Camino Never Ends, oh

Dein Weg endet nie, denn der Jakobsweg wird dich zwar bis nach Santiago tragen, doch da ist der Weg noch nicht zu Ende. (Vera Apel-Jösch)

„Der Camino endet nie.“ Na, solche Sprüche wünschst du dir ja fünf Kilometer vor Santiago de Compostela, bei 33 Grad, gefühlt kann ich es gar nicht ausdrücken. Und da stehen sie an jedem Brückenpfeiler. „Der Camino endet nie – auch wenn du wieder zu Hause bist.“ „Santiago ist nicht das Ziel des Jakobswegs, es ist der Anfang.“ Oh! „Der Weg gibt dir, was du brauchst, nicht was du suchst.“ Bin ich jetzt Masochist? „Wir sind alle Pilger, die auf ganz verschiedenen Wegen einem gemeinsamen Treffpunkt zuwandern.“ Na, das stimmt ja zumindest grundsätzlich. Nur bei dem einen ist der Treffpunkt die Hölle, bei dem anderen der Himmel…

Apropos Himmel, der Peregrino-Himmel heißt auf alle Fälle Santiago de Compostela. Das war vor drei Jahren so, das war voriges Jahr so, das ist jetzt so, als ich vor der Kathedrale in der Stadtmitte stehe. Egal, ob du den Camino Francés oder den Camino Portugués gehst – vor Santiago geht es nochmal ordentlich bergauf und bergab. Da pfeift die Wanderer-Lunge. Und da spornt doch jeder Camino-Spruch a la „Du bist nicht der Erste, der hier geht. Reiß dich zusammen!“ richtig an, oder?

Zwar wird meine Urkunde, die ich wenig später nach dem Vorlegen meines Pilgerpasses mit täglich zwei Stempeln aus Kirchen, Bars oder Albergues bei der strengen Pilgerbehörde unweit der Kathedrale erhalte, 260 Kilometer Weg auswerfen. Aber meine Umwege auf dem Camino Espiritual und dem Küstenweg weisen auf meine Strava-Lauf-App gut 80 Kilometer mehr aus. „Gehe jeden Umweg, und dein Leben wird länger“, könnte ich jetzt den Sprüchen hinzufügen. Aber nicht einfacher.

Mit Emma aus Frankreich, sie habe ich zuletzt in Portugal getroffen…

Deshalb heißt es ja auch über die drei großen Pilgerwege der Christenheit: Nach Jerusalem wanderst du, um Gott zu finden. Nach Rom wanderst du zum Papst. Aber nach Santiago wanderst du, um dich selbst zu finden. Und sich selbst findet man ja meist nur über Umwege.

Jetzt bin ich also knapp 350 Kilometer gepilgert und treffe auf dem Platz vor der Kathedrale in Santiago mal geradeso zwei Mitpilger. Zu den Unterschieden zwischen dem Francés und dem de la Costa kann man schon mal festhalten, der Küstenweg wird sehr viel seltener gegangen. Auch wenn Statistiken etwas anderes suggerieren. Aber er ist auch sehr viel ruhiger. In Portugal bin ich sehr gut zurechtgekommen. In Spanien fiel die Verständigung auf Englisch schwer bis völlig aus. Wahrscheinlich nehmen die Spanier den Briten noch immer den alten Piraten Sir Frances Drake übel und verweigern das Englische. Und, bis auf die letzte Etappe per Schiff auf den Spuren des alten Jakobus ist der Küstenweg viel weniger spirituell.

Das wars aber auch schon. Santiago empfängt mich erneut wie einen König. Der Platz vor der Kathedrale kennt nur glückliche Pilger. Im Pilgerbüro, das international besetzt ist, zieht ein Volontär aus den USA (in meinem Alter, hi, hi), meine goldene Compostela unter dem Tisch hervor, die dort schon vorbereitet liegt. Das letzte Mal wurde ich ja von der Pilgerpolizei gemaßregelt, weil nicht alle Stempel ordnungsgemäß waren. Es fehlte gelegentlich einer. Ja, mit der katholischen Kirche ist nicht zu spaßen. Gerade noch der Camino Inquisition entkommen.

Der Caminho in Portugal

Man braucht ganz sicher nicht den Jakobsweg, um auf sein Leben zu schauen. Aber er ist eine gute Idee, einmal einen Schritt vom Leben zurückzutreten. Der Weg zwingt dich zur Langsamkeit. Wenn du am Morgen auf dein iPhone schaust, stehen da 25 Kilometer. 14 Minuten mit dem Auto. Man geht aber sechs Stunden! Ich habe in den zwei Wochen nicht ein einziges Mal ferngesehen. Ich habe nur wenig Nachrichten gelesen. Aber ich habe viel über das Leben nachgedacht. Ein Leben, bei dem ich mich inzwischen nicht mehr frage, was muss ich noch machen (Löffelliste), sondern, werde ich das noch einmal sehen?

Nachdenken kann man auch in Jerusalem. Das habe ich diesem Jahr gelernt. Sein Leben überdenken kann man sicherlich auch bei anderen Gelegenheiten, die jeder für sich finden muss. Aber ich habe in meinem Leben gelernt, man kann das nur sehr schwer so nebenbei. Neben dem Alltag. Neben der Arbeit. Neben der Familie – auch wenn die oftmals noch der größte Ruhepunkt im Leben ist.

Auf dem Camino wird man – wie im Alltag oft – von anderen Menschen beeinflusst. Dort kannst du anderen Pilgern entgegentreten oder eben auf andere einschwenken. Am Ende deines Weges kannst du über alles nachdenken und sogar eine Bilanz ziehen, aber ändern kannst du es nur auf dem Weg, nicht im Nachhinein. Lasst euer Leben nicht vom Tempo anderer bestimmen.

Insofern stimmt es dann doch: „Camino never ends.“ Auch wenn mein Camino-Blog hier und heute endet. Hinterlasst gerne ein „Schade“, oder ein „Gott-sei-Dank“.

Buen Camino auf eurem Weg

Pilger aus Vietnam, wer hätte das gedacht…

Vila Praia de Ancora

In der Kathedrale von Santiago

Meine Füße unter dem Tisch der alten Apothekerin

Ich schenke Dir diesen Anhänger mit der Jakobsmuschel, dem Symbol des Pilgers und dem Emblem des Jakobswegs. Ihre Linien stehen für die vielen Wege aus aller Welt, die sich in einer Richtung vereinen: dem Inneren Weg. (Augusto)

Also, ich gebe es ja zu: Die Unterkünfte auf meinem Weg sind alle vorgeplant, bezahlt und haben so gar nichts Spontanes. Ich hatte in meinem Leben genug Herbergen. Internat in der EOS, Kaserne, Studentenheim – das macht zehn Prozent meiner gesamten Lebensnächte aus. Und für diese Prozentzahl muss ich noch mindestens 20 Jahre leben und schlafen! Aber ohne Abenteuer sind auch die geplanten, und mitunter teuren Unterkünfte nicht.

Gestern zum Beispiel in San Miguel de Oia kam mir mein gebuchtes Zimmer mit Bad etwas komisch vor. Ich hatte mit eigenem Bad reserviert. Muss nicht, aber ist schön. Aber da standen nicht nur eine Reihe von Kosmetik-Artikeln, Frauen-Needs, sondern auch eine elektrische Zahnbürste. Zweifelsfrei, das Haus und das Zimmer waren Spitze. Aber eine elektrische Zahnbürste für den Gast? Und diese ganze Creme?

Also fragte ich Marta, die Vermieterin (Foto im letzten Text): „Marta, das ist wirklich m e i n Bad?“ Und sie; „Ja, Max, Deins.“ Pause. „Und meins.“ Hm, darauf bist du nicht vorbereitet. Da beginnt sofort das Kopfkino. Aber es war auch nicht schlimm. Die Zahnbürste haben wir uns jedenfalls nicht geteilt. Es wurde ein netter Abend mit Schwimmen im Atlantik. Marta schickte mich zum Strand. Bis dahin hatte ich noch nicht im Atlantik gebadet. Saukalt. Wahrscheinlich roch ich nach 20 Kilometern komisch. Und außerdem war der Strand genau gegenüber des Hauses. Marta erzählte mir, dass sie vier Jahre in Beijing gelebt hat. Ihren Salat konnte ich natürlich auch nicht ablehnen, wenn wir uns schon das Bad teilten. Außerdem war er köstlich. Und sie erklärte mir, dass man sich in Spanien bei Abschied zweimal auf die Wangen küsst, nicht wie in Frankreich dreimal. Zu Deutschland und Küssen hab ich nix gesagt.

Einen Tag später bin ich Redondela angekommen. Dort begrüßte mich Augusto, der Enkel der ersten Apothekerin in der Stadt, und Urenkel der Namensgebern einer Straße der Stadt. Er zeigte mir nicht nur voller Stolz die Wohnung seiner Oma, in der ich nun eine Nacht verbringen sollte – mit eigenem Bad und ohne Oma. Er hatte sogar schon Tage zuvor die Kräuter meines Gefallens abgefragt, mit denen er mir – ganz in der Tradition des Hauses – einen Fußbad Kräuter Beutel vorbereiten würde, wenn ich meine Füße dann unter den Tisch der alten Apothekerin stellte.

Kräuterbad, Kräuter unbekannt, Füße bekannt…

Dazu legte mir Augusto eine Camino-Muschel-Kette aufs Bett und einen Brief. Den zitiere ich mal hier:

„Lieber Max-Stefan,

Herzlich willkommen in La Casa de la Abuela Boticaria / Das Haus der Apotheker-Oma. Ich hoffe, dass du einen außergewöhnlichen Aufenthalt in diesem Haus hast – das nun dein Zuhause ist – und in diesem kleinen und charmanten Ort namens Redondela.

Mein Ziel ist es, dass du dich im Haus meiner Großmutter wohlfühlst. Daher bitte ich dich im Voraus: Wenn du irgendein Problem bemerkst – ob groß oder klein – sag mir bitte Bescheid, damit ich es lösen und sicherstellen kann, dass du dich wirklich wie zu Haus fühlst.

Auf dieser Etappe deines persönlichen Weges möchte ich dir ein wenig Kontext mitgeben der dir hilft, diesen Ort besser zu verstehen, an dem du gerade wohnst.

Über mich

Hallo! Ich heiße José Augusto Ventín Sánchez. Ich wurde 1984 in Madrid geboren, als Sohn einer lebensfrohen Madrilenin und eines weisen Galiciers. Ich bin Vater von zwei Kindern, die in Kolumbien geboren wurden, und fühle mich als Bruder all jener unruhigen Geister, die diesen Planeten durchwandern.

Ich habe an der Universität Complutense in Madrid studiert, wo ich viel über die Komplexität menschlicher Beziehungen gelernt habe. Ich habe geforscht und alternative Medien geschaffen – immer angetrieben von dem, was uns herausfordert und wachsen lässt.

2012 bin ich nach Kolumbien gezogen – ein Land, das mir Liebe, tiefe Erkenntnisse und die Erfahrung geschenkt hat, Kinder in den Bergen großzuziehen. Dort habe ich gelernt, dass man die Vielfalt und Komplexität des Lebens mit Demut annehmen muss.

2024 hat das Leben eine unerwartete Wendung genommen und mich zurück nach Galicien geführt, ins magische Land meiner Wurzeln. Hier in Redondela kehre ich zurück zu den Düften und Landschaften meiner Kindheit: dem nassen Stein, dem tiefen Grün der Wälder und der sanften Brise im Parque de la Alameda de Castelao. In diesem Haus meiner Großmutter, in dem ich so viel erlebt und gefühlt habe, beginnt nun ein neues Kapitel.

Gemmas Esstisch…

La Casa de la Abuela Boticaria

Dieses Gebäude gehörte meiner Großmutter Gemma Pereira Otero. Sie war eine kämpferische Frau mit festen moralischen Überzeugungen. Sie war eine Mutter, die auch die Rolle des Vaters übernahm, und eine engagierte Fachfrau in ihrer Gemeinschaft. Sie war tatsächlich die erste Apothekerin von Redondela. Ihre Generation war eine Generation starker Menschen. Es waren Kinder des spanischen Bürgerkriegs, die in der Widrigkeit eine Schule der Überwindung sahen. Meine Großmutter nutzte ihre Apotheke, um politischen Gefangenen während der Diktatur zu helfen und machte sie so zu einem Ort der Verbindung zwischen der Stadt, dem Dorf und den ländlichen Gebieten rund um Redondola. Sie war eine Apothkerin der alten Schule – eine, die noch eigene Rezepturen entwickelte und herstellte, bevor die Industrialisierung der Medikamente den ursprünglichen Geist der Apotheken verdrängte.

Die Wohnung der alten Apothekerin

Bevor dieses Gebäude existierte, stand hier ein altes Haus, in dem meine Urgroßmutter Ernestina Otero (die Mutter von Gemma) lebte. Tatsächlich trägt heute eine Straße in Redondela ihren Namen. Sie war Leiterin der Lehrerausbildungsschule, Präsidentin des Provinzialrats für Grundschulbildung in Pontevedra, und unterzeichnete im Jahr 1933 das Manifest der galicischen Intellektuellen zugunsten des Autonomiestatuts.

Später entschied sich meine Großmutter Gemma, das alte Haus abzureißen und dieses Gebäude zu errichten, wobei sie die alten Holzbalken wiederverwendete, um den Boden der Wohnung zu gestalten. Der Boden, auf dem du heute stehst, ist also über 100 Jahre alt.

Die Kräutertüte, die ich dir für deine Füße dagelassen habe, ist ein Rezept meiner Großmutter Gemma. Ich schenke dir diese Kräutertüte als Zeichen der Fürsorge. Die Mischung besteht 100 Prozent aus natürlichen Kräutern. Mein Ziel ist es, all ihre natürlichen Rezepturen wieder zu entdecken, damit jeder Reisende die Casa de la Abuela Boticaria besucht, um sich wohlzufühlen, auszuruhen und neue Kraft für seinen Weg zu schöpfen. Dies ist meine Hommage an Gemma Pereira Otero, der Apothekerin des Ortes, und an die bedingungslose Liebe, die Großmütter ihren Enkeln schenken…

Nippes

Lieber Max, ich wünsche dir, dass dein Aufenthalt hier dir Frieden auf deinem Weg bringt.

Fühl dich frei, dich mit anderen Reisenden zu verbinden, die heute gemeinsam mit dir dieses Zuhause teilen. Dieses Haus ist ein Ort der Begegnung für all jene Seelen, die auf der Suche nach spirituellem Wachstum sind. Gleichzeitig lade ich dich ein, die Ruhe der Kontemplation als Form des Miteinanders zu genießen.

Ich schenke dir diesen Anhänger mit der Jakobsmuschel, dem Symbol des Pilgers und Emblem des Jakobswegs, Ihre Linien stehen für die vielen Wege aus aller Welt, die sich in einer Richtung vereinen: dem inneren Weg. Sie zu tragen, ist ein Zeichen der Zugehörigkeit – aber auch eine Möglichkeit, Türen zu öffnen, Gastfreundschaft zu erfahren und dich daran zu erinnern, dass du Teil einer großen Gemeinschaft von Pilgern bist, die ein gemeinsames Ziel verbindet: die Selbsterkenntnis.

Mit herzlichen. Grüßen,
Augusto“

Liebe Marta, lieber Augusto, Eure Herbergen waren so unterschiedlich, wie es nicht anders sein könnte, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Und jede war ein prägendes Erlebnis, das mir in Erinnerung bleiben wird, auf welchen Weg ich auch immer gehe. Ich danke euch und allen anderen Gastgebern auf dem Jakobsweg, die für die Pilger da sind.

Buen Camino.

Hier noch ein paar Fotos meines Weges Heute 8. Etappe, 211 Kilometer

Pontesampeio

Pontevedera, Iglesia de San Bartolomé

Aber mal gehörig auf dem Holzweg

Caminhe com o seu, coração e abrace o seu Caminho.
(Gehe mit deinem Herzen und nimm deinen Weg an. Spruch am Wegrand)

Also, wer den Caminho de la Costa wandert, befindet sich sozusagen mal so richtig auf dem Holzweg. Und zwar die meiste Zeit. Zumindest auf den ersten Etappen. Und das liegt nicht daran, dass es mir auf den ersten vier Etappen kaum gelungen ist, in irgendeine Kirche hinein zu schauen. Nicht, dass ich ohne Kirche nicht kann. Das würde mir ohnehin keiner abnehmen. Aber irgendwie gehört das doch zur Pilgerei dazu, oder zur Pilgereise. Aber an meinem Weg stehen einfach keine Kirchen. Es hängen auch keine Heiligen herum, wie letztes Jahr am Camino Francés. Also keine Bilder von Heiligen. Obwohl „Sao José“, an jedem Tante-Emma-Laden zu lesen ist, Heiliger Josef.

Und da sind auch keinerlei Leidenssprüche zu lesen, wie auf dem langen Camino. So wie: „Omina mea mecum porto.“ – „Alles, was mein ist, trage ich bei mir.“ Das angeblich oft von Pilgern verwendet wird. In der Hinsicht ist beim Caminho Portugués de la Costa völlig Fehlanzeige. Woran mag das wohl liegen? Vielleicht ist das ja hier gar kein wirklicher Pilgerweg. Sehr wahrscheinlich, denn soweit das Auge blickt, sind keine Pilger zu sehen. Mitunter stundenlang. Da frage ich mich allerdings, woher die Camino Doktoren (Camino spanisch – Caminho portugiesisch) im Pilgerbüro in Santiago de Compostela die Behauptung nehmen, dass der portugiesische Küstenweg der zweit meist bewanderte Jakobsweg sei.

Aber es wird schon irgendwo so ein Pilgerprofessor stehen, und die Wanderer mit so einem kleinen mechanischen Handklicker aus dem letzten Jahrhundert herunter zählen. Von wegen Klicks zählen erst seit dem Internet. Ach ja, Holzweg. Das mit dem Holzweg ist wortwörtlich gemeint. Wer wirklich an der Küste entlang geht, es gibt ja auch den zentralen Portugués und diverse Varianten zwischen beiden Wegen, wer also den Küstenweg entlang geht, der marschiert die meiste Zeit auf einem extra beplanktem Holzweg.

Nach Santiago noch 208 Kilometer

Nun könnte man meinen, guck an, da haben sich die Portugiesen aber was Feines für die Pilger ausgedacht. So ähnlich wie bei Heinrich Heines Harzreise, als ein Stadt-Grüner – ja, die gab es damals schon – vor dem Dichter-Fürsten dozierte, dass der Wald so grün sei, weil die Natur es gut für die Augen eingerichtet habe.

Der Göttinger Student Heine berichtet 1824 nach seiner ersten Harzreise von seiner Reisebekanntschaft: „Die Bäume sind grün, weil Grün gut für die Augen ist. Ich gab ihm recht und fügte hinzu, daß Gott das Rindvieh erschaffen, weil Fleischsuppen den Menschen stärken, daß er die Esel erschaffen, damit sie den Menschen zu Vergleichungen dienen können, und daß er den Menschen selbst erschaffen, damit er Fleischsuppen essen und kein Esel sein soll. Mein Begleiter war entzückt, einen Gleichgestimmten gefunden zu haben, sein Antlitz erglänzte noch freudiger, und bei dem Abschiede war er gerührt.“ Ach der alte Heine. Was einem bei so einem Wanderung so alles einfallen kann – einzufallen droht.

Also haben es die Portugiesen gut mit den Peregrinos gemeint? Ich glaube, es steckt mehr hinter diesen ganzen Steigen, die da kreuz und quer und eben den langen Weg entlang der Küste gebastelt wurden. Hier geht es wohl eher um den Schutz der Dünenlandschaft. Denn sonst würde wohl möglicherweise mancher stolzer portugiesischer Pirat laissez-faire die gesamte Dünen-Küste zerlatschen. Von wegen Grün ist gut für die Augen, wie der Holzweg für den Pilger.

Überall am Wegesrand historische portugiesische Windmühlen, die einst dreieckige Segel als Windräder hatten, und bei denen – im Gegensatz zur spanischen Windmühle – nur das Dach und die daran befestigten Segel in den Wind gedreht wurden.

Aber mit den Kirchen ist es mal rar. Und auch von den Geschichten von Päpsten und Königen, die den Camino Francés bepilgerten, ist hier nix zu hören. Und dennoch sei historisch belegt, dass der Portugués de la Costa schon früher ein bedeutender Pilgerweg war… Wahrscheinlich wegen der Badenixen, oder weiterer Möglichkeiten.

„Es gibt Leute, die ohne jegliche Kenntnis der Fakten glauben, dass dieser portugiesische Küstenweg lediglich eine Touristenattraktion ohne jegliche Geschichte oder jakobinische Tradition ist“, scheißt mich mein Camino-Reiseführer, der berühmte Gronze, umgehend zusammen. Aber waren die Menschen im 16. Jahrhundert nicht eher daran interessiert, ihre Kindheit zu überleben und ihre Läuse loszuwerden? Dafür wäre so eine Pilgerreise nicht die beste Idee gewesen.

„Nichts könnte ferner von der Wahrheit sein, denn wir erfahren schnell, dass diese Route bereits ab dem 12. Jahrhundert von einheimischen Pilgern genutzt wurde. Beweise dafür finden sich in Städten wie Vila do Conde und Viana do Castelo (war ich heute – d. ignorante Autor) sowie in den vielen Kirchen, die im Mittelalter im Norden Portugals dem Apostel geweiht waren (tatsächlich war der Heilige Jakobus jahrhundertelang der portugiesische Nationalpatron, bevor er nach Streitigkeiten mit Spanien – bis dahin standen beide Königreiche unter demselben Schutzpatron – in Sankt Georg umbenannt wurde).“ Was die haben den Jakobus umbenannt? Na, kein Wunder, dass ich hier niemanden treffe. Diese ungläubigen Katholiken.

Und dann sprengte ich auch noch fast die einzige Kirche am Wegesrand. Am Sonnabendmorgen traf ich tatsächlich auf dem Weg nach Viana do Castelo auf jede Menge Pilger. Polnische Pilger. 58 polnische Pilger! Mit zwei Nonnen kam ich ins Gespräch. Sie berichteten mir, dass sie in Zelten schlafen und Begleitfahrzeuge dabei hätten. In der Kirche São Miguel, des Heiligen Mathias, am Rande von Eposende nahmen wir eine kurze Auszeit. Die Schwestern beteten, ich spendete. Kommt ja irgendwie auf das Gleiche raus. Sie baten. Ich gab. Ich wollte dabei schon ein bisschen großzügiger sein, und mich nicht lumpen lassen. Das macht ja auch keinen guten Eindruck. Also steckte ich vier Euro in den Kasten mit den elektrischen Kerzen für das Gedenken an die Toten. Die Polen sollten jetzt nicht denken, da kümmert sich niemand um seine Verstorbenen.

Vier Euro – vier Gedenkkerzen, wie es in Deutschland die Kirche hält, dachte ich so bei mir. Mutter, Vater, Katz und Maus. Doch plötzlich brannte die halbe Kirche. „Ein Euro – fünf Kerzen“, erläuterte mir der freundlich Stempelverwalter in der Kirche grinsend. Schwupps brannten 20 Kerzen, es war fast taghell. und ich wusste gar nicht, wem ich da noch alles gedenken sollte. Also Leute, ich bin auf dem Jakobsweg und hab all eurer Toten gedacht. Seid beruhigt, und wer noch Bedarf hat, her mit den toten Verwandten.

Start in den Pilgertag in Fão am Fluss Rio Cavado

Ich will ehrlich sein. In Viana do Castelo – eine der schönsten Städte Portugals – wird der Pilger mit Kirchenmango reichlich entschädigt. Ja, wir nähern uns Spanien. Morgen geht es über die Grenze. Am Abend gab es sogar noch ein klassisches Konzert auf der Plaza Republica der Stadt am Douro. Und danach ging’s wieder auf den Holzweg. Vier Tage seit Porto – 100 Kilometer, 21 Stunden, 30 Grad Celsius…

Also, ich will euch nicht nerven. Aber um die Geschichte des heiligen Jakobus kommt ihr nicht herum. Es sei denn, ihr brecht hier ab. Warum der Jakobsweg Jakobsweg heißt, mache ich mal unzulässig kurz: Der Legende nach ging der Apostel Jakobus d. Ältere im Jahr 33 (n.Ch.) für einige Jahre nach Spanien und Portugal, um dort Missionsarbeit zu leisten. Leider war er bei den keltischen Galiciern gar nicht erfolgreich. Vielleicht gab es noch einen Christen außer ihm, nach seiner Abreise vom Atlantik. Also wurde er bei seiner Rückkehr von König Herodes in Jerusalem kurzerhand geköpft. Weil er so ziemlich kopflos war und zudem auch nicht begraben werden durfte, brachten ihn seine Jünger zurück nach Spanien. Ein paar Wunder später – wie seiner Auferstehung im Jahr 890 zur Vertreibung der Muselmanen von der Iberischen Halbinsel – liegen seine Überreste als Reliquien in der Kathedrale von Santiago de Compostela. Heute ist Santiago de Compostela neben Jerusalem und Rom der bedeutendste Pilgerort der Christenheit.

Der Kopf befinde sich allerdings noch in der Jakobuskirche des Armenischen Patriarchen in Jerusalem. Im Frühjahr als ich in Israel war, führte mein Weg fast täglich an dieser Kirche vorbei. Und manchmal war es so, als habe ich ihn rufen hören, den Heiligen: „Führt mich zusammen…“ Auch ne schöne Pilger-Losung, oder?

PS: Ich hab noch ein Zitat aus der Harzreise vom alten Heine, das ziemlich aktuell scheint: „Das ist schön bei den Deutschen: Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht.“ Bom Caminho!

So kann man auch Pilgern

Fischer-Kirche der Heiligen Frau der Agonie in Viana do Castelo, im Hintergrund auf dem Berg die Burg

Kirche der Barmherzigkeit Inn Viana do Castelo

Konzert am Abend in der Stadt