herrschte so gute Stimmung, was nun wieder für das Übernachten in einer Albergue spricht. Nun gut, es gab auch viele Geräusche in der Nacht.

In etwa 1000 Meter Höhe war es dann am Morgen nicht nur kalt, sondern auch ziemlich nass. Ich lief quasi in den Wolken. Mitten in irgendwas von Nebel und Grau. Kann man Sch… finden, war auch nicht bequem. Aber wann seid ihr das letzte Mal in einer Wolke gewesen… Buen Camino.

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