Drei Wunder in Compostela

Santiago bereitet einem immer den Empfang, der einem zusteht.

Santiago bereitet einem immer den Empfang, der einem zusteht. So schrieb es Hape Kerkeling vor etwa 20 Jahren. Ihn empfing die Stadt natürlich wie einen König. Und mich? Ha, als ich am Morgen in Lavacolla aufbreche, hatte sich schon mal das erste Wunder erfüllt. Nein, nicht die Rechtscheibprüfung auf dem IPad. Die macht immer noch was sie will, und nicht, was ich will. Seht es mir also nach, wenn ich nicht alle ihre Fehler herausfinde, die sie zu meinen dazu erfindet.

Nein, nein, das erste Wunder war oder ist, dass Deutschland 7 : 1 gegen Curaçao gewonnen hat. Man stelle sich einmal vor – gegen Curaçao! Diese berühmte Fußballnation! 160.000 Einwohner. Alles Fußballer. Der Bundestrainer hat den Jungs sofort zwei Tage freigegeben. Jürgen Klopp hat umgehend seine „Noch“-Bemerkung über Nagelsmann zurückgenommen. „Noch“ – hä? Und die deutschen Leidmedien (das ist nicht das Rechtschreibprogramm, das bin ich) jubeln ohne Halt und Versta…, äh Verstecken. Also ein Wunder – ganz klar.

Schwester Viyana aus Amsterdam, an welche Netflix Serie erinnert mich der Name nur. Hoffentlich nix mit Hexen

Von Lavacolla sind es nur neun Kilometer nach Compostela. Es gibt dabei einen Brauch, den keiner mehr kennt, aber auch keiner weitersagt, seltsam seltsam. Die letzten fünf Kilometer vor Santiago de Compostela sollen angeblich barfuß gegangen werden. Von hier aus sind die Türme der Kathedrale schon zu sehen. In Gedenken an den heiligen Jakobus sollen sich die Pilger am Monte da Gozo nun die Schuhe ausziehen und mit nackten Füßen zur Kathedrale weiterziehen. Inzwischen nimmt die Kirche diese Regel nicht mehr allzu eng. Riecht ja auch. Wer dennoch die letzten Kilometer zelebrieren will, kann zumindest seinen Pilgerhut lüften und den Abschluss seiner Pilgerreise genießen.

Erst vorgestern habe ich auf dem Weg eine Nonne aus Holland kennengelernt. Nun mag man allgemein denken, eine Nonne auf dem Jakobsweg, was hat die denn zu büßen? Nun gut, es ist eine holländische Nonne. Wer weiß, was die so konsumieren. Die letzten Meter gehen wir heute gemeinsam, und wir tauschen mein „Max“ gegen ihr „Viyana“. Nun weiß ich zwar, wie sie heißt, aber nicht, was sie verbrochen hat… Aber vielleicht geht es ja gar nicht um Buße, sondern um Glauben. Sie ist jedenfalls sichtlich sehr glücklich Santiago zu sehen. Santiago soll im Übrigen hier für Jakobus stehen. Santo (heilig) Iago (Jakob) – unterm Sternenfeld, Campo stela.

Auf der Plaza vor der Kathedrale in Santiago fallen sich Pilger in die Arme und beglückwünschen sich. Menschen jubeln, riesige Freude überall. Das ist schön. Die einen oder anderen treffen sich vom Weg wieder. Wir beglückwünschen uns. Ein Jahrmarkt der Freude. Und ich wandere mit einer Nonne die letzten Meter. Oh, das gibt mit zu denken. Während mein Freund Uwe (Seppmann) begeistert ist, als ich ihm das Foto sende. Aber mit dem Betreten der Plaza sind wir alle keine Pilger mehr. Es beginnt was Neues.

Vor der Kathedrale… mit Heilgenschein. Es ist soweit, oh

Und plötzlich sehe ich auf den Fotos einen Heiligenschein über mir ganz am oberen Ende des Bildes. Na, den hat mir doch der, hm, hm… Das zweite Wunder. Ein Heiligenschein, der nur noch nicht ganz auf meinem Kopf Patz genommen hat. Aber das kann man doch nach vier Wanderungen auf dem Camino nicht ablehnen, oder… Einen Heiligenschein, den bekommt man sonst nur bei 98,9 Prozent auf einem Parteitag, oder?

Zumal die Pilgerurkunde, die mir schließlich die strengen Pilgerkommissare der katholischen Pilgerinquisition ausstellen, auch vom Stefanus Maximum spricht. Das müsste doch wieder für ein Jahr Sünden reichen, oder?

„Maximum Stephanum Koslik
hoc sacratissimum templum perfecto Itinere sive pedibus sive equitando post… postrema centum milia metrorum birota verro post ducenta pietatas causa, devote visitasse. In quorum fidem praesentes litteras sigillo eiusdem Sanctae Ecclesiae munitas ei confert.“

In meinem perfektem Latein übersetzt: „Maximus Stephanus Koslik
hat diesen heiligsten Tempel andächtig besucht und die Reise vollendet, … um ihn aus Frömmigkeit zu besuchen. In seinem Glauben werden ihm die vorliegenden Schreiben durch das Siegel derselben Heiligen Kirche verliehen.“

Das steht auf meiner Compostela. Damit bin ich zwar nicht offiziell heilig, aber fast. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Auf dem Jakobsweg geht es vor allem um das Selbst. Um das Ich. Und NICHT im Sinne von – Ich bin dann mal der Größte. Sondern um – WER bin ich? Ich habe selten so viele glückliche Menschen an einem Ort getroffen, wie in Santiago de Compostela. Jeder freut sich. Jeder lacht. Jeder ist angekommen. Und ist glücklich (vielleicht ausgenommen die Reisebus-Reisenden, die sich ja immer streiten). In Santiago kommt vielleicht das Glück an. Schlechte Laune hat hier keine guten Karten. Das dritte Wunder. Das Glück-Wunder.

Aber der Camino endet nicht in Santiago, er begleitet dich auf eine Reise ins eigene Ich. Pilgern geht überall. Besonders ist es auch in Deutschland möglich, wo es inzwischen ein weit verzweigtes Netz von Abschnitten des Jakobsweges gibt. Was ist ein Pilgerweg? Ein Weg, den ein Pilger geht. Oder auch, siehe oben, eine Reise ins eigene Ich. Wenn es soweit ist, dann weißt du es einfach. Jeder kann sofort loslegen. Keiner muss es. Einen Weg nach Hause gibt es immer.  Buen Camino.

Vor einigen Woche habe ich einen Vortrag in der Reuter-Stadt Stavenhagen gehalten, und Fritz Reuter als Dank mitbekommen. Ich habe den mecklenburgischen Dichter zu Jakobus getragen…. Es war mir eine Ehre.

https://frlm-mv.de/2026/06/15/fritz-reuter-auf-dem-jakobsweg-schweriner-journalist-nimmt-sonderfigur-mit-nach-santiago-de-compostela/

Wer war eigentlich der heilige Jakobus?

Die Pilgerreise hier auf dem Camino ist grundsätzlich schon eine gute Zeit, um über das Leben nachzudenken.

Ich bin ja ständig mit mir im Zweifel. Das macht so eine Pilgerschaft leider nicht besser. Soll ich das hier in dem Blog nun alles notieren, oder ist das alles irgendwie „ü“? Ich weiß, es gibt euch, die ihr das lest. Großes Danke! Judith aus meiner Abi-Zeit hat mir mal gesagt, dass sie wegen der schrägen Fotos schon ein paar Kaffeetassen verkippt hat. Oder ihr, so wie Lilli, die ihr das zumindest anklickt und einfach als Fly-bys dabei seid – klicken, gucken, weg. Wenn es tatsächlich mehr ist, gebt mir ein Herzchen. Die kommen an meiner Seite der Scheibe (IPad) grün an. Keine Gefahr.

Bin ich heute ein wenig melancholisch? Nun ja, meine drittvorletzte Etappe. Ich bin in Melide. Nach 24 Kilometern und etwa fünf Stunden pilgern. In Melide muss ich schon mindestens zweimal auf dem Jakobsweg gewesen sein. Aber keine Ahnung. Eher durchgewandert. Einmal, als ich 2022 in León losgelaufen bin, einmal 2024.

Auszug am Morgen aus Melide. Hier treffen der Primitivo und der Franches zusammen. Die Pilgerschar verdoppelt sich.

Melide ist bekannt – tara – für seinen Tintenfisch. Es soll Menschen geben, die behaupten, Pulpo könne man in Spanien nur wirklich im Binnenland richtig zubereiten. Man bekommt ihn frittiert oder auch in der eigenen Tinte. Pulpo á feira, gekocht und mit Olivenöl, Salz und Paprika, oder auch mit gekochten Kartoffeln, bekannt als Pulpo a la Gallega, oder eben gegrillt mit Panade in der – richtig – Pulperia, In vielen Orten entlang des Jakobsweg gibt es das Gerücht, Melide sei die Pulpo-Hauptstadt.

Es gibt die Legende, dass spanische Pilger gar nicht bis nach Santiago de Compostela gehen, sondern hier in Melide hängen bleiben, gerade wegen des Pulpo. Ob das stimmt, kann der Pilger aus Alemania natürlich nicht nachprüfen. Aber wenn es so ist, dann gibt es halt unterschiedliche Pilger. Die einen, die nach Melide zum Tintenfisch pilgern und quasi den Pulpo anbeten. Die anderen, die nach Santiago zum heiligen Jakobus pilgern, um dort am Ende ihrer Wallfahrt eben Jakobus dem Älteren zu begegnen. Na gut, seinen Gebeinen. Aber vielleicht ist das eine gar nicht soweit entfernt vom anderen, schließlich hat ja auch Jakobus mit seinem Vater als Fischer am See Genezareth seinen Lebensunterhalt verdient.

Es ist an der Zeit, hier noch einmal die Geschichte des Jakobus zu erzählen. Sie ist quasi der Grund für den Weg. Ich meine jetzt nicht für meinen Weg. Da müsste ich über die Gründe (ist nun auch schon der vierte Camino) länger nachdenken. Obwohl, darüber berichte ich hier ja ständig, und kehre mein Innerstes nach Außen. Was sonst nicht so meine Art ist.

Die Pilgerreise hier auf dem Camino ist grundsätzlich schon eine gute Zeit, über das Leben nachzudenken. Und sich sein Leben bewusst zu machen. Wann tut man das schon? Man lebt es. Man denkt doch selten über Entscheidungen nach. Man bereut sie. Ja. Oder auch nicht. Man ärgert sich. Ja, Oder auch nicht. Man vergisst sie. Oder auch nicht. Aber hier hast du so viel Zeit, dass du darüber nachdenken kannst. Musst! Richtig? Falsch?? Bereuen??? Vergessen????

Der heilige Jakob, hatte auch über einiges nachzudenken. So besonders erfolgreich war er ja nicht bei seiner mehrjährigen Missionsreise in Spanien. Wahrscheinlich kam er als einziger Christ auf die Iberische Halbinsel – und verließ sie als einziger Christ. Wer weiß. Ich habe seine Geschichte hier schon ein paar mal in Varianten geschildert. Als ich im vergangenen Jahr einige Zeit in Jerusalem verbrachte, habe ich die Jakobsgeschichte noch einmal in anderem Lichte gesehen (kann man in diesem Blog nachlesen). Sein Kopf ist ja noch da, in der heiligen Stadt. In der Armenischen Apostolischen Kirche. Nun gut. Ein ander Mal.

Die Armenische Apostolische Kirche, die ich täglich in Jerusalem passierte und immer, immer, immer den Ruf des Jakobus hörte, dessen Kopf hier liegt. Möglicherweise.

Kürzlich habe ich eine Schilderung der Jakobus- Story von Brigitte Riebe in „Die Straße der Sterne“ gelesen, die sehr melodisch klingt.

Mitte des 9. Jahrhundert verbreitete sich im westlichen Abendland ein Gerücht.. Irgendwo in Spanien, ganz am Ende der Welt, im Königreich Galizien, berichteten heilige Männer von geheimnisvollen Lichtern. Man habe das Grab von Jakobus des Äternen gefunden, hieß es. Jakobus war ein Sohn von Maria Salomé. Jesus hat ihn den Donnersohn genannt. Er gehörte zu dessen engsten Vertauten, bis er wahrscheinlich am 7. April im Jahr 30 (andere sagen am 3. April 33) am Kreuz und so… Also Jesus.

Herodes, der römische Herrscher in Jerusalem, hatte Jakobus aber leider 45 nach Christus Geburt enthaupten lassen – nach seiner ziemlich erfolglosen Missionsreise auf der iberischen Halbinsel. Jakobus war damit nicht nur ein erfolgloser Missionar, sondern auch der erste Märtyrer des Christentums.

Danach brachten seine Jünger den Leichnam, offenbar ohne Kopf, auf ein Schiff ohne Segel oder Steuer. Das wurde letztlich vom Wind und von Engeln zurück nach Galizien geleitet. Wow. Muschelbedeckt kam es an – die Muschel wurde später auch das Wahrzeichen der Jakobspilger. Nach einigen sehr mystischen Abendteuern mit Engeln und Drachen kam Jakobus Leichnam schließlich irgendwo zur Ruhe. Und das Ganze geriet in Vergessenheit. Im Jahr 812 bemerkt der Einsiedler Pilarius ein seltsames Licht über einer Anhöhe. In anderen Geschichten waren es auch Schäfer.

Im Wald kurz hinter Melide…

Um es kurz zu machen. Seither heißt der Ort Campo estela. Sternenfeld. Der Rest dauert noch ein paar Jahrhunderte, in denen Jakobus die iberische Halbinsel von den Mauren befreite, die damals die iberische Halbinsel unter ihrer Knute hatten – also vom Islam. Seither trägt Jakobus den Beinamen Mata Malus – Maurentöter. Er wurde in vielen Schlachten als Heiliger angerufen. Also jetzt nicht mit dem Handy. Aber irgendwie hat die Geschichte schon mit der Sternenstraße zu tun, mit der Straße der Götter. Ein Symbol der Hoffnung für ewiges Glück.

Sozusagen ist Jakobus jetzt nicht gerade der Vater des Handys, aber schon irgendwie der Schutzheilige für die Befreiung Europas vom Islam. Damals. Das ist jetzt nicht ganz konform. Es gab ja mal einen Bundespräsidenten, der sagte, der Islam gehöre zu Deutschland. Aber das ist ja auch 1000 Jahre her. Also nicht das mit dem Bundespräsidenten, sondern das mit dem Maurentöter. Die Pilgerschaft verschafft einem schon seltsamen Gedanken. Oder?

Nach Jerusalem, um Jesu willen, heißt es. Nach Rom, um des Papstes. Nach Santiago, um sich selbst willen. Den Ruf „Ultreia“. auf den Lippen. „Vorwärts“ – das ist der Pilgergruß. Ultreia.

Man war einstmals bei den Mitmenschen geachtet, wenn man eine Pilgerreise unternahm. Und Pilgern lohnte sich sogar. Man wurde während der Pilgerschaft aller Sünden enthoben. Großartig. Gläubiger mussten sich gedulden. Strafen waren ausgesetzt. Steuern auch. Finanzamt, ich freue mich darauf… Buen Camino!

Der ehrliche Pilger schleppt – und schwitzt

Buße hat nichts mit Bus zu tun, auch wenn es sich so ähnlich liest.

So eine Pilgerschaft ist ja irgendwie auch eine große Reisegesellschaft. Man geht von Saint-Jean-Pied-de-Port, Oviedo oder Porto alleine los und kommt in Santiago in einer großen Familie an. Naja, fast. Man schläft oft zusammen. Ich meine zusammen, nicht miteinander! In großen Schafsälen. Die KI wirft an dieser Stelle aus: „Ein Schlafsaal in einer Herberge (Hostel) wird oft als Dorm bezeichnet. Es handelt sich um ein Mehrbettzimmer, das Sie sich mit anderen Reisenden teilen, wobei die Betten (meist Etagenbetten) einzeln gebucht werden. Es ist die günstigste Übernachtungsform und ideal, um andere Reisende kennenzulernen.“

„Ideal“, das liegt im Auge der Betrachterin, des Betrachters. Aber das mit dem Kennenlernnen, das kann ich bezeugen. Ich habe das letzte Mal in La Mesa ein Bett an der Wand gewählt. Da lernte ich nur die Hälfte der übrigen Schläfer um mich herum kennen, Oben, Nebenan und Nebenan oben. Es stimmt aber, man lernt sich kennen, mit allen Geräuschen… Ich meine natürlich ausschließlich Schnarchen.

Ganz hinten rechts unten war mein Bett, oben, links und linksoben wurde anders geatmet

Ich gebe aber auch zu, dass ich eher das Weichei bin und frühzeitig Einzelzimmer reserviert habe. Natürlich ist auch mal ein Schlafsaal dabei. Gestern in Romeán hatte ich ein teures Zimmer (50 Euro), während nebenan eine Li aus Taiwan allein in Dorm (25 Euro) lag. Da hätten wir auch gemeinsam, äh zusammen, ach was weiß ich… Heute in Lugo habe ich eine Zelle in einer Klosterschule. Ich sage mal kurz: karg.

Zelle in Lugo

Halten wir einmal fest, dass man auf alle Fälle immer wieder den gleichen Leuten begegnet. Nicht im Zimmer. Aber auf dem Weg. Und die Gesellschaft wird immer größer. Erst heute habe ich David, Larry und Diego aus Arizona und Chicago kennengelernt. Inzwischen habe ich mir schon ein Namensbuch angelegt. Zudem bin ich auf meinem Weg alle paar Meter stehen geblieben, um ein Schwätzchen zu halten: Wie war die Herberge? Wen habt ihr getroffen? Habt ihr den oder den auch wieder gesehen? Und man hat ja auch eine gewissen Pflicht, diese Pilgergerüchte weiterzutragen. Ich denke nur an die Wilden Hunde von Fonsagrada… Aber heute hatte ich ja auch nur 14 km vor mir und konnte mir einen gemütlichen Wandertag leisten.

Natürlich gibt es auch immer die Roadrunner. Silke, Barbara und Anja sind mir inzwischen schon zwei Etappen voraus. Kann man machen, muss man eben nur schneller genießen. Da ist so ein Dorm nun wieder eine gute Sache. Am Morgen schnell raus. Wenn um fünf Uhr nebenan lieblich die Wasserspülung wie ein Bergbach plätschert, kommt Bewegung in den Saal. Und hoffentlich war es die Wasserspülung…

Silke, Anja und Barbara

Inzwischen gibt es ja viele Arten, den Camino zu pilgern. Wandern, Fahren, Reiten. Fliegen fehlt noch. Es ist gar nicht nötig, sich die Füße platt zu treten. Auch die Fahrradpilger oder das Pilgern hoch zu Ross nehmen immer mehr zu. Diese Pilger müssen zwar für die Goldene Compostela mindestens die letzten 200 Kilometer als Nachweis in ihrem Pilgerpass erbringen, aber möglich ist inzwischen vieles. Nur eines scheint mir spanisch. Man kann bei den Rad- und Pferdepilgern noch eine gewisse Anstrengung für die Wallfahrt unterstellen, so habe ich diese Pilger jedoch sehr selten mit vollem Pilgerrucksack gesehen. Gar nicht, um ehrlich zu sein. Da kommt man natürlich flott voran.

Ganz zu schweigen jedoch von der Spezies der Bus- und Taxipilger. Das kann man getrost komisch finden. Denn wer mit dem Bus oder Taxi pilgert, trägt weder sein Gepäck, noch seine Last – ich sage mal Buße. Irgendwie sollte man am Jakobsweg schon ein bisschen mehr als über das nachdenken, was es wohl zu Mittag oder zu Abend gibt. Buße hat nichts mit Bus zu tun, auch wenn es sich ähnlich liest. Der Gerechtigkeit halber muss man aber dann schon sagen, ich kenne auch Buspilger im näheren Freundeskreis, die zwischen den Herbergen gelaufen sind. Solche Trips werden inzwischen tatsächlich von zahlreichen Reiseagenturen angeboten. Pilgerreisen als Kaffeefahrt.

An sich kann ja jeder so pilgern, wie er möchte. Und es ist wohl kaum zu befürchten, dass der Schlafsaal von einer Ladung Buspilger mit Hartschalenkoffern belegt ist. Hab ich zumindest noch nicht erlebt. Aber ich schlafe ja auch in der Mönchszelle, zumindest heute. Am Ende muss jeder selbst entscheiden, wie er es mit dem Pilgern hält. Wenn das innere Kind (Karsten Dusse „Achtsam morden“) verlangt, dass du dich auf den Weg nach Finisterre am Rande der Welt begeben sollst, ohne dein Päckchen selbst tragen zu müssen, dann musst du das eben tun.

Inzwischen gibt es viele ganz normalen Pilger, die sich ihren Osprey-Rucksack (das ist keine Werbung, der amerikanische Osprey hat den Wettbewerb über den deutschen Deuter schon lange gewonnen – zumindest hier am Jakobsweg) schön mit einem spanischen Fahrdienst hinterher bzw. vorweg fahren lassen. Ich frage mich dann zwar immer, warum schmunzeln diese – zumeist auch noch jungen – Weggefährten so, wenn ich erzähle, dass ich meinen Weg vorgeplant und viele Herbergen reserviert habe.

Auf dem Marktplatz des nächsten Ortes wird deren Gepäck jedenfalls nicht abgekippt. Ich sehe die Kofferberge oft, wenn ich meine Albergue am Morgen verlasse, und stets wieder, wenn ich am Abend ankommen. Rätselhaft. „Einer trage des anderen Last“ aus dem Galater Brief kann so jedenfalls nicht gemeint sein, oder?

Man kann es niemandem verübeln, wenn er sein Gepäck für ein kleines Geld über die 308 Kilometer per Dieselkutsche transportieren lässt. Der ökologische Fußabdruck einer Pilgerschaft ist dann allerdings hin. Dazu kommt noch der ganz persönliche CO2-Ausstoß, weil man ja dann über die 25 Kilometer viel mehr Kraft zum lautstarken Palaver in der Gruppe über z.B. die Klimakatastrophe hat – also ich sehe da schonmal schwarz. Und ich höre förmlich die CO2-Wolke am Weg – oft sehr laut.

Der ehrliche Pilger schleppt und schwitzt. Und denkt. Und wenn er dann am Abend in seinem Schlafsaalbett liegt, dann schläft er wohlig. Und träumt. Nicht vom Klima. Und nicht vom Weltschmerz. sondern nur davon, dass morgen vielleicht der Rucksack des Lebens nicht ganz soooo schwer sein wird. Buen Camino.

Willkommen in Lugo