Der Zauber des Caminos – oder die wilden Hunde von A Fonsegrada

Es ist diese Lagerfeuer-Romantik, die man noch aus Kindheitstagen kennt.

Als ich an diesem Morgen in meiner Herberge in A Fonsegrada aus dem Fenster schaue, sehe ich erst mal – NICHTS. Die Berge und Täler rundum, über die ich mich gestern auf einem lieblichen Weg hinauf nach Fonsegrada in knapp 1000 Metern Höhe gekämpft habe, sind verschwunden. Oh weiha, da haben wir gestern Abend den 52. von Andy aus München wohl etwas zu heftig gefeiert, war mein erster Gedanke. Hier begegnet man ja ständig Jemandem. Das hatten wir ja schon. Und Andy und Martina laufen schon seit Beginn des Weges irgendwie parallel zu mir. Die Pilgerbarbies mit dem verlorenen Lippenstift sind inzwischen hingegen verschwunden. Die suchen wohl noch…

Zurück zum Fenster und der Landschaft: Wie vom Winde verweht, oder sollte ich besser sagen vom Nebel verschluckt? Waschküchenwetter. Na das kann ja heiter werden. Dazu wirft die Armbanduhr des auf dem neuesten Stand der Technik ausgestatteten Pilgers mal gerade 7 Grad Celsius aus. Da überlege ich schon, ob ich unter meine kurze Wanderhose, die hauchdünnen Sportleggins ziehen sollte, die ich mir extra für die luftigen Höhen Spaniens angeschafft habe. Darin sieht der Peregrino zwar aus wie Robin Hood in der Kino-Persiflage „Helden in Strumpfhosen“, aber bei dem Nebel sieht das ja keiner.

Am Morgen im Nebel

Heute habe ich die erste Gesamtetappe in Galizien vor mir und schon über die Hälfte des Weges hinter mir. Galizien erkennt der erfahrene Pilger sofort an dem süßlichen Geruch auf Straßen und Wegen, die die überall hinterlassenen Kuhhaufen betörend oder verstörend verbreiten. Wenn jetzt noch Dudelsack-Musik hinzu käme, dann wäre der Empfang komplett. In der Tat ist Galiziens Nationalinstrument der Dudelsack, quasi so eine Art Ziegeneuterschalmei.

Doch statt des lauten quäkenden Tones höre ich am Ausgang von A Fonsegrada plötzlich leise ruhige Klangschalen, wie bei einer Meditation in den Höhen Tibets, die mich stark an den Klangschalenaufguss in meiner Sauna in Wismar erinnern. Gleich kommt bestimmt ein Zen-Meister um die Ecke und legt mir die Hand auf.

Am Wegesrand ist eine kleine Wohlfühloase aufgebaut, in der man verharren, in Gedanken versinken oder einfach nur Tee aus einem Kocher zubereiten kann. Und dann steht da auch noch ein großes Schild: „Peregrinos ruht euch aus. Bitte keine Spenden. Geht einfach in euch.“ Bitte keine Spenden? Mensch Spanien! Da muss es aber wirklich jemand gut meinen mit den Peregrinos. Wahrscheinlich ist das spanische Pilger-Finanzamt genauso scharf wie das deutsche – wenn es um den wohlmeinenden Normalbürger geht. Ich sage nur Schenkungssteuer…

Aber wie das Leben so spielt. In der Phase der höchsten Entspannung tauche ich in ein Laubwäldchen ein, latsche so völlig losgelöst von mir selbst vor mich hin, da kommt mir eine Schar, oder heißt es Rudel?, Hunde entgegen. Wilde Hunde natürlich. Mindestens zwei. Sofort denke ich an die wilden Hunde von Foncepadon am Camino Frances, die Hape Kerkeling in seinem Bestseller vor 20 Jahren so eindrücklich beschrieben hat. Das Yin und Yang des Lebens.

Am der Grenze zu Galicien

Sofort werde ich zudem an den Biss eines wilden Hundes in meine Wade vor einigen Jahren in Indien erinnert, der mir einige Erfahrungen mit indischen Ärzten bis hin zu indischen Frauenärzten einbrachte. Seither lebe ich in ständiger Angst vor Frauenärzten – äh Hunden. Umso mehr, wenn man als Läufer ständig zugerufen bekommt „Der tut nix.“ Umgehend begebe ich mich den Schutz von zwei jungen Pilgerinnen aus North Carolina (wie ich später erfahre), die noch nie in Indien waren. Die finden die Hunde ganz süß und sprechen mit ihnen, was die riesiegen Wadenbeißer so ablenkt, dass sie mich gar nicht riechen. Glück gehabt.

Was einem so alles am Jakobsweg passieren kann. Ganz knapp bin ich dem Tod durch wilde Hunde entgangen. Das wird sich herumsprechen. Kurz hinter A Fonsegrada, wo die wilden Hunde beinahe einen deutschen Pilger gefressen haben. Ich bin mir sicher, die Geschichte ist schneller in Santiago de Compostela als ich.

Man möchte es kaum glauben, aber am Camino gibt es einen gut funktionierenden Buschfunk. Auf jedem der Jakobswege, ob Frances, Portugues, Primitivo, Norte… Jeder erzählt hier die Geschichte von dem Japaner, der in nur einer Woche oder acht Tagen den gesamten Camino Frances von 800 Kilometern Länge durchstürmt hat. Diese Geschichte erreicht noch vor dir Santiago de Compostela, wo aus den acht Tagen schon sechs geworden sind, was ungefähr drei normalen Etappen an einem Tag entspricht. Japaner eben, ups.

Ermita de Santiago de Montouto

Gerne wird auch von jener Frau berichtet, die in einem wunderschönen Buchenwald bei Santo Domingo de la Calzada plötzlich Geräusche im Wald hört, die aber kein anderer, den sie darauf anspricht, vernehmen kann. Die Geister des Waldes. Die Holländerin, warum auch immer, irrt noch heute durch den Wald, und fragt jeden Pilger, ob auch er die Geisterstimmen vernehme. Und erst, wenn sie ein „Ja“ erhält, kann sie weitergehen. Aber niemand gibt ihr die erwünschte Antwort – aus Angst selbst in den Wald bleiben zu müssen.

Solche Geschichten verbreiten sich entlang des Caminos wie ein Lauffeuer, und das ganz ohne Smartphone, E-Mails, Rauchzeichen oder Brieftauben. Beliebt ist auch die Saga von der Frau mit dem roten Rollenkoffer, die den gesamten Camino entlang ihren Koffer hinter sich her zieht, aber noch niemals in Santiago angekommen ist. In Hospital de Orbigo geistert ein alter Mann im Straßenanzug und total zerschlissenen Slippern herum, der immer wieder Pilger anspricht und um eine Übernachtung anbettelt. Ein Dorfältester und Zauberer aus Bolivien, der denen, die ihm geholfen haben, später einmal in einer Notlage ebenfalls hilft.

In einem Brunnen kurz vor Leon können Pilger gelbe Quietscheentchen entdecken, was sich dreihundert Kilometer später in Santiago als ein Symbol für die spektakuläre Rettung einer Entenfamilie aus einem tiefen Brunnen durch einen mutigen jungen Mann entpuppt. Seither berichten Pilger in allen Sprachen und von allen Nationen von dieser selbstlosen Rettungsaktion und hinterlassen ein gelbes Quietscheentchen an dem Ort. Und dann gibt es noch die Quelle aus der roter Wein entspringt. Aber diese Geschichte ist wirklich wahr. Ich habe es selbst gesehen, am Camino Frances.

Aber ist es nicht vollkommen egal, ob wahr oder wahrscheinlich? Denn diese Geschichten zeugen von dem Zauber, der schon auf dem Weg vom Camino ausgeht. Die in reichlicher Zeit des Pilgerns fließenden Gedanken haben doch meistens einen wahren Kern, ob sie anwachsen oder sich verändern. Du trägst sie mit dir. Du nimmst sie mit nach Hause oder lässt sie einfach auf den Camino zurück. Es ist diese Lagerfeuer-Romantik, die man noch aus Kindheitstagen kennt. Dieses Kribbeln, das in der Luft liegt, und vom Camino ausgeht. Ob man mehr als zwei Augen, sondern auch noch alle Hühneraugen zudrücken muss, ist dabei doch völlig egal.

Und letztlich werden es diese Geschichten sein, diese Pilgermärchen, die am längsten in Erinnerung bleiben, und die auch irgendwie die Romantik und die Anziehung des Caminos ausmachen, wenn man sie am heimischen Lagerfeuer weiter trägt. Der Zauber des Caminos.

PS: Im letzten Beitrag berichtete ich darüber, dass bei der Ankunft im Zielort ziemlich tote Hose herrscht. In Fonsegrada dagegen brannte an einem Sonntagnachmittag quasi die Luft. Offenbar bauen die Spanier gerne auf dem Dorfplatz sonntags eine riesige Disco auf und Jung und Alt tanzt zur Musik. Auch schön.

Was wir wirklich brauchen

Eine Pilgerreise ist durch und durch eine minimalistische Reise.

Eine Pilgerreise ist eine minimalistische Sache. Und das fängt schon zu Hause an. Wie reist es sich wirklich mit leichtem Gepäck? Keine vollgepackten Koffer mit zehn paar Schuhen. Keine Hotelangestellten, die die Taschen auf die Zimmer tragen. Womit kommt man wochenlang aus? Und, was kann man im puristischem Falle des klassischen Pilgerns tatsächlich 308 Kilometer auf dem Rücken tragen. Was brauchen wir wirklich. Und was ist verzichtbar? Das ist vielleicht eine Frage, die wir uns im Leben auch manches mal stellen sollten.

Was wir wirklich brauchen, das wird ganz sicher gar nicht vom Geldbeutel bestimmt. Nein, nicht einmal davon, was der oder die Nachbarin gerade in ihr Fenster – versteht sich als Garten, Garage oder auch Wohnzimmer – gestellt hat. Könnte es sein, dass das, was wir wirklich brauchen, von uns abhängt? Skoda statt Porsche? Fahrrad statt Auto? Maultier statt…. Ok, das führt jetzt irgendwie in die falsche Richtung. Maultier in Schwerin, das wäre doch eine gute Idee für eine Stadtführung. Aber brauchen wir das wirklich? Ihr wisst, was ich meine. Ich sag mal so: Glück statt Pech, ist ok. Leicht statt schwer, ist auch ok. Zumindest am Camino. Das Leben ist ja auch mitunter schwer für manchen leicht…

Am Ortseingang von Tineo

Eine Pilgerreise ist jedenfalls durch und durch eine minimalistische Reise. Das fällt dir spätestens dann ein, wenn dich dein Zehn-Kilo-Rucksack in der brütenden Sonne Spaniens in die Knie zwingt. Was im übrigen mit dem Rucksack, mit dem mancher durchs Leben geht, ganz ähnlich ist. Für den Pilger gilt, nicht mehr als ein Zehntel des Körpergewichts sollte der Rucksack wiegen. Und wie gesagt, das fängt bereits zu Hause an. Es soll Pilger geben, die beim Packen des Rucksacks den Griff von der Zahnbürste absägen, um Gewicht zu sparen. Und kaum vorzustellen, aber wahr, verrate ich hier mal ein Geheiminis. Der Pilger ist natürlich sehr gerne auf alle Fälle von Anfang an, was meint vom Packtisch im heimischen Wohnzimmer, vorbereitet. Aber tatsächlich kann man auch in Spanien in jedem kleinen Ort, Tempos, Vaseline, Sonnencreme und, und, und kaufen. Hier gibt es sogar Lidl. Wow. Geheimtipp. Nicht weitersagen.

Pilger Gepäck, fernab vom Pilgern zum Abholen bereit

Apropos tragen. Schwer vorzustellen, dass Karl der Große oder der Papst ihr Gepäck selbst mit sich schleppten, als sie auf den Camino gingen. Aber was man hier auf dem Rücken einiger Wallfahrer sieht, ist beeindruckend. Ein Spiegelbild unserer Sozialisation. Seit Beginn in Oviedo laufen zwei Spanierinnen vor mir her, die man in ihrer Aufmachung wohl eher auf dem Laufsteg vermutet hätte. Knappe Hosen, früher hätte man Hotpants gesagt, enges Dress, keine Rucksäcke. Braucht man ja auch nicht unbedingt. Es gibt ja genug Fahrdienste, die dir dein Gepäck von Ort zu Ort fahren. Und da bilden die beiden keine Ausnahme. Für kleines Geld kann man seinen Rücksack, Koffer oder was auch immer von Herberge zu Herberge fahren lassen.

Die üblichen Socken zum Trocknen hängen dagegen heute auch bei mir an meinem Rucksack. Wasserbeutel gehört natürlich auch hinein ein ganz, ganz dünnes Handtuch, ein paar Sandaletten, Badeschuhe, um bei zweifelhaften Unterkünften nicht mit dem vor drei Tagen gescheuerten Boden in Berührung zu kommen, drei T-Shirts – das alles hatten wir ja schon – usw. usw. Ein Ladegerät, das iPad für den Blog und natürlich eine winzig kleine Tastatur ist auch dabei. Macht zusammen neun Kilo. Mit Wasser zehn. Wer hätte das gedacht. Dabei sind es doch von jedem nur ein oder zwei Stücke?

Als wir heute morgen in Salas aufbrechen – inzwischen hat sich eine Pilgergesellschaft gegründet, zu der sich neben Silke, Anja und Barbara und mir auch Matthias aus München gesellt hat – sind es 12 Grad Celsius. Zwei der Damen fahren mit dem Bus voraus, die Frauengruppe hat sich vorgenommen, bereits nach 12 Tagen in Santiago de Compostela anzukommen. Eine von ihnen hat nicht mehr Urlaub. Das ist anspruchsvoll, zumindest auf dem Primitivo.

Dageblieben oder hingestellt?

Kaum sind wir losgelaufen, finde ich einen Lippenstift auf dem Weg – spanisch Camino, der Weg, nicht der Lavera. Noch lästern wir, dass dieser wohl den beiden perfekt gestylten Spanierinnen vor uns gehören würde, da schließen wir zu ihnen auf. Silke fragt sie. Zuerst empörte Reaktionen. Dann plötzlich die bange Frage: „¿Dónde, dónde, dónde?“ Wo, wo, wo? Nun gut, es war also ihrer. Im Wanderführer ist zu lesen, dass der Primitivo ab der Etappe von Salas „nach und nach, seine ganze Schönheit zu entfalten beginnt“. Cool, die wussten schon von den Lipstick-Spanierinnen?

Aber der Camino entfaltet hier nicht nur seine Schönheiten, sondern auch seine Anstrengungen. Hängt ja im Leben auch oft zusammen. Es geht stetig bergan. Von 200 Metern in Salas bis zu über 800 Meter. Aber in den Wanderführern steht eh einiges, das man noch einmal genau betrachten muss. Zum Beispiel die Sache mit dem einsamen Camino. Im Gegensatz zum Camino Francés biete der Primitivo noch ein authentisches Naturerlebnis, wird oft geschrieben. Stimmt.

Fast. Authentisch ist für dieses Jahr vom 1. bis zum wahrscheinlich 15. Juni, dass nicht nur Lippenstifte auf dem Weg liegen, sondern der Camino Primitivo quasi eine Pilgerautobahn geworden ist. Und zwar für deutsche Pilger. Inzwischen kenne ich nicht nur Silke, Barbara und Anja, Matthias aus München und Patrick aus Mönchengladbach, sondern auch Katharina und Prim (zugegeben ein Spanier), Jim und George (hatten wir hier schon) und, und, und… nach zwei Tagen! Passiert mir in Schwerin nicht.

Am Wegrand….

Ich sage mal so, der Primitivo wurde vom Geheimtipp zum geselligen Weg. Hier mal eine kleine Besserwisserstatistik: Der Camino Francés wird etwa von der Hälfte aller 500.000 Pilger (Stand 2025) gelaufen, der Küstenweg Camino Portugues von einem weiteren Drittel, während der Camino Primitivo nur von fünf Prozent favorisiert wird. 25.000! Aber müssen die alle jetzt laufen???

Aus den beabsichtigten 25 Kilometern wurden heute auf der 3. Etappe irgendwie 28 Kilometer von Salas bis weit hinter Tineo – vor allem aber, weil die Herberge etwas abseits vom Schuss liegt. Gestern auf der 2. Etappe von Grado nach Salas waren es 24,5 Kilometer. Tatsächlich sind Unterkünfte, wie alle klagen, nicht ganz einfach zu bekommen. Zumindest nicht so einfach zu finden wie Lippenstifte. Wetter so um die 20 Grad, Stimmung so um die 30 Grad, Sonnenschein. Buen Camino!

Camino Never Ends, oh

Dein Weg endet nie, denn der Jakobsweg wird dich zwar bis nach Santiago tragen, doch da ist der Weg noch nicht zu Ende. (Vera Apel-Jösch)

„Der Camino endet nie.“ Na, solche Sprüche wünschst du dir ja fünf Kilometer vor Santiago de Compostela, bei 33 Grad, gefühlt kann ich es gar nicht ausdrücken. Und da stehen sie an jedem Brückenpfeiler. „Der Camino endet nie – auch wenn du wieder zu Hause bist.“ „Santiago ist nicht das Ziel des Jakobswegs, es ist der Anfang.“ Oh! „Der Weg gibt dir, was du brauchst, nicht was du suchst.“ Bin ich jetzt Masochist? „Wir sind alle Pilger, die auf ganz verschiedenen Wegen einem gemeinsamen Treffpunkt zuwandern.“ Na, das stimmt ja zumindest grundsätzlich. Nur bei dem einen ist der Treffpunkt die Hölle, bei dem anderen der Himmel…

Apropos Himmel, der Peregrino-Himmel heißt auf alle Fälle Santiago de Compostela. Das war vor drei Jahren so, das war voriges Jahr so, das ist jetzt so, als ich vor der Kathedrale in der Stadtmitte stehe. Egal, ob du den Camino Francés oder den Camino Portugués gehst – vor Santiago geht es nochmal ordentlich bergauf und bergab. Da pfeift die Wanderer-Lunge. Und da spornt doch jeder Camino-Spruch a la „Du bist nicht der Erste, der hier geht. Reiß dich zusammen!“ richtig an, oder?

Zwar wird meine Urkunde, die ich wenig später nach dem Vorlegen meines Pilgerpasses mit täglich zwei Stempeln aus Kirchen, Bars oder Albergues bei der strengen Pilgerbehörde unweit der Kathedrale erhalte, 260 Kilometer Weg auswerfen. Aber meine Umwege auf dem Camino Espiritual und dem Küstenweg weisen auf meine Strava-Lauf-App gut 80 Kilometer mehr aus. „Gehe jeden Umweg, und dein Leben wird länger“, könnte ich jetzt den Sprüchen hinzufügen. Aber nicht einfacher.

Mit Emma aus Frankreich, sie habe ich zuletzt in Portugal getroffen…

Deshalb heißt es ja auch über die drei großen Pilgerwege der Christenheit: Nach Jerusalem wanderst du, um Gott zu finden. Nach Rom wanderst du zum Papst. Aber nach Santiago wanderst du, um dich selbst zu finden. Und sich selbst findet man ja meist nur über Umwege.

Jetzt bin ich also knapp 350 Kilometer gepilgert und treffe auf dem Platz vor der Kathedrale in Santiago mal geradeso zwei Mitpilger. Zu den Unterschieden zwischen dem Francés und dem de la Costa kann man schon mal festhalten, der Küstenweg wird sehr viel seltener gegangen. Auch wenn Statistiken etwas anderes suggerieren. Aber er ist auch sehr viel ruhiger. In Portugal bin ich sehr gut zurechtgekommen. In Spanien fiel die Verständigung auf Englisch schwer bis völlig aus. Wahrscheinlich nehmen die Spanier den Briten noch immer den alten Piraten Sir Frances Drake übel und verweigern das Englische. Und, bis auf die letzte Etappe per Schiff auf den Spuren des alten Jakobus ist der Küstenweg viel weniger spirituell.

Das wars aber auch schon. Santiago empfängt mich erneut wie einen König. Der Platz vor der Kathedrale kennt nur glückliche Pilger. Im Pilgerbüro, das international besetzt ist, zieht ein Volontär aus den USA (in meinem Alter, hi, hi), meine goldene Compostela unter dem Tisch hervor, die dort schon vorbereitet liegt. Das letzte Mal wurde ich ja von der Pilgerpolizei gemaßregelt, weil nicht alle Stempel ordnungsgemäß waren. Es fehlte gelegentlich einer. Ja, mit der katholischen Kirche ist nicht zu spaßen. Gerade noch der Camino Inquisition entkommen.

Der Caminho in Portugal

Man braucht ganz sicher nicht den Jakobsweg, um auf sein Leben zu schauen. Aber er ist eine gute Idee, einmal einen Schritt vom Leben zurückzutreten. Der Weg zwingt dich zur Langsamkeit. Wenn du am Morgen auf dein iPhone schaust, stehen da 25 Kilometer. 14 Minuten mit dem Auto. Man geht aber sechs Stunden! Ich habe in den zwei Wochen nicht ein einziges Mal ferngesehen. Ich habe nur wenig Nachrichten gelesen. Aber ich habe viel über das Leben nachgedacht. Ein Leben, bei dem ich mich inzwischen nicht mehr frage, was muss ich noch machen (Löffelliste), sondern, werde ich das noch einmal sehen?

Nachdenken kann man auch in Jerusalem. Das habe ich diesem Jahr gelernt. Sein Leben überdenken kann man sicherlich auch bei anderen Gelegenheiten, die jeder für sich finden muss. Aber ich habe in meinem Leben gelernt, man kann das nur sehr schwer so nebenbei. Neben dem Alltag. Neben der Arbeit. Neben der Familie – auch wenn die oftmals noch der größte Ruhepunkt im Leben ist.

Auf dem Camino wird man – wie im Alltag oft – von anderen Menschen beeinflusst. Dort kannst du anderen Pilgern entgegentreten oder eben auf andere einschwenken. Am Ende deines Weges kannst du über alles nachdenken und sogar eine Bilanz ziehen, aber ändern kannst du es nur auf dem Weg, nicht im Nachhinein. Lasst euer Leben nicht vom Tempo anderer bestimmen.

Insofern stimmt es dann doch: „Camino never ends.“ Auch wenn mein Camino-Blog hier und heute endet. Hinterlasst gerne ein „Schade“, oder ein „Gott-sei-Dank“.

Buen Camino auf eurem Weg

Pilger aus Vietnam, wer hätte das gedacht…

Vila Praia de Ancora

In der Kathedrale von Santiago