Buße hat nichts mit Bus zu tun, auch wenn es sich so ähnlich liest.

So eine Pilgerschaft ist ja irgendwie auch eine große Reisegesellschaft. Man geht von Saint-Jean-Pied-de-Port, Oviedo oder Porto alleine los und kommt in Santiago in einer großen Familie an. Naja, fast. Man schläft oft zusammen. Ich meine zusammen, nicht miteinander! In großen Schafsälen. Die KI wirft an dieser Stelle aus: „Ein Schlafsaal in einer Herberge (Hostel) wird oft als Dorm bezeichnet. Es handelt sich um ein Mehrbettzimmer, das Sie sich mit anderen Reisenden teilen, wobei die Betten (meist Etagenbetten) einzeln gebucht werden. Es ist die günstigste Übernachtungsform und ideal, um andere Reisende kennenzulernen.“
„Ideal“, das liegt im Auge der Betrachterin, des Betrachters. Aber das mit dem Kennenlernnen, das kann ich bezeugen. Ich habe das letzte Mal in La Mesa ein Bett an der Wand gewählt. Da lernte ich nur die Hälfte der übrigen Schläfer um mich herum kennen, Oben, Nebenan und Nebenan oben. Es stimmt aber, man lernt sich kennen, mit allen Geräuschen… Ich meine natürlich ausschließlich Schnarchen.

Ich gebe aber auch zu, dass ich eher das Weichei bin und frühzeitig Einzelzimmer reserviert habe. Natürlich ist auch mal ein Schlafsaal dabei. Gestern in Romeán hatte ich ein teures Zimmer (50 Euro), während nebenan eine Li aus Taiwan allein in Dorm (25 Euro) lag. Da hätten wir auch gemeinsam, äh zusammen, ach was weiß ich… Heute in Lugo habe ich eine Zelle in einer Klosterschule. Ich sage mal kurz: karg.

Halten wir einmal fest, dass man auf alle Fälle immer wieder den gleichen Leuten begegnet. Nicht im Zimmer. Aber auf dem Weg. Und die Gesellschaft wird immer größer. Erst heute habe ich David, Larry und Diego aus Arizona und Chicago kennengelernt. Inzwischen habe ich mir schon ein Namensbuch angelegt. Zudem bin ich auf meinem Weg alle paar Meter stehen geblieben, um ein Schwätzchen zu halten: Wie war die Herberge? Wen habt ihr getroffen? Habt ihr den oder den auch wieder gesehen? Und man hat ja auch eine gewissen Pflicht, diese Pilgergerüchte weiterzutragen. Ich denke nur an die Wilden Hunde von Fonsagrada… Aber heute hatte ich ja auch nur 14 km vor mir und konnte mir einen gemütlichen Wandertag leisten.
Natürlich gibt es auch immer die Roadrunner. Silke, Barbara und Anja sind mir inzwischen schon zwei Etappen voraus. Kann man machen, muss man eben nur schneller genießen. Da ist so ein Dorm nun wieder eine gute Sache. Am Morgen schnell raus. Wenn um fünf Uhr nebenan lieblich die Wasserspülung wie ein Bergbach plätschert, kommt Bewegung in den Saal. Und hoffentlich war es die Wasserspülung…

Inzwischen gibt es ja viele Arten, den Camino zu pilgern. Wandern, Fahren, Reiten. Fliegen fehlt noch. Es ist gar nicht nötig, sich die Füße platt zu treten. Auch die Fahrradpilger oder das Pilgern hoch zu Ross nehmen immer mehr zu. Diese Pilger müssen zwar für die Goldene Compostela mindestens die letzten 200 Kilometer als Nachweis in ihrem Pilgerpass erbringen, aber möglich ist inzwischen vieles. Nur eines scheint mir spanisch. Man kann bei den Rad- und Pferdepilgern noch eine gewisse Anstrengung für die Wallfahrt unterstellen, so habe ich diese Pilger jedoch sehr selten mit vollem Pilgerrucksack gesehen. Gar nicht, um ehrlich zu sein. Da kommt man natürlich flott voran.
Ganz zu schweigen jedoch von der Spezies der Bus- und Taxipilger. Das kann man getrost komisch finden. Denn wer mit dem Bus oder Taxi pilgert, trägt weder sein Gepäck, noch seine Last – ich sage mal Buße. Irgendwie sollte man am Jakobsweg schon ein bisschen mehr als über das nachdenken, was es wohl zu Mittag oder zu Abend gibt. Buße hat nichts mit Bus zu tun, auch wenn es sich ähnlich liest. Der Gerechtigkeit halber muss man aber dann schon sagen, ich kenne auch Buspilger im näheren Freundeskreis, die zwischen den Herbergen gelaufen sind. Solche Trips werden inzwischen tatsächlich von zahlreichen Reiseagenturen angeboten. Pilgerreisen als Kaffeefahrt.
An sich kann ja jeder so pilgern, wie er möchte. Und es ist wohl kaum zu befürchten, dass der Schlafsaal von einer Ladung Buspilger mit Hartschalenkoffern belegt ist. Hab ich zumindest noch nicht erlebt. Aber ich schlafe ja auch in der Mönchszelle, zumindest heute. Am Ende muss jeder selbst entscheiden, wie er es mit dem Pilgern hält. Wenn das innere Kind (Karsten Dusse „Achtsam morden“) verlangt, dass du dich auf den Weg nach Finisterre am Rande der Welt begeben sollst, ohne dein Päckchen selbst tragen zu müssen, dann musst du das eben tun.
Inzwischen gibt es viele ganz normalen Pilger, die sich ihren Osprey-Rucksack (das ist keine Werbung, der amerikanische Osprey hat den Wettbewerb über den deutschen Deuter schon lange gewonnen – zumindest hier am Jakobsweg) schön mit einem spanischen Fahrdienst hinterher bzw. vorweg fahren lassen. Ich frage mich dann zwar immer, warum schmunzeln diese – zumeist auch noch jungen – Weggefährten so, wenn ich erzähle, dass ich meinen Weg vorgeplant und viele Herbergen reserviert habe.



Auf dem Marktplatz des nächsten Ortes wird deren Gepäck jedenfalls nicht abgekippt. Ich sehe die Kofferberge oft, wenn ich meine Albergue am Morgen verlasse, und stets wieder, wenn ich am Abend ankommen. Rätselhaft. „Einer trage des anderen Last“ aus dem Galater Brief kann so jedenfalls nicht gemeint sein, oder?
Man kann es niemandem verübeln, wenn er sein Gepäck für ein kleines Geld über die 308 Kilometer per Dieselkutsche transportieren lässt. Der ökologische Fußabdruck einer Pilgerschaft ist dann allerdings hin. Dazu kommt noch der ganz persönliche CO2-Ausstoß, weil man ja dann über die 25 Kilometer viel mehr Kraft zum lautstarken Palaver in der Gruppe über z.B. die Klimakatastrophe hat – also ich sehe da schonmal schwarz. Und ich höre förmlich die CO2-Wolke am Weg – oft sehr laut.
Der ehrliche Pilger schleppt und schwitzt. Und denkt. Und wenn er dann am Abend in seinem Schlafsaalbett liegt, dann schläft er wohlig. Und träumt. Nicht vom Klima. Und nicht vom Weltschmerz. sondern nur davon, dass morgen vielleicht der Rucksack des Lebens nicht ganz soooo schwer sein wird. Buen Camino.






