Und am Ende liegen wir uns in den Armen

Dein Weg endet nie, denn der Jakobsweg wird dich zwar bis nach Santiago tragen, doch da ist der Weg noch nicht zu Ende. (Vera Apel-Jösch)

Der erste Tag nach dem Camino

Nun liegt er da, der Kummerstein aus Saint-Jean-Piere-de-Port. Vor der Kathedrale des heiligen Jakobus in Santiago de Campostela. 800 Kilometer habe ich ihn durch Spanien geschleppt, mit ihm geredet, ihn aus der Tasche geholt und wieder gut verstaut. Eintausendmal habe ich nachgesehen, ob er auch nicht weg ist. Er bleibt hier in Santiago. Als mein Wegzeichen. Aber was nimmt der Pilger mit nach Hause?

Jeder Pilger geht seinen eigenen Weg. Und den Weg weist dir dein Körper. Höre auf ihn. Höre in deinem Alltag auf deinen Körper. Er wird dir sagen, was du schaffen kannst und was nicht. Der Ehrgeiz spricht über den Kopf. Dein Körper, sagt dir, ob du das schaffen kannst, was dein Kopf für dich plant. Wenn du Körper und Geist zusammenbringen kannst, dann kannst du auch im Einklang durch das Leben pilgern. Auf dem Camino habe ich mich oft von unserer kleinen Gruppe getrennt, weil es mir viel zu schnell voran ging, dann in halbstündige Pausen die Erschöpfung ausgeglichen wurde. Das ist oft auch im Alltag so. Finde deinen eigenen Rhythmus. Lass dein Leben nicht vom Tempo und vom Inhalt anderer bestimmen. Leicht dahin gesagt, aber sich zumindest im Alltag daran zu erinnern, das kann schon etwas ändern. Auf dem Camino wird man wie im Alltag oft von anderen Pilgern, von anderen Menschen beeinflusst. Auf dem Camino kannst du dem bewusst entgegentreten oder eben bewusst auf andere einschwenken. Im Alltag gibt es Abhängigkeiten, aber du kannst dir zumindest bewusst werden, ob eine Entscheidung auch dein eigener Wille ist, oder ob du das erfüllst, was andere von dir erwarten. Am Ende deines Weges kannst du über alles nachdenken und sogar eine Bilanz ziehen, aber ändern kannst du es nur auf dem Weg, nicht im Nachhinein. Vertraue auf dein eigenes Urteilsvermögen. Bringe es ins Gleichgewicht mit den Erwartungen der anderen.

Auf dem Camino habe ich viele Pilger gesehen, die mit übergroßen Rucksäcken marschiert sind, oder die sogar wie in den letzten Tagen beschrieben, das volle Gepäck vom anderen Ende der Welt bis auf den Jakobsweg mitschleppen, um daraus auf dem Weg zu leben. Doch gerade der Weg lehrt dich, dass du nur das mitnehmen solltest, was du auch wirklich tragen kannst. Was du wirklich bewältigen kannst. Obwohl ich auf dem Jakobsweg genau nach dem Grundsatz vorgegangen bin, nur das mitzunehmen, was ich brauche, habe ich doch am Ende festgestellt, dass ich viel weniger gebraucht hätte. Natürlich ist es schön, wenn du durchweicht von einem Regenschauer weißt, in deinem Rucksack liegen die nächsten trockenen Sachen, ein weiteres Shirt oder sogar eine weitere Jacke. Und natürlich ist es noch beruhigender, wenn du weißt, dass du sogar noch eine dritte Hose, eine drittes Shirt oder Jacke hast. So für alle Fälle. Wir alle bauen für das vor, was morgen oder übermorgen oder überhaupt nicht passiert oder passieren könnte. Das ist auch gut so. Und uns mitgegeben. Vorsorgen für Unvorhersehbares. Das können wir uns oft sogar leisten. Aber eigentlich belasten wir uns auch damit. Wir lasten uns für unseren Lebensweg viel mehr auf, als wir letztlich tragen können. Wir merken es im Alltag nur nicht, weil wir nicht jeden Tag unser Päckchen schnüren. Aber wir tragen unser Päckchen. Darin sind nicht nur wie auf dem Jakobsweg Hosen und T-Shirts, sondern unsere Sorgen, unsere Hoffnungen, unsere Enttäuschungen und unsere Erwartungen. Liebe. Mitunter ein bisschen mehr, als wir uns selbst aufbürden sollten. Das ist nicht schlimm. Wir müssen es uns nur eingestehen. Dann können wir es auch ändern. Wenn wir es wollen.

Jede Entscheidung auf dem Camino für etwas, ist auch eine Entscheidung gegen etwas. Das gilt für den Weg, auf dem man sich auch einmal schnell verirren kann. Das gilt für die Herberge am Abend, die vielleicht netter aussah, als sie letztlich war. Das gilt aber auch dafür, ob du dich jemanden anschließt, oder ob du dich dagegen entscheidest, ob du ein Gespräch beginnst, oder ob du eher sagst, nein, ich möchte meine Ruhe haben. Ob du glaubst, in der richtigen Community zu sein. Am Jakobsweg ist es einfach, seine Entscheidungen zu revidieren. Maximal musst du ein Stück zurückgehen. Aber du erlebst auch hier nicht nur die schönen Momente, und die lustigen Gespräche, sondern du erlebst auch Enttäuschungen. Und du musst damit umgehen. Dich entscheiden, ob du dich den ganzen Tag darüber ärgerst, oder den Mut hast, die Entscheidung neu zu beurteilen und anders zu fällen, auch wenn Du Angst hast, einem Anderen auf den Schlips zu treten. Das ist alles ganz normal. Du musst nur bereit sein, mit deinen Entscheidungen zu leben und auch die Enttäuschungen hinzunehmen. Natürlich sind die Nebenwirkungen auf dem Jakobsweg viel geringer als im Alltag. Das stimmt. Aber man hat auch im Leben immer zwei Möglichkeiten.

Wenn der Pilger das alles vom Camino de Santiago mit zurück nach Hause nimmt, dann bringt er etwas mit, was größer ist, als die wunderbare Erfahrung, 800 Kilometer gegangen zu sein. Das Schwere daran ist übrigen nicht, an einem Tag einmal 25, 28 oder sogar 35 Kilometer zu gehen. Die Überwindung und der Ansporn ist es, dies jeden Tag zu tun. Jeden Tag in dem Wissen aufzustehen, oh heute liegen wieder 25 Kilometer vor mir. Tag für Tag, Woche für Woche, einen Monat lang. Das ist wie in unserem Alltag. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr – das Leben mit seinen Unebenheiten, seinen Stimmen von außen, seinem Ehrgeiz von innen, und all jenen unerwarteten Ereignissen zu leben. Auch das kann einen der Camino lehren. Und wenn du einmal von deinem Weg enttäuscht wirst, dann lebe damit. Buen Camino.

Erkenntnis des Tages: Am Ende des Weges liegen die Pilger sich vor der Kathedrale von Santiago de Campostela in den Armen und feiern den Weg. Wie auch immer jeder seinen Camino gegangen ist. Welch eine Hoffnung fürs Leben.

Da bleibt er, der Kummerstein…

4 Gedanken zu “Und am Ende liegen wir uns in den Armen

  1. Kannst du nicht noch einmal losgehen? Lieber Stefan, ich habe es geliebt deine (fast) täglichen Eindrücke mitzuverfolgen und habe dich gern und voller Leidenschaft auf deinen 800 Kilometern begleitet. Es war unterhaltsam, amüsant, lehrreich und voller Lebensweisheiten. Aber heute, mit dem Finale nach dem Finaltag, hast du dich übertroffen: Deine Analyse ist brillant, wortgewandt, schön zu lesen und einfach in den vielleicht sogar schnöde erscheinenden Parallelen zu unserem hetzenden und stressigen Alltag schon von einer literarischen Tiefe. Großartig. Ich vermisse dich schon jetzt.

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  2. Lieber Max, wie werde ich deine Berichte und deine Lebensweisheiten vermissen …

    Komm gesund nach Hause und berichte auch mal, wie es Dir im Rückblick so geht im Ruhestand. Ja und das mir den schrägen Bildern hat auch mir einen schiefen Hals und verschütteten Morgenkaffe beschert. Ganz liebe Grüße aus der ganz alten Heimat Judith

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