Aber mal gehörig auf dem Holzweg

Caminhe com o seu, coração e abrace o seu Caminho.
(Gehe mit deinem Herzen und nimm deinen Weg an. Spruch am Wegrand)

Also, wer den Caminho de la Costa wandert, befindet sich sozusagen mal so richtig auf dem Holzweg. Und zwar die meiste Zeit. Zumindest auf den ersten Etappen. Und das liegt nicht daran, dass es mir auf den ersten vier Etappen kaum gelungen ist, in irgendeine Kirche hinein zu schauen. Nicht, dass ich ohne Kirche nicht kann. Das würde mir ohnehin keiner abnehmen. Aber irgendwie gehört das doch zur Pilgerei dazu, oder zur Pilgereise. Aber an meinem Weg stehen einfach keine Kirchen. Es hängen auch keine Heiligen herum, wie letztes Jahr am Camino Francés. Also keine Bilder von Heiligen. Obwohl „Sao José“, an jedem Tante-Emma-Laden zu lesen ist, Heiliger Josef.

Und da sind auch keinerlei Leidenssprüche zu lesen, wie auf dem langen Camino. So wie: „Omina mea mecum porto.“ – „Alles, was mein ist, trage ich bei mir.“ Das angeblich oft von Pilgern verwendet wird. In der Hinsicht ist beim Caminho Portugués de la Costa völlig Fehlanzeige. Woran mag das wohl liegen? Vielleicht ist das ja hier gar kein wirklicher Pilgerweg. Sehr wahrscheinlich, denn soweit das Auge blickt, sind keine Pilger zu sehen. Mitunter stundenlang. Da frage ich mich allerdings, woher die Camino Doktoren (Camino spanisch – Caminho portugiesisch) im Pilgerbüro in Santiago de Compostela die Behauptung nehmen, dass der portugiesische Küstenweg der zweit meist bewanderte Jakobsweg sei.

Aber es wird schon irgendwo so ein Pilgerprofessor stehen, und die Wanderer mit so einem kleinen mechanischen Handklicker aus dem letzten Jahrhundert herunter zählen. Von wegen Klicks zählen erst seit dem Internet. Ach ja, Holzweg. Das mit dem Holzweg ist wortwörtlich gemeint. Wer wirklich an der Küste entlang geht, es gibt ja auch den zentralen Portugués und diverse Varianten zwischen beiden Wegen, wer also den Küstenweg entlang geht, der marschiert die meiste Zeit auf einem extra beplanktem Holzweg.

Nach Santiago noch 208 Kilometer

Nun könnte man meinen, guck an, da haben sich die Portugiesen aber was Feines für die Pilger ausgedacht. So ähnlich wie bei Heinrich Heines Harzreise, als ein Stadt-Grüner – ja, die gab es damals schon – vor dem Dichter-Fürsten dozierte, dass der Wald so grün sei, weil die Natur es gut für die Augen eingerichtet habe.

Der Göttinger Student Heine berichtet 1824 nach seiner ersten Harzreise von seiner Reisebekanntschaft: „Die Bäume sind grün, weil Grün gut für die Augen ist. Ich gab ihm recht und fügte hinzu, daß Gott das Rindvieh erschaffen, weil Fleischsuppen den Menschen stärken, daß er die Esel erschaffen, damit sie den Menschen zu Vergleichungen dienen können, und daß er den Menschen selbst erschaffen, damit er Fleischsuppen essen und kein Esel sein soll. Mein Begleiter war entzückt, einen Gleichgestimmten gefunden zu haben, sein Antlitz erglänzte noch freudiger, und bei dem Abschiede war er gerührt.“ Ach der alte Heine. Was einem bei so einem Wanderung so alles einfallen kann – einzufallen droht.

Also haben es die Portugiesen gut mit den Peregrinos gemeint? Ich glaube, es steckt mehr hinter diesen ganzen Steigen, die da kreuz und quer und eben den langen Weg entlang der Küste gebastelt wurden. Hier geht es wohl eher um den Schutz der Dünenlandschaft. Denn sonst würde wohl möglicherweise mancher stolzer portugiesischer Pirat laissez-faire die gesamte Dünen-Küste zerlatschen. Von wegen Grün ist gut für die Augen, wie der Holzweg für den Pilger.

Überall am Wegesrand historische portugiesische Windmühlen, die einst dreieckige Segel als Windräder hatten, und bei denen – im Gegensatz zur spanischen Windmühle – nur das Dach und die daran befestigten Segel in den Wind gedreht wurden.

Aber mit den Kirchen ist es mal rar. Und auch von den Geschichten von Päpsten und Königen, die den Camino Francés bepilgerten, ist hier nix zu hören. Und dennoch sei historisch belegt, dass der Portugués de la Costa schon früher ein bedeutender Pilgerweg war… Wahrscheinlich wegen der Badenixen, oder weiterer Möglichkeiten.

„Es gibt Leute, die ohne jegliche Kenntnis der Fakten glauben, dass dieser portugiesische Küstenweg lediglich eine Touristenattraktion ohne jegliche Geschichte oder jakobinische Tradition ist“, scheißt mich mein Camino-Reiseführer, der berühmte Gronze, umgehend zusammen. Aber waren die Menschen im 16. Jahrhundert nicht eher daran interessiert, ihre Kindheit zu überleben und ihre Läuse loszuwerden? Dafür wäre so eine Pilgerreise nicht die beste Idee gewesen.

„Nichts könnte ferner von der Wahrheit sein, denn wir erfahren schnell, dass diese Route bereits ab dem 12. Jahrhundert von einheimischen Pilgern genutzt wurde. Beweise dafür finden sich in Städten wie Vila do Conde und Viana do Castelo (war ich heute – d. ignorante Autor) sowie in den vielen Kirchen, die im Mittelalter im Norden Portugals dem Apostel geweiht waren (tatsächlich war der Heilige Jakobus jahrhundertelang der portugiesische Nationalpatron, bevor er nach Streitigkeiten mit Spanien – bis dahin standen beide Königreiche unter demselben Schutzpatron – in Sankt Georg umbenannt wurde).“ Was die haben den Jakobus umbenannt? Na, kein Wunder, dass ich hier niemanden treffe. Diese ungläubigen Katholiken.

Und dann sprengte ich auch noch fast die einzige Kirche am Wegesrand. Am Sonnabendmorgen traf ich tatsächlich auf dem Weg nach Viana do Castelo auf jede Menge Pilger. Polnische Pilger. 58 polnische Pilger! Mit zwei Nonnen kam ich ins Gespräch. Sie berichteten mir, dass sie in Zelten schlafen und Begleitfahrzeuge dabei hätten. In der Kirche São Miguel, des Heiligen Mathias, am Rande von Eposende nahmen wir eine kurze Auszeit. Die Schwestern beteten, ich spendete. Kommt ja irgendwie auf das Gleiche raus. Sie baten. Ich gab. Ich wollte dabei schon ein bisschen großzügiger sein, und mich nicht lumpen lassen. Das macht ja auch keinen guten Eindruck. Also steckte ich vier Euro in den Kasten mit den elektrischen Kerzen für das Gedenken an die Toten. Die Polen sollten jetzt nicht denken, da kümmert sich niemand um seine Verstorbenen.

Vier Euro – vier Gedenkkerzen, wie es in Deutschland die Kirche hält, dachte ich so bei mir. Mutter, Vater, Katz und Maus. Doch plötzlich brannte die halbe Kirche. „Ein Euro – fünf Kerzen“, erläuterte mir der freundlich Stempelverwalter in der Kirche grinsend. Schwupps brannten 20 Kerzen, es war fast taghell. und ich wusste gar nicht, wem ich da noch alles gedenken sollte. Also Leute, ich bin auf dem Jakobsweg und hab all eurer Toten gedacht. Seid beruhigt, und wer noch Bedarf hat, her mit den toten Verwandten.

Start in den Pilgertag in Fão am Fluss Rio Cavado

Ich will ehrlich sein. In Viana do Castelo – eine der schönsten Städte Portugals – wird der Pilger mit Kirchenmango reichlich entschädigt. Ja, wir nähern uns Spanien. Morgen geht es über die Grenze. Am Abend gab es sogar noch ein klassisches Konzert auf der Plaza Republica der Stadt am Douro. Und danach ging’s wieder auf den Holzweg. Vier Tage seit Porto – 100 Kilometer, 21 Stunden, 30 Grad Celsius…

Also, ich will euch nicht nerven. Aber um die Geschichte des heiligen Jakobus kommt ihr nicht herum. Es sei denn, ihr brecht hier ab. Warum der Jakobsweg Jakobsweg heißt, mache ich mal unzulässig kurz: Der Legende nach ging der Apostel Jakobus d. Ältere im Jahr 33 (n.Ch.) für einige Jahre nach Spanien und Portugal, um dort Missionsarbeit zu leisten. Leider war er bei den keltischen Galiciern gar nicht erfolgreich. Vielleicht gab es noch einen Christen außer ihm, nach seiner Abreise vom Atlantik. Also wurde er bei seiner Rückkehr von König Herodes in Jerusalem kurzerhand geköpft. Weil er so ziemlich kopflos war und zudem auch nicht begraben werden durfte, brachten ihn seine Jünger zurück nach Spanien. Ein paar Wunder später – wie seiner Auferstehung im Jahr 890 zur Vertreibung der Muselmanen von der Iberischen Halbinsel – liegen seine Überreste als Reliquien in der Kathedrale von Santiago de Compostela. Heute ist Santiago de Compostela neben Jerusalem und Rom der bedeutendste Pilgerort der Christenheit.

Der Kopf befinde sich allerdings noch in der Jakobuskirche des Armenischen Patriarchen in Jerusalem. Im Frühjahr als ich in Israel war, führte mein Weg fast täglich an dieser Kirche vorbei. Und manchmal war es so, als habe ich ihn rufen hören, den Heiligen: „Führt mich zusammen…“ Auch ne schöne Pilger-Losung, oder?

PS: Ich hab noch ein Zitat aus der Harzreise vom alten Heine, das ziemlich aktuell scheint: „Das ist schön bei den Deutschen: Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht.“ Bom Caminho!

So kann man auch Pilgern

Fischer-Kirche der Heiligen Frau der Agonie in Viana do Castelo, im Hintergrund auf dem Berg die Burg

Kirche der Barmherzigkeit Inn Viana do Castelo

Konzert am Abend in der Stadt

Wenn Bilder ihre Geschichte erzählen

Konfisziert, verkauft, zurückgeholt: Zum 100. Todestag ehrt die Alte Nationalgalerie in Berlin den Künstler Lovis Corinth. Neben dem umfangreichen Bestand seiner Bilder wird auch die kleinere Sammlung an Werken seiner Ehefrau Charlotte Berend-Corinth präsentiert.

Kurator Dieter Scholz führt duch die Ausstellung „Im Visier“ auf der Museumsinsel in Berlin, die vom 17. Juni bis 28.September zu sehen ist. (Fotos: Autor)

Stellt euch vor, ihr könnt ein Bild nicht nur anschauen, und darüber rätseln, was der Maler wohl gemeint haben dürfte, sondern das Bild erzählt euch seine Geschichte. Ja, das könnt ihr demnächst in meiner Fotoausstellung über Israel erleben, falls es zu der kommt, und für die ich Texte aus meinem Blog eingesprochen habe. Aber darum geht es hier nicht. Und was sind Fotos aus dem Alltag in Israel heute, gegen den weltbekannten Impressionisten Lovis Corinth? Er lebte bis 1925, seine Gemälde und Zeichnungen erzählen aber weit über die Lebenszeit ihres Schöpfers hinaus Geschichten. Auch gruselige.

Geschichten, wie sie der Nazi-Kommission für „Entartete Kunst“ entkommen sind. Geschichten, warum sie nicht der Nazi-Kommission entkommen sind. Geschichten, wie sie dennoch von den Nazis zur Gewinnung von Devisen in alle Welt verkauft wurden. Geschichten, wie sie konfisziert und auf der Münchner NS-Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ 1937 zur Abschreckung gezeigt, und zwei Jahre später der Nationalgalerie in Berlin wieder zurückgegeben wurden. Und schließlich Geschichten wie Ost und West, Ost- und West-Berlin, Ost- und West-Deutschland nach 1945 um das Corinth-Erbe wetteiferten, und wer diesen Wettbewerbe gewann. Das alles ist seit heute, Freitag, den 18. Juli, in der Alten Nationalgalerie in Berlin zu erfahren.

Zum 100. Todestag von Lovis Corinth beleuchtet das Museum das Schicksal der Werke des deutschen Künstlers und seiner Frau, der Malerin Charlotte Berend-Corinth. Im Fokus stehen die unterschiedlichen Provenienzen – Herkunfts-Geschichten – der Bilder. Die eigenen Bestände der Nationalgalerie werden ergänzt durch Reproduktionen von Gemälden, die aufgrund der nationalsozialistischen Aktion „Entartete Kunst“ in andere Museen gelangten, aber, wie der Provienenzforscher Dr. Sven Haase erläutert, zielgerichtet nicht für die Ausstellung ausgeliehen wurden, sowie schwarz-weiß Fotos in Originalgroße verschollener bzw. von den Nazis verbrannter Werke.

Lovis Corinth gilt neben Max Liebermann und Max Slevogt als der wichtigste Vertreter des deutschen Impressionismus. Wer Näheres aus der Biografie des bei Königsberg geborenen Kürschnersohns erfahren möchte, lese bei Wikipedia nach, solange es noch nicht von der KI entmündigt wurde. Kurator Dieter Scholz bezeichnet Corinth als „einen der ganze großen Künstler Berlins“, wo dieser von 1901 bis zu seinem Lebensende wirkte.

Der Maler sah sich selbst ausdrücklich als Vertreter einer „deutschen“ Kunst. Der Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreichs hatte ihn in seinem nationalen Zugehörigkeitsgefühl nachhaltig erschüttert. Am 10. November 1918 notierte er: „So ist der Hohenzollernstaat mit Stumpf und Stiel einstweilen ausgerottet. Ich fühle mich als Preuße und kaiserlicher Deutscher.“ Corinth starb wie gesagt 1925 und sollte den Nationalsozialismus und dessen Umgang mit seinem Werk nicht mehr erleben. Putzig ist, wie noch zu berichten sein wird, dass gerade in der noch jungen DDR um das Erbe des bekennenden Monarchisten gerungen wurde. Zum Teil wurden zig andere Werke der Nationalgalerie verkauft, um einen einzelnen Corinth erwerben zu können. Dazu kommen wir noch.

Gleich zu Beginn der Ausstellung sind vier Bilder zu sehen, die nicht beschlagnahmt wurden. Aber auch drei Bilder werden gezeigt, die 1937 von der Nazi-Kommission als „Entartete Kunst“ stigmatisiert, in München 1937 gezeigt, und 1939 zurückgegeben wurden. So, wie das „Trojanische Pferd“.

Das Trojanische Pferd
1924, Öl auf Leinwand, A II 488
1926 würdigte die Nationalgalerie den verstorbenen Künstler in einer großen Gedächtnisausstellung und zeigte auch dieses Alterswerk um das berühmte Motiv aus Homers Ilias. Im Anschluss schenkten es seine Witwe Charlotte Berend und ihre Kinder Wilhelmine und Thomas der Sammlung. Nach der Beschlagnahmung 1937 war das Gemälde auf der Propagandaschau „Entartete Kunst“ in München zu sehen. 1939 erhielt es die Nationalgalerie zurück, der Grund dafür ist unklar. Von den drei Werken, die der Nationalgalerie noch während der NS-Herrschaft zurückgegeben wurden, war es das jüngste und gehörte wie der größte Teil der insgesamt 359 beschlagnahmten Werke Corinths zur besonders verfemten Schaffensphase nach 1911.

„Wir haben keine wirkliche Erklärung für das Agieren der Kommission für Entartete Kunst“, erläutert Mit-Kurator und Provinienzforscher Dr. Sven Haase. „Es kann sein, dass die Künstler nicht bekannt genug waren für die nationalsozialistische Beschlagnahme. Es kann sein, dass Museumsmitarbeiter sie einfach weggestellt, verschwinden lassen haben. Es kann sein, dass sie dem Streit zwischen Reichspropagandaministerium und dem Reichserziehungsministerium zum Opfer fielen.“ Das erstere wollte „Entartete Kunst“ aus der Öffentlichkeit verbannen. Das zweite wollte „Entartete Kunst“ zum Zwecke der Diffamierung vorzeigen.

Der Begriff „entartet“ war nicht eindeutig definiert. Er konnte angewendet werden, wenn Kunstwerke nicht naturalistisch oder heroisch-idealisierend waren, aber auch, wenn sie von Kunstschaffenden stammten, die linkspolitische Überzeugungen teilten oder jüdischer Herkunft waren. Gerade bei Corinth und seiner Ehefrau wird die Willkür des Vorgehens deutlich. Der Erlass des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels verlangte, die im deutschen Reichs-, Länder- und Kommunalbesitz befindlichen Werke deutscher Verfallskunst seit 1910 auf dem Gebiete der Malerei und der Bildhauerei zum Zwecke einer Ausstellung auszuwählen und sicherzustellen.“

Nichtbeschlagnahmt wurde „Donna Gravida“ auf dem Corinth seine hochschwangere Frau, früherer Schülerin und Maler-Kollegin porträtierte. „Das wird ein großartiges Bild“, soll er zu seiner Frau gesagt haben.

Donna Gravida
1909, Öl auf Leinwand, A II 143
Es war die erste Erwerbung eines
Gemäldes des Künstlers durch die Nationalgalerie. Verkäufer war Carl Nicolai, der seine Kunsthandlung bis 1945 betrieb und auch Corinth vertrat. Später, für die Provenienz dieses Bildes nicht relevant, spielte Nicolai eine problematische Rolle: Der Galerist handelte nach 1933 auch mit Werken aus ehemals jüdischem Eigentum und war für das „Führermuseum Linz“ tätig, dem Museumsprojekt der Nationalsozialisten, das sich nicht zuletzt aus geraubten Kunstgütern speiste.

51 Bilder sind in der Berliner Ausstellung zu sehen. „Wir wollen die Werke zeigen und ihre Geschichten erzählen“, sagt Kurator Dieter Scholz. Zu den beschlagnahmten Gemälden und später gewinnbringend von den Nazis verkauft zählt auch das „Selbstbildnis mit Strohhut“. Heute im Museum Bern zu sehen – und in Berlin als Reproduktion gehängt.

Selbstbildnis mit Strohhut
1923, Öl auf Leinwand, ehemals A II 409, heute Kunstmuseum Bern [Reproduktion]
Im März 1924 erreichte die Nationalgalerie ein Brief von Lovis Corinth, in dem er den Restbetrag von 500 $ für sein Selbstbildnis vom 21. Juli 1923 einforderte. Im August 1923 waren bereits 1.000 $ an ihn gezahlt worden, laut einer Quittung im Zentralarchiv. Auf der Rückseite ist die Zahl 6.000.000.000 notiert, womöglich der Betrag in Mark im Inflationsjahr 1923, was auch die Zahlung in Dollar erklärt. Im Inventar ist zu lesen: „Erworben im Tausch“, an anderer Stelle: „mit der Galerie Stern, Düsseldorf“. Doch war es nicht wirklich ein „Tausch“. 1923/24 hatte die Nationalgalerie acht Gemälde und zwei Skulpturen an die Galerie verkauft, um so das Geld für das Selbstbildnis aufzubringen.

Neun Corinth-Gemälde der Nationalgalerie sind nach dem Ende des Nationalsozialismus nicht mehr zurückgekehrt. Darunter befinden sich zwei noch vor 1900 entstandene Werke, die seit 1945 als verschollen gelten. Sie werden im zweiten Raum der Ausstellung schwarz-weiß in Originalgröße wiedergegeben. In Farbe reproduziert sind dagegen diejenigen Bilder, die sich heute in anderen Sammlungen befinden.

Die 1937 erfolgten Beschlagnahmungen fanden in mehreren Stufen statt. Am 7. Juli wurden zunächst Werke für die Ausstellung „Entartete Kunst“ zusammengetragen, die am 19. Juli in München eröffnete. In ihr war Corinth mit sieben Gemälden vertreten, darunter drei aus der Nationalgalerie (Ecce Homo, Das Trojanische Pferd, Kind im Bett). Zur Begründung führte Adolf Ziegler, Präsident der NS-Reichskammer der bildenden Künste, in seiner Eröffnungsrede an, dass Corinth „nach seinem zweiten Schlaganfall nur noch krankhafte und unverständliche Schmierereien hervorbrachte.“ Doch die zunehmend expressive Malweise in den Bildern Corinths war schon vor seinem Schlaganfall 1911 angelegt gewesen.

Bei der zweiten und dritten Beschlagnahme ging es um die systematische Verfolgung der Kunst der Moderne in über 100 öffentlichen Kunstsammlungen. Am 12., 13. und 16. August sowie am 30. Oktober 1937 wurden die restlichen Bestände der Nationalgalerie durchsucht. Insgesamt fielen über 500 Werke des Museums den Beschlagnahmungen zum Opfer.

Etwa 5.000 als „unverwertbar“ geltende Werke wurden am 20. März 1939 in der Berliner Hauptfeuerwache verbrannt. Von dem als „international verwertbar“ eingestuften Teil kamen 125 Spitzenstücke am 30. Juni 1939 in der Galerie Fischer in Luzern zur Versteigerung. Von Lovis Corinth wurden dort 15 Gemälde angeboten, darunter 6 aus der Nationalgalerie. Der Erlös der Auktion blieb jedoch weit hinter den Erwartungen zurück. Mit dem Ziel, dem NS-Staat keinen allzu hohen Gewinn zufließen zu lassen, hatten die Bietenden sich abgesprochen.

Frau mit Rosenhut
1912, Öl auf Leinwand, A II 1033
Die Nationalgalerie in Ost-Berlin erwarb das Bild 1952 bei dem West-Berliner Kunsthändler Herbert Klewer. Es ist unbekannt, wie er zu dem Bild kam. 1932 befand es sich wahrscheinlich im Eigentum der Berlinerin Anna Stoessel-Hamburger. Ihr jüdischer Hintergrund machte sie nach 1933 zur Verfolgten des NS-Regimes, 1942 nahm sie sich kurz vor der drohenden Deportation das Leben. Ihre ältere Tochter wurde in Auschwitz ermordet. Der jüngeren Tochter gelang die Emigration. Sie strebte nach dem Krieg erfolgreich ein Wiedergutmachungsverfahren an, jedoch war das Gemälde nicht Gegenstand des Verfahrens. Ob ihre Mutter es auch nach 1933 besaß, ist bisher ungeklärt. Die Provenienz wird weiter untersucht.
1952 ANGEKAUFT durch die Nationalgalerie in Ost-Berlin im Kunsthandel von Herbert Klewer, West-Berlin
Wegen des Verdachts auf NS-verfolgungsbedingten Entzug hat das Museum das Werk bei der Datenbank Lost Art gemeldet.

Nach 1945 und der Aufspaltung auch der Nationalgalerie in „Ost“ und „West“ befanden sich die Corinth-Bestände sämtlich in West-Berlin. In Ost-Berlin unternahm man erhebliche Anstrengungen, um diese Lücke zu schließen und erwarb mehrere Bilder des Malers im Kunsthandel. Für die dafür nötigen Devisen wurden sogar andere Kunstwerke aus der Sammlung verkauft, u.a. Allein 11 Kunstwerke für den „Geblendeten Simson“.

Warum die DDR so großes Interesse an einem Künstler hatte, der zwar einerseits als ein Hauptvertreter des Impressionismus in Deutschland gilt, sich selbst aber bis zu seinem Tod vor 100 Jahren als „Monarchist“ betrachtete – dazu bedarf es noch weiterer Forschung. Ebenso wie zur Herkunft einiger Bilder, die zu DDR-Zeiten erworben wurden.

Ob es sich bei einem Gemälde wie der lieblich lächelnden „Frau mit Rosenhut“, die die Nationalgalerie in Ost-Berlin 1952 von einer West-Berliner Galerie gekauft hat, um NS-Raubkunst handelt, wird derzeit untersucht. Seine letzte Eigentümerin war wahrscheinlich eine jüdische Berlinerin, die sich vor ihrer Deportation 1942 das Leben nahm. Die Spur des Bildes hatte sich da aber bereits verloren. Keine Seltenheit im Fall von Lovis Corinth, der zahlreiche jüdische Sammler hatte.

Charlotte Berend-Corinth emigrierte 1931 als Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie nach Italien und schließlich 1939 aus der Schweiz in die USA nach New York, wo der gemeinsame Sohn Thomas bereits lebte. 1967 starb sie mit 86 Jahren in New York City. Noch im selben Jahr wurden ihre Werke in der Ostberliner Nationalgalerie gezeigt; sie hatte an der Konzeption der Ausstellung noch mitgewirkt, die durch ihren Tod zur Gedächtnisausstellung wurde.

Nach der Wende wurden die Bestände der Nationalgalerie Ost und der Nationalgalerie West wieder zusammengeführt.

Eine lustige Geschichte zum Schluss. Das Bild „Der Friseur“ bekam die Nationalgalerie 2013 von „Wella“ geschenkt. Der Zusammenhang von Vorbesitzer und Inhalt liegt nahe.

Der Friseur
1915, Öl auf Leinwand, NG 27/13
Charlotte Berend-Corinth wird für eine Abendgesellschaft frisiert, was Corinth zu einer „Augenblicksstudie“ inspirierte. Zur Geschichte des Bildes gibt es bisher nur wenige Anhaltspunkte: Bis 1945 befand es sich wohl im Schlesischen Museum der Bildenden Künste in Breslau, tauchte dann im Nationalmuseum in Warschau auf. 1958 war es in München ausgestellt und eventuell im Besitz des Kunsthändlers Wolfgang Gurlitt. Unklar bleibt, wie es während des Kalten Krieges den Weg dorthin fand. Über den Kunstmarkt erwarb 1966 die Familie Ströher, Inhaber von Wella, einer Firma für Haarpflegeprodukte, den Friseur. Die Provenienz des Werkes wird weiter untersucht.
2013 GESCHENKT von Wella, Zweigniederlassung der Procter & Gamble Service GmbH

Fotos ohne Triggerwarnung – Word Press Fotos im Altonaer Museum

Es ist eine Illusion, dass Fotos mit der Kamera gemacht werden… sie werden mit dem Auge, dem Herz und dem Kopf gemacht.“ (Henri Cartier-Bresson)

Blick in die Ausstellung im Altonaer Museum in Hamburg mit 42 Gewinnern des World Press Photo Award (Foto: Autor)

Jeder Zeitungsleser kennt sie. Für jeden, der mit offenen Augen durch unsere Welt geht, sind sie Zeitdokumente. Viele werden sich an diese Fotos erinnern: Das Mädchen im Vietnamkrieg, das 1973 nackt und schreiend vor Napalm-Bomben flieht. Der buddhistische Mönch, der sich auf der Straße in Saigon selbst verbrennt. Die afghanische junge und hübsche Frau, die keine Nase mehr im Gesicht trägt, nur noch ein verheiltes Loch. Bibi Alsha, 18 Jahre alt, floh in ihrer Heimatstadt Kabul vor der Gewalt ihres Mannes, fotografiert 2011 von Judy Bieber.

Bilder, die oft mehr  sagen als viele Worte. Hier gibt es keine Fälschungen. Hier gibt es keine KI-initiierten Fotos, keinen Papst in Daunen-Jacke. Hier gibt es nur die nackte Wahrheit. Und auch wieder nicht, aber dazu kommen wir später noch. Es sind alles Fotos dokumentarischen oder fotojournalistischen Ursprungs, wie die Direktorin des Altonaer Museums, Anja Dauschek, zur Eröffnung der Präsentation der World Press Photos 2025 deutlich machte, ohne es extra betonen zu müssen. Es geht um die weltbesten Reportage-Fotos, ab heute zu sehen in Hamburg-Altona.

Seit 1955 zeichnet die World Press Photo Foundation jedes Jahr die besten internationalen Pressefotografien des Vorjahres mit dem World Press Photo Award aus. Die prämierten Fotografien aus allen Regionen der Welt, die in diesem Jahr unter 59.320 Einsendungen von 3.778 Fotografinnen und Fotografen aus 141 Ländern ausgewählt und in den Kategorien Einzelbild, Story und Langzeitprojekt ausgezeichnet wurden, sind in einer Wanderausstellung zu sehen, die in mehr als 80 Städten in fast 50 Ländern Station macht. In diesem Jahr ist die Ausstellung an einer der ersten Stationen vom 7. Mai bis zum 2. Juni zum vierten Mal im Altonaer Museum zu sehen.

World Press Foto Rückblende (Foto: Autor)

Auch im 70. Jahr seines Bestehens reflektieren die Ergebnisse des größten und renommiertesten Wettbewerbs dieser Art ein breites Spektrum gegenwärtiger globaler Ereignisse und Herausforderungen und zeigen engagierten Fotojournalismus und dokumentarische Fotografien bester Art – Art im Sinne von Kunst. “Die Finalisten zeigen die Themen, mit denen wir uns auf dieser Welt beschäftigen“, sagt Martin Seeberger von der Stiftung Historische Museen Hamburg. Es geht der World Press Photo Foundation darum, über diese Präsentation zum Dialog zu weltweiten Themen beizutragen. Diese sind nicht immer ohne Gefahr zu fotografieren. Diese benötigten jedoch fast immer in unserer heutigen Welt gebräuchliche Triggerwarnungen. Denn sie zeigen die ungeschönte Wahrheit. Und die ist manchmal hässlich.

Da ist eine Gruppe chinesischer Migranten, fotografiert von John Moor, Getty Images, die sich in regenkalter Nacht nach der Überquerung der Grenze von Mexico zur USA an einem kleinen Feuer aufwärmen. Eine Migrationsbewegung von Chinesen von der die wenigsten von uns je gehört haben dürften. Da ist der neunjährige Mahmoud Ajjour, der bei einem israelischen Angriff in Gaza- Stadt beide Arme verlor. Das Sieger-Foto des World Press Awards von Samar Abu Elouf für die New York Times, fotografiert am 28. Juni 2024 in Dohar, Katar. Da ist aber auch jenes Foto von Jerome Brouillet für die Agentur AFP, das den Surfer Gabriel Medina, während der Olympischen Spiele in Paris zeigt, als dieser kerzengerade nach oben mit seinem Brett an der Seite aus einer großen Welle in Teahupo‘o, Tahiti, steigt. “Es ist eine Illusion, dass Fotos mit der Kamera gemacht werden… sie werden mit dem Auge, dem Herz und dem Kopf gemacht“, sagte der berühmte Henri Cartie-Bresson einst. Der Betrachter dieser Foto-Episoden wird ihm recht geben.

Die Fotografin Alina Kardash aus Tomsk, die die Auseinandersetzungen mit ihrer Familie über den Überfall Putins auf die Ukraine fotodokumentarisch verarbeitet hat (Foto:Autor)


Unter den ausgezeichneten Langzeitprojekten ist auch die für den stern entstandene Reportage der in Hamburg lebenden russischstämmigen Fotografin Aliona Kardash, die bei einem Besuch in ihrer ehemaligen Heimatstadt Tomsk die mentalen Auswirkungen des russischen Angriffskrieges auf ihre eigene Familie eingefangen hat. Und seit nunmehr zwei Jahren diese Auseinandersetzungen in ihrer Familie bei ihren Besuchen im sibirischen Tomsk im Foto festzuhalten versucht. „Ich habe meine eigenen Geschichte über den Krieg gemacht“, sagt Aliona Kardash bei der Präsentation in Hamburg. „Zuhause riecht es nach Rauch“, so der Titel der Dokumentation, die eine Familie im Streit über Putins verbrecherischen Krieg in der Ukraine zeigt. Eine doppeldeutige Anspielung auf den Geruch der Schornsteine ihrer Heimatstadt (wie es mancher Ostdeutsche noch kennen wird), und dem Geruch des Krieges. In Russland will sie diese Fotos nicht zeigen, um nicht Repressalien ausgesetzt zu werden. 

Die Jury musste sich bei ihrer Auswahl aber auch damit auseinandersetzen, dass sich für die Auszeichnung ausgewählte Fotos eines wie stets anonymisierten Fotografen von den Auseinandersetzungen in Georgien als Arbeiten eines russischen Fotoreporters für die Nachrichtenagentur TASS herausstellten. Zweifellos Propagandafotos. Propagandafotos in der World Press Photos 2025? Sind Arbeiten anders zu bewerten, wenn man den Namen des Fotografen kennt? Die Ausstellung in Hamburg zeigt es.

Fotograf: Samar Abu Elouf für The New York Time
Das Foto zeigt den neunjährigen Mahmoud Ajjour, der bei einem israelischen Angriff in Gaza -Stadt beide Arme verlor. Die Fotografin Samar Abu Elouf, die im Dezember 2023 aus dem Gazastreifen evakuiert wurde, lebt jetzt in demselben Apartmentkomplex in Doha (Katar) wie Mahmoud. Dort hat sie die wenigen Schwerverletzten aus dem Gazastreifen dokumentiert, die es wie Mahmoud zur medizinischen Versorgung nach draußen geschafft haben. Das Foto entstand in Doha am 28. Juni 2024.

Fotograf: Marijn Fidder for Republik, Real 21
Bodybuilder Tamale Safalu trainiert vor seinem Haus. Kampala, Uganda, 25. Januar 2024. Obwohl Tamale Safalu nach einem schrecklichen Motorradunfall im Jahr 2020 sein Bein verlor, blieb er dem Bodybuilding treu und wurde zum ersten behinderten Sportler in Uganda, der gegen körperlich gesunde Athleten antritt. Seine Stärke und Entschlossenheit im Angesicht der Widrigkeiten stellt Klischeevorstellungen in Frage und inspiriert Menschen aus allen Lebensbereichen. „Indem ich als Bodybuilder auf der Bühne stehe, möchte ich andere Menschen mit Behinderungen ermutigen, ihre eigenen Talente zu erkennen und sich niemals unterkriegen zu lassen“, sagt Tamale.

Fotograf: Jerome Brouillet für Agence France-Presse 
Der Brasilianer Gabriel Medina bricht im fünften Durchgang der dritten Runde im Surfen der Männer bei den Olympischen Spielen 2024 triumphierend aus einer großen Welle aus. Teahupo’o, Tahiti, Französisch-Polynesien, 29. Juli 2024.
Medina erzielte in diesem Durchgang eine nahezu perfekte 9,9 und holte Bronze, während er die Goldmedaille an den Franzosen Kauli Vaast abgab. Dieses Foto fand weite Verbreitung und erhielt allein auf Medinas Instagram mehr als 9,5 Millionen Likes.

Fotograf: John Moore für Getty Images
Chinesische Migranten wärmen sich bei kaltem Regen auf, nachdem sie die Grenze zwischen den USA und Mexiko überquert haben. Campo, Kalifornien, 7. März 2024.
Die unerlaubte Einwanderung aus China in die USA hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen, was auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen ist, darunter Chinas angeschlagene Wirtschaft und finanzielle Verluste nach der strikten COVID-Politik. Darüber hinaus werden die Menschen durch Videoanleitungen auf chinesischen Social-Media-Plattformen beeinflusst, die zeigen, wie man über die Grenze kommt. Das Foto, das zugleich weltfremd und intim ist, zeigt die komplexe Realität der Migration an der Grenze, die im öffentlichen Diskurs in den USA oft pauschalisiert und politisiert wird.